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DIVSI U25-Studie 2018: Skepsis wächst, der Hype ist vorbei

21. Dezember 2018

DIVSI U25-Studie 2018: Skepsis wächst, der Hype ist vorbei

Fotos: Rawpixel.com/Look Studio – Shutterstock

Jugendliche und junge Erwachsene im Online-Dilemma zwischen Glück und Abhängigkeit.

Von Silke Borgstedt

Das SINUS-Institut hat die erste U25-Studie 2014 im Auftrag von und in enger Absprache mit dem DIVSI realisiert. Sie lieferte erstmals einen fundierten Einblick in die digitalen Lebenswelten der nachwachsenden Generation. Die jetzt quasi fortgeschriebene Untersuchung von damals erlaubt wiederum vertiefte Einblicke in den Alltag der „Generation Internet“. Sie zeigt vor allem, wie schnell Digitalisierung deren Lebenswirklichkeit verändert.

Und sie macht deutlich, dass die Zeiten einer unbesorgten Nutzung der sich bietenden technischen Möglichkeiten Vergangenheit sind. Der Hype ist vorbei, reine Euphorie war gestern.

Keine Offliner

Zu den zentralen Befunden gehört, dass alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland online sind. Smartphones und mobiles Internet sind selbstverständlich. In der Gruppe der jungen Menschen zwischen 14 und 24 gibt es heute keine Offliner mehr. 99 Prozent nutzen das Internet täglich. Das ist ein Zuwachs von 28 Prozentpunkten im Vergleich zum Jahr 2014.

Das Internet ist in dieser Altersgruppe immer da. Mehr noch, es ist in vielen Lebensbereichen alternativlos. Diese Feststellung der 9,37 Mio. 14- bis 24-Jährigen in Deutschland ist weniger eine banale Erkenntnis als vielmehr eine Sichtweise, welche die Einstellungen und Verhaltensweisen junger Menschen entscheidend prägt. Das Internet wird vor allem als praktisch angesehen, weil es den Zugang zu Informationen erheblich erleichtert.

Unverzichtbar

Für die überwiegende Mehrheit der Befragten sind digitale Infrastrukturen und Angebote unverzichtbar. 68 Prozent stimmen zu, dass ein Leben ohne Internet für sie nicht vorstellbar wäre. 69 Prozent gehen so weit zu sagen, dass das Internet sie glücklich macht.

Online-Aktivitäten strukturieren den Tagesablauf, erzeugen lieb gewonnene Rituale, erfordern aber auch einiges (reagieren müssen, dabei sein müssen).

Diese stärkere Verankerung des Internets im Alltag führt aktuell nicht zu einem weiteren Positivschub, sondern – im Mittel betrachtet – zu einer entspannten Normalisierung bis hin zu Ernüchterung, die sich lebensweltlich allerdings ganz unterschiedlich ausprägt.

Allerdings wird die Omnipräsenz der digitalen Welt nicht nur positiv erlebt: 64 Prozent haben das Gefühl, im Internet Zeit zu verschwenden; 19 Prozent meinen gar, dass das Internet „nervt“.

Studie U25 2018: Wahrnehmung negativer Aspekte

Dabei nehmen die Befragten wahr, dass es in vielen Lebensbereichen keine Alternative zum Internet gibt. Diese befürchtete bzw. erlebte Abhängigkeit erzeugt Unbehagen. Die Vorstellung, dass in Zukunft vieles nur noch über das Internet erledigt werden kann, machte 2014 gut einem Fünftel von ihnen Angst. 2018 hat sich dieser Wert mit 41 Prozent nahezu verdoppelt.

Studie U25 2018: Einstellung zum Internet 2018 und 2014

Problematisch

Die Sorge vor Internetsucht ist weit verbreitet, ebenso wie die Befürchtung, ein vernünftiges Maß im Umgang insbesondere mit dem mobilen Internet überschritten zu haben. Bereits fast jeder Dritte fürchtet, „internetsüchtig“ zu sein, nimmt die eigene Internetnutzung also als problematisch wahr.

Knapp ein Viertel der Befragten ist jedoch weiterhin von Euphorie getrieben. Für diese Enthusiasten (23 Prozent) ist ein Leben ohne Internet nicht nur unvorstellbar, es macht ihnen regelrecht Angst, da sie nicht wissen, wie der Alltag „ohne“ organisiert werden könnte. Sie zeigen sich dezidiert unberührt von Sicherheitsfragen.

Insgesamt betrachtet sehen sich die 14- bis 24-Jährigen eher als Getriebene denn als Gestalter einer digitalen Transformation. Sie betonen, dass Internetnutzung häufig keine freie Entscheidung sei, sondern Grundvoraussetzung, um teilhaben zu können (im Freundeskreis, in der Schule, im Studium, im Beruf).

Dies wird nicht als Problem empfunden, solange sich Risiken im Rahmen halten oder man damit umgehen kann. Hier sehen sie aber großen Aufholbedarf: 89 Prozent von ihnen wünschen sich z.B., dass die AGB/Nutzungsbedingungen von Sozialen Medien auf leicht verständliche Art und Weise darstellen, welchen möglichen Gefahren sich Nutzer aussetzen. Dies kann als konkrete Aufforderung an Politik und Betreiber von Online-Angeboten verstanden werden. Zudem stellen sie die Frage nach der Verantwortung und wünschen sich eine idealerweise unparteiische Instanz. Die könnte etwa entscheiden, was gesperrt werden sollte, da das Internet ansonsten droht, alleinig interessengeleitet zu sein, und sich im Netz nur die Mächtigen durchsetzen.

Die Untersuchung hat auch einen Wandel in Nutzung und Wahrnehmung Sozialer Medien erkennen lassen. Die Beliebtheit von Facebook sinkt. Gleichzeitig ist für 99 Prozent der Befragten WhatsApp nicht mehr wegzudenken. Mit einem Nutzeranteil von 73 Prozent hat auch Instagram in dieser Altersgruppe Facebook (67 Prozent) überholt.

Im konkreten Online-Verhalten gerade in Bezug zu den Sozialen Medien zeigt sich bei jungen Menschen 2018 eine erhöhte Sensibilität bei öffentlicher Meinungsäußerung im Internet. So ist ein teilweiser Rückzug aus dem Online-Rampenlicht zu bemerken. Entsprechend sind Plattformen wie Facebook weniger interessant geworden und Messaging-Dienste immer erfolgreicher. Bevorzugt wird das Kommunizieren in leichter kontrollierbaren Communitys (one-to-one/one-tofew statt one-to-public). Die große Bühne überlässt man (semi)professionellen Bloggern und Influencern.

Handlungsbedarf

Auch die wahrgenommene Beleidigungskultur im Internet ist ein wesentlicher Grund, sich mit der eigenen Meinung lieber zurückzuhalten. Das Internet – und insbesondere Soziale Medien – werden nicht einfach nur positiv als Ort der freien Meinungsäußerung empfunden. Jugendliche und junge Erwachsene machen die Erfahrung, dass der gegenseitige Respekt, der die Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses in demokratischen Gesellschaften bildet, im für sie zentralen Medium des Meinungsaustauschs nicht ausreichend gegeben ist. Dass sie in der Konsequenz bei relevanten Themen eher still bleiben, ist nachvollziehbar, sollte aber ein Hinweis auf Handlungsbedarf sein.

Studie U25 2018: Gründe für Verzicht auf öffentliche Beteiligung im Internet

Risiken werden 2018 stärker wahrgenommen. Allerdings hat dies nicht dazu geführt, dass erhöhte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden. Die Anwendung entsprechender Schutzmaßnahmen ist sogar rückläufig. Besonders deutlich fallen die Unterschiede bei der selektiven Kontrolle aus. 2014 gaben noch 67 Prozent der 14- bis 24-Jährigen an, nur Seiten zu nutzen, bei denen sie wissen, dass sie sicher sind. Heute liegt die entsprechende Zahl bei 46 Prozent.

Verdrängung

Datenschutz ist für alle relevant, gilt aber als ein zu komplexes Thema, dessen tatsächliche Auswirkungen (positiv wie negativ) unklar sind. Daher steigen viele aus, wenn es um eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema geht, indem sie aktuelle Gegebenheiten schlicht akzeptieren oder das Problem verdrängen. Diese Überforderung ist als ein deutlicher Appell für eine stärkere Unterstützung bei diesem Thema zu verstehen.

Falschinformationen und technische Unklarheiten sorgen für eine erhöhte Risikosensibilität.14- bis 24-Jährige sehen primär Verbesserungen und Chancen durch digitale Innovationen, doch sie nehmen zunehmend auch Risiken und große Herausforderungen wahr. Diese drehen sich insbesondere um drei Gefahrenkomplexe:

  • Identitätsgefährdung, d.h. der Angriff auf die persönliche Unversehrtheit durch Beleidigung, Mobbing oder das Veröffentlichen intimer Informationen: Es geht dabei insbesondere um die Verknüpfung persönlicher und personenbezogener Daten mit konkreten Einstellungen und Aktivitäten. Sie haben Angst um ihre Reputation und damit um ihre künftigen beruflichen und sozialen Chancen.
  • Unterscheidung von Wahr und Falsch im Internet: Das Thema „Fake“ ist ins Bewusstsein gerückt und bringt das grundsätzliche Vertrauen in das Medium stark ins Wanken, auch wenn man im Alltag meint oder hofft, die richtige Information ausgewählt zu haben.
  • Unsicherheit, ob und wovon man eigentlich betroffen ist: Auch wenn einige im Hintergrund laufende Prozesse durchaus bekannt sind (Tracking, Cookies) oder man zumindest theoretisch schon mal davon gehört hat, dass Online-Aktivitäten nachverfolgbar sind, schafft dieser Zustand ein diffuses Unbehagen. Das Internet wird als Blackbox erlebt, denn man tappt zumeist im Dunkeln, weiß nicht genau, was im Hintergrund geschieht, worauf man sich verlassen kann und welche Sicherheitsmaßnahmen sinnvoll sind.

Das systematische Sammeln von Daten, z.B. zu Marketingzwecken, ist eher ein Nebenschauplatz. Dazu passt die Erkenntnis, dass es 20 Prozent der Befragten egal ist, was mit den eigenen Daten passiert. 2014 waren dies nur 8 Prozent.

Ein Umdenken in der Gesellschaft sollte beim Umgang mit dem Begriff „Digital Native“ erfolgen. Die Vorstellung, junge Menschen seien qua Geburtsjahr digital kompetent, lehnen 14- bis 24-Jährige entschieden ab. Vielmehr betonen sie, dass sich auch diejenigen, die mit dem Internet groß geworden sind, das notwendige Digitalwissen erst erarbeiten müssen. Auffällig auch, dass 47 Prozent der Befragten die Bezeichnung „Digital Native“ überhaupt nicht kennen.

DIVSI U25-Studie 2018: Bezug von Internetwissen

Die Untersuchung hat weiter gezeigt, dass sich junge Menschen auf eine digitale Zukunft unzureichend vorbereitet sehen. Kompetenzen eignen sie sich zumeist durch eigene Erfahrungen und den Freundeskreis an. Weniger relevant als Vermittler von Wissen über das Internet sind Eltern oder Verwandte (33 Prozent bzw. 19 Prozent).

69 Prozent der 14- bis 24-Jährigen fühlen sich auch von der Schule nicht ausreichend auf die digitale Zukunft vorbereitet. Themen wie Sicherheit und Schutz der Privatsphäre kommen aus ihrer Sicht nur unzureichend vor.

Analog-Sehnsucht

Als „Botschaft“ an die Gesellschaft ergibt diese neue U25-Studie generell, dass 14- bis 24-Jährige insgesamt mehr Chancen als Risiken in der digitalen Entwicklung sehen – trotz einer von ihnen selbst erkannten teilweisen Überforderung und einer diffusen „Analog-Sehnsucht“. Junge Menschen wissen und wollen, dass Digitalisierung weiter vorangetrieben wird, und fordern deshalb eine verlässliche Vorbereitung auf die digitale Zukunft ein. Sie formulieren klare Erwartungen und machen deutlich, dass sie das Internet nicht nur nutzen, sondern die digitale Welt, in der sie aufwachsen und leben, auch verstehen wollen.

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Der Autor

Dr. Silke Borgstedt

Dr. Silke Borgstedt

Foto: SINUS-Institut

ist Direktorin der Abteilung Sozialforschung am SINUS-Institut in Berlin und Expertin für Mediensozialisation.

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