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Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

29. März 2017

Frisst die digitale Revolution ihre Kinder?

Prognose 1999 und Wirklichkeit 2017 im Vergleich

von Horst W. Opaschowski

REAL. DIGITAL. ILLEGAL. – Datensicherheit ist eine Illusion

Prognose 1999

1999 wurde eine „neue Cyberwelt“ mit einer „fast anarchischen globalen Verknüpfung von Netzwerken“ vorausgesagt. Vierzehn Jahre vor Edward Snowden und der NSA-Affäre (2013) wurde als „Bedrohung der nationalen Sicherheit“ prognostiziert: „Die Manipulation durch Hacker“. Die „digitale Kriegsführung wird in Zukunft zur größten Bedrohung der nationalen Sicherheit“ werden: „Im digitalen Szenario“ ist dann fast alles möglich: „Computerviren könnten die Stromversorgung versagen, Flugzeuge außer Kontrolle geraten und Öl-Pipelines bersten lassen.“ Misstrauen breitet sich aus. Am Ende wird man sich nur noch „auf sich selbst und weniger auf die Verantwortung der anderen verlassen können“. Die Grenzen zwischen „real, legal, illegal“ verwischen sich. Das Vertrauen in Datenschutz und Datensicherheit geht verloren.

Die Wirklichkeit heute

Das prognostizierte Gefährdungspotenzial der Digitalisierung ist inzwischen Realität geworden: „Cyberangriffe finden täglich statt“ – so die Einschätzung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in Deutschland. Das Internet der Dinge, die Vernetzung von Alltagsgegenständen, Haushaltsgeräten und Industrieanlagen, kann sich gegen weltweite Cyberangriffe nicht mehr schützen. Der „Digitale Tsunami“ als Blackout von Ampeln, Banken und Fahrstühlen ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Heilserwartungen des Internets erweisen sich als der größte Irrtum des Netzzeitalters. Die Ära des Cyberoptimismus geht zu Ende. Die Ideologie des freien Internets ist fragwürdiger denn je.

VERNETZT. VERKABELT. GESCANNT. – Unsere Identität wird profitabel vermarktet

Die Prognose 1999

Die ganze Welt geht online: „Am Ende sind wir alle verkabelt“, und er wird selbst „das menschliche Gehirn ‚gescannt’“. Das Internet macht „aus unseren persönlichen Daten neue Dienstleistungen für andere“. Unsere Identität wird „profitabel vermarktet“. Es kommt zu übermäßigen „den Kern der Persönlichkeit berührenden Eingriffen“. Man wird sich kaum dagegen wehren können, „durchleuchtet zu werden“. Auf diese Weise werden „relativ konkrete Persönlichkeitsprofile konstruiert“, die „auf bestimmte Verhaltens- und Befindlichkeitsmuster schließen lassen“. Das individuelle „Lebensdossier“ kann dann weltweit verbreitet werden.

Die Wirklichkeit heute

Es ist so weit. Die Digitalisierung hat die Psychometrie, einen datengetriebenen Nebenzweig der Psychologie, zur Psychografie gemacht. Damit wird eine neue Ära des Online-Wahlkampfes eröffnet. Von politischen Parteien beauftragte Wahlbeeinflussungsagenturen haben beispielsweise die Wähler in England (Brexit-Referendum) und den USA (Präsidentenwahl) psychometrisch „vermessen“ und personalisiert auf Social Media und im Digitalfernsehen gezielt angesprochen. Bei diesem Vorgehen gerät der Datenschutz völlig außer Kontrolle. Und sensible Daten können nicht mehr geschützt werden.

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski und Irina Opaschowski

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski und Irina Opaschowski: Seit 2014 forschen sie gemeinsam an Zukunftstrends. (Foto: Benjamin Roeber)

COMPUNIKATION – KONTAKTREICH, ABER BEZIEHUNGSARM. – Netzkontakte verdrängen Freundschaftsbeziehungen

Die Prognose 1999

Ein Schlüsselwort im Zeitalter der Digitalisierung lautet: Kommunikation. Die Menschen hasten „von Kommunikation zu Kommunikation“. Dabei wird durch „Compunikation“ mehr medial kommuniziert, „als dass man miteinander redet“. Das Beziehungsnetz wird vielfältiger, aber es kommt immer weniger zu einer „Verknüpfung der Beziehungen“, weil man sich auf Beziehungen ohne Bestand nicht verlassen kann. Infolgedessen werden auch „lebenslange Bindungen immer seltener“ und „Beziehungen auf Dauer“ zu einer neuen Lebenskunst.

Die Wirklichkeit heute

Das Internet hat den Kommunikationsstil im Alltag revolutioniert. Die Daten der Stiftung für Zukunftsfragen sprechen für sich: Oberflächliche Netzkontakte verdrängen nachweislich echte Freundschaftsbeziehungen. Allein das Surfen im Internet hat sich seit dem Jahr 2000 fast verzehnfacht (2000: 8 Prozent – 2016: 76 Prozent), während sich im gleichen Zeitraum die Unternehmungen mit Freunden (2000: 39 Prozent – 2016: 17 Prozent) erdrutschartig halbiert haben. Das Leben wird beziehungsärmer. Es wird mehr mit Medien als mit Menschen kommuniziert.

KONFETTIARTIG. BRUCHSTÜCKHAFT. OBERFLÄCHLICH. – Die Folgen der Informationsflut

Die Prognose 1999

Es droht der „Informations-Overkill: overnewst, but underinformed“. Zu viel Information, aber zu wenig Wissen. Diese Überinformation geht zulasten von „Konzentration und Aufmerksamkeit“. Viele Eindrücke können „nur noch konfettiartig nebeneinander aufgenommen“ werden: „Kennzeichen einer Konfetti-Generation: Die Impressionen bleiben bruchstückhaft und oberflächlich.“

Die Wirklichkeit heute

Im Hinblick auf die befürchtete Reduktion der Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit ist die Wirklichkeitsanalyse heute ein Spiegelbild der Zukunftsprognose Ende der Neunzigerjahre: Medienexperten registrieren geradezu einen „Daueranschlag auf die menschliche Konzentrationsfähigkeit“ und sprechen – wie 1999 prognostiziert – von „Informationskonfetti“ (Gaschke 2016) und „Nachrichtenhappen“ (Schulz 2017) als Folge der Dauerberieselung im Netz.

NERVÖS. AGGRESSIV. GEWALTTÄTIG. – Die Sinnesüberreizung verändert das soziale Verhalten

Die Prognose 1999

Die Anforderung droht zur Überforderung zu werden. Die innere Unruhe wird einfach abreagiert: „Lust schlägt in Wut um, und aus Nervosität wird Aggressivität.“ Viele fühlen sich erst dann wieder wohl, „wenn sie sich gehen lassen können“. Die Unzufriedenheit mit sich selbst „muss raus“. Aggressivität wird „als Impulsivität verharmlost“. Am Ende verlieren die natürlichen „Schutzmechanismen gegen Kriminalität an Wirkungskraft“. Gewalt wird „als normal empfunden“, und „Gewalttäter sehen sich selbst nicht mehr als Straftäter“.

Die Wirklichkeit heute

Auf die Pöbeleien auf der Straße reagieren Politiker inzwischen ebenso aggressiv in ihrer Sprache: „Pack“, „Schande“, „Dumpfbacken“. Politiker pöbeln zurück. Persönlichkeitsverletzende Kommentare in den Sozialen Medien sind jetzt auch im realen gesellschaftlichen Leben angekommen. Sie breiten sich fast epidemisch aus. Die Folge: Die virtuelle Gewalt in der Sprache setzt sich in der realen Gewalt auf der Straße fort. „Häme, Hass und Härte in den Sozialen Medien“ werden zur „tödlichen Gefahr für unser politisches Gemeinwesen“ (Frank-Walter Steinmeier). Politik und Gesellschaft haben die frühen Prognosen nicht wahrhaben wollen.

TOTAL DIGITAL = VÖLLIG NORMAL. – Eltern verlieren ihre Kinder an das Netz

Die Prognose 1999

„Growing up digital“: Das Aufwachsen findet im Netz-Zeitalter jenseits von „Barbie, Büchern und Kuscheltieren“ statt: Wohin entlässt die Medienrevolution ihre Kinder? In eine Welt sinkender sozialer „Zuwendung und Geborgenheit“? Werden die Medien zum „Lebensmittelpunkt“ einer mediatisierten Kindheit? Droht der „Schonraum Kindheit“ verloren zu gehen? Wird das Netz zur „universalen Sozialisationsinstanz“? Aus „heimlichen Miterziehern“ können „unheimliche Haupterzieher“ werden.

Die Wirklichkeit heute

Der Einbruch in die Privatsphäre hat längst begonnen, die mediale Eroberung des Kinderzimmers auch. Gut ein Drittel (34 Prozent) der Elterngeneration im Alter bis zu 49 Jahren muss eingestehen: „Eltern verlieren ihre Kinder an das Netz.“ Dazu gehört auch die selbstkritische Feststellung: „Das Smartphone wird zum digitalen Babysitter rund um die Uhr“ (38 Prozent – O.I.Z 2015). Der Medienzug ist abgefahren. Das Smartphone ersetzt die Kinderrassel.

DIE HETZJAGD NACH DER VERLORENEN ZEIT. – Vom Erwartungsdruck zum Erreichbarkeitswahn

Die Prognose 1999

Mediennutzung „kostet“ Zeit: Der einzige Faktor, der in einer multioptionalen Medienwelt immer knapper wird, ist der Zeit-Faktor. Die „Entdeckung der Informationsgesellschaft als Zeitfalle“ steht uns bevor. Das Leben im Netz gleicht einer „Hetzjagd nach der verlorenen Zeit“. Die User kommen nicht zur Ruhe. Sie haben das Gefühl, „sie kämen dauernd zu spät“. Wird im 21. Jahrhundert „Zeit verkaufen“ ein „neuer Dienstleistungsmarkt“?

Die Wirklichkeit heute

Nur noch nostalgisch erinnern wir uns an eine Automobilbranche, die den Sieben-Jahres-Rhythmus der Modell-Zyklen gewohnt war. Im digitalen Zeitalter sind Web-Zeiten wie Hunde-Jahre: Ein Jahr im Netz entspricht sieben Jahren in der Wirklichkeit. Für eine „Mañana“-Mentalität bleibt immer weniger Zeit. Ein Gefühl von Zeitnot macht sich breit. Das Zur-Ruhe-kommen-Können wird zum größten Defizitposten im persönlichen Zeitbudget.

DEMOKRATIE ALS VIRTUKRATIE. – Digitale Medien werden zum neuen Machtinstrument

Die Prognose 1999

Ein „neues Kommunikationszeitalter“ beginnt: Die „Online-Demokratie“ kommt. Die Bürger wollen sich „von zu Hause aus an aktuellen Diskussionen mit Politikern per Internet beteiligen“. Die Zukunftsträume sind fast grenzenlos: „Wird es in Zukunft virtuelle Ortsvereine, Online-Wahlkreise oder gar elektronische Wahlurnen geben?“ Noch sind wir von einer „Virtukratie“ und von „virtuellen Rathäusern“ weit entfernt. Doch schon bald kann sich das Internet „zu einem neuen demokratischen Massenmedium entwickeln“.

Die Wirklichkeit heute

Menschen, Medien und Maschinen sind miteinander verbunden und machen die Sozialen Medien zum digitalen Volkssport. Gerhard Schröders Erfolgsdevise von 1998, wonach er zum Regieren nur „Bild, BamS und Glotze“ brauche, hat sich im Internet-Zeitalter überlebt. Wie die Beispiele „Brexit“ und „US-Wahlkampf“ gezeigt haben, können Social Bots in den Sozialen Netzwerken Einfluss auf Wahlen und politische Entscheidungen nehmen.

HIGHTECH STATT HUMAN TOUCH. – Die künstliche Intelligenz als existenzielle Bedrohung

Die Prognose 1999

Eine Art „Psychologisierung des Computers“ kündigt sich an: „Lebendig. Beseelt. Empfindungsfähig.“ Der PC wird zum „persönlichen Ausdrucksmittel“. Was der Computer „ist“, wird wichtiger als das, was er „leistet“. Die „Grenzen zwischen Dingen und Menschen“ verwischen sich. „Hightech statt Human Touch“ heißt es. Das Gehirn wird „gescannt“ und „in einem Computer dupliziert“. In Zukunft gibt es „Künstliche Intelligenz (KI)“, bei der der Mensch „mit der Maschine gleichgesetzt“ und „der Computer zum ‚homo sapiens‘ aufgewertet wird“.

Die Wirklichkeit heute

Weil sich die Künstliche Intelligenz (KI) weltweit ausbreitet, bekommen es selbst die Erfinder mit der Angst zu tun: Microsoft-Gründer Bill Gates wundert sich: „Ich verstehe nicht, warum manche Menschen nicht besorgt sind.“ Tesla-Chef Elon Musk warnt: „Wenn ich raten müsste, was unsere größte existenzielle Bedrohung ist, dann ist es vermutlich die Künstliche Intelligenz.“ Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht wieder los.

SORGEN UM DIE ETHIK DER TECHNIK. – Zukunftszweifel statt Fortschrittsoptimismus

Die Prognose 1999

„Zukunftszweifel sind angebracht.“ Denn „die digitale Zukunft hat ein Janusgesicht. Überschätzung und Unterschätzung, Chancen und Risiken halten sich die Waage.“ Es stellen sich moralische Fragen der Vermarktung: Werden die Computer zu „neuen Gottheiten“ in einer „total kontrollierten Welt“, in der sich die Technologie verselbstständigt und wir uns „um die Ethik der Technik Sorgen machen“ müssen? Die „Schlüsselbranche des 21. Jahrhunderts“ lässt noch viele Fragen offen.

Die Wirklichkeit heute

Die Konkurrenz zwischen menschlichem Gehirn und digitalem Superhirn nimmt bedrohliche Züge an. Das Internet der Dinge hält Einzug in den Alltag unseres Lebens. Ärzte, Anwälte und Steuerberater werden digital. In Zukunft werden wir uns weniger um technologische Innovationen als vielmehr um die Ethik der Technik Sorgen machen müssen. Die Digitalisierung wird das Leben schneller, bequemer und abwechslungsreicher machen. Aber: Die Welt wird dadurch nicht besser.

Quellenbelege:
Gaschke, S.: Die gefährlichen Nebenwirkungen der totalen Vernetzung. In: Die Welt (Oktober 2016/Online – http:hd.welt.de/article158806317/).
O.I.Z/ Opaschowski Institut für Zukunftsforschung: Repräsentativumfrage „Medien“, Hamburg 2015. Schulz, Th.: Digitales Leben. In: Der Spiegel Nr. 1 (2017), S. 144-148; SfZ/Stiftung für Zukunftsfragen (Hrsg.): FreizeitMonitor 2016, Hamburg 2016.

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski

Fotos: Benjamin Roeber

Prof. Dr. Horst W. Opaschowski
ist ein deutscher Zukunftsforscher und Berater für Politik und Wirtschaft.

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