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Gefahr: Radikalisierung durch das Internet

19. Januar 2017

Radikalisierung durch das Internet

Foto: yuttana Contributor Studio – Shutterstock, youtube/Chris Ares of ziell

Erstmalig vorgenommene Literaturanalyse zeigt, wie und warum vor allem Jugendliche für die Propaganda aus dem Netz empfänglich sind.

Von Gertraud Koch

Der Verfassungsschutzbericht 2015 zeigt einen deutlichen Zulauf und eine höhere Mobilisierungsfähigkeit der rechtsextremen Szene in Deutschland auf. Viele der Täter sind noch sehr jung. Angesichts der vorgekommenen Anschläge bleibt im Nachgang völlig offen, wann und wie sich die Täter radikalisierten.

Dieses Feld ist wissenschaftlich bislang weitgehend unerforscht. Konkret geht es vor allem um die Radikalisierung Jugendlicher über das Internet, die sich besonders ausgeprägt im Bereich des Rechtsextremismus und des extremistischen Islamismus zeigt. Deren ideologische Inhalte und Ziele mögen sich einerseits eklatant voneinander unterscheiden, beide rütteln sie aber an unseren demokratischen Grundfesten und bedienen sich dabei modernster Mittel.

Das Internet, mit dem unsere physische Welt heute so untrennbar verwoben ist, bietet ihnen eine nicht zu überblickende Plattform, um Ideologien zu verbreiten und neue Mitglieder zu gewinnen. Eine der wichtigsten Zielgruppen sind dabei diejenigen, die sich wie keine Generation zuvor mit absoluter Selbstverständlichkeit im digitalen Raum bewegen: Jugendliche. Aufgrund ihrer lebensphasenspezifischen Charakteristika können sie besonders anfällig für die Hinwendung zu radikalen Inhalten sein.

Hier ist auch die Frage ungeklärt, wann radikale Meinungen in Taten umschlagen und welche Anreize es dafür braucht. Gewinnt unsere Gesellschaft hierüber keine Klarheit, könnte das mittelfristig verheerende Folgen haben.

Literaturanalyse

Am Institut für Volkskunde und Kulturanthropologie der Universität Hamburg wurde hierzu jetzt für das DIVSI eine Literaturanalyse erstellt. Diese Studie „Radikalisierung Jugendlicher über das Internet” wurde gerade veröffentlicht. Sie sichtet vorhandenes Material und bringt es gleichzeitig in ein geordnetes System. Eine Wertung insgesamt wurde dabei nicht vorgenommen.

Fest scheint jedoch zu stehen

Offensichtlich spielt das Internet eine große Rolle bei dieser Entwicklung. Auffällig: Die Gruppierungen, die unsere demokratische Grundordnung angreifen, sind digital sehr aktiv. Sie nutzen den digitalen Raum gezielt als Vehikel ihrer terroristischen Botschaften. Dafür greifen sie auf die vorhandene Infrastruktur des Internets zurück. Soziale Medien wie Facebook und Twitter spielen eine Rolle, ebenfalls werden die Botschaften in Online-Zeitschriften und auf Webseiten eingebracht oder Propaganda über Foren, Online-Spiele und aufwendig produzierte Videos verbreitet.

Die durch diese vielfältigen Möglichkeiten erreichbare Klientel lässt sich kaum noch abschätzen. Präzise Untersuchungen dazu fehlen bislang. Erkennbar ist allerdings: Gerade für junge Menschen ist „onlinesein” der Normalzustand ihres täglichen Lebens. Auch war es nie einfacher, sich zu informieren und mit anderen in Austausch zu treten, als in Zeiten der Digitalisierung. Gleichzeitig war die Vielfalt der zugänglichen Quellen nie größer, ebenso ist allerdings auch die Überprüfung der Glaubwürdigkeit schwieriger denn je.

Forschungsbedarf

Um mehr über die Hintergründe dieser Entwicklung zu erfahren, ist ein interdisziplinäres und multimethodisches Vorgehen notwendig. Die Studie verdeutlicht den dringenden Forschungsbedarf auf diesem Feld. Der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis muss als ausgesprochen bruchstückhaft bezeichnet werden, da bisher nur einzelne Facetten im komplexen Zusammenwirken vieler Faktoren im Radikalisierungsprozess untersucht worden sind. Einigkeit besteht bereits jetzt darüber, so das Ergebnis der Analyse der im europäischen Raum vorliegenden Forschung, dass Jugendliche gegenüber Radikalisierung grundsätzlich anfällig sind. In den analysierten Forschungsarbeiten wird dem Internet als Resonanzraum einerseits eine „ermöglichende“, andererseits auch eine „beschleunigende“ Wirkung zugesprochen, indem radikale Ideologien gefunden, diskutiert, vertieft und gefestigt und dadurch Radikalisierungsprozesse verstärkt und begünstigt werden.

Forschung, die sich, bezogen auf den deutschsprachigen Raum, explizit mit der Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet auseinandersetzt, existiert nur sehr vereinzelt. Auch, zu welchem Grad sich professionell produzierte Bildsprache aus Videobotschaften des IS auf die Meinungsbildung bzw. Radikalisierung Jugendlicher auswirkt, muss weiter untersucht werden.

Resonanzraum

Zu klären bleibt auch, welche Bedeutung die Verschränkung der analogen mit der digitalen Welt hat, ob also eine reine Online-Radikalisierung möglich ist oder ob zudem persönliche soziale Kontakte erforderlich sind? Viel spricht für die Wirkung des Internets als Resonanzraum terroristischer und extremistischer Aktivitäten. Allerdings bedarf dies einer vertieften wissenschaftlichen Untersuchung. Genauer zu beleuchten im Zusammenhang mit Online-Radikalisierungsprozessen ist auch die Frage des Bildungsniveaus. Hier stehen sich Forschungsmeinungen gegenüber: Geringe Bildung begünstige die Radikalisierung, andererseits wird auf den vergleichsweise hohen Bildungsgrad islamistischer Extremisten und auf ausgewähltes akademisches Vokabular auf einigen rechtsextremistischen Seiten verwiesen.

Ein weiteres wichtiges und bislang kaum erforschtes Feld ist die Rolle junger Frauen in Verbindung mit Radikalisierung und Internet. Während sich die Literatur bislang überwiegend mit jungen Männern befasst, bleibt die wichtige Rolle junger Frauen innerhalb terroristischer Netzwerke überwiegend unbeleuchtet.

Prof. Gertraud Koch

Foto: privat

Prof. Dr. Gertraud Koch
ist Professorin für Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg. Sie forscht zu Digitalisierung seit den frühen 1990er-Jahren.

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