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Herausforderungen der Digitalethik

23. Juli 2018

Digitalethik

Foto: pikcha – Shutterstock

Noch steht die Debatte darüber am Anfang. Sie wird sicher auf absehbare Zeit notwendig bleiben.

Von Björn Haferkamp

In Vorträgen, Positionspapieren und dem lebhaften Konferenzprogramm zu Themen der Digitalisierung ist das Stichwort der Digitalethik mittlerweile eine feste Größe. Doch so komplex und vielschichtig die Digitalisierung ist – die Ethik für eine digitale Welt ist es nicht weniger. Die Karikatur all der gut gemeinten Reden und Manifeste zur Digitalisierung ist das schon seit Langem beliebte Buzzword- Bingo. Es persifliert die gehäufte Verwendung inhaltsleer gewordener Schlagworte. Dieses Schicksal sollte der Digitalethik erspart bleiben. Die Digitalethik sollte keine Buzzword-Ethik werden.

Für Skeptiker vielleicht ein frommer Wunsch, doch auf anderen Ethikfeldern ist das tatsächlich einigermaßen gut gelungen, etwa in der Wirtschaftsethik oder in der Medizinethik. Dieser Stand wurde allerdings nicht von heute auf morgen erreicht. Dahinter stecken allgemeine und detailreiche Analysen, zahlreiche Lösungsvorschläge und viele Diskussionen.

Definition

Einige Erfahrungen mit diesen Ethiken kann man auf die Digitalethik übertragen: zum Beispiel, dass niemand über eine größere ethische Autorität als jeder andere klar denkende Beurteiler verfügt, wie der Moralphilosoph Dieter Birnbacher hervorhebt, aber auch, dass mitunter von Ethikern zu viel erwartet wird, nämlich Sicherheit und weltanschauliche Orientierung. Auch die Digitalethik kann keine Doktrin oder Formelsammlung sein. Denn oft sind ethische Probleme vielschichtig, nicht auf Anhieb transparent und betreffen die Interessen sehr unterschiedlicher Akteure.

Häufig sind auch die Begriffe, die ein Thema vorgeben, unklar. Was genau ist Big Data, was Social Media, Dateneigentum, Digitale Teilhabe oder Maschinenlernen? Das sind nicht nur Fragen von Laien, auch die Fachleute operieren mit uneinheitlichen Definitionen. Meist ist das kein Problem, solange sich Arbeitsfelder nicht überlappen. Dies ändert sich aber spätestens, sobald sich ethische Probleme aufdrängen. Denn unterschiedliche Auffassungen einer Sache können zu sehr verschiedenen normativen Schlussfolgerungen führen. Was in der einen Sicht Kern des Problems ist, taucht in einer anderen vielleicht nur am Rande auf.

Problemfeld

Überhaupt liegt hier eine der größten derzeitigen Aufgaben der Digitalethik. In der konventionellen ethischen Praxis ist in der Regel das Problem bekannt, für das dann eine ethisch angemessene Lösung gesucht wird. Bei der Digitalisierung sind aber oft nicht einmal Art und Anzahl der ethischen Probleme eindeutig: Bei dem raschen technologischen Fortschritt „hinkt das Verständnis der ethischen Implikationen oft hinterher“, wie Brent Mittelstadt und Luciano Floridi vom Oxford Internet Institute konstatieren. Ein solches Verständnis wäre aber erst einmal die Voraussetzung, um über ethische Antworten nachdenken zu können. Entsprechend geht es in der Digitalethik zunächst auch darum, das Problemfeld zu kartografieren und zu strukturieren.

Nehmen wir die Frage des Dateneigentums. Rechtswissenschaft und politische Akteure diskutieren eifrig, denn Entscheidungen darüber, wie mit Daten umgegangen werden soll, sind dringend notwendig. Dabei bezieht man sich auf bestehende Gesetze, Regelungen und die Rechtsprechungspraxis. Sollen Daten den betroffenen Personen als Vermögensrecht zugewiesen werden? Handelt es sich um Sacheigentum oder um Immaterialgüter? Oder führen solche Konzepte bei Daten zu unerwünschten Resultaten, wie etwa der leichtfertigen und endgültigen Übertragung von Rechten an den eigenen Daten? Und wie kann man dem allgemeinen Persönlichkeitsrecht und dem Selbstbestimmungsrecht gerecht werden?

Selbst juristische Laien in dieser Debatte erkennen, dass den dringenden ethischen Erfordernissen bislang keine eindeutigen und überzeugenden Normen gegenüberstehen. Der Klärungsbedarf besteht nicht nur juristisch und politisch, sondern ganz grundsätzlich auch auf der Ebene der Ethik. Solange das so ist, darf man erwarten, dass die Diskussionen – auch wenn Vereinbarungen getroffen wurden – anhalten werden. Zu viele unterschiedliche Aspekte sind betroffen – Lebensbereiche, Interessen, ordnungspolitische Aspekte, Werte usw. –, als dass unmittelbar auf der Hand läge, welcher Weg zu beschreiten ist.

Ethik beharrlich

Privatsphäre

Besitzt ein mittelständisches Unternehmen seine Maschinen- und Produktionsdaten? Wie ist es mit Anwendern von eHealth-Apps? Oder mit Autofahrern, Herstellern, Versicherern und Verkehrsbehörden? Viele unterschiedliche Arten von Akteuren spielen eine Rolle. Bei all dem sind die Interessen des einzelnen Menschen aus ethischer Sicht besonders prekär und schützenswert. Aber für das Recht auf Privatsphäre des Einzelnen finden sich unterschiedliche ethische Begründungen, die teils weit in die vordigitale Zeit zurückreichen. Macht sie das obsolet oder im Gegenteil vielleicht besonders relevant?

Manche ethischen Begründungen führen das Recht auf Privatheit auf andere, grundlegendere Rechte zurück, betrachten es also als reduzibel. Die Auffassung dagegen, Privatheit sei ein intrinsischer Wert, kommt der verbreiteten Intuition entgegen, dass sie an sich wertvoll ist. Schließlich gibt es noch eigentumsbasierte und funktionale Begründungen des besonderen Wertes des Privaten. Nicht alle diese Positionen sind befriedigend, aber sie heben unterschiedliche Aspekte hervor, die nicht außer Acht gelassen werden können, wenn man ethisch akzeptable Prinzipien finden will.

Besonders deutlich wird das Problem der Identifikation und Implementierung ethisch akzeptabler Prinzipien bei autonomen Maschinen, denn hier möchte man natürlich keine wahllosen und unverantwortlichen Verhaltensweisen in die Welt setzen, sondern besonders umsichtige und schadensminimierende. Entsprechende Prinzipien wird aber nur eine sorgfältige Debatte liefern können, die nicht von Marketing- oder politischen Werbestrategien dominiert wird. Das gilt auch für die anderen ethischen Herausforderungen, die teilweise überhaupt erst einmal angemessen aufbereitet und verstanden werden müssen.

Wie bei Medizinethik, Wirtschaftsethik oder Technikethik erfordert auch die Digitalethik Sachkenntnis von Vertretern verschiedener Bereiche, ein ethisches Gespür für die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Stakeholder und manchmal auch Geduld. Die Vielfalt der Gesichtspunkte hat dabei auch ihr Gutes. Sie trägt dazu bei, dass in einer komplexen Gemengelage wichtige Einzelaspekte nicht unter den Tisch fallen – ein Problem, das man in den letzten Jahren bei der Digitalisierung gelegentlich beobachten konnte.

Beharrlichkeit

Es ist mitunter eine Versuchung für wirtschaftliche und politische Akteure, voreilig vollendete Tatsachen zu schaffen. Aber die Ethik ist beharrlich. Unbefriedigend beantwortete Fragen stellt sie einfach immer weiter. Noch steht die Debatte über die Digitalethik in vielem ganz am Anfang. Sie wird sicher auf absehbare Zeit notwendig bleiben.

Björn Haferkamp

Foto: Privat

Björn Haferkamp
(Uni Bremen) arbeitet an einem Promotionsprojekt zu Digitalethik und Vertrauen, unterstützt durch das DIVSI.

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