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Leadership in der digitalen Welt

15. Januar 2015

Leadership in der digitalen Welt

Bild: Max Griboedov – Shutterstock

25 intensive Dialoge mit Vorständen und Geschäftsführern von Wirtschaftsunternehmen. Ergebnisse und Erkenntnisse einer DIVSI Studie.

Von Peter Paschek

Wir leben in Zeiten vager Begrifflichkeit. In der Alltagssprache unseres Wirtschaftslebes zeigt sich dieses besonders. Begriffe wie „Nachhaltigkeit“ oder „Corporate Social Responsibility“ werden in unterschiedlichster Deutung verwendet. Sie sind Zeichen für das, was die Menschen „bewegt“, und damit auch ein Teil des Selbstverständnisses unserer Gesellschaft.

„Vage Begriffe sind eher ideologisch als wissenschaftlich. Sie rühren das Gefühl und verwirren den Verstand“, sagt Max Urchs, Professor für Philosophie an der European Business School, Oestrich-Winkel. – Der Titel der hier im Folgenden besprochenen Studie lautet: „Leadership in der digitalen Welt, das Internet – Chance und Herausforderung für ein gesellschaftlich verantwortliches Management.“

„Leadership“ und „gesellschaftlich verantwortliches Management erweisen sich geradezu als Paradebeispiele vager Begrifflichkeit, betrachtet man die unzähligen Publikationen, Symposien oder Workshops zu diesen Themen.

Begriffsklärung

Um den Verstand nicht zu verwirren und gleichzeitig das Gefühl, zwar nicht zu rühren, aber dennoch zu berühren, soll zunächst das der Studie zugrunde liegende Verständnis der beiden o.g. Begriffe bestimmt werden.

Eigentlich spricht nichts dagegen, statt „Leadership“ den Begriff „Führung“ zu verwenden. Aber da Sprache das „Schmiermittel einer Gesellschaft“ ist und die Sprache der globalen Gesellschaft nun mal Englisch – besser gesagt „schlechtes Englisch“ – ist, wurde in der hier besprochenen Studie der plakativere Begriff „Leadership“ verwendet, und zwar in folgender Definition: Leadership wird gesehen als eine Funktion des Wirtschaftsmanagers im Sinne von Peter Druckers Verständnis des Managers als Mitglied der führenden Elite der Gesellschaft („Member of Society‘s major Leadership Group, in command of the central resources of Society“). Nach Drucker umfasst die gesellschaftliche Verantwortung dieser Elite – und damit sind wir beim Begriff gesellschaftliche Verantwortung des Manager – die wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmensführung sowie die Werte stiftende und Werte vermittelnde Aufgabe für „the good Society“, im Sinne einer freien, rechtsstaatlichen und demokratischen Gesellschaft.

Freiheit und Würde

Es geht letztlich um die Verantwortung des Managers, durch seine Worte (!) und Taten Orientierung zu geben für einen Ausgleich zwischen den Werten des Marktes und den ethischen Werten, allen voran dem Respekt vor persönlicher Freiheit und der Würde der Person. Erst indem ein Mensch diese Werte lebt, stellt er, so der französische Philosoph André Comte-Sponville, das Menschliche in seinem Wesen unter Beweis.

„Ich würde mir wünschen, stattdessen das Miteinander, das Menschliche mehr in den Fokus zu rücken. Auch und gerade im Zeitalter des Internets“, schreibt Prof. Dr. Roman Herzog, der ehemalige Bundespräsident und Schirmherr des DIVSI, in seinem Vorwort zur DIVSI Entscheider-Studie von Februar 2013.

Denkraum

Die im Rahmen der Studie befragte repräsentative Gruppe von Entscheidern der Wirtschaft verstand sich nämlich ausschließlich als Akteure, Treiber und Innovatoren der geschäftlichen Verwertung des digitalen Fortschritts. Die Ergebnisse dieser DIVSI Studie in Verbindung mit der Mahnung von Roman Herzog boten vorzüglichen Anlass, mit der hier besprochenen Studie folgender Fragestellung nachzugehen: Sind die Entscheider der Wirtschaft intellektuell dermaßen in der ökonomischen Verwertungslogik gefangen, dass ihnen kein Denkraum mehr zur Verfügung steht, über das Menschliche und die damit verbundenen moralischen Werte jenseits der Wertmuster des Marktes im Zusammenhang mit dem Internet zu reflektieren, ohne sich an irgendwelchen sogenannten „non-financial indicators” festzuhalten.

Im Verlauf des Jahres 2013 führte der Verfasser auf dieser Grundlage 25 intensive Dialoge mit Vorständen und Geschäftsführern von Wirtschaftsunternehmen. Neun der Teilnehmer waren Frauen. Die Branchenschwerpunkte: Gesundheitswirtschaft, Internet-Industrie sowie Banken und Finanzdienstleistungen. Die mit Absicht gewählte Bandbreite des Alters der Teilnehmer lag zwischen 30 und 65.

Ermutigende Tendenz

Die Ergebnisse der Dialoge sind natürlich nicht repräsentativ. Sozialvermessung war allerdings von vornherein nicht beabsichtigt, hätte auch bei dieser Thematik zu einer unzulässigen Komplexreduktion geführt. In jedem Fall lässt sich eine Tendenz ableiten, die in dreierlei Hinsicht ermutigend ist:

  • Das konstruktive, pragmatisch-realistische Verständnis der teilnehmenden Führungskräfte hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen des Internets, lässt sich wie folgt zusammenfassen: Der Kreis versteht das Internet als eine „technische Errungenschaft“, als „Tool“, als ein „Werkzeug“, also als „Ergebnis eines kreativen Arbeitsprozesses“.
  • Beinahe alle Teilnehmer der Gesprächsreihe definieren ihre gesellschaftliche Verantwortung als Manager in Zusammenhang mit dem Internet – verständlicherweise zunächst bezogen auf die wirtschaftlichen Ergebnisse ihres Unternehmens, gleichzeitig aber auch in Bezug auf die Folgen der Nutzung des Internets für den Einzelnen und für die Gesellschaft sowie hinsichtlich ihrer Werte vermittelnden Führungsaufgaben. Dieses sowohl hinsichtlich der „kleinen“ Dinge des Alltags im Unternehmen als auch in Bezug zu gesellschaftlichen Problemen größerer Tragweite.
  • Es ist den Teilnehmern bewusst, dass sich das digitale Weltalter noch in einem „frühkindlichen“ Stadium befindet und dass zurzeit vor allem Fragen aufkommen, weniger Antworten. Viel mehr käme es jetzt darauf an, Probleme und Konfliktlagen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden und die durch das Internet verschärft werden, zu identifizieren und mit offenem Visier besprechbar zu machen.

Eines dieser Spannungsfelder sahen die Teilnehmer in dem durch die Digitalisierung beschleunigten Wandel der Berufsstruktur unserer Gesellschaft, und zwar insbesondere in der wachsenden Bedeutung des spezialisierten Wissensarbeiters als vorherrschender Berufstypus. Dieses sowohl unter positiven Aspekten: „Ich glaube tatsächlich, dass wir in Zukunft eine Arbeitswelt mit sehr vielen Spezialisten haben werden. Selbst denkende Menschen, die sich selbst organisieren und verwalten. Das Internet macht diese unglaubliche Individualität möglich.“

Selten ein Miteinander

Aber auch hinsichtlich problematischer Folgen für den Einzelnen: „Es ist teilweise schon beängstigend, wie sich diese Ausbildung sozusagen eingeengt, verschult hat mit dem Ergebnis technisch hervorragend ausgebildeter Leute, aber eben unglaublich eingeengt.“

Und in letzter Konsequenz für die Gesellschaft: „Es ist ja heute schon so, dass sich Lehrer mit Lehrern und Wirtschaftsleute mit Wirtschaftsleuten treffen. Diese Abschottungsprozesse gesellschaftlicher Gruppen werden sich weiter vertiefen. Milieuübergreifendes Miteinander wird damit immer seltener.“

Ein Konfliktfeld aber, das die Struktur unserer Gesellschaft mitbringt und das durch das Internet sichtbarer und damit verschärft wird, stand bei den meisten Teilnehmern in besonderem Fokus. „Letztendlich honoriert ein Unternehmen Leistung und Ergebnis – das drückt bei einem Aktienunternehmen das kontinuierliche Wachstum der Ebit-Marge aus. Das wird honoriert, zunächst einmal egal wie. Das ‚Andere‘, sagt man, wird sich dann schon entwickeln, das machen wir in einem zweiten Schritt. Doch bevor dieser Schritt getan wird, liegt der Schaden schon vor. Und das führt leider dazu, dass teilweise gute Dinge, zum Beispiel auf der Nachhaltigkeitsebene, als Propaganda oder Marketing gesehen werden, als nicht verankert im System, da einzelne Handlungen dem diametral entgegensprechen.

Das Internet hat uns gezeigt, dass diese Widersprüche, wenn wir sie unbesprochen vor uns herschieben, plötzlich in eine Größe geraten, die fast nicht mehr beherrschbar wird.“ Die Herausforderung an den Manager, die hieraus resultiert, ist offensichtlich: Es geht nicht nur um erhöhte Anforderungen an Kommunikation und Kritikfähigkeit, sondern um eine neue Dimension von Kommunikation und Kritikfähigkeit des (Wirtschafts-)Managers.

Theorie und Praxis

Die Zahl gewichtiger Stimmen, die wie Roman Herzog auffordern, das Menschliche gerade in der digitalen Welt in den Fokus zu rücken, hat in letzter Zeit deutlich zugenommen. Jüngstes Beispiel ist der diesjährige Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels, Jaron Lanier, Schriftsteller und Internet-Unternehmer, der in seiner Rede einen neuen Humanismus einfordert. Es tut sich also was zum Thema Leadership in der digitalen Welt. Dessen gegenwärtiger Status lässt sich am besten mit folgenden Worten des Philosophen Jürgen Mittelstraß umschreiben: „Die Theorie ist da, Bewusstsein und Praxis tun sich noch schwer!“

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Der Autor

Peter Paschek

Peter Paschek

ist einer der Geschäftsführenden Gesellschafter der Delta Management Consultants GmbH, Berlin.

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