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Diskussionsveranstaltung „Treuer Assistent oder Trojaner am Körper? – Wie Gesundheitstracking unseren Alltag verändert“

Diskussionsveranstaltung „Treuer Assistent oder Trojaner am Körper? – Wie Gesundheitstracking unseren Alltag verändert“

Foto: Tom Maelsa

„Big Data“ ist eines der wichtigsten Schlagworte der Gegenwart, denn eine umfassende Analyse großer Datenmengen findet nun in fast jedem Lebensbereich statt. Während der wirtschaftliche und individuelle Vorteil durch die Nutzung von Big Data immens sein kann, weisen nicht nur Datenschutzbeauftragte auf die Gefahren einer immer stärkeren, aber auch versteckteren Preisgabe von persönlichen Daten hin.

Die öffentliche Veranstaltung „Treuer Assistent oder Trojaner am Körper? – Wie Gesundheitstracking unseren Alltag verändert“ am 30. September 2015 im Meistersaal in Berlin setzte sich anhand von sogenannten Wearables mit dem gesellschaftlichen Spannungsfeld Big Data auseinander, das sich mit den immer beliebter werdenden digitalen Helfern aufspannt, die Körperdaten erfassen und auswerten. Im Zentrum der Veranstaltung standen die Fragen: Welche Daten werden gesammelt? Welche Rückschlüsse können daraus gezogen werden? Wer hat Zugriff auf diese Informationen? Wer sollte sie bekommen? Welche Chancen bieten sich und besteht hier ein Regulierungsbedarf?

Die Veranstaltung im Überblick

Nach einer Einleitung von Philipp Otto, Projektleiter „Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?“ vom iRights.Lab, und DIVSI-Direktor Matthias Kammer machte Oliver Schenk vom Bundesministerium für Gesundheit, Abteilung G “Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Telematik” den Anfang.

Er betonte die neuen Herausforderungen, die sich in einem digitalisierten Gesundheitswesen und insbesondere im Bereich der Telemedizin ergeben. Neben Standards wie Zertifikaten für Gesundheitsapps eröffnete er die Möglichkeit der Bündelung einzelner Projekte unter einem ethischen Fragekomplex – und betonte somit die Relevanz des DIVSI-Projekts “Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?”.

Oliver Schenk

Oliver Schenk: Ethischer Leitfaden für Apps? (Foto: Tom Maelsa)

Anschließend stellte Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses „Telematik“ der Bundesärztekammer, in seiner Keynote “Big Data in der medizinischen Praxis – Die Zukunft hat bereits begonnen” die Chancen und Risiken von Big Data im Gesundheitsbereich heraus. Wearables geben genauere Einblicke für Diagnostik und Prävention.

Zudem können Wearables den Patienten zu aktivem Handeln motivieren und seine medizinische Selbstbestimmung fördern. Die Souveränität über die eigenen Körperdaten, die durch die Wearables anfallen, könne einen positiven Wandel im festgefahrenen Patienten-Arzt-Verhältnis bringen hin zum Abbau von Paternalisierung durch Ärzte. Gleichzeitig warnte er vor falschen Datenkorrelationen und betonte die Notwendigkeit einer kritischen Überprüfung auf Relevanz und Datenschutz.

Dr. Franz Bartmann

Dr. Franz Bartmann: Wearables fördern Selbstbestimmung von Patienten (Foto: Tom Maelsa)

Eine differenzierte Bewertung von Big Data im Gesundheitsbereich forderte auch Stephan Noller, Gründer und Geschäftsführer der ubirch GmbH, in seiner Keynote “Tracking mit Wearables: Die (all)täglichen Datensammler”.

Wearables seien nicht nur Gadgets, sondern können besonders bei Prävention und Diagnose von Krankheiten einen großen Mehrwert bieten. Um den Gefahren des Datenmissbrauchs und der Entsolidarisierung im Gesundheitssystem entgegenzusteuern, sieht er dringenden Regulierungsbedarf an vier Stellen:

  • Regelung von pseudonymer Datennutzung in der EU-Datenschutz-Grundverordnung
  • Standards für Transparenz und Kontrolle von IoT-Devices
  • Technische Standards für Devices zur Sicherung von Integrität und Authentizität
  • Entgegenwirken der Entsolidarisierungs-Effekte durch Krankenversicherungen
Stephan Noller

Zyklusmessung mit Computer in Tampon-Form: Stephan Noller stellt neue medizinischen Möglichkeiten durch technische Innovationen vor (Foto: Tom Maelsa)

Die sich anschließende Podiumsdiskussion unter der Moderation von Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin Initiative D21 e.V., mit Dr. Franz Bartmann, Prof. Dr. Dagmar Borchers, Peter Schaar, Burkhard Dümler und Kai Burmeister zeigte auf der einen Seite die Notwendigkeit, den medizinischen Mehrwert von technischen Innovationen kritisch zu hinterfragen, und auf der anderen Seite die Schwierigkeit, Akzeptanz für die zunehmende Digitalisierung des Gesundheitswesen auf einer breiten gesellschaftlichen Ebene zu schaffen. Neben Sicherheitsfragen und technischen Standards sei es besonders wichtig, einem Gesellschaftskonflikt, der sich zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern von Wearables zu entfalten und in digitaler Normativität und Stigmatisierungen zu münden drohe, entgegenzusteuern.

Diskussionsveranstaltung: "Treuer Assistent oder Trojaner am Körper?"

Podiumsdiskussion mit Dr. Franz Bartmann, Prof. Dr. Dagmar Borchers, Peter Schaar, Lena-Sophie Müller, Burkhard Dümler, Kai Burmeister (v.l.n.r.). (Foto: Tom Maelsa)

In einem abschließendem Fazit bilanzierte DIVSI-Direktor Matthias Kammer, dass ein deutliches Spannungsfeld zwischen persönlichem Verhalten und der beruflichen Perspektive auf Big Data im Gesundheitsbereich existiert. Mit den Bemühungen um eine Vereinbarkeit beider Seiten stehe die Gesellschaft gerade noch am Anfang. Die Klärung der Frage “Ethische Selbstverpflichtung oder staatliche Regulierung?” könnte ein Hilfsmittel in einem Diskurs sein, der sich weit über die rein technischen Aspekte hinausbewege und in den sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen einbringen müssten.

Matthias Kammer

DIVSI-Direktor Matthias Kammer fordert einen intensiveren Diskurs über Chancen und Risiken von Big Data in der Gesundheit unter Einbeziehung der Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft (Foto: Tom Maelsa)

Programm

17:00  Einlass und Fingerfood
17:30  Begrüßung
Philipp Otto, Projektleiter „Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex?“, Gründer iRights.Lab
17:35  Begrüßung und Einführung
Matthias Kammer, Direktor, Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet
17:40  Grußwort
Oliver Schenk, Abteilungsleiter G “Grundsatzfragen der Gesundheitspolitik, Telematik”, Bundesministerium für Gesundheit
17:50  Keynote
Big Data in der medizinischen Praxis – Die Zukunft hat bereits begonnen

Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses „Telematik“ der Bundesärztekammer
18:10  Keynote
Tracking mit Wearables: Die (all)täglichen Datensammler

Stephan Noller, Gründer und Geschäftsführer der ubirch GmbH
18:30  Podiumsdiskussion
Gläserner Patient oder Revolution in der Gesundheitsvorsorge?

Dr. Franz Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein und Vorsitzender des Ausschusses „Telematik“ der Bundesärztekammer
Prof. Dr. Dagmar Borchers, Professorin für Angewandte Philosophie an der Universität Bremen
Kai Burmeister, Teamleiter Versorgung-Verträge AOK Nordost
Burkhard Dümler, Director Development Digital Sports adidas group
Peter Schaar, Vorstand der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID)
19:35 Fazit
Matthias Kammer
19.45 Get-together mit Abendbuffet
 

Durch die Veranstaltung führen:
Lena-Sophie Müller
Geschäftsführerin Initiative D21 e.V. (Moderation Podiumsdiskussion)

Matthias Kammer
(Gesamtmoderation)

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Pressemitteilungen

Big Data in der Medizin – Antworten auf nie gestellte Fragen

2. Oktober 2015

Berlin, 02.10.2015 – Technische Geräte für Gesundheits-Tracking werden immer öfter von immer mehr Menschen genutzt. Sind diese digitalen Möglichkeiten treue Assistenten oder Trojaner an unserem Körper? Um diese Problematik ging es bei einer Diskussionsveranstaltung des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) im Berliner Meistersaal.

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Deutschland braucht einen Digitalen Kodex

15. Mai 2014

Hochkarätig besetzte Veranstaltung in Berlin: Vom Straßenkampf auf eine andere Ebene kommen Berlin, 15. Mai – Ein Digitaler Kodex, entwickelt aus einem breit gefächerten öffentlichen Diskurs unter allen Teilnehmern der Netzgesellschaft, könnte künftig die fortschreitende Digitalisierung positiv beeinflussen. Eine solche Richtschnur ist notwendig, um im Netz ein gemeinsames Grundverständnis von Fairness zu entwickeln. Diese Auffassung […]

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