Was ist ein Digitaler Kodex?

Alltagssprachlich verstehen wir unter einem Kodex eine Sammlung von Verhaltensregeln, die für eine gesellschaftliche Gruppe oder die ganze Gesellschaft Geltung besitzt. Allerdings ist ein solcher Begriff recht unscharf, sodass sämtliche geschriebenen oder ungeschriebenen Verhaltenskataloge Kodizes genannt werden könnten. Wenn man sich jedoch Kodizes ansieht, die heutzutage unter diesem Namen in Kraft sind, dann fällt auf, dass sie sich fast immer auf eine Berufsgruppe beziehen. Als Beispiele können hier der Pressekodex, der für Ärzte bedeutende Eid des Hippokrates und der Kodex zur „Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft genannt werden.1

Kodizes sind demnach Verhaltenskataloge der besonderen Art. Sie spitzen zentrale moralische Prinzipien und soziale Normen mithilfe von Praxisregeln auf ein Berufsfeld zu, sie formulieren Grundsätze des handwerklichen Könnens, und sie geben in der Regel auch an, warum diese Verhaltensregeln für diese Gruppe überhaupt aufgestellt werden: wegen der gesellschaftlich bedeutsamen Funktion eines Berufsstandes. Hinzu kommen drei Besonderheiten:

  1. Kodizes bringen in der Regel eine „externe“ Beobachtungsinstanz mit, die eine Kontrollfunktion übernimmt, beim Pressekodex zum Beispiel den Presserat. Dies dürfte auch daran liegen, dass
  2. Kodizes nicht selten von Repräsentanten des jeweiligen Berufsstandes selbst ins Leben gerufen werden, die die Umsetzung ihres eigenen Kodex im Zweifel weniger streng kontrollieren als ein Gremium, dessen Mitglieder dem Berufsstand nicht angehören.
  3. Kodizes haben mehrere Funktionen: Sie sollen eine weiter gehende Professionalisierung vorantreiben, Orientierung ermöglichen, Reflexion anstoßen, öffentlich wahrnehmbare Korrekturen anmahnen und ein Selbstbild der Profession etablieren.

Diese Auffassung des Kodex-Begriffs passt sehr gut zur Gegenwartsgesellschaft. Sie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass das meiste in ihr sich durch organisatorisches Handeln vollzieht. Die in Organisationen handelnden Menschen sind an professionelle Rollen gebunden. Personen in diesen Rollen sind dadurch in der Regel auf eine rollenspezifische Aufgabenverantwortung ausgerichtet, die ihnen durch die Organisation übertragen wird. Dies verhindert freilich nicht, dass sie als Personen moralisch verantwortlich sein können (und vielleicht auch wollen) und Aufgabenverantwortung und moralische Verantwortung konfligieren können.

Ein Kodex, der sich auf professionelles Rollenhandeln bezieht, ist insofern ein interessantes Korrektiv zu den von Organisationen formulierten Aufgabenverantwortungen, die primär über Geschäftsinteressen definiert sind. Er appelliert an professionelle Akteure, in ihrem Handeln weitere Gesichtspunkte zu berücksichtigen, die gesellschaftlich oder moralisch als relevant erachtet werden, weil diese professionellen Akteure – Ärzte, Journalisten oder Wissenschaftler – großen Einfluss auf diese gesellschaftlichen Aspekte oder moralischen Güter haben.

Um welche Aspekte oder Güter es sich bei Plattformanbietern handelt, wäre zu untersuchen. Ebenso, ob aus den genannten, sich an individuelle Akteure richtenden Verhaltens- kodizes Erkenntnisse abgeleitet werden können, die sich auf Kodizes für Organisationen bzw. die in Organisationen – Plattformen – handelnden Verantwortlichen übertragen lassen.

Der vorgeschlagene „Kodex“-Begriff ist durchaus kompatibel mit dem zentralen Moralbegriff moderner Gesellschaften: Verantwortung. Dieses Zuschreibungskonzept für Handlungsfolgen (oder Aufgaben) hat sich gegenüber anderen Begriffen, wie zum Beispiel der Pflicht, durchgesetzt, weil es das Wissen um die Relevanz von Handlungsmacht bereits impliziert. Je größer die Handlungsmacht und je weitreichender die Einflussmöglichkeiten von jemandem sind, desto mehr Verantwortung trägt er für sein Handeln oder das Unterlassen von Handlungen.

  1. Ausnahmen bilden Kodizes für spezielle kulturelle Gruppen. Solche Verhaltenskataloge (etwa ein Samurai-Kodex) richten bzw. richteten sich allerdings an Mitglieder einer Gruppe, die ihnen eine Primäridentität verleiht, an die sich ein Lebensstil knüpft. Weil sich Identitäten in modernen Gesellschaften kaum noch in dieser Weise ausbilden, sind sie im Rahmen dieser Überlegungen wenig relevant []