2. Verantwortung in der digitalen Welt

Verantwortung setzt Interessen und Ideen voraus. Aber wer verfolgt im Netz welche Interessen? Wie erkenne ich im Internet, dass jemand verantwortungsbewusst handelt, und wie kann man Verantwortung effektiv steuern?

Durch die Digitalisierung entstehen in atemberaubender Geschwindigkeit neue Handlungsoptionen, ohne dass sich zugleich schnell genug Strukturen dafür herausbilden, um zu bestimmen, wie Verantwortung für diese Handlungen zugewiesen werden kann. Dies führt dazu, dass Akteure zunächst alle sich bietenden Möglichkeiten nutzen wollen – auch um Vorteile für sich zu erlangen –, ohne aber gleichzeitig immer die Verantwortung dafür zu übernehmen. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein: Überforderung, kalkulierte Risikoweggabe, Nicht-kümmern-Wollen oder schlicht Unkenntnis über die Tragweite der eigenen Handlungen. Die im Widerspruch stehenden Vorstellungen der gesellschaftlichen Gruppen, etwa wenn es darum geht, Verantwortung für Sicherheit im Internet zu übernehmen, wurden im Rahmen der DIVSI Milieu-Studie und der DIVSI Entscheider-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet herausgearbeitet. Eines der Ergebnisse dieser Studien ist, dass Menschen Verantwortung für Sicherheit jeweils bei anderen betroffenen Akteuren sehen. Dies zeigt bereits, wie komplex und zentral es ist, die Frage zu beantworten, wie Verantwortung zugewiesen werden kann.

„Anonymität und Pseudonymität führen dazu, dass man sich anders verhält. Das muss nichts Schlechtes sein, aber echtes Verantwortungsgefühl erzeugt man erst, wenn man das Gefühl bekommt, echten Menschen gegenüberzustehen.“

Stefan Plöchinger, Chefredakteur Süddeutsche.de und Geschäftsführender Redakteur Online der Süddeutschen Zeitung, Diskussion, Öffentliche Veranstaltung München, 04.07.2013

Das Netz ist ein komplexes System und ein Wirtschafts- und Kommunikationsraum, also ein Handlungsraum mit allen denkbaren Facetten. Dieser Lebens- und Handlungsraum ist in das sonstige Dasein eingebettet. Wie in jedem anderen Teilbereich des Lebens spielt Verantwortung im Netz eine große Rolle. Wenn niemand Verantwortung trägt oder sich jeder nur für seine eigenen Belange verantwortlich fühlt, herrscht Chaos. Auch im Internet muss es daher Verantwortung geben, muss Verantwortung übernommen werden, und es müssen Konzepte für deren Verteilung und Zuordnung existieren.

Eine allgemeingültige Definition von Verantwortung gibt es jedoch nicht.1 Hier soll Verantwortung verstanden werden als die Pflicht einer Person, Institution, Korporation oder Gruppe (Verantwortungssubjekt), für bestimmte Umstände einzustehen. Verantwortung bezieht sich daher nicht auf die Handlung, sondern auf die Handlungsfolgen. Verantwortung kann unterschiedlich begründet sein, etwa durch Moral, Ethik, soziale Normen, Recht oder aus rein intrinsischen Motiven. In der Regel wird sie durch Normen zugeschrieben. Sie kann sich auf durch Handeln, Unterlassen oder auch ohne menschliches Zutun entstandene Umstände (zum Beispiel die Folgenbeseitigung bei Naturkatastrophen) beziehen. Normenverstöße haben meist Folgen und ziehen in der Regel Sanktionen nach sich, vor allem soziale oder rechtliche.

Auch wenn Verantwortung in öffentlichen Debatten gerade im Zusammenhang mit dem Internet häufig vorwiegend in juristischer Hinsicht diskutiert wird, geht Verantwortung weit über den juristischen Begriff der Haftung hinaus. Haftung setzt eine durch Recht gesetzte Pflicht zur Verantwortung voraus, bei deren Verletzung das Verantwortungssubjekt in Regress genommen werden kann (Picht 1969/2004).

Verantwortung kann jedoch auch rein intrinsisch entstehen (jemand fühlt sich aus innerem Antrieb verantwortlich) oder mit anderen als rechtlichen Mitteln zugeordnet und gesteuert werden. Von Entstehung und Zuordnung von Verantwortung zu unterscheiden sind die Sanktionen, die drohen (können), wenn der Verantwortung nicht Genüge getan wird. Einer Verantwortung nicht zu genügen, wird für den Verantwortlichen meist Folgen haben, zwingend ist dies jedoch nicht. Erst recht müssen diese Folgen nicht juristischer Natur sein. Soziale Normen etwa sind weder juristisch verbindlich, noch ziehen sie staatliche Sanktionen nach sich. Sie werden durch die Gesellschaft selbst überwacht und durchgesetzt. Die Folgen können unter Umständen gravierender sein als rechtliche Sanktionen, beispielsweise bei einem Ausschluss aus der Gemeinschaft wegen Fehlverhaltens.

  1. Siehe zu den unterschiedlichen Definitionen Wikipedia: Verantwortung, de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung. []