2.3 Verantwortung im und außerhalb des Internets

Wie neu ist „neu“, und ist „neu“ ein Wert an sich? Ist die digitale Welt nur ein Spiegelbild der realen Welt?

Dinge, die in der gegenständlichen Welt selbstverständlich sind, werden häufig hinterfragt, wenn es um das Internet als Handlungsraum geht. So auch der Begriff und das Konzept von Verantwortung.

Verantwortung ist die Pflicht einer Person, Institution, Korporation oder Gruppe, für bestimmte Umstände einzustehen. Dadurch, dass Verantwortung durch Moral oder Normen individuell oder kollektiv zugeschrieben wird, entsteht ein wichtiges Ordnungsprinzip, das auf Regeln und Grundsätzen basiert. Kann man hierauf im Internet verzichten?

Viele der zu Beginn des Informationszeitalters geprägten und bis heute gebräuchlichen Begriffe für das Internet suggerieren, dass das Internet virtuell und damit nicht real sei. Begriffe wie Cyberspace1, Datenraum, virtuelle Umgebung oder vermeintliche Antagonismen wie Cyberspace vs. Realspace legen den Schluss nahe, dass Handeln im Internet weniger oder keine tatsächlichen Konsequenzen hat. Dies hat einen Einfluss auf das Konzept von Verantwortung, auf das Verantwortungsbewusstsein der Akteure und auf die Regeln zur Zuordnung von Verantwortlichkeit. Denn wenn das Handeln keine reale Konsequenz hat, spielt Verantwortung auch keine entscheidende Rolle.

Dass dies ein Trugschluss ist, dürfte evident sein. Das Netz ist ein realer Handlungsraum, genau genommen besteht es aus einer Vielzahl zu unterscheidender Handlungsräume. Auch online ziehen Handlungen reale Auswirkungen nach sich (Goldsmith 1998, 1200). Sie können physischer oder immaterieller Natur sein, sind aber nicht weniger tatsächlich als im gegenständlichen Raum.

„Ich denke, dass den meisten Nutzern erst mal klar werden muss, dass das Internet keine irreale Welt ist. Es ist real, und daher besteht auch die Notwendigkeit, dass sich auch für das Netz allgemein geltende Regeln und Werte entwickeln.“

Tatjana Halm, Referatsleiterin Markt und Recht bei der Verbraucherzentrale Bayern, Diskussion, Öffentliche Veranstaltung München, 04.07.2013

Im Internet finden sich alle Facetten gesellschaftlichen Lebens, denn das Netz ist Teil desselben. Es ist nicht nur ein Kommunikations- oder medialer, sondern ein sozialer Raum (Mansell 2002). Die hier handelnden Akteursgruppen sind dieselben wie außerhalb des Internets (Menschen, Unternehmen, Institutionen, Politik). Internet-spezifische Verantwortungssubjekte (also Akteure, die eigene Entscheidungen auf Basis von Handlungsfreiheit und -fähigkeit treffen) gibt es bislang nicht, denn noch gibt es keine Technologien, die auf Basis künstlicher Intelligenz autonom denken und entscheiden. Alles, was im Internet passiert, ist auf menschliches Handeln zurückzuführen. Auch im Internet darf Verantwortung als Ordnungsprinzip daher weder infrage gestellt noch die Bedeutung von Verantwortung heruntergespielt werden.

„Wie spielen eigentlich im Internet die unterschiedlichen Faktoren wie soziale Normen, Code/Softwarearchitektur und formales Recht zusammen, und welche Akteure haben welche Rolle?“

Prof. Dr. Wolfgang Schulz, Direktor des Hans-Bredow-Instituts für Medienforschung und des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft, Auftaktworkshop, 03.06.2013

Das bedeutet jedoch nicht, dass konkrete Konzepte zur Beurteilung, Zuschreibung und Durchsetzung von Verantwortung im Internet keiner weiteren Überlegung bedürfen oder herkömmliche Gedankenmodelle und Systeme einfach auf das Internet übertragen werden können. Tatsächlich weist das Internet gegenüber gegenständlichen Umgebungen Besonderheiten auf, siehe die Diskussion in der Einleitung. Diese machen eine Neubeurteilung von Verantwortung in bestimmten Bereichen ebenso erforderlich wie eine Überprüfung der Mittel, mit denen Verantwortung zugewiesen werden kann. Gründe können darin liegen, dass es hier zum Teil andere Akteure gibt, sie andere Rollen einnehmen, dass sich die Akteure aufgrund der äußeren Umstände anders verhalten oder sich der Effekt von Handlungen gegenüber der gegenständlichen Welt unterscheidet.

  1. Der Begriff „Cyberspace“ wurde zu Beginn der 1980er-Jahre eingeführt und wird im Allgemeinen als Synonym für einen virtuellen Interaktionsraum (im Gegensatz zum „Realspace“) verwendet. []