3. Ein Kodex im Kontext von Plattformen

Das Netz hat viele Facetten. Es besteht aus zahllosen, sehr unterschiedlich organisierten Diensten mit variierenden Akteursgruppen und Machtstrukturen. Plattformen bilden eine wichtige Gattung in diesem komplexen System. Je nachdem, wie man den Begriff der Plattformen definiert, ist auch diese Gattung äußerst divers. Es ist hilfreich, zunächst von einem weiten Plattform-Begriff auszugehen, um die Untersuchung nicht unnötig einzuschränken.

Als Plattformen werden alle mit dem Internet in Verbindung stehenden technischen Infrastrukturen verstanden, die grundsätzlich für eine Benutzung (zum Beispiel Zugriff, Einsichtnahme und Interaktion) auch durch andere als den Betreiber geeignet oder sogar vorgesehen sind. Soziale Medien und kollaborative Projekte werden damit genauso als Plattformen verstanden wie sonstige serverbasierte Infrastrukturen jeder Art (zum Beispiel Streaming-Plattformen1, Blog-Dienste2, Foto-Communitys und sonstige Angebote rund um „User Generated Content” 3 , Cloud-Dienste sowie vergleichbare Angebote – unabhängig davon, ob es sich um Strukturen handelt, die rundfunkähnlich (“one to many“) oder interaktiv („many to many“) aufgezogen sind.4

Die große Bandbreite denkbarer Konstellationen führt zu dem Schluss, dass es das Konzept zur Zuordnung von Verantwortung im Netz ebenso wenig geben kann wie das Zuordnungskonzept für Plattformen. Gleichermaßen ist der Digitale Kodex als alternatives Regelungsmodell für das Netz oder die Plattform nicht denkbar.

Fragen wie: „Braucht Deutschland einen Digitalen Kodex (für Plattformen)?“, oder: „Ist ein Digitaler Kodex als alternatives Regelungskonzept geeignet, um Verhalten im Netz (auf Plattformen) zu steuern und Verantwortung effizient zuzuordnen?“, provozieren daher zwangsläufig drei grundlegende Gegenfragen:

  • Auf welche Bereiche des Netzes, welche Art von Plattformen, soll sich der Digitale Kodex beziehen (sachlicher Anwendungsbereich)?
  • Auf welche Problematik, auf welches Verhalten soll sich der Digitale Kodex beziehen (inhaltlicher Anwendungsbereich)?
  • Was wird unter einem Digitalen Kodex verstanden, an wen kann er sich richten, und wie kommt er zustande (Konzeption)?

Auf diese drei Gegenfragen wird im Folgenden näher eingegangen. Um sich der Frage zu nähern, auf welche Arten von Plattformen sich ein Digitaler Kodex beziehen könnte, werden zunächst Ordnungsprinzipien beleuchtet, nach denen diese variantenreiche Gattung von Online-Systemen typologisiert werden kann. Im Ergebnis wird sich zeigen, dass sich – abstrakt betrachtet – auf Aushandlungsprozessen basierende alternative Regelungskonzepte für manche Arten von Plattformen im Zweifel besser eignen werden als für andere. Gleiches gilt für die hierin zu behandelnden Regelungssachverhalte und -adressaten. Ob ein alternatives Regelungsmodell funktionieren kann und wie es konzipiert sein müsste, um Relevanz und Wirkmacht zu entfalten, hängt davon ab, auf welches Verhalten sich die Regeln beziehen und an wen sie sich richten.

Die Antwort auf die letztlich für Erfolg oder Misserfolg entscheidende Frage, wie ein Digitaler Kodex konzipiert sein müsste, hängt davon ab, für welche Dienstart, Themen und Adressaten er gelten würde. Dies ergibt eine Vielzahl konstellationsbezogen unterschiedlicher Konzepte, die man unter den Begriff „Digitaler Kodex“ subsumieren könnte. Die Herausforderung liegt schließlich darin, eines oder mehrere Konzepte zu entwerfen und deren Funktionsfähigkeit in einem Modellversuch anhand einer oder mehrerer ausgewählter Beispielkonstellationen zu untersuchen.

  1. „Streaming“ steht für ein Datenübertragungsverfahren, bei dem die Daten bereits während der Übertragung angesehen oder angehört werden können und nicht erst nach der vollständigen Übertragung. Des Weiteren werden die Daten nicht auf dem jeweils genutzten Endgerät gespeichert. []
  2. „Blog“ ist die Abkürzung von „Weblog“, einem öffentlichen digitalen Tagebuch. []
  3. „User Generated Content“ steht für Inhalte, die von Nutzern erstellt werden (im Gegensatz zu Inhalten von Plattform-Betreibern).  []
  4. Siehe zum Begriff und zu dessen weiterer Erläuterung das im Projekt erstellte Themenpapier (Weitzmann 2013). []