Interview mit Dr. Jan-Hinrik Schmidt: Soziale Medien sind eine Art öffentlicher Raum

Social Media bestimmt einen großen Teil der Aktivitäten im Internet. Aus Sicht der Anbieter gesehen: Wer ist der ideale Nutzer?

Jan-Hinrik Schmidt: Die Antwort müsste sich jeder Anbieter selbst geben – das hat etwas mit dem Geschäftsmodell und den Nutzungsversprechen zu tun. Wenn man sich die dominierenden Geschäftsmodelle in den sozialen Medien anguckt, hat der ideale Nutzer oder die ideale Nutzerin aktiv zu sein – möglichst oft und möglichst viel. Die Geschäftsmodelle beruhen in der Regel darauf, dass man eine aktive Nutzerschaft mit vielen kommunikativen Aktivitäten vorweisen kann. Als Nebenprodukt fallen viele Daten an. Die Nutzeraktivität kann man analysieren und dann sagen: Wir haben bestimmte Zielgruppen und Nutzersegmente, für die wir sehr zielgenau Werbung anbieten können.

Gibt es denn auch Nutzer, die zu viel mitmachen und dadurch den Ablauf stören?

JHS: Es gibt sicherlich unterschiedliche Störungen für Social-Media-Anbieter. Auf der einen Seite diejenigen, die sich registrieren, aber dann nicht mehr wiederkommen oder das Angebot nur sporadisch nutzen: Da wird aus Sicht der Anbieter das Potenzial nicht ausgeschöpft. Auf der anderen Seite Nutzer, die zu viel mitmachen und mitbestimmen wollen. Die sich zum Beispiel dagegen wehren, dass Privatsphäre-Einstellungen geändert werden. Sie stören, weil sie Forderungen stellen, die die Anbieter letztlich nicht erfüllen wollen.

Was können denn Nutzer im Gegenzug von einer Social-Media-Plattform erwarten?

JHS: Die meisten Nutzer, gerade bei den großen Plattformen, erwarten, dass sie ein Werkzeug bekommen, das stabil ist, funktioniert und ihre kommunikativen Zwecke erfüllt. Zum Beispiel: Ich will alte Freunde wiederfinden, ich will mich austauschen. Das bezieht sich auch auf das Technische, also die Usability. Zusätzlich ist eine Plattform aber auch ein kommunikativer und sozialer Raum, der bestimmte Strukturen vorgibt, in dem ich mich aufhalte und eine Identität entwickle. Ich verstehe mich als Nutzer von Facebook, von Twitter oder von Tumblr. Es bilden sich auf den Plattformen eigene Normen und soziale Strukturen heraus.

Es gibt Nutzer, die weiter gehende Erwartungen haben, wie Datensicherheit, Mitwirkungsmöglichkeiten im Sinne von Adaptionsmöglichkeiten, Privatsphäre-Einstellungen und so weiter – das ist aber eine Minderheit. Sie tritt vor allem dann auf, wenn die Anbieter grundlegende Änderungen vornehmen, zum Beispiel an den Privatsphäre-Einstellungen oder am Design. Das ist aber von Plattform zu Plattform und von Nutzergruppe zu Nutzergruppe unterschiedlich.

Wenn sich nur eine kleine Gruppe bewusst einmischt, ist es dann überhaupt angemessen, dass man von den Anbietern verlangt, dass sie die Wünsche der Nutzer mit einbeziehen?

JHS: Soziale Netzwerke sind in den letzten Jahren zu einer ganz zentralen Infrastruktur für Öffentlichkeit geworden, die in großem Maße die Privatsphäre und die persönlichen Bereiche der Nutzer berührt. Sie sollten nicht rein nach marktlichen Gesetzmäßigkeiten strukturiert werden. Deshalb muss man die Nutzer als Bürger verstehen und begreifen, dass sie ein Mitbestimmungsrecht haben sollten, weil es zentrale Bereiche ihres Lebens angeht.

Im Moment kollidieren zwei unterschiedliche Rollen: die Kundenrolle und die Bürgerrolle. Der Fokus liegt gegenwärtig ganz klar auf der Kundenrolle. Das Argument der Plattform-Betreiber ist: Ihr müsst diese Plattform ja nicht nutzen, ihr könnt sie jederzeit verlassen. Das übersieht, dass die Plattformen so zentral für den Alltag vieler Nutzer sind, dass es oft nicht möglich ist zu sagen: Ich nutze es nicht mehr, ich ziehe mich raus. In bestimmten Altersgruppen oder Szenen isoliert man sich, wenn man auf der Plattform nicht ist.

Wo sind die Grenzen der Öffentlichkeit? An welchem Punkt können die Anbieter von ihrem „Hausrecht“ Gebrauch machen? Ist ein soziales Netzwerk eher wie eine Fußgängerzone oder wie eine Kneipe?

JHS: Die Betreiber von sozialen Medien müssen genauso wie der Wirt der Kneipe abwägen, will ich hier mein Hausrecht durchsetzen und es so machen, wie ich es will, oder höre ich auf meine Kundschaft. Andererseits gibt es auch im privatwirtschaftlichen Raum einer Kneipe gesetzliche Regeln, wie zum Beispiel, ob dort geraucht werden darf oder nicht. Hier greift der Staat aus übergeordneten Überlegungen in das Hausrecht des Wirts ein. In dem Fall: Wir wollen die Besucher schützen. Das allgemeine Interesse steht über dem Individualinteresse des Wirts als Geschäftsmann.

Ich sehe Facebook ebenfalls nicht als reines Privatangebot. Neben der Funktion als quasi öffentlicher Nutzerraum stellen auch Organisationen und Institutionen relevante Informationen bereit. Das bedeutet, dass klassisch publizistische Funktionen in die sozialen Medien wandern und sie zu einem ganz wesentlichen Bestandteil von Öffentlichkeit machen. Das sind alles Gründe, weshalb reine privat- und marktwirtschaftliche Gesichtspunkte nicht ausreichen.

Zusammengefasst: An welchen Punkten sehen Sie konkret Bedarf für Mitbestimmung?

JHS: Ich sehe drei wichtige Punkte: erstens die Voreinstellungen, also was per default öffentlich und was privat gemacht wird – was können alle sehen, was nur bestimmte Leute. Zweitens die Frage der Algorithmen, die mir bestimmte Informationen anzeigen und andere ausblenden, zum Beispiel bei Facebooks Newsfeed. Und drittens geht es um die Transparenz bei der Verwendung von privaten Daten. Was passiert damit? Das muss für mich als Nutzer transparent sein. Die Anbieter müssen mich konkret informieren, was sie mit den Daten in den unterschiedlichen Situationen anstellen.

Muss man den Firmen nicht ein Stück Unabhängigkeit zugestehen? Wir verlangen ja auch nicht von Coca-Cola, das Geheimrezept herauszugeben.

JHS: Transparenz muss nicht heißen, dass man komplett alles offenlegt, also den Programmcode, die Algorithmen und so weiter. Man kann den Nutzerinnen und Nutzern vermitteln, wie bestimmte Dinge grundsätzlich funktionieren: was zum Beispiel mit den Daten passiert, welche Informationen angezeigt werden. Für die allermeisten Nutzerinnen und Nutzer wäre das schon ein Transparenzgewinn. Dafür muss man dann nicht das geheime Rezept offenlegen.

Außerdem gibt bei Web-Plattformen die technische Struktur nur den Rahmen vor. Der Erfolg von Facebook besteht mindestens zu 50 Prozent in den Inhalten der Nutzer. Das Besondere ist nicht zwingend, dass die Oberfläche von Facebook besonders gut programmiert ist, sondern dass meine Freunde dort sind, aber auch Informationsanbieter wie „Zeit Online“, die SPD und iRights.info und so weiter. Das heißt, selbst wenn Facebook zum Beispiel den Algorithmus für den Newsfeed offenlegen würde und andere Anbieter ihn nachbauen könnten, würden sie Facebook nicht kopieren können. Sie hätten nämlich nicht ausreichend Nutzer, und die bekommt man nicht so ohne Weiteres.

Digitale Räume werden über Algorithmen, über Strukturen, über das, was vorgegeben wird, gestaltet – Stichwort „Code is law“ oder „Privacy by design“. Auf der anderen Seite gibt es das kodifizierte Recht. Was ist heute wirksamer? Die Vorgaben von Facebook oder das Recht?

JHS: Das kommt darauf an. Recht kann grundsätzlich wirksamer sein, wenn es umgesetzt und sanktioniert wird. Wir haben aber das Problem, dass wir es mit nationalen und EU-weiten rechtlichen Rahmenbedingungen zu tun haben, die aber gegenüber global agierenden Akteuren im Netz schwer durchzusetzen sind. Recht ist zwar in der Theorie stärker, faktisch aber wird es überstimmt. Da kommen die Geschäftsbedingungen von Facebook, die dieses privatwirtschaftliche Kundenverhältnis regulieren, ins Spiel.

Wir haben dieses Viereck: Law, Contract, Code und Social Norms (Gesetze, Verträge, Code und soziale Normen, Anm. d. Red.). Contract und Code liegen im Wesentlichen in der Gestaltungsmacht des Anbieters, während Recht und soziale Normen außerhalb des Einflusses von Facebook liegen. Im Moment übertrumpft Code das Recht, weil wir es mit einer Situation zu tun haben, in der sich das Recht nicht durchsetzen kann.

Fällt das Recht damit komplett aus?

JHS: Recht kann möglicherweise nicht mit den einzelnen Änderungen Schritt halten, aber es ist dafür zuständig, bei den großen Fragen hereinzugrätschen, wenn es sein muss. Die Folgerung wäre sonst, dass man gleich alles dem Markt überlassen kann – und den Entwicklern und den Juristen von Facebook, die die Verträge und Geschäftsbedingungen aufsetzen. Das Recht gibt einen übergeordneten Rahmen vor, gewisse Grundstrukturen, die das Bewusstsein der Nutzer schärfen. Dadurch, dass es generell eine Datenschutzgesetzgebung gibt, wird klargemacht, dass informationelle Selbstbestimmung wichtig ist. Das prägt das Bewusstsein der Nutzer und sorgt vielleicht dafür, dass einige irgendwann sagen: Moment mal, Facebook, wir hätten gerne mehr Möglichkeiten, unsere Privatsphäre zu schützen.

Wie kann man denn die Anbieter dazu bringen, dass sie sich beim Datenschutz und bei der Transparenz öffnen? Welche Anreize gibt es?

JHS: Grundsätzlich könnte man sagen, dass die Kunden stärkeres Vertrauen fassen und länger auf der Plattform bleiben, wenn die Anbieter zum Beispiel Datenschutz fördern oder ihre Nutzungen transparent halten – also das Argument Kundenbindung. Es gibt dafür aber keine empirischen Beweise.

Facebook könnte dann sagen: Das ist uns total egal, weil die sowieso alle bei uns sind.

JHS: Darauf kann man antworten, dann müsst ihr damit rechnen, dass ihr Probleme mit dem deutschen und europäischen Datenschutz bekommt. Es muss ganz klar sein: Wenn eine Firma in Europa aktiv sein will, muss sie sich an die Vorgaben halten. Letztlich müsste man mit Sanktionen drohen. Es ist natürlich möglich, dass eine Firma sagt, wir vergessen Deutschland und konzentrieren uns auf andere Länder, wo wir nicht solche Probleme haben. Auf der anderen Seite ist Deutschland – und Europa – ein wichtiger Markt. Letzten Endes kann sich eine Firma nicht sicher sein, was in zwei oder drei Jahren passiert. Eventuell gibt es dann andere Anbieter, die attraktiver sind, sodass ein Anbieter immer darauf achten muss, Schwachpunkte zu verbessern.

Dr. Jan-Hinrik SchmidtDr. Jan-Hinrik Schmidt
ist wissenschaftlicher Referent für digitale interaktive Medien und politische Kommunikation am Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg. Nach seinem Studium der Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg und der West Virginia University (USA) promovierte er 2004 mit einer Arbeit über lokalbezogene Internet-Angebote. Von 2005 bis 2007 war er stellvertretender Leiter der Forschungsstelle „Neue Kommunikationsmedien“ an der Universität Bamberg. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Online-Medien, und hier insbesondere in den Veränderungen, die soziale Medien wie Facebook, Twitter oder YouTube für Beziehungen, Informationsverhalten, politische Teilhabe und gesellschaftliche Öffentlichkeit bringen. Ergebnisse seiner Forschungsarbeit sind in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen veröffentlicht; sein jüngstes Buch „Social Media“ richtet sich aber ausdrücklich an nichtwissenschaftliche Zielgruppen, die die Entwicklungen des Internets in den letzten Jahren verstehen und eingeordnet sehen wollen. Aktuelle Informationen sind auch in seinem Blog unter www.schmidtmitdete.de zu finden.