Interview mit Dr. Malte Ziewitz: Regeln werden immer ausgehandelt

Sie haben als Wissenschaftler sehr viel zum Thema Bewertungssysteme gemacht. Was ist das eigentlich genau?

Malte Ziewitz: Heutzutage gibt es so gut wie nichts, was man nicht bewerten kann im Internet. Hotels, Bücher, Waschmaschinen, Ärzte, Rechtsanwälte, Exfreunde, Restaurants, Frisuren, Lehrer – immer öfter werden Nutzer nach einem Werturteil gefragt, das dann auf einer Webseite veröffentlicht wird. Wie war der Mathe-Professor? War das Buch anständig verpackt? Würden Sie diese Pizzeria weiterempfehlen? Das geschieht meistens im Namen von hehren Zielen. So sollen Nutzerbewertungen zum Beispiel Transparenz schaffen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen oder den Ungehörten Gehör verschaffen. In der Praxis sieht das häufig etwas anders aus. Und genau das ist es, was mich interessiert: Was passiert, wenn Dienstleistungen, Produkte und Menschen auf einmal öffentlich bewertet werden? Wie bringt man so ein System zum Laufen? Und wie verlagern sich Machtverhältnisse, Probleme und Verantwortlichkeiten in der alltäglichen Nutzung?

Haben Sie möglicherweise ein paar allgemeine Erkenntnisse, welche Voraussetzungen vorliegen müssen, damit sich Leute an solchen Bewertungssystemen beteiligen? Ist das nur persönliche Betroffenheit, oder geht es auch um Usability?

MZ: Die Beteiligung ist in der Tat ein großes Problem für viele Betreiber. Das hat sich auch in meinen ethnografischen Studien gezeigt. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit war Patient Opinion, ein unabhängiges Social Enterprise, das 2005 in Großbritannien gegründet wurde (www.patientopinion.org.uk). Patient Opinion hat sich zum Ziel gesetzt, das britische Gesundheitswesen und damit vor allem den National Health Service (NHS) zu verbessern. Das soll dadurch geschehen, dass Patienten, Angehörige und Mitarbeiter die Möglichkeit haben, auf der Patient-Opinion-Webseite ihre Erfahrungen mit Krankenhäusern und bestimmten anderen Gesundheitsdiensten zu veröffentlichen.

Nun ist es aber nicht selbstverständlich, dass sich Leute, in diesem Fall Patienten, zu einer Webseite begeben und dort aufschreiben, was gut und was schlecht gelaufen ist. Das ist harte Arbeit. Sie müssen sich hinsetzen und eine kleine Geschichte schrei- ben. Sie müssen sich damit wohlfühlen, diese Geschichte unter einem Pseudonym zu veröffentlichen und womöglich doch erkannt zu werden.

Ich hatte am Anfang meiner empirischen Feldarbeit die Vorstellung, dass das Management solcher Plattformen vor allem eine technische Herausforderung ist. Dem war aber nicht so. Was das Team von circa acht bis zehn Leuten da wirklich macht, hat weniger mit Internet und Web zu tun als mit Marketing und einer gehörigen Portion Idealismus. Ein Großteil der Arbeit bestand darin, durch das Land zu reisen, mit Patientengruppen zu reden, bei Funktionären und Politikern vorzusprechen, Workshops in Krankenhäusern zu veranstalten. Das Patient-Opinion-Team nutzte dafür alle möglichen Kanäle. Das waren neben den Reisen vor allem eine aktive Twitter-Präsenz, gelegentliche Gastbeiträge in großen Zeitungen, Vorträge auf Konferenzen, Flyer in Wartezimmern und so weiter. Das ist ein Riesenaufwand.

Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen Recht und Technik? Ist das Recht der bestimmende Faktor oder die Technik? Durch technische Voreinstellungen kann man sehr viel beeinflussen. Hat das Recht da überhaupt eine Chance?

MZ: Meine Erfahrung ist, dass man Recht und Technik zwar analytisch ganz gut auseinanderhalten kann. In der Praxis ist das aber schwer bis unmöglich. Was wir in der Regulierungstheorie als rechtliche und technische Aspekte verstehen, ist praktisch oft miteinander verschränkt. Voreinstellungen oder technisches Design spielen natürlich eine Rolle. Sie entstehen aber nicht im luftleeren Raum.

Nehmen Sie das Beispiel Patient Opinion. Jede Bewertung wird vor ihrer Veröffentlichung vom Team moderiert. Das heißt, je nach Bedarf wird der Text des Postings vom Team so redigiert, dass er bestimmte Anforderungen erfüllt. Dabei spielt natürlich das englische Haftungsrecht eine große Rolle, ist aber keinesfalls allein entscheidend. Es geht vielmehr darum, den bestmöglichen Kompromiss zwischen den vielen relevanten Lesarten und Nutzergruppen zu finden: Die Autoren sollen nicht zensiert werden, die Mitarbeiter im Krankenhaus nicht beleidigt sein, ein Besucher der Webseite sollte gleich verstehen, um was es geht, ein klagefreudiger Anwalt sollte keinen Grund haben, aktiv zu werden, und in die Datenbankarchitektur muss es auch noch passen mit den richtigen Tags und Stichwörtern.

Sowohl Technik als auch Recht sind also nur ein Gedanke unter vielen, und sie treten in dieser reinen Form nur äußerst selten in Erscheinung. Natürlich gibt es für die Moderation interne Richtlinien, eine sogenannte „editorial policy“. Diese Regeln wirken aber weniger als konkrete Handlungsanweisung, sondern vielmehr als rhetorische Legitimation. Wenn zum Beispiel jemand mit einem moderierten Posting nicht einverstanden ist, ist es ganz praktisch, sagen zu können: „Sorry, aber unsere Editorial Policy verlangt das.“

Glauben Sie, dass wir in Deutschland zusätzliche gesetzliche Regelungen brauchen?

MZ: Meine empirische Forschung hat sehr viele meiner Annahmen über Regulierung auf den Kopf gestellt. Der Regulierungsdiskurs basiert auf dem Gedanken, dass man Probleme allgemein definieren und angehen kann. In der Praxis ist es so, dass es zwar viele Probleme gibt, dass diese aber oft nur schwer zu verallgemeinern sind. Um beim Beispiel von Patient Opinion zu bleiben: Natürlich beschweren sich die Mitarbeiter manchmal, dass das Libel Law (Ehrschutz) in England sehr strikt ist und man das eigentlich lockern könnte. Auf der anderen Seite ist aber die außergewöhnliche Sorgfalt und Fairness, mit der sich das Team um einzelne Bewertungen kümmert, auch sein Markenzeichen.

Das Problem „Gesetzliche Regelungen – ja oder nein“ basiert letztlich auf einer Beschreibung, die nicht aus den spezifischen Zusammenhängen der Praxis kommt, sondern aus einem Regulierungsdiskurs, der sich in weiten Teilen selbst trägt. Viele der Regeln funktionieren wunderbar in Policy-Meetings, Positionspapieren und Debatten. Nur erfüllen sie dort häufig ganz andere Zwecke, als wir uns das in der Praxis vorstellen.

Im Netz haben sich Verhaltensweisen herausgebildet, die nicht rechtlich festgeschrieben sind. Ist das die adäquate Art und Weise, wie Regeln gefunden und festgelegt werden sollen? Ist das ein festes Regelwerk, oder verändert sich das?

MZ: Wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wie man es benutzt. Allein unsere Vorstellungen von einer „Regel“ sind ja schon sehr vielschichtig. Eine sehr populäre Sichtweise ist zum Beispiel, sich Regeln als eine Art moralischen Wegweiser vorzustellen, den Leute verinnerlichen, um dann in konkreten Situationen danach zu handeln. Eine andere Möglichkeit ist, Regeln vor allem als Beschreibung zu sehen, die regelmäßiges oder typisches Verhalten wiedergibt. Außerdem werden Regeln häufig als praktisches Werkzeug benutzt, mit dem wir bestimmtes Verhalten relativ einfach als gut oder schlecht beschreiben können. Das ist ein bisschen so wie in den Wirtschaftswissenschaften, wo es nicht so sehr darum geht, ob die ökonomischen Modelle nun mit irgendeiner Wirklichkeit übereinstimmen, sondern vielmehr dem Betrachter ein probates Mittel an die Hand geben, um zu sagen, was effizient ist und was nicht.

Die Medienwissenschaftlerin Danah Boyd hat gerade ein Buch veröffentlicht („It‘s Complicated: The Social Lives of Networked Teens“), das sich mit Teenagern in sozialen Netzwerken auseinandersetzt. Was sie dabei herausbekommen hat, ist faszinierend – vor allem, weil sie einige weitverbreitete Annahmen über die Gefährdung von Jugendlichen kritisch hinterfragt. Boyd zeigt zum Beispiel, dass ihre Gesprächspartner in Sachen Datenschutz und Privacy auf Social-Networking-Seiten eine Vielfalt an eigenen Strategien entwickelt haben. Diese drehen sich aber nicht so sehr um grobe Kategorien wie „öffentlich“ oder „privat“, sondern um die Möglichkeit, bestimmten Äußerungen und Interaktionen einen eigenen Sinn zu geben. Das findet nicht auf der Ebene von universellen Regeln, staatlicher Kontrolle oder einem Kodex statt. Der würde vielleicht sogar wohlwollend ignoriert werden. Stattdessen haben sie ihre kleinen Tricks im Alltag, die wir besser verstehen müssen. Was steckt dahinter, wenn ein Jugendlicher regelmäßig die Postings des Vortages löscht? Warum deaktivieren manche Nutzer ihren Account nach jeder Session, anstatt sich auszuloggen? Solche Praktiken sind schwer mit einem Kodex zu fassen.

Würde es helfen, wenn ein Kodex zwischen mehreren Parteien ausgehandelt wird?

MZ: Das würde im Prinzip nichts ändern. Regeln werden ja immer irgendwie ausgehandelt – sogar und vor allem dann, wenn sie einmal festgeschrieben waren. Das ist ein häufiges Missverständnis, dass Regeln deterministisch funktionieren. Wenn ich dies und das tue, dann passiert dies und das. Dieses Wenn-Dann suggeriert, dass da irgendwie ein Automatismus am Werk ist. In der Praxis funktioniert das aber nicht so. Was zum Beispiel sind „persönliche“ Daten? Wo fängt Cyberbullying an, wo hört die Meinungsfreiheit auf? Keine Regel ohne Aushandlungsprozess.

Das verweist übrigens auf eine weitere sehr produktive Funktion von Kodizes: Es geht nicht darum, einmal Regeln zu schaffen, die dann für die Ewigkeit angewendet werden. Vielmehr ist das Arbeiten an Regeln selbst ein Instrument, um sich mit schwierigen Fragen auseinanderzusetzen. Schon in der Diskussion über einen Kodex können viele Sachen zur Sprache gebracht werden, die sonst wahrscheinlich nur schwer zu thematisieren wären.

Das sind alles eher weiche Funktionen eines Kodex. Könnte denn ein Digitaler Kodex Recht tatsächlich ersetzen, wenn es um richtig harte Sachen geht, zum Beispiel um Datenschutz? Wenn wir nicht nur über Beteiligung sprechen, sondern über den Schutz elementarer persönlicher Daten? Oder braucht man da auf jeden Fall das Recht?

MZ: Das kommt darauf an. Wenn man von Recht spricht, verbirgt sich dahinter ja ein komplexes Gefüge von Institutionen, Rollen, Gewohnheiten, Praktiken und Menschen, die oft über Jahre trainiert wurden, „rechtlich“ zu denken. Recht ist also nicht nur das, was im Gesetz steht, sondern vor allem auch eine handfeste Infrastruktur. Ein Text allein, ein Dokument, ein Digitaler Kodex kann da natürlich nicht ohne Weiteres mithalten. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Institutionen, die vielleicht mit einem Kodex mehr anfangen können. Familien, Freunde, Lehrer, Kollegen sind da häufig viel näher dran.

Dr. Malte ZiewitzDr. Malte Ziewitz
ist Postdoctoral Research Fellow am Department of Media, Culture, and Communication und dem Information Law Institute der New York University. Sein Interesse gilt vor allem alltäglichen und nicht offensichtlichen Formen von Regulierung und Governance in digital vernetzten Umgebungen. In seiner Dissertation beschäftigte er sich mit der Rolle von Bewertungsplattformen im Gesundheitswesen und dem Suchmaschinenmarketing, die er in einer Reihe von Fallstudien ethnografisch untersuchte. Dazu kommen Arbeiten zur Vermachtung und Politisierung von Algorithmen, der Geschichte und Performativität von Internet-Governance-Diskursen, dem Potenzial von „crowd wisdom“ in der Regulierung, den Herausforderungen von „differential privacy“ in der Analyse sozialwissenschaftlicher Datensätze und das ESRC-geförderte „How’s My Feedback?“-Projekt. Malte Ziewitz hat in Hamburg (1. Juristisches Staatsexamen), Harvard (M.P.A.) und Oxford (D. Phil.) studiert. Im Juli 2014 beginnt er als Assistant Professor am Department of Science & Technology Studies der Cornell University.