Themen: Vermessung der Netzwelt 

Kurzüberblick

Vertrauen in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung

9. September 2016

Geleitwort

Überall da, wo sich Menschen begegnen, spielt Vertrauen eine wichtige Rolle. Das gilt zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern, unter Nachbarn und Kollegen, aber natürlich auch gegenüber Firmen, im Handel und in der Wirtschaft. Wenn wir immer damit rechnen müssten, dass Produkte nichts taugen, Verträge nicht eingehalten werden und Lieferungen nicht kommen, wäre vieles in unserem Alltag schwerer, umständlicher und aufwendiger. Länder, in denen die Menschen einander in der Regel vertrauen können, sind ökonomisch erfolgreicher als Länder, in denen ein hohes Maß an Misstrauen untereinander herrscht und man immer mit dem Schlimmsten rechnen muss. Vertrauen verringert Transaktions- und Kontrollkosten, fördert Handel und Wandel, die Entwicklung der Finanzmärkte und das Wachstum der Wirtschaft.

Da Vertrauen in der Wirtschaft eine mindestens genauso große Rolle spielt wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, ist es kein Wunder, dass sich auch die Wirtschaftswissenschaft und die Managementliteratur immer wieder mit dem Thema beschäftigt haben. In dem Überblick, der hier vorgestellt wird, nähern sich Anja Ullrich und Manuel Schubert ihm aus einem ganz spezifischen Blickwinkel, nämlich aus der Perspektive der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung: Was begünstigt die individuelle Entscheidung, einer anderen Person, einer Organisation oder einem Unternehmen zu vertrauen? Um diese Frage zu beantworten, haben die beiden eine Vielzahl von Studien aus der Verhaltensökonomie und aus der Organisationsforschung ausgewertet. Schon das ist ausgesprochen hilfreich. Um die Anreize und Risiken, die jeweils in den Befunden genannt werden, besser einordnen zu können, nutzen sie ein spieltheoretisches Modellgerüst, das zusätzliche Einsichten in das Zusammenspiel von Vertrauen und Risikokalkül ermöglicht.

Vertrauen, sagt die Forschung, basiert auf Wissen, das es erlaubt, das Verhalten des anderen besser einzuschätzen und Risiken realistisch zu kalkulieren, auf Kompetenz, also auf der Fähigkeit des Gegenübers, tatsächlich vertrauenswürdig zu handeln, und auf einer Umgebung, die vertrauensvolle Beziehungen ermöglicht. Für das digitale Zeitalter lässt sich daraus ableiten, dass die Akzeptanz neuer Technologien, Produkte und Dienstleistungen in einem hohen Maße dadurch bestimmt wird, wie sich die Anbieter in der Vergangenheit verhalten haben. Während bekannte Namen hier Vorteile genießen, weil niemand annimmt, dass sie ihr positives Image leichtfertig aufs Spiel setzen wollen, müssen sich neue Anbieter einen guten Ruf und damit Vertrauen erst erarbeiten. Sie haben es also grundsätzlich schwerer, auch wenn der steile Aufstieg von Facebook, WhatsApp oder Snapchat das kaum glauben lässt. Hebelt die Strategie, Dienste – jedenfalls vordergründig – unentgeltlich anzubieten, all das aus, was wir aus der Forschung wissen, weil das Risiko, Geld zu verlieren, dann für die Nutzer nicht gegeben ist? Auch Portale, auf denen sich Anbieter und Nachfrager gegenseitig bewerten und die Transaktionen zwischen Menschen abwickeln, die sich nicht persönlich kennen, sollen das Risiko mindern, an den Falschen zu geraten und womöglich Geld zu verlieren. Wo konkrete Erfahrungen fehlen, um Risiken einigermaßen einschätzen zu können, braucht es offenbar alternative Instrumente, damit Transaktionen massenhaft zustande kommen. Der Forschung, deren aktueller Stand in diesem Heft bilanziert wird, geht also die Arbeit nicht aus.

Anja Ullrich, die vor einigen Jahren über „Vertrauen und Krise“ promoviert hat, ist heute als Leiterin der Verwaltung bei einem innovativen Unternehmen in der Lasertechnikbranche tätig; Manuel Schubert, der unter anderem an der Konstruktion eines Vertrauensindex mitarbeitet (wie schon sein Beitrag über „Vertrauensmessung in der digitalen Welt“ in der DIVSI-Schriftenreihe erkennen ließ), arbeitet als Verhandlungsberater bei TWS Partners und ist externer Post-Doc und Lehrbeauftragter an der Universität Passau. Beiden ist für die sorgfältige Auswertung der einschlägigen Forschungen sehr zu danken, und ihrem instruktiven Überblick sind viele Leserinnen und Leser zu wünschen.

Dr. Göttrik WewerGöttrik Wewer
Hamburg, im August 2016

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Der Autor

Dr. Manuel Schubert

Dr. Manuel Schubert

geb. 1981
Wirtschaftswissenschaftler; Verhandlungsberater bei TWS Partners AG, München; Externer Post-Doc und Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Volkswirtschaftstheorie an der Universität Passau

Inhaltliche Schwerpunkte: Verhaltensökonomik, Experimentelle Ökonomik, Spieltheorie, Entwicklungs- und Konfliktforschung

Dr. Anja Ullrich

Dr. Anja Ullrich

geb. 1980
Wirtschaftswissenschaftlerin; Leiterin Zentrale Dienste und Verwaltung eines Unternehmens in Berlin; Durchführung des DFG-geförderten Projekts „Die Organisation in der Krise“

Inhaltliche Schwerpunkte: Organisationstheorie, Strategisches Management, organisationale Krisen- und Vertrauensforschung

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