1.1 Hintergrund und Aufgabenstellung der Studie

Die Digitalisierung des Alltags ist in den Familien und damit auch bereits bei kleinen Kindern angekommen – fast alle von ihnen wachsen heute umgeben von digitalen Medien auf. Wie sie aber in die digitale Welt hineinwachsen, von wem sie dabei begleitet werden und ob ihnen auf diesem Weg eher Vorbehalte oder Optionen aufgezeigt werden, ist bislang nicht umfassend empirisch untersucht worden. Die vorliegende Studie beleuchtet daher erstmals die digitale Sozialisation 3- bis 8-jähriger Kinder in Deutschland.

Die in 2014 veröffentlichte DIVSI U25-Studie1 hat gezeigt, dass das Internet und der Umgang mit mobilen Endgeräten im Alltag 9- bis 13-Jähriger etabliert sind und bis zum Jugend- und jungen Erwachsenenalter rapide an Bedeutung gewinnen. Um zu verstehen, wann und unter welchen Voraussetzungen digitale Medien im Alltag von Kindern zur Selbstverständlichkeit werden, muss also noch deutlich früher angesetzt werden. Die DIVSI U9-Studie untersucht somit die ersten Phasen eines eigenständigen Umgangs mit digitalen Medien und insbesondere dem Internet und zeigt, welche weichenstellenden Entwicklungsschritte dabei auszumachen sind. Des Weiteren legt die Studie einen Schwerpunkt darauf, wie und von wem Kindern die Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien und im Online-Verhalten vermittelt wird. Dabei wird auch geklärt, was aus Elternsicht eigentlich digitale Kompetenz bedeutet und umfasst.

„Digitale Medien und kleine Kinder“ ist in der (medialen) Öffentlichkeit ein kontrovers diskutiertes Thema – die Debatten spitzen sich häufig auf die Frage zu, ob digitale Medien Kindern grundsätzlich nützen oder eher schaden. Streitpunkte sind dabei unter anderem eine „zu inflationäre“ oder auch „zu frühe“ Nutzung digitaler Medien und des Internets2 sowie eine möglicherweise schon früh angelegte digitale Chancenungleichheit durch Restriktionen beim Zugang zum Internet – sei es, weil die finanziellen Mittel zur Bereitstellung der Geräte fehlen oder weil zu große Vorbehalte und Unsicherheiten bei den vermittelnden Akteuren (z.B. Eltern oder Lehrern) bestehen.

Um diese Kontroversen empirisch zu beleuchten und Handlungsoptionen aufzuzeigen, ist es notwendig, den gelebten digitalen Alltag in Familien in Deutschland anschaulich zu dokumentieren und zugehörige Einstellungsmuster und Verhaltensweisen von Eltern und Kindern vor dem Hintergrund unterschiedlicher Lebenswelten zu verstehen.

Die Ergebnisse der DIVSI U25-Studie zeigten eindeutige Unterschiede in der Art und Weise der Nutzung digitaler Medien entlang der formalen Bildungsgrade und der jeweiligen Lebenswelt von Kindern über 8 Jahren, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In der jetzt vorgelegten U9-Studie wird entsprechend die Frage gestellt, wie der Grundstein für den Umgang mit digitalen Medien gelegt wird und inwiefern sich die soziale Herkunft schon bei 3- bis 8-jährigen Kindern als Gatekeeper für digitale Teilhabe erweist. Die Ergebnisse der DIVSI U9-Studie sollen somit auch die Debatte um die Rolle digitaler Medien für die Chancengleichheit und die sozialen Teilhabemöglichkeiten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorantreiben.

Die DIVSI U9-Studie legt damit ein umfassendes empirisches Fundament für das gesellschaftlich viel debattierte Thema „Kinder und digitale Medien“. Sie erhebt nicht nur die faktische Nutzung digitaler Medien durch Kinder, das heißt den Umgang mit Endgeräten, die jeweilige Nutzungsdauer und die Aktivitäten im Netz, sondern verknüpft diese Erkenntnisse – über den Milieu-Ansatz3 – mit den Wertorientierungen der Eltern und beleuchtet damit die Bedeutung der digitalen Lebenswelt der Eltern als prägendes Moment für die Art und Weise, wie Kinder an digitale Medien herangeführt werden. Die Differenzierung der Erkenntnisse nach DIVSI Internet-Milieus liefert zudem eine Handlungsbasis für zielgruppengerechte Maßnahmen zur Sensibilisierung von Eltern und Kindern einerseits sowie außerfamiliären Institutionen andererseits.

  1. Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (2014): DIVSI U25-Studie – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt. Hamburg. [↩︎]
  2. Zur Abgrenzung und zum Verständnis des Forschungsgegenstandes digitaler Medien im Rahmen dieser Studie siehe Kapitel 1.3. [↩︎]
  3. DIVSI (2012): DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet. Hamburg. Im Zuge der DIVSI Milieu-Studie wurde erstmalig ein Milieu-Modell auf Basis der Kombination von Einstellungstypologien hinsichtlich des Internets und sozialer Milieus entwickelt. [↩︎]