1.3 Die Konzeption der Studie: Kinder und digitale Medien als Forschungsgegenstand

Kinder als Forschungsgegenstand und Forschungsgegenüber

Das Thema „Kinder und digitale Medien“ ist bereits Gegenstand verschiedener empirischer Studien. Im Fokus stehen dabei zumeist Befragungen der Eltern – Befragungen von Kindern unter 9 Jahren zur Mediennutzung und -wahrnehmung sind hingegen noch Mangelware.1 Die DIVSI U9-Studie füllt diese Lücke und weist damit auf zwei wesentlichen Ebenen Alleinstellungsmerkmale auf: Zum einen ist dies die erste Studie, die sich mit einem breit angelegten qualitativen und quantitativen Forschungsansatz der Nutzung digitaler Medien von sehr jungen Kindern widmet. Die bisherigen, vorwiegend quantitativen Forschungen konzentrieren sich im Wesentlichen auf ältere Kinder. Zum anderen differenziert sie die Ergebnisse nicht nur nach soziodemografischen Merkmalen, sondern bringt mit dem Milieu-Ansatz soziokulturelle Tiefenschärfe in die Diskussion und eröffnet damit potenzielle Handlungsfelder für verschiedene Akteure im Kontext digitaler Medien.

Erkenntnisse über die Handlungsmotive und -gewohnheiten von Kindern können über die Eltern nur indirekt erfasst werden. Kinder sind selbst die besten „Informanten“ über ihre eigenen kindlichen Lebenswelten. Zentrales Prinzip bei der Gestaltung des Forschungsvorhabens war daher: Forschen mit Kindern statt Forschen über Kinder. Die Einbeziehung von Kindern im Alter von 3 bis 8 Jahren als Befragte in eine sozialwissenschaftliche Studie bringt allerdings Herausforderungen mit sich:

a) Das Verbalisierungsvermögen von Kindern dieser Altersgruppe ist noch eingeschränkt. Es ist somit keine Anwendung standardisierter Erhebungsinstrumente möglich; vielmehr müssen Instrumente entwickelt werden, die der Sprach- und Erlebniswelt der Kinder und ihrem jeweiligen Entwicklungsstand entsprechen und keine Deutungsmuster von vornherein vorgeben.

b) Die Erlaubnis von Eltern zur Teilnahme an einer Studie wird bei kleineren Kindern häufig nicht gewährt. Es existieren Befürchtungen hinsichtlich der Forschungszwecke (z.B. Verwendung für Werbung) sowie einer unsachgemäßen Nutzung der erhobenen Daten.

c) Die Denk- und Kommunikationsweisen im Kontext digitaler Medien unterscheiden sich zwischen Kindern und Erwachsenen zum Teil erheblich, da sie die Nutzung von digitalen Endgeräten und Funktionen in unterschiedlichen technischen Entwicklungsstufen kennenlernen bzw. kennengelernt haben. Ein Beispiel: Für die Eltern ist ein Smartphone noch primär ein Gerät zum Telefonieren, für Jugendliche eines zur Verwaltung des persönlichen Netzwerks und für Kinder vornehmlich eines zum Spielen. Diese verschiedenen Zugangsweisen müssen beim Vergleich der Aussagen von Erwachsenen und Kindern und damit in der Analyse durchgehend berücksichtigt und interpretiert werden.

Zur Auslotung der Herausforderungen a) und c) wurde als Erhebungsmethode für die Forschung mit Kindern die teilnehmende Beobachtung aus der Ethnografie ausgewählt. Mithilfe dieses methodischen Zugangs erschließt sich ein ganzheitlicher Blick, da komplexere Zusammenhänge „entdeckt“ und verstanden werden können. So wurden in einer qualitativen Vorstudie die digitalen Lebenswelten, in denen Kinder aufwachsen, zu Hause bei ihren Familien exploriert. Grundlegend ist dabei ein sensibles Vorgehen bei der Forschung mit Kindern und ein flexibel gestaltetes Herangehen – nur ein ausreichendes Vertrauensverhältnis zwischen Forscher und Kindern ermöglicht eine authentische und erkenntnisreiche Forschungssituation.

Ethnografische Forschung bei Gesprächspartnern zu Hause ermöglicht des Weiteren einen direkten Einblick in die Wohn- und Lebenswelten der Studienteilnehmenden. Fotoaufnahmen illustrieren die digitalen Lebenswelten der Eltern und Kinder und ermöglichen anschauliche, lebendige Einblicke in die DIVSI Internet-Milieus der Eltern 3- bis 8-jähriger Kinder.

Was sind digitale Medien?

Das Forschungsfeld „digitale Medien“ wird im Rahmen dieser Studie in seiner Bedeutung und Verwendung wie folgt abgegrenzt: Mit digitalen Medien sind sowohl die verschiedenen Endgeräte wie Smartphones, Computer/Laptops, „einfache“ Tasten-Handys (keine Smartphones), Tablet-Computer und Spielekonsolen gemeint als auch die auf den verschiedenen Geräten laufenden Anwendungen (Programme, Applikationen) und die genutzten Inhalte (z.B. Spiele, Videos, Filme). Im Verständnis von digitalen Medien inbegriffen ist auch das Internet, unabhängig von den Geräten, auf denen es genutzt wird. Da das Internet für diese Studie eine besondere Rolle und Bedeutung hat, beziehen sich einzelne Kapitel und Unterkapitel explizit und nur auf das Internet; dies wird in den jeweiligen Kapiteln deutlich gemacht.

Der Fernseher ist häufig – (empfangs)technisch gesehen – auch digital. Nicht nur internetfähige Smart-TVs, sondern auch „terrestrisches Fernsehen“ (DVB-T) sind digital arbeitende Technologien. Da Fernseher allerdings häufig „analog“ verwendet werden, das heißt nicht ans Internet angeschlossen sind, auch wenn dies technisch möglich wäre, sondern nur zum Schauen des linearen Programms der TV-Sender genutzt werden, fällt das Fernsehen im Zuge dieser Studie nicht in den Bereich digitaler Medien. Dennoch wird in ausgewählten Zusammenhängen auch das Fernsehen – aufgrund seiner ausgeprägten Bedeutung in der Medienlandschaft von Kindern – in die Betrachtung einbezogen.

Die Untersuchung trägt dabei auch den spezifischen Wahrnehmungen digitaler Medien und des Internets sowohl von Kindern wie auch Eltern Rechnung. Kinder bewegen sich intuitiv im Internet und wissen häufig gar nicht, dass sie gerade online sind, bzw. es ist für sie nicht relevant. Ihre Eltern nutzen verschiedene Endgeräte wie Smartphones, Laptops oder Tablets zur Informationsbeschaffung (z.B. Nachrichten lesen, Radio oder Podcasts hören), zur Kommunikation (z.B. E-Mail, Online-Communitys oder Videotelefonie), zur Alltagsorganisation (z.B. Banking, Tickets für Konzerte kaufen, Restaurants suchen oder Reisen buchen) und zur Unterhaltung (z.B. Videos, Filme, Fotos austauschen und schauen). Kinder erleben den Umgang ihrer Eltern mit den verschiedenen Anwendungen, Geräten und Medien, nehmen diese allerdings häufig gänzlich anders wahr. Für Kinder sind beispielsweise die Smartphones der Eltern nicht primär Telefone und Instrumente zur Alltagsorganisation und Kommunikation, sondern „Spielgeräte“. Auf den Smartphones befinden sich heruntergeladene Spiele oder auch andere Apps, mit denen sich Kinder zum Teil bestens auskennen. Mit Smartphones können Kinder online gehen, was sie faktisch auch machen, wenn sie beispielsweise die aktuellsten Sandmännchen-Videos auf der Sandmännchen-App anschauen – nur assoziieren Kinder in diesen Situationen nicht unbedingt, dass sie „im Internet“ sind. Diese Beobachtung gilt auch für die Wahrnehmung und den Umgang mit Tablets durch Kinder.

Computer und Laptops stellen für Eltern häufig Geräte im oder für den Arbeitskontext dar. Kinder dagegen assoziieren auch mit Laptops oder Computern am ehesten Spiele oder Videos und Filme. Auch Spielekonsolen sind digital, sie werden beispielsweise für Offline- wie Online-Spiele, aber auch für das Abspielen von Filmen auf DVD genutzt.

Somit kann die Frage, wann und ob jemand online ist und/oder digitale Medien nutzt, nicht allein durch die Erfassung der Geräteverwendung oder der Selbstaussage der jeweiligen Personen beantwortet werden. Die Analyse erfordert vielmehr eine Verknüpfung dieser multiperspektivisch erhobenen Daten, um die Realität des digitalen Alltags tatsächlich zu verstehen und zu beschreiben.

Die Vielfalt des digitalen Alltags beschreiben: Zur Bedeutung von Einkommen, Bildung und Lebenswelt

Zu verstehen, wie die Gesamtheit der Kinder und ihrer Eltern mit digitalen Medien umgeht, liefert wesentliche Erkenntnisse darüber, wie sich technische Entwicklungen im Alltag der Menschen in Deutschland niederschlagen und ihre Einstellungsmuster und Verhaltensweisen prägen. Aussagen über Bevölkerungsgruppen in ihrer Gesamtheit (hier: Familien) liefern jedoch lediglich erste Zugänge zu einem Themenfeld. Die Lebenswirklichkeit von Familien ist vielfältig; insbesondere in Zeiten einer zunehmenden Pluralisierung von Lebensformen ist es unerlässlich, relevante Unterscheidungen innerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe zu beschreiben, gerade wenn es um ein Thema geht, das unseren Alltag bereits jetzt wesentlich prägt und mit Blick auf aktuelle globale Entwicklungen künftig voraussichtlich noch an Bedeutung zunehmen wird. Differenzierende Analysen helfen, die Ursachen für Unterschiede zu identifizieren und damit Chancenungleichheiten im Kontext digitaler Medien und Internet aufzudecken und zielgruppenspezifische Handlungsfelder zu erschließen.

In der vorliegenden Studie werden sowohl Differenzierungen nach soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Bildung und Einkommen vorgenommen wie auch – als besonderes Alleinstellungsmerkmal – eine Unterscheidung nach lebensweltspezifischen Merkmalen mithilfe des Ansatzes der Internet-Milieus, der in Kapitel 3 erklärt wird.

Wenn es um Zugangsmöglichkeiten zu und Umgangsweisen mit digitalen Medien und dem Internet geht, steht häufig die Frage nach Bildung und Einkommen als potenziell bedeutsamen Einflussfaktoren im Raum. Gerade im Kontext gleicher oder ungleicher Chancen für heranwachsende Kinder kann vermutet werden, dass der ökonomische Hintergrund oder der Schulabschluss der Eltern von zentraler Bedeutung ist. Entsprechend sind alle Ergebnisse nach diesen Variablen differenziert worden. An den Stellen, wo Einstellungs- und Verhaltensweisen wesentlich durch einen dieser beiden Einflussfaktoren erklärbar sind, wurde dies herausgestellt und interpretiert. Unabhängig davon, ob im Text Einkommen oder Bildung ausgewiesen ist, zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen, d.h., Bildungsunterschiede sind immer auch zu einem gewissen Ausmaß Einkommensunterschiede und umgekehrt.

Die folgende Kreuztabelle zeigt den Zusammenhang zwischen den Bildungs- und Einkommensklassen innerhalb der Stichprobe der quantitativen Elternbefragung. Von denjenigen Personen, die eine einfache Bildung haben, verfügen 65 Prozent über ein niedriges und nur 1 Prozent über ein hohes Einkommen. In der Gruppe der Personen mit hoher Bildung haben hingegen 54 Prozent ein hohes Einkommen, lediglich 17 Prozent finden sich in der Gruppe der Geringverdienenden.

Soziodemografie der Eltern

Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, dass soziodemografische Differenzierungen erste Ansatzpunkte für Erklärungen liefern, warum nicht alle Kinder und Eltern gleiche Umgangsweisen mit digitalen Medien und dem Internet zeigen. Allerdings liefert die Ergänzung um die lebensweltliche Perspektive eine wesentliche Vertiefung dieser Erkenntnisse, indem sie Unterschiede in den Handlungslogiken der Eltern erklärt, die durch den Vergleich von Einkommens- und Bildungsgruppen nicht identifiziert werden konnten. Des Weiteren ermöglicht die Zugangsweise über Internet-Milieus nicht nur eine Beschreibung von Unterschieden, sondern ist auch nützlich für die Entwicklung konkreter Handlungsansätze und zielgruppenspezifischer Anspracheformen.

Methodisches Vorgehen im Überblick

Die Komplexität des Forschungsvorhabens erforderte ein zweistufiges Vorgehen – eine qualitative Phase und eine daran anschließende quantitative Erhebung. Die qualitativen Interviews mit Eltern und die ethnografischen Gespräche mit und Beobachtungen von Kindern ermöglichten das Erheben und Verstehen forschungsrelevanter Schwerpunkte und Themen. Diese wurden im Zuge der quantitativen Erhebung, bei der Eltern 3- bis 8-jähriger Kinder und Kinder im Alter von 6 bis 8 Jahren befragt wurden, überprüft.

Die folgende Grafik bietet einen Überblick über das zweistufige Forschungsdesign. Weitere Details zum methodischen Vorgehen und zur zugrunde liegenden Stichprobe finden sich im Anhang dieses Berichts.

Forschungsdesign

  1. Die KIM-Studie 2012 betrachtet im Rahmen einer standardisierten quantitativen Befragung von Haupterziehern von Kindern im Vorschul- und Kindergartenalter das Medienverhalten 2- bis 5-Jähriger (miniKIM). Siehe Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2013: miniKIM2012 – Kleinkinder und Medien. Stuttgart. http://www.mpfs.de/fileadmin/miniKIM/2012/PDF/miniKIM12.pdf (Zugriff: 30.01.2015).

    Die Studie „Jung und vernetzt – Kinder und Jugendliche in der digitalen Gesellschaft“ des BITKOM basiert auf einer repräsentativen Befragung von Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahren. Siehe BITKOM 2014: Jung und vernetzt – Kinder und Jugendliche in der digitalen Gesellschaft. Berlin. http://www.bitkom.org/de/publikationen/38338_81089.aspx (Zugriff: 30.01.2015).

    Das EU Projekt www.eukidsonline.de erhebt regelmäßig quantitativ die Internet-Nutzung von Kindern und Jugendlichen von 9 bis 16 Jahren im europäischen Vergleich. Siehe EU Kids Online 2014, http://lsedesignunit.com/EUKidsOnline/index.html?r=64 (Zugriff: 30.01.2015).

    Die qualitative Studie des DJI „Wie entdecken Kinder das Internet?“ zur Alterskohorte der 4- bis 12-Jährigen wurde bereits 2001 bis 2003 in Schulen durchgeführt. [↩︎]