10.1 Wie gestalten Eltern den digitalen Alltag ihrer Kinder?

Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen, dass Eltern digitale Medien – und insbesondere das Internet – sowohl als Chance, aber auch als Gefahrenquelle für ihre Kinder begreifen. Sie sind außerdem der Auffassung, dass sie als Eltern die Hauptverantwortung dafür tragen, ihre Kinder an den Umgang mit digitalen Medien heranzuführen. Es stellt sich daher die Frage, inwieweit und auf welche Weise Eltern den digitalen Alltag ihrer Kinder steuern und welche Maßnahmen bzw. Regeln sie dabei ergreifen, um eine in ihrem Sinne angemessene Nutzung des Internets und der verschiedenen Endgeräte zu gewährleisten. Dabei geht es auch darum, inwiefern digitale Medien und der Umgang mit den verschiedenen Endgeräten den Alltag mit Kindern erleichtern bzw. aus Elternsicht zu Problemen führen.

Der Wunsch nach mehr Medienzeit führt zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern

Viele Kinder wollen mehr Zeit mit digitalen Medien verbringen, als ihnen ihre Eltern erlauben. 69 Prozent der befragten 6- bis 8-jährigen Kinder bestätigen, dass sie gerne viel mehr am Tablet, Smartphone oder Computer spielen möchten. Die existierenden Differenzen zwischen dem, was Kinder wollen, und dem, was Eltern als gut für ihre Kinder erachten, führt gelegentlich auch zu Streit in den Familien: 37 Prozent der 6- bis 8-jährigen Kinder geben an, dass sie oft Streit mit ihren Eltern haben, weil sie nicht aufhören wollen, an den Geräten zu spielen oder Videos zu schauen. Die Eltern nehmen etwas seltener Konflikte wahr. Von ihnen geben 29 Prozent an, dass es häufig bzw. gelegentlich vorkommt, dass sie Streit mit ihren Kindern bzgl. der Nutzungsdauer haben.

Konflikte zur Medienzeit treten zwischen Kindern und Eltern mit formal niedrigerem Bildungsstand häufiger auf: 76 Prozent der Kinder von formal niedrig Gebildeten geben an, gerne mehr Zeit mit den digitalen Medien verbringen zu wollen. Bei den Kindern von Eltern mit hoher formaler Bildung sind dies 63 Prozent. Dementsprechend kommt es auch häufiger in Familien mit geringem formalem Bildungsgrad als in Familien mit mittlerer und höherer Bildung zu Streit um die Nutzungsdauer digitaler Medien.

Gelebter digitaler Alltag aus Sicht der Kinder

Häufiger auftretende innerfamiliäre Konflikte bei intensiverer Mediennutzung

Auftretende Konflikte zwischen Eltern und Kindern bzgl. der erlaubten Medienzeit hängen auch mit der tatsächlichen Nutzungsdauer digitaler Medien zusammen. So führt – wie die nachfolgende Grafik verdeutlicht – eine längere Nutzung sowohl des Computers als auch der Spielekonsole zu mehr Streit. Wird am Wochenende mehr als eine Stunde an der Konsole gespielt, sagen 54 Prozent der Eltern, dass ihr Kind häufig oder gelegentlich wütend wird, wenn es aufhören soll, damit zu spielen. Wird hingegen bis zu einer Stunde gespielt, sind es 40 Prozent der Eltern, die angeben, dass ihre Kinder ungehalten reagieren. Dieser Zusammenhang besteht auch zwischen einer intensiveren Nutzung von Computern und dem Vorkommen von innerfamiliärem Streit um die Nutzungsdauer desselben.

Nutzungsintensität und Negativ-Erfahrungen

Der Druck der Kinder auf ihre Eltern scheint folglich eher zu wachsen, wenn Eltern den Begehrlichkeiten ihrer Kinder nachgeben und sie vermehrt an den verschiedenen Endgeräten spielen lassen. Kinder, die viel Zeit an verschiedenen Endgeräten verbringen, neigen zudem eher dazu, lieber alleine mit dem jeweiligen Endgerät spielen zu wollen, als sich mit Freunden zu treffen.

Die qualitativen Ergebnisse verweisen darauf, dass Eltern sich dieser Dynamik und einer möglicherweise drohenden „Medienabhängigkeit“ durchaus bewusst sind und wahrnehmen, dass eine intensivere Nutzung digitaler Medien durch Kinder – meistens in Form des Spielens an Geräten wie Smartphone, Konsole oder Computer/Laptop – ein sich noch steigerndes Interesse daran nach sich zieht.

„Also, ich merke, dass da eine Sucht schon entsteht. Ich sehe es ja, dass es bei ihm eine Sucht ist. Wenn ich bei mir sage, wenn er das Wochenende hier ist, ist bei mir eine Stunde am Wochenende. Und man merkt, er weiß … mit den anderen Tageszeiten weiß der gar nichts mit sich anzufangen. Er sitzt dann da, nervt dann seinen Papa und sagt: ‚Och, ich weiß gar nicht, was ich machen soll.’ Wenn der mit den anderen beiden rausgeht, dann ist er nach 10 Minuten wieder drin, weil er draußen gar nicht weiß, was er spielen soll.“ (Mutter, Unbekümmerte Hedonisten, Sohn 7 Jahre, Tochter 14 Jahre und Stiefsohn 8 Jahre)

„Eine Zeit lang, als er eben zwei, drei Spiele immer spielen durfte, da wollte er dann auch immer mehr, und deswegen haben wir es dann wieder reduziert, und dann haben wir es ihm immer seltener erlaubt, und jetzt ist es eigentlich uninteressant.“ (Mutter, Postmaterielle Skeptiker, Tochter 4 Jahre, Sohn 7 Jahre)

Insbesondere die Eltern aus dem DIVSI Internet-Milieu der Unbekümmerten Hedonisten erleben überdurchschnittlich häufig, dass ihre Kinder „wütend werden“, wenn sie das Spielen zum Beispiel auf der Konsole oder dem Smartphone beenden sollen. Auch ein bevorzugtes Alleine-Spielen, statt sich mit Freunden oder anderen Kindern zu treffen, ist in diesem Milieu deutlich überdurchschnittlich verbreitet. Ein Blick auf die Nutzungsintensität der verschiedenen Endgeräte zeigt, dass Kinder aus dem Milieu der Unbekümmerten Hedonisten überdurchschnittlich viel Zeit an den verschiedenen Endgeräten verbringen.

Negativ-Erfahrungen nach Milieus

Eltern begutachten die Spiele ihrer Kinder und vereinbaren Medienzeiten

Viele Eltern 3- bis 8-jähriger Kinder ergreifen konkrete Maßnahmen, um sicherzugehen, dass ihre Kinder nicht mit unangemessenen Inhalten konfrontiert werden, aber auch, um die Dauer, die ihre Kinder an den verschiedenen Endgeräten verbringen, zu kontrollieren. So sagen circa vier Fünftel der Eltern, dass das eigene Kind keine Spiele spielt, die nicht vorher von mindestens einem Elternteil begutachtet wurden. Knapp zwei Drittel sperren die im Haushalt vorhandenen Endgeräte wie Smartphone, Tablet und Computer/Laptop, damit sie nicht unkontrolliert genutzt werden können, und etwas mehr als zwei Drittel legen gemeinsam mit dem Kind fest, wie lange die verschiedenen Medien genutzt werden dürfen.

Ob diese Maßnahmen ergriffen werden, steht auch mit dem Alter des Kindes im Zusammenhang: Je älter die Kinder sind, desto eher sind erklärende Gespräche und gemeinsam getroffene Vereinbarungen möglich. So wird bei älteren Kindern häufiger gemeinsam mit dem Kind festgelegt, wie lange die Medienzeit sein soll. „Härtere“ Maßnahmen wie das Sperren der Geräte nehmen entsprechend ab, sodass beispielsweise die Eltern von 3-Jährigen die Geräte zu 75 Prozent sperren, die Eltern von 8-Jährigen hingegen nur noch zu 51 Prozent.

Neben dem Alter der Kinder spielt auch der Bildungsgrad der Eltern eine Rolle dabei, ob die genannten Maßnahmen ergriffen werden oder nicht. So sind es vor allem die formal mittel und höher Gebildeten, die engagierter in der Gestaltung des Medienalltages ihrer Kinder agieren und vermehrt Geräte sperren, Spiele begutachten oder gemeinsam mit ihrem Kind festlegen, wie lange die verschiedenen Endgeräte genutzt werden dürfen.

Digitale Medien: Regeln und Maßnahmen

Erziehungsstile und Maßnahmen unterscheiden sich entlang der digitalen Lebenswelten

Insbesondere das Begutachten der von ihren Kindern verwendeten Spiele findet bei den Eltern aus dem Milieu der Unbekümmerten Hedonisten unterdurchschnittlich häufig statt (63 Prozent stimmen der Aussage voll und ganz oder eher zu, im Durchschnitt sind es 78 Prozent). Auch die weiteren Maßnahmen werden von ihnen seltener ergriffen als von den Eltern aus den anderen DIVSI Internet-Milieus. Das Sperren von Smartphones, Tablets oder Computern findet mit 73 Prozent am häufigsten bei Eltern aus dem Milieu der Ordnungsfordernden Internet-Laien statt (gesamt: 64 Prozent). Eltern aus dem Milieu der Verantwortungsbedachten Etablierten begutachten am häufigsten aus allen Milieus die von ihren Kindern für die verschiedenen Endgeräte gewünschten Spiele. Die Eltern der beiden sehr internetversierten Milieus der Digital Souveränen und Effizienzorientierten Performer setzen überdurchschnittlich häufig auf das gemeinsame Festlegen von Medienzeiten mit ihren Kindern und das Prüfen der gewünschten Spiele (81 bzw. 85 Prozent begutachten die Spiele ihrer Kinder, gesamt: 78 Prozent). Das Sperren der verschiedenen vorhandenen Endgeräte findet bei ihnen hingegen unterdurchschnittlich häufig statt.

Das Gefühl, einen Einfluss auf die Mediennutzung von Kindern zu haben, hängt mit konkret ergriffenen Maßnahmen zusammen

Die große Mehrheit der Eltern hat das Gefühl, durchaus Einfluss auf das Medienverhalten ihrer Kinder zu haben. Nur 21 Prozent der Eltern 3 bis 8-jähriger Kinder geben an, dass ihr Kind „eigentlich mache, was es wolle“, wenn es um die Nutzung digitaler Medien geht. Dabei zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Ausmaß, in dem Regeln und Maßnahmen angewandt werden, und dem wahrgenommenen Einfluss auf das Medienverhalten der Kinder. Die Gruppe, die angibt, hier wenig Einfluss zu haben, setzt sich vor allem aus den Eltern zusammen, die besonders wenig Konkretes unternehmen, um das Medienverhalten des eigenen Nachwuchses mitzugestalten: So sagen 57 Prozent derer, die angeben, ihr Kind mache eigentlich, was es wolle, dass ihr Kind keine Spiele spielt, die nicht vorher durch sie begutachtet wurden. Bei den Eltern, die laut eigenen Angaben durchaus Einfluss auf das Nutzungsverhalten ihrer Kinder haben, sind es 83 Prozent, die die Spiele begutachten, bevor sie ihre Kinder damit spielen lassen. Die Eltern, die der Meinung sind, ihr Kind mache mehr oder weniger, „was es wolle“, und der eigene Einfluss sei gering, sperren auch deutlich seltener die vorhandenen Geräte.

Einfluss auf Mediennutzung: Maßnahmen

Insbesondere die Eltern aus den DIVSI Internet-Milieus der Verantwortungsbedachten Etablierten und der Ordnungsfordernden Internet-Laien legen im Milieuvergleich eine „strengere“ Handhabung beim Umgang ihrer Kinder mit digitalen Medien an den Tag. So sind es auch die Eltern dieser beiden Milieus, die am ehesten das Gefühl haben, das Nutzungsverhalten ihrer Kinder „im Griff“ zu haben: Lediglich 7 Prozent bei den Ordnungsfordernden Internet-Laien und 9 Prozent bei den Verantwortungsbedachten Etablierten sagen, sie hätten „wenig Einfluss auf die Nutzung digitaler Medien durch ihr Kind“. Im Durchschnitt aller Milieus beträgt die Zustimmungsrate hier 21 Prozent. Die Unbekümmerten Hedonisten liegen deutlich über diesem Wert. Von ihnen geben 54 Prozent an, dass ihre Kinder an den digitalen Geräten im Grunde „machen, was sie wollen“. Die Eltern aus diesem Internet-Milieu zeichnen sich somit neben einem im Milieuvergleich schwach ausgeprägten Engagement im Kontext „Kinder und digitale Medien“ (Kapitel 6.2) auch dadurch aus, dass sie insgesamt einen geringen Einfluss auf die Mediennutzung ihrer Kinder wahrnehmen. Ausgehend von der hier überdurchschnittlich häufig vertretenen Meinung, dass Kinder den Umgang mit digitalen Medien „ganz von allein“ erlernten, kann davon ausgegangen werden, dass sie die mediale Selbstsozialisation ihrer Kinder nicht als Defizit wahrnehmen, sondern als unhinterfragte Selbstverständlichkeit in ihr Erziehungskonzept integriert haben.

Einfluss auf Mediennutzung nach Milieus