13. Zusammenfassung und Handlungsansätze

Die zunehmende Digitalisierung des Alltags ist bereits bei kleinen Kindern fest im Familienleben verankert – als Thema und im konkreten Handeln. Die ersten Schritte im Netz finden deutlich vor dem neunten Lebensjahr der Kinder statt: 42 Prozent der 6- bis 8-Jährigen Kinder sind bereits online, und in jeder zehnten Familie beginnt die Internetnutzung bereits im Alter von 3 Jahren. Jenseits dieser rein faktischen Internetaktivität zeigen die Ergebnisse der Untersuchung aber vor allem, wie weichenstellend bereits diese ersten Jahre dafür sind, wie Menschen sich im Netz bewegen, welche Einstellungen sie zu Chancen und Risiken digitaler Medien entwickeln, welchen Personen bzw. Institutionen sie ihr Vertrauen schenken und welchen Internetakteuren sie ihre Daten überlassen.

Die Studie räumt dabei mit einigen gängigen Mythen auf

A) Nicht alle Kinder sind „Digital Natives“ – auch wenn sie in einer digitalisierten Welt aufwachsen.

Eine zentrale Erkenntnis der Studie ist: Nahezu alle Kinder haben großes Interesse an digitalen Medien und am Internet, und ob sie Zugänge zu dieser Welt haben, ist keine Frage des Bildungshintergrunds der Eltern oder des zugehörigen Geldbeutels. Aber hier hören die Gemeinsamkeiten bereits auf.

Längst nicht alle Kinder sind „ambitionierte Internet-Profis“. Bereits andere DIVSI-Studien haben aufgezeigt, dass die Zuschreibung digitaler Kompetenzen qua Geburtsdatum (z.B.: Alle nach 1980 Geborenen sind „Digital Natives“) empirisch nicht haltbar ist.1 Das Hineingeborensein in ein spezifisches soziokulturelles Umfeld mit zugehörigen Einstellungen zur digitalen Welt und einer entsprechenden technischen Infrastruktur definiert durchaus einen verfügbaren Handlungsrahmen. Wie Aneignungsprozesse aber konkret verlaufen, wird maßgeblich durch die jeweiligen sozialen Beziehungssysteme moderiert, d.h. bei Kindern zunächst durch das Aufwachsen in einem bestimmten sozialen Milieu mit mehr oder weniger ausgeprägten Interessen und Kompetenzen im Bereich digitaler Medien. Die Befunde zeigen deutlich auf, dass die Frage, ob Kinder tatsächlich online sind – jenseits der technischen Zugangsmöglichkeit –, wesentlich durch den lebensweltlichen Hintergrund der Eltern geprägt ist.

Die im Zuge der Studie identifizierten DIVSI Internet-Milieus der Eltern zeichnen sich durch eine unterschiedlich stark ausgeprägte Offenheit gegenüber dem Internet aus, die sich bei ihren Kindern widerspiegelt: Je häufiger und selbstverständlicher die Eltern selbst im Netz unterwegs sind, desto eher sind auch ihre Kinder online und desto selbstsicherer präsentieren sich diese hinsichtlich ihrer eigenen Internetkompetenzen. Die Eltern aus den DIVSI Internet-Milieus der Digital Souveränen, der Effizienzorientierten Performer und der Unbekümmerten Hedonisten leben ihren Kindern im Alltag einen intensiven und selbstverständlichen Umgang mit dem Netz vor – in diesen drei Milieus finden sich anteilig die meisten Kinder, die selbst auch online gehen. Die Eltern aus den Milieus der Postmateriellen Skeptiker und der Verantwortungsbedachten Etablierten leben einen selektiven und bewussten Umgang mit dem Internet; in diesen Internet-Milieus bewegt sich ein etwas geringerer Anteil der Kinder im Internet und wird zudem erst etwas später an digitale Medien herangeführt. Für die Eltern aus den Milieus der Ordnungsfordernden Internet-Laien und der Internetfernen Verunsicherten ist das Netz ein weitgehend unbekanntes und bedrohliches Terrain, demgegenüber insbesondere die Internetfernen Verunsicherten eine deutliche Distanz empfinden – folglich gehen auch ihre Kinder im Milieuvergleich am seltensten online (21 vs. 53 Prozent der 6- bis 8-Jährigen bei den Digital Souveränen) und fühlen sich gleichzeitig auch deutlich weniger kompetent im Umgang mit digitalen Medien als Kinder aus anderen Internet-Milieus.

B) Digitalisierung führt nicht automatisch zu Chancengleichheit

Ein weitverbreiteter Mythos – oder auch ein „Traum der frühen Internet-Jahre“ – ist die allgemeine Verbesserung der Chancengleichheit durch Digitalisierung. Das Netz verspricht mehr Kooperation, Transparenz und Mitbestimmung, aber können tatsächlich alle gleichermaßen partizipieren, selbst wenn sie de facto die gleichen Geräte und technischen Zugänge haben?

Die Studie zeigt, dass zwar alle Kinder auf den ersten Blick im Internet vorrangig das Gleiche tun, nämlich spielen. Es sind aber bereits hier deutliche Unterschiede entlang des elterlichen Bildungshintergrunds erkennbar: Kinder bildungsnaher Eltern spielen neben Unterhaltungsspielen häufiger auch Lernspiele und haben ein breiteres Interessenspektrum an Online-Angeboten (z.B. Videos, Filme, Bilder und Suchmaschinen). In Familien mit geringerem formalen Bildungsgrad wird insgesamt erheblich mehr Zeit mit digitalen Medien (insbesondere Smartphones und Computern/Laptops) verbracht. Gleichzeitig wird hier seitens der Eltern häufiger davon ausgegangen, dass man Kinder beim Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien kaum anleiten bräuchte. Eltern mit einfachem Bildungshintergrund wissen oftmals nicht, wo sie sich bei Erziehungsfragen zum Internet informieren können, äußern aber auch insgesamt weniger Informationsbedarf.

Die DIVSI U25-Studie zeigte bereits, dass Jugendliche sich erheblich danach unterscheiden, ob das Internet für sie ein reines Freizeit- und Unterhaltungsmedium ist oder notwendige Basis für nahezu alle Aktivitäten des Alltags. Die hier vorgelegten Einblicke in den Alltag der 3- bis 8-jährigen Kinder machen nun deutlich, dass die Weichenstellungen für diese Unterschiede bereits sehr früh angelegt werden.

Die in den einschlägigen Medien geführten Debatten zur Chancengleichheit in Zeiten der Digitalisierung scheinen an Eltern nicht spurlos vorüberzugehen. Im Gegenteil: Sie sehen „digitale Teilhabe“ mittlerweile als wesentliche Komponente gesellschaftlicher Teilhabe. 65 Prozent der befragten Eltern insgesamt (und sogar drei Viertel der Eltern der 7- bis 8-Jährigen) sind der Meinung, dass ihre Kinder von klein auf den Umgang mit digitalen Medien lernen müssen, um nicht von der Gesellschaft abgehängt zu werden.

Diese Erkenntnisse verweisen darauf, dass digitale Teilhabe bereits für einen großen Teil der Eltern zu einem integralen Bestandteil eines allgemeinen „Bildungswettrüstens“ geworden ist, d.h. der bestmöglichen Ausstattung ihres Nachwuchses mit einer umfassenden Palette von Kompetenzen, die in einer unübersichtlich gewordenen Welt mit unsicheren Zukunfts- und Berufsaussichten am ehesten als Erfolg versprechend eingeordnet werden.

Als vermeintlicher Indikator für digitale Kompetenzen dient häufig die digitale Ausstattung, die damit zur Statusfrage wird – vor allem für die geringer Gebildeten. Die jeweiligen Geräte (Spielekonsole, Smartphone, Computer/Laptop etc.) sind für die Kinder unabhängig vom ökonomischen Hintergrund verfügbar. Auch mit geringem Einkommen werden nicht weniger Geräte angeschafft. Längst aber haben sich auch hier „feine Unterschiede“ etabliert. Was früher lediglich die „Markenjeans“ und die „Sneakers mit der richtigen Anzahl an Streifen“ waren, wird heute ergänzt um die jeweils aktuellste Smartphone-Version mit der richtigen Ziffer am Ende der Produktbezeichnung. 62 Prozent der Eltern meinen, dass es für Kinder schwierig ist, im Freundeskreis anerkannt zu sein, wenn sie nicht mit den neuesten digitalen Geräten ausgestattet sind.

C) Digitale Kompetenz ist kein Selbstläufer – und deutlich mehr als „intuitives Wischen“

Weit verbreitet ist die Vorstellung, dass moderne Medien heute quasi selbsterklärend seien und Aneignungsprozesse weitestgehend in Eigenregie ablaufen (können). Auch die in dieser Studie befragten Eltern berichten teils stolz, teils überrascht, wie viel sich die Kinder an Tablet oder Smartphone bereits selbst beigebracht hätten und dass sie sich – zum Teil, auch ohne des Lesens und Schreibens mächtig zu sein – früh im Internet anhand von Symbolen, Strukturen und Funktionen orientieren und selbsttätig Seiten und Inhalte aufrufen könnten.

Gleichzeitig ist vielen Eltern bewusst, dass es beim Umgang mit digitalen Medien um mehr geht als das Bedienen von Benutzeroberflächen. Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich auf, dass das Thema „Kinder und digitale Medien“ für viele Eltern mit großen Unsicherheiten verbunden ist. Eltern bewegen sich dabei in mehreren, miteinander verschränkten Dilemmata:

  • Eltern sehen sich als zentrale Ansprechpartner für Internet und digitale Medien und werden auch von ihren Kindern als solche wahrgenommen. Ausgerechnet für diejenigen Kompetenzen, die Eltern in diesem Zusammenhang als besonders wichtig einstufen, halten sie sich selbst jedoch für weniger kompetent (z.B. bei der Fähigkeit, nicht kindgerechten Inhalten ausweichen zu können oder beim Schutz der Privatsphäre).
  • Je älter die eigenen Kinder sind, desto relevanter werden für Eltern Sicherheitsfragen im Internet. Gleichzeitig steigen aber die ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Kindern im Netz nicht proportional dazu an.
  • Mit zunehmendem Alter der Kinder nehmen bei den Eltern die Wahrnehmung bestimmter Internetrisiken2 wie auch der Beratungsbedarf ab, obwohl die Kinder de facto immer mehr Risiken ausgesetzt sind, weil sie sich häufiger im Netz bewegen und gleichzeitig ihre Bandbreite an Online-Aktivitäten kontinuierlich erweitern.
  • Je weniger kompetent Eltern sich selbst beim Umgang mit dem Netz fühlen, desto weniger Sicherheitsmaßnahmen ergreifen sie für ihre Kinder.

In den digitalen Lebenswelten verschränken sich diese Dilemmata auf sehr unterschiedliche Weise, wie die folgenden zwei Beispiele verdeutlichen:

  • Die Eltern des DIVSI Internet-Milieus der Unbekümmerten Hedonisten nehmen im Milieuvergleich deutlich weniger Risiken für Kinder im Netz wahr und ergreifen weniger Sicherheitsmaßnahmen. Gleichzeitig vertrauen sie am stärksten in den umsichtigen Umgang ihrer Kinder mit dem Netz und darauf, dass ihre Kinder im Internet „nur kindgerechte Seiten besuchen“. Zudem sind sie überzeugt, dass Kinder den Umgang mit digitalen Medien von ganz allein lernen und nicht angeleitet werden müssen.
  • Bei Internet-Milieus mit ausgeprägter Risikowahrnehmung, wie z.B. den Ordnungsfordernden Internet-Laien, werden zwar mehr Sicherheitsmaßnahmen angewandt, die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder aber überhaupt ins Internet gehen, ist insgesamt deutlich geringer. Hohe Risikowahrnehmung führt in diesem Internet-Milieu nicht unbedingt zu einem umsichtigeren Umgang mit digitalen Medien, der Zugang zum Internet wird vielmehr von vornherein unterbunden.

Die Ergebnisse helfen nicht nur, gängige Vorstellungen über digitales Verhalten von Kindern zu spezifizieren bzw. infrage zu stellen, sondern liefern auch Anknüpfungspunkte für künftige Handlungsfelder.

Potenziale und Chancen digitaler Medien für Kinder identifizieren und vermitteln

Zwar sehen Eltern die künftige Bedeutung digitaler Medien für ihre Kinder, jedoch ist die primäre Perspektive, insbesondere auf das Internet, die Sorge um potenzielle Risiken. Kinder berichten, dass sie von Erwachsenen vornehmlich lernen, das Internet sei „gefährlich“. Die Wahrnehmung der Chancen digitaler Medien für Kinder und ihre adäquate Vermittlung treten seitens der Eltern dadurch zum Teil in den Hintergrund.

Für einen stärkeren Blick auf die Chancen können die aus Elternsicht relevanten Aspekte als Ausgangspunkt dienen: Eltern sehen die zentrale Bedeutung des Internets im umfassenden Wissens- und Informationsangebot. Sie schätzen insbesondere das umfangreiche visuelle Material in Form von Bildern und Videos – zum Erklären von Zusammenhängen, aber auch zur gezielten Auswahl kindgerechter Inhalte zum Beispiel zur Unterhaltung ihrer Kinder. Gleichzeitig bringt der quasi immer mögliche und schnelle Zugriff auf den immensen „Wissensspeicher“ Erleichterung im Alltag. Eltern fällt auf, dass Kinder eine größere Begeisterung am Lernen zeigen, wenn es durch digitale Medien unterstützt wird – das Lernen mit Lernspielen und Lernprogrammen macht ihnen deutlich „mehr Spaß als mit Stift und Papier“. Sie schätzen digitale Medien daher vor allem auch als Lernmotivator.

Eine chancenorientierte Zugangsweise zeigen insbesondere die Internet-Milieus der Digital Souveränen und der Effizienzorientierten Performer. Relevante Zielgruppen für eine stärkere Adressierung der Potenziale digitaler Medien sind folglich die verunsicherten und sehr zurückhaltenden Eltern der Internet-Milieus der Ordnungsfordernden Internet-Laien und der Internetfernen Verunsicherten, aber auch die sicherheitsbedachteren Internet-Milieus der Postmateriellen Skeptiker und Verantwortungsbedachten Etablierten. In diesen Gruppen werden der Nutzen der Informationsangebote im Internet, aber auch die Vorteile von digitalen Medien beim Lernen bislang deutlich weniger wahrgenommen.

Wenn sich soziale Ungleichheiten im Netz reproduzieren – wie zu Beginn der Zusammenfassung deutlich gemacht –, wächst die Bedeutung externer Sozialisationsinstanzen. Gerade weil der Grundstein für eine spezifische Zugangsweise zu digitalen Medien (Selbstsicherheit und Chancenorientierung vs. Ängste und Restriktionen) wesentlich durch den soziokulturellen Hintergrund des Elternhauses gelegt wird und sich die Nutzung und Bewertung von Online-Aktivitäten deutlich vor Schulbeginn etabliert, wird die Rolle von Schulen und Kindertagesstätten als zentrale Instanz für Wissens- und Kompetenzvermittlung, aber auch für die (Wieder-)Herstellung von Chancengleichheit virulent.

Wie im Zuge der vorliegenden Studie festgestellt wurde, findet die Begeisterung der Kinder für das Lernen mit digitalen Medien nur eingeschränkt Raum in Grundschulen: 20 Prozent der 6- bis 8-jährigen Kinder verbringen regelmäßig Zeit am Computer, während sie in der Schule sind. Die Aktivitäten am Rechner oder im Netz sind dabei eher eng gefasst; am häufigsten findet das Recherchieren von Informationen im Internet und die Nutzung von Lernprogrammen statt. Diese Aktivitäten könnten deutlich erweitert werden (auch jenseits von „Suchaufträgen“ an kreative Tätigkeiten anknüpfen wie beispielsweise Zeichnen, Konstruieren, Komponieren o.Ä.), und auch das Sprechen über digitale Medien und damit verbundene Probleme (z.B. Streit mit den Eltern darüber, was erlaubt ist und was nicht) sollte dabei als alltagsrelevantes Thema integriert werden. Das Identifizieren potenziell lernfördernder Anwendungen oder Programme im Rahmen der Schule und die Vermittlung dieser Angebote an Eltern könnte weniger informierten Eltern zudem dabei helfen, eine ausdifferenziertere Bandbreite an Möglichkeiten und Anwendungen für Kinder kennenzulernen und sie ihren Kindern weiterzuvermitteln.

Über Sicherheitsmaßnahmen aufklären und deren Relevanz frühzeitig verankern

Eltern 3- bis 8-Jähriger zeigen eine ausgeprägte Unsicherheit, wenn explizit die frühe Nutzung des Internets durch Kinder thematisiert wird. Die Risiken des Internets aus Sicht der Eltern überwiegen die wahrgenommenen Chancen.

Eine der größten Sorgen auf Elternseite sind gewalthaltige oder sexuell freizügige Inhalte im Netz, denen Kinder schutzlos ausgesetzt sein können. Sie befürchten auch, dass Kinder im Netz zu viel von sich preisgeben und möglicherweise fremde Personen Kontakt zu ihnen aufnehmen oder sie gemobbt werden. Insbesondere der aus Elternsicht bevorstehende unkontrollierte Umgang ihrer Kinder mit Online-Communitys stellt ein unüberschaubares Gefahrenfeld für sie dar.

Das Wahrnehmen und „Sich-Eingestehen“ dieser Unsicherheit stellt jedoch für Eltern offenkundig ein widersprüchlich anmutendes Spannungsfeld dar. So geben 80 Prozent der Eltern, deren Kinder online gehen, an, dass sie dazu in der Lage sind, für die Sicherheit ihrer Kinder im Netz zu sorgen. Gleichzeitig steigt das Ergreifen konkreter Sicherheitsmaßnahmen nicht mit der aus Elternsicht wachsenden Bedeutung und Relevanz von Sicherheitsthemen mit zunehmendem Alter der Kinder. Zu fragen bleibt, wie sich dieser Widerspruch erklärt und folglich aufzulösen ist. Als mögliche Ursachen kommen sowohl Pragmatismus („dass man im Internet ohnehin nichts sicher gestalten kann“ bzw. „dass die Kinder im Internet ohnehin machen, was sie wollen“) als auch ein wachsendes Vertrauen in die Kompetenzen des Kindes in Betracht.

Die Internetnutzung von kleinen Kindern stellt für Eltern offenbar eine Art Blackbox dar, deren Inhalt sie nicht entschlüsseln können – oder auch nicht möchten. Denn ihre Unsicherheiten führen weniger zu verstärkter Informationssuche, sondern eher zu einer restriktiven Haltung gegenüber der Internetnutzung ihrer Kinder. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie gleichzeitig einen frühen Umgang mit digitalen Medien als wichtig für die soziale Teilhabe erachten.

Den bestehenden Unsicherheiten der Eltern gilt es somit Gehör zu verschaffen und Ansätze zu entwickeln, wie mehr Vertrauen in vorhandene Lösungen geschaffen werden kann bzw. neue Lösungen entwickelt werden können. Eine Sensibilisierung für mögliche Risiken des Internets für Kinder, insbesondere aber das Kommunizieren und Vermitteln vorhandener Sicherheitsmaßnahmen an Eltern können folglich als Handlungsbedarf im Kontext „Kinder und Internet“ gesehen werden. Der bewusste Einsatz von Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz von Kindern im Internet kann Eltern die ausgeprägten Unsicherheiten gegenüber dem Netz nehmen (z.B. via Privacy by Design, d.h. indem geeignete Maßnahmen direkt in die Angebote selbst integriert werden). Kinder könnten im Gegenzug die Chance bekommen, an den Vorteilen des Internets zu partizipieren, ohne sich möglichen Gefahren auszusetzen. Weiter gehend wäre das Entwickeln von niederschwelligen, das heißt leicht verständlichen und einfach in der Handhabung gestalteten Maßnahmen und Angeboten denkbar, welche die Internetnutzung durch Kinder sicher gestalten, Kindern aber gleichzeitig einen selbstbestimmten Umgang mit dem Netz ermöglichen. Insbesondere den sich selbst als weniger kompetent sehenden Eltern wäre mit einfach anwendbaren Sicherheitsangeboten die Möglichkeit gegeben, das Online-Gehen ihrer Kinder – als selbst ergriffene Schutzmaßnahme – nicht mehr gänzlich zu unterbinden.

Digitale Kompetenz als Voraussetzung sozialer Teilhabe und als gesellschaftliche Herausforderung

Je mehr sich das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben mithilfe digitaler Medien und im Internet abspielt, desto relevanter wird eine frühzeitige Ausstattung mit entsprechenden Kompetenzen. Eine gleichberechtigte Vermittlung digitaler Kompetenz findet jedoch nicht über das Schaffen von mehr oder weniger gleichen Zugangsmöglichkeiten statt. Festgestellt werden konnte im Gegenteil, dass die sich selbst zugeschriebene Internetkompetenz von Kindern einen Zusammenhang mit der digitalen Lebenswelt der Eltern aufweist und sich in dieser widerspiegelt. Je internetaffiner die Eltern, desto höher ist die subjektive Internetkompetenz sowohl bei den Eltern als auch bei den Kindern. Die am stärksten ausgeprägte subjektive Kompetenz im Umgang mit dem Netz schreiben sich die Eltern und die Kinder aus den Milieus der Digital Souveränen und der Effizienzorientierten Performer zu. Die am schwächsten ausgeprägte subjektive Kompetenz findet sich bei den Eltern und den Kindern aus den Milieus der Ordnungsfordernden Internet-Laien und der Internetfernen Verunsicherten.

Mit Blick auf die Fähigkeiten, von denen Eltern denken, dass Kinder sie für einen kompetenten Umgang mit dem Internet beherrschen sollten, lassen sich ebenso deutliche Unterschiede erkennen: Nicht kindgerechten Inhalten im Netz ausweichen zu können und die eigene Privatsphäre im Internet schützen zu können, sind aus Sicht der Eltern die zentralen erforderlichen Kompetenzen für Kinder. Auch hier schreiben sich die Vertreter der DIVSI Internet-Milieus unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeiten zu. Mit abnehmender subjektiver Internetkompetenz und Internetaffinität sinkt auch die sich selbst zugeschriebene Fähigkeit, zum Beispiel die eigene Privatsphäre zu schützen.

Eltern sind die zentralen Akteure, wenn es um die Einführung von Kindern in die digitale Welt geht. In ihrer Elternrolle sehen sie sich auch primär selbst in der Verantwortung, wenn es darum geht, dass Kinder einen kompetenten Umgang mit dem Internet erlernen. Die festgestellten Defizite aufseiten der Eltern – in Abhängigkeit ihrer jeweiligen digitalen Lebenswelt – geben Anlass, kritisch zu hinterfragen, wie weit digitale Chancengleichheit in Deutschland besteht. Mehr noch, sie zeigen Handlungsbedarf abseits des familiären Umfeldes auf, in welchem Kinder häufig nicht mit gleichberechtigten Startvoraussetzungen für den Umgang mit digitalen Medien ausgestattet werden (können).

Kinder benötigen eine qualifizierte und umfassende Vorbereitung auf die digitalisierte Welt. Ein kompetenter Umgang, aber auch ein Verstehen von Zusammenhängen und Funktionsweisen im Kontext digitaler Medien – und insbesondere des Internets – versetzt sie in die Lage, diese Kulturtechniken sinnvoll und nutzbringend für die Schule und später in Ausbildung und Beruf einzusetzen. Eine Aufklärung und Schulung der Eltern, beispielsweise durch Weiterbildungs- und Informationsmaßnahmen, kann dabei eine gleichberechtigtere Kompetenzvermittlung an Kinder befördern. Außerhalb des familiären oder häuslichen Umfeldes der Kinder ist insbesondere die Schule die zentrale Institution, in der Wissen und Kompetenzen an Kinder vermittelt werden. Eine umfassende Vorbereitung von Kindern erfordert allerdings auch kompetentes Lehrpersonal. Erster Schritt dabei ist, für die wesentliche Tatsache zu sensibilisieren, dass zwar bei fast allen Kindern ein grundsätzliches Interesse an digitalen Medien besteht und häufig auch bereits die entsprechende Ausstattung vorhanden ist, Kinder aber in sehr unterschiedlichen digitalen Lebenswelten sozialisiert werden und auf dieses Themenfeld mit unterschiedlichen Motivationen, Unsicherheiten und Kompetenzen zugehen.

Kinder sind heute früh im Internet unterwegs – das ist eine empirische Tatsache. Ob Kinder überhaupt online sein sollten und ab wann dies schädlich, sinnvoll oder gar notwendig ist, ist vor diesem Hintergrund keine realitätsnahe Fragestellung. Die Kernfrage sollte vielmehr dahingehend ausgerichtet sein, mit welchen Kompetenzen sie dabei ausgestattet werden, wer sie begleitet und welche Rolle Personen und Institutionen jenseits des familiären Umfeldes spielen können und sollen.

  1. Siehe DIVSI (2013): DIVSI Entscheider-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet. Hamburg. [↩︎]
  2. Die Befürchtung, dass Kinder im Internet zu viel von sich preisgeben, und auch die Gefahr, dass Kinder über das Netz Kontakt mit Personen aufnehmen, die sie nicht kennen und denen sie dementsprechend nicht ohne Weiteres trauen sollten, bleiben aus Sicht der Eltern allerdings ein ernst zu nehmendes Risiko des Internets auch für 7- und 8-jährige Kinder (vgl. S. 104). [↩︎]