4.2 Stellenwert digitaler Medien im Kinderalltag

Die Zugangsmöglichkeiten zu digitalen Medien und die Tatsache, dass sie von Kindern genutzt werden, sagt noch nichts darüber aus, welche Bedeutung ihnen aus Kindersicht im Alltag zukommt. Wenn es in öffentlichen Debatten um „Kinder und digitale Medien“ geht, steht zumeist ein Entweder-oder im Fokus: Befürchtet wird, dass Kinder sich nicht mehr für typisch kindgerechte „analoge Offline-Aktivitäten“ begeistern lassen und stattdessen digitale Medien (zu) intensiv nutzen würden.1 Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeichnen ein differenzierteres Bild. Digitale Medien sind von zentraler Bedeutung im Alltag von Kindern, aber dennoch nicht das Wichtigste: Freunde treffen und etwas zusammen zu machen bzw. zu spielen ist für 71 Prozent der 6- bis 8-jährigen Kinder die beliebteste Aktivität. Auch draußen zu spielen ist mit 58 Prozent deutlich beliebter als die Nutzung digitaler Medien und rangiert – gemeinsam mit Fernsehen – auf dem zweiten Platz der beliebtesten Freizeitaktivitäten.2

Freizeit- und Medienaktivitäten von Kindern

Auch die qualitativen Ergebnisse zeigen, dass digitale Medien in der Freizeitgestaltung von Kindern nicht die dominierende Rolle spielen. Medien sind selbstverständlicher Alltagsbegleiter, aber kein Hobby per se. Gefragt nach ihren aktuellen Lieblingsspielzeugen, greifen Kinder eine Vielzahl an verschiedensten nicht medialen („analogen“) Spielsachen und Gegenständen auf.

„Mein Lieblingsspiel ist Lego und Spielautos und noch Eisenbahn und noch Duplo.“ (Junge, 4 Jahre, Effizienzorientierte Performer)

„Mein Lieblingsspielzeug ist mein rosa Bär.“ „Und was machst Du mit dem?“ „Ähm, also, … kuscheln … Und ich schlafe mit dem im Bett, und, und wir spielen öfters mit ihm.“ (Mädchen, 7 Jahre, Postmaterielle Skeptiker)

„Und was machst Du am liebsten?“ „Mal überlegen. Spielen, mit Losi und Krümel.“ „Und wer sind die?“ „Zwei Hasen.“ (Mädchen, 6 Jahre, Digital Souveräne)

„Und was spielt Ihr noch gerne?“ „Wir buddeln. Wir haben heute gebuddelt. Und heute … Wir spielen jeden Tag Fußball.“ (Junge, 5 Jahre, Verantwortungsbedachte Etablierte)

Die Beliebtheit digitaler Medien bei Kindern ist lebensweltspezifisch

Wie sich das Verhältnis von „analogen“ und „digitalen“ Aktivitäten im Alltag von Kindern konkret gestaltet, ist eine Frage des soziokulturellen Hintergrunds bzw. der entsprechenden Lebenswelt, in der die Kinder aufwachsen. Die Lebenswelt der Digital Souveränen ist im Milieu-Vergleich am stärksten geprägt von digitalen Medien. Die 6- bis 8-jährigen Kinder, die in diesem DIVSI Internet-Milieu aufwachsen, zeigen im Milieu-Vergleich das größte Interesse am Umgang mit Computer, Smartphone, Tablet und Spielekonsole. Ins Internet zu gehen ist bei Kindern Effizienzorientierter Performer am beliebtesten. Bei den Kindern in den zurückhaltenden und bei der Nutzung digitaler Medien vorsichtig bis ängstlich agierenden Milieus der Ordnungsfordernden Internet-Laien und Internetfernen Verunsicherten ist das Interesse an digitalen Medien weniger ausgeprägt. Allerdings ist das Spielen auf Konsolen bei Kindern in allen DIVSI Internet-Milieus beliebt.

Beliebtheit von Medienaktivitäten nach Milieus

Lebensweltliche Unterschiede zeigen sich auch bei der Beliebtheit „klassischer“ bzw. nicht per se digitaler Medien wie Büchern und Hörspielen. Hörspiele hören ist mit 37 Prozent bei den Kindern aus dem Milieu der Effizienzorientierten Performer am beliebtesten (gesamt: 30 Prozent), gefolgt von den Kindern der Postmateriellen Skeptiker (33 Prozent). Die Kinder der Ordnungsfordernden Internet-Laien lesen im Milieuvergleich mit 40 Prozent am liebsten (gesamt: 32 Prozent). Auch beim Draußen-Spielen weisen sie mit 74 Prozent den Spitzenwert auf (gesamt: 58 Prozent). Anders verhält es sich bei den 6- bis 8-Jährigen aus dem Milieu der Unbekümmerten Hedonisten. Sie lesen mit 22 Prozent von allen Milieus am wenigsten gern Bücher und spielen mit 39 Prozent auch deutlich weniger gern draußen als der Gesamtdurchschnitt der 6- bis 8-Jährigen (58 Prozent).

Freie Zeit ist oft Medienzeit

Jenseits lebensweltlicher Unterschiede sieht der Medienalltag bei Kindern im Alter von 3 bis 8 Jahren an einem Wochentag anders aus als an einem Wochenende. Das Wochenende ist dadurch charakterisiert, dass sowohl Eltern als auch Kinder mehr Zeit zu Hause verbringen – Zeit, die zum Teil auch einfach überbrückt werden muss. So ergaben die qualitativen Interviews beispielsweise, dass sich Kinder häufig frühmorgens mit mobilen Endgeräten wie Smartphones und Tablets beschäftigen, während die Eltern Besorgungen machen oder noch schlafen. Auch äußere Umstände wie schlechtes Wetter können dazu führen, dass Kinder mehr Zeit als üblich mit digitalen Medien verbringen.

Quantitativ bestätigen sich diese Befunde. Vergleicht man beispielsweise die Nutzungsdauer der Spielekonsole an Wochentagen und Tagen am Wochenende, werden deutlich Unterschiede ersichtlich: Von den Kindern, die regelmäßig eine Spielekonsole nutzen, spielen an einem Wochentag 18 Prozent mehr als eine Stunde auf den Konsolen, an einem Tag am Wochenende sind es 40 Prozent. Bei der Nutzungsdauer der anderen Geräte zeigen sich die gleichen Tendenzen. So verbringen wochentags 12 Prozent derjenigen Kinder, die den Computer nutzen, ein bis zwei Stunden an einem Computer oder Laptop, am Wochenende trifft dies auf 22 Prozent zu.

Die Nutzungsdauer unterscheidet sich deutlich entlang des Bildungshintergrundes der Eltern

Die Nutzungsintensität, das heißt die Dauer der an den verschiedenen Geräten verbrachten Zeit, nimmt mit fortschreitendem Alter der Kinder zu und unterscheidet sich deutlich nach dem formalen Bildungsgrad der Eltern. So nutzen Kinder von bildungsferneren Eltern digitale Medien in der Tendenz deutlich intensiver als Kinder von bildungsnäheren Eltern.

Die folgende Darstellung bietet einen Überblick über die Zusammenhänge von Nutzungsintensität und Bildung der Eltern bzw. Alter des Kindes. Der Tabelle liegt dabei eine Nutzung von mehr als einer Stunde an dem jeweiligen Gerät zugrunde.

Nutzungsintensität in Abhängigkeit von Bildung und Alter

Besonders ausgeprägt zeigen sich die unterschiedlichen Nutzungsintensitäten entlang der formalen Bildungsgrade der Eltern mit Blick auf das Smartphone und den Computer bzw. Laptop. So verbringen Kinder von bildungsferneren Eltern an einem Wochentag deutlich mehr Zeit sowohl mit Computern/Laptops als auch mit Smartphones als Kinder von Eltern mit formal hohem Bildungsgrad.

Nutzungsintensität in Abhängigkeit von der Bildung

Ein Blick auf die DIVSI Internet-Milieus stellt die Kinder der Unbekümmerten Hedonisten als vergleichsweise intensive Nutzer von Smartphones heraus. Von ihnen verbringen an einem Wochentag 28 Prozent der 3- bis 8-jährigen mindestens eine Stunde mit dem Smartphone (gesamt: 13 Prozent). Die am Computer bzw. Laptop verbrachte Zeit ist ebenfalls bei den Kindern aus dem Milieu der Unbekümmerten Hedonisten und der Digital Souveränen überdurchschnittlich ausgeprägt: 24 bzw. 23 Prozent der Kinder nutzen an einem Wochentag mindestens eine Stunde einen Computer bzw. Laptop (gesamt: 18 Prozent).

Lernspiele sind bei Kindern formal höher gebildeter Eltern stärker verbreitet

Kinder nutzen sowohl Unterhaltungs- als auch Lernangebote auf den verschiedenen Endgeräten. Lernspiele werden von kleineren Kindern häufiger gespielt als Unterhaltungsspiele und nehmen bis zum Schuleintritt der Kinder an Bedeutung zu. Unter 7- und 8-jährigen Kindern sind dann Unterhaltungsspiele häufiger.

Bei Kindern von bildungsnäheren Eltern sind Lernspiele deutlich weiter verbreitet und spielen eine größere Rolle in der „Spielelandschaft“. Da Kinder formal höher Gebildeter auch häufiger Lerncomputer besitzen, kann ein stärkerer Fokus auf Lernangebote in diesen Familien festgestellt werden.

Nutzung von Medienangeboten durch Kinder

Nutzungsverbote vor allem bei internetfähigen Geräten

Wenn 3- bis 8-jährige Kinder Smartphones, aber vor allem Computer/Laptops nicht nutzen, liegt der Grund überwiegend darin, dass ihre Eltern es ihnen verbieten. Bei diesen beiden Gerätearten spielt die Internetnutzung eine wichtige Rolle: Der Anteil der Online-Nutzung ist auf dem Computer/Laptop und auch auf dem Smartphone deutlich größer als beispielsweise auf der Spielekonsole. Ausschlaggebend für die Nutzungsverbote dieser Geräte ist somit offensichtlich ein Internetverbot. Eltern bereitet eine (unkontrollierte) Internetnutzung ihrer Kinder Sorge. So werden im Netz beispielsweise nicht kindgerechte Inhalte und Kontaktaufnahmeversuche durch Fremde befürchtet (siehe Kapitel 8 für eine detaillierte Darstellung der wahrgenommenen Chancen und Risiken des Internets). Ein weiterer Grund für die häufig ausgesprochenen Nutzungsverbote von Smartphones sowie Computern/ Laptops ist, dass diese beiden Geräte von den Eltern selbst für private und oft auch berufliche Zwecke benötigt werden. Die Eltern versuchen deshalb durch Verbote auch Schaden verursachende Aktionen wie beispielsweise das Herunterladen von Schadsoftware durch die Kinder auszuschließen.

Barrieren im Zugang zu den Medien

  1. Siehe den Artikel „Die Generation, die nicht mehr spricht“, vom 07.08.2014 in der FAZ; eine Besprechung der im Sommer 2014 vom ofcom veröffentlichten Studie über den Umgang mit digitalen Medien von Kindern und Jugendlichen. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/netzwirtschaft/neue-studie-ueber-kinder-die-generation-die-nicht-mehr-spricht-13085701.html (Zugriff: 28.12.2014).

    Siehe auch den Beitrag des Deutschlandfunks „Werben für die analoge Welt“, der von einem „Alarmismus“ hinsichtlich der Frage spricht, ob Kinder und Jugendliche zu viel Zeit vor dem Computer verbringen, aber auch auf „die richtige Dosierung“ verweist, auf die es ankomme. http://www.deutschlandfunk.de/reihe-leben-in-der-digitalisierten-welt-werben-fuer-die.691.de.html?dram:article_id=294523 (Zugriff: 28.12.2014). [↩︎]

  2. Die im Jahr 2011 durchgeführte „Elefanten-Kindergesundheitsstudie“ kommt bzgl. der Beliebtheit des Draußen-Spielens zu vergleichbaren Ergebnissen und fragt im Zuge der Erhebung auch nach den Motiven, die hinter dieser Tätigkeit stehen: „Die größten Motive, sich draußen zu bewegen, sind intrinsisch angelegt, nämlich, weil es den Kindern Spaß macht und weil sie gerne einfach draußen sein wollen.“ Siehe „Elefanten-Kindergesundheitsstudie 2011. Große Ohren für kleine Leute. Ergebnisse des Erhebungsjahres 2011“. http://mb.cision.com/Public/3295/9337091/939cc288af986d17.pdf
    (Zugriff: 10.11.2014). [↩︎]