5.1 Wann und wie Kinder das Internet wahrnehmen und nutzen

Die qualitativen Interviews in den Familien zeigten, dass Kinder eine recht konkrete Vorstellung davon haben, welche Aktivitäten im Netz möglich sind. Wahrgenommen wird das Internet von Kindern vor allem über Anwendungen und Plattformen, auf denen sich insbesondere Spiele oder Videos befinden.

„Wir surfen auf Safari, gehen dann auf YouTube und dann auf CrazyCats.“ (Mädchen, 8 Jahre, Effizienzorientierte Performer)

„Wir waren heute in der Schule beim Internet – da kann man forschen und Filme gucken.“ (Junge, 7 Jahre, Postmaterielle Skeptiker)

Die quantitativen Ergebnisse bestätigen diese Beobachtung. Fragt man 6- bis 8-jährige Kinder, „was man alles im Internet machen kann“, nennen sie mehrheitlich Spiele. Beinahe ebenso häufig erwähnen sie aber auch das Suchen und Anschauen von Bildern, Video-Clips und Filmen sowie das Recherchieren von Informationen. Das Spektrum an wahrgenommenen Anwendungsmöglichkeiten vergrößert sich deutlich mit zunehmendem Alter der Kinder. So wissen die 8-Jährigen über Kommunikations- und Shoppingmöglichkeiten im Netz deutlich besser Bescheid als die 6- und 7-Jährigen. Auch das Wissen um die Verfügbarkeit kultureller Güter im Netz ist schon in jungen Jahren recht verbreitet. Knapp die Hälfte der 6-Jährigen und ein Drittel der 8-Jährigen sind sich bewusst darüber, dass man im Internet beispielsweise Musik und Filme tauschen kann. Ein Blick auf die Erkenntnisse der in 2014 veröffentlichten DIVSI U25-Studie1 macht deutlich, dass eine selbstverständliche Nutzung im Netz verfügbarer Inhalte (auch ohne dafür zu zahlen) eine durchaus gängige Praxis unter jungen Menschen im Alter von 9 bis 24 Jahren ist. Dass auch 6- bis 8-jährigen Kindern die Verfügbarkeit und die mögliche Nutzung kultureller Güter im und über das Netz präsent ist, verweist auf eine schon sehr früh angelegte Wahrnehmung dieser Möglichkeiten.

Wahrnehmung des Internets durch Kinder

Kinder sind schon früh im Netz

Der Anteil der Kinder, die online sind, steigt mit dem Alter rapide an. Fragt man die Eltern, ob ihr Kind das Internet nutze, bejahen dies 11 Prozent der Eltern von 3-Jährigen, 22 Prozent der Eltern von 5-Jährigen und 55 Prozent der Eltern von 8-Jährigen. Wie die Alterskurven der folgenden Grafik sichtbar machen, wird die Zunahme der Werte durch die Kinderbefragung bestätigt. Aus dem kohärenten Antwortverhalten der Eltern und Kinder kann auch abgeleitet werden, dass Eltern von Kindern dieser Altersgruppe (noch) sehr genau wissen, was ihre Kinder im Kontext digitaler Medien machen.

Internetnutzung durch Kinder – Altersentwicklung

Nicht nur, ob, sondern auch wie häufig Kinder ins Netz gehen, steigt deutlich mit zunehmendem Alter: Von den 3-Jährigen gehen 3 Prozent täglich oder mehrmals pro Woche ins Internet, bei den 6-Jährigen sind es 13 Prozent, und bei den 8-Jährigen sind bereits 37 Prozent täglich oder mehrmals die Woche im Internet.

Haeufigkeit der Internetnutzung nach Alter der Kinder

Je älter die Kinder sind, desto mehr Zeit verbringen sie auch im Internet. Während von den 4-jährigen Internetnutzern an einem Tag am Wochenende 44 Prozent mindestens eine Stunde online gehen, sind es bei den 6-Jährigen bereits 66 Prozent und bei den 8-Jährigen gar 80 Prozent. Diese Steigerung erklärt sich auch durch den Schuleintritt. Nicht nur das Erlernen der Lese- und Schreibfähigkeit als wichtige Grundvoraussetzung für den Umgang mit dem Internet spielt hier eine Rolle, sondern auch das Eintreten in erweiterte Freundeskreise, die neue Einflüsse mit sich bringen. Neue Freunde und entstehende Peergroups liefern auch neue Impulse, Verhaltensweisen und Vorstellungen davon, was interessant und nachahmenswert ist.

Ob Kinder online sind, hängt mit der digitalen Lebenswelt ihrer Eltern zusammen

Ob Kinder ins Internet gehen oder nicht, ist insbesondere von der digitalen Lebenswelt abhängig, in der die Kinder aufwachsen. Je offener und aktiver Eltern mit dem Internet umgehen, desto eher sind ihre Kinder selbst auch online. Je alltäglicher also der Umgang der Eltern mit dem Internet, sowohl für berufliche als auch für private Zwecke, desto stärker sind ihre Kinder von Aktivitäten umgeben, die im Netz stattfinden, und desto selbstverständlicher gehen sie selbst auch online. Je zurückhaltender dagegen die Eltern mit der eigenen Internetnutzung sind, desto weniger verbreitet ist die Internetnutzung bei ihren Kindern. Insbesondere in der Lebenswelt der Ordnungsfordernden Internet-Laien und der Internetfernen Verunsicherten spielt das Netz im Familienalltag eine sehr untergeordnete Rolle. Diese Eltern erkennen im Internet keinen Nutzen und haben teils große Vorbehalte gegenüber Online-Aktivitäten; für sie ist das Internet keine Selbstverständlichkeit, sondern weitgehend unbekanntes Terrain.

Milieuunterschiede bei der Internetnutzung durch Kinder

Wie und womit sind Kinder online?

Der Computer bzw. Laptop ist das Endgerät, mit dem Kinder am häufigsten online gehen. 58 Prozent der Kinder, die einen Computer/Laptop nutzen (dies sind 41 Prozent der 3- bis 8-jährigen Kinder), gehen damit auch ins Internet. Auch wenn das Tablet mit 53 Prozent ebenfalls häufig für den On- line-Zugang einsetzt wird, muss hier der eher kleine Anteil der Kinder beachtet werden, die überhaupt ein Tablet verwenden (8 Prozent der 3- bis 8-jährigen Kinder). Seltener gehen Kinder mit internetfähigen Smartphones ins Netz. Die qualitativen Interviews und Beobachtungen haben gezeigt, dass Kinder auf Smartphones ganz überwiegend bereits vorinstallierte oder von ihren Eltern herun- tergeladene Spiele spielen, die dann offline genutzt werden. Kinder gehen zum Teil aber auch eigenständig in App- oder Spiele-Stores, um nach neuen Spielen zu suchen.

Online Anteil der Endgeräte

Kinder können sich zum Teil auch ohne Lese- und Schreibfähigkeit im Internet bewegen

Kinder sind früh in der Lage, für sie interessante Internetseiten zu finden und zu öffnen. Circa ein Fünftel der 4-jährigen das Internet nutzenden Kinder ist – ohne Lese- und Schreibfähigkeit – in der Lage, selbstständig eine Internetseite aufzurufen. Die Fähigkeit, eigenständig mit dem Internet umzugehen, erhält einen deutlichen Schub mit dem Schuleintritt der Kinder: 31 Prozent der 5-Jährigen sind imstande, eigenständig eine Internetseite aufzurufen. Bei den 6-Jährigen sind es schon 71 Prozent und bei den 8-Jährigen dann 84 Prozent.

Auch die qualitativen Befunde verdeutlichen, dass Kinder ohne Lese- und Schreibfähigkeit zum Teil sehr geübt mit Browsern und verschiedenen Internetseiten umgehen können:

So startet ein 3-jähriger Sohn einer Digital Souveränen Mutter während eines qualitativen Interviews seinen eigenen kleinen Laptop, öffnet den Browser über das Mozilla-Firefox-Symbol in der Taskleiste, klickt in die Adressleiste, erkennt im Dropdown das YouTube-Symbol, welches er anklickt, und gelangt so zu vorab gesehenen Videos.

Kinder interessieren sich ab dem Schuleintritt für analoge und digitale Netzwerke

Online-Communitys2 sind Kindern schon früh ein Begriff. 88 Prozent der 6-Jährigen und 95 Prozent der 8-Jährigen wissen, dass man über das Internet mit Freunden „Kontakt haben“ bzw. chatten kann. Fragt man Kinder, was sie gerne im Internet machen, geben 49 Prozent der 6- bis 8-Jährigen Internetnutzer an, dass sie dies sehr gerne oder gerne tun.

Die qualitativen Befunde machen deutlich, dass Kinder eine recht klare Vorstellung von Online-Communitys – allen voran Facebook – haben. So leben ihnen die eigenen Eltern und ältere Geschwister den Umgang mit und auch die Alltagsrelevanz der Community vor, wenn sie von Freunden gepostete Fotos oder auch Videos zeigen und sich darüber austauschen. Auch das Kontakthalten mit weit entfernt oder im Ausland wohnenden Freunden und Verwandten zum Beispiel über die Videotelefonie-Software Skype wird in Familien praktiziert und ist somit auch kleinen Kindern bekannt.

Fragt man Eltern, ob ihre Kinder eine Online-Community oder einen Messaging-Dienst verwenden, bestätigen sich die Angaben der Kinder, und es wird deutlich, dass diese Kommunikationsmöglichkeiten ab einem Alter von acht Jahren eine gewisse Relevanz für Kinder erlangen: 15 Prozent der 8-Jährigen nutzen eine Online-Community, und 20 Prozent von ihnen nutzen einen Messaging-Dienst. Festgestellt werden konnte im Zuge der qualitativen Interviews, dass sowohl Kindern als auch Eltern explizit für Kinder konzipierte, zum Teil moderierte Chat-Angebote bekannt sind und auch genutzt werden.3 Ebenso stellte sich aber heraus, dass Facebook und WhatsApp die bekanntesten und am ehesten genutzten Angebote dieser Art sind – auch wenn die Nutzung dieser Angebote für 8-jährige Kinder laut den AGB von Facebook und WhatsApp zumindest nicht vorgesehen ist.4

„Der ist da mehr so mit reingewachsen. Der ist damit groß geworden irgendwie. Der kam so auf die Welt und war schon am PC so ungefähr. Der ist ja auch in Facebook, und der weiß auch, wie man sich da eingibt. Der hat das rausgekriegt, dass das gespeichert ist anscheinend, und da gibt er seinen Anfangsbuchstaben ein, und dann sieht er, o.k., jetzt kann ich rein.“ (Mutter, Unbekümmerte Hedonisten, Sohn 5 Jahre)

Nutzung von Online-Communitys-und ChatsMessenger Apps durch Kinder

Mit dem Schuleintritt werden neue Freundeskreise abseits des familiären Kontextes wichtiger für Kinder, und dementsprechend nimmt auch die Bedeutung der „Kommunikation mit anderen“ bei Schulkindern zu. Online-Communitys kommt hier zum Teil schon die Funktion eines eigenen, von den Eltern unabhängigen Kommunikationsraums zu, in welchem Kinder beginnen, sich im Knüpfen von Kontakten zu anderen zu üben.

In den qualitativen Interviews konnte festgestellt werden, dass Kinder zum Teil auch ohne das Wissen der eigenen Eltern bei einer Online-Community angemeldet sind und sich hier mit anderen austauschen.

Eine Mutter aus dem Milieu der Effizienzorientierten Performer berichtet im Interview, dass sie klar dagegen wäre, wenn ihre 8-jährige Tochter über das Internet mit anderen kommunizieren würde. Im weiteren Verlauf des Interviews sprechen die Tochter und der Interviewer allein, und die Tochter erzählt, dass sie auf der Plattform MoviestarPlanet, auf der man spielen und chatten kann, fünf Freunde aus ihrem direkten Umfeld hat, mit denen sie sich Nachrichten schreibt.

Eine Verknüpfung der Daten der vorliegenden Studie mit denen der in 2014 veröffentlichten DIVSI U25-Studie5 zeigt die rasant zunehmende Bedeutung von Online-Communitys und Messenger-Diensten bei Kindern ab dem zehnten bzw. zwölften Lebensjahr. Einen deutlichen Schub erhält die Nutzung von Online-Communitys wie Facebook zwischen dem elften und zwölften Lebensjahr: 10 Prozent der 11-Jährigen, aber schon 40 Prozent der 12-Jährigen kommunizieren über eine Online-Community mit anderen. Die Nutzung von Messenger-Diensten wie WhatsApp steigert sich schon etwas früher: 20 Prozent der 8-Jährigen und 34 Prozent der 10-Jährigen bedienen sich dieser Kommunikationsmöglichkeit.6

Nutzung von Online-Communitys und Messenger-Apps im Altersverlauf

  1. DIVSI (2014): DIVSI U25-Studie – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt, Hamburg. S. 131 – 139. [↩︎]
  2. Unter Online-Communitys werden in dieser Studie soziale Plattformen im Internet verstanden. Online-Communitys können Soziale Netzwerke (z.B. Facebook), Foren, Chatroms oder Microblogging-Dienste (z.B. Twitter) sein. [↩︎]
  3. Moderierte Kinder-Chats, die zum Teil auch festgelegte „Öffnungszeiten“ haben, sind zum Beispiel unter www.mein-kika.de, seitenstark.de/chat oder www.cyberzwerge.de zu finden. [↩︎]
  4. In den AGB von Facebook wird ein Mindestalter von 13 Jahren gefordert, in denen von WhatsApp eines von 16 Jahren. Da die Angabe eines Geburtsdatums auf einer Kommunikationsplattform beim Einrichten eines Nutzerkontos nicht weiter überprüft werden kann, haben auch Personen unterhalb dieser Altersgrenze die Möglichkeit, sich auf den Plattformen zu registrieren. [↩︎]
  5. DIVSI (2014): DIVSI U25-Studie – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt, Hamburg. S. 69 – 76. [↩︎]
  6. Zu den Erklärungen der weiteren Verläufe der Nutzungsentwicklung von Online-Communitys und Messenger-Diensten siehe ebd. [↩︎]