6.1 Eltern haben eine Monopolstellung in Sachen Medienerziehung

Eltern stellen beim Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien die konkurrenzlos wichtigsten Akteure dar. Kinder verstehen die Funktionsweisen der Geräte und des Internets hauptsächlich dadurch, dass sie ihre Väter und Mütter im (digitalen) Alltag beobachten oder ihre Eltern ihnen einzelne Anwendungen erklären. Eine Ausnahme bildet die Spielekonsole, deren Funktionsweise eher durch selbstständiges Ausprobieren erlernt wird.

Akteure beim Erlernen des Umgangs mit Medien

Die Vermittlung des Umgangs mit digitalen Medien ist nicht nur Vätersache

55 Prozent der Kinder, die sich den Umgang mit dem Internet nicht selbst beibringen, lernen ihn von ihren Vätern; bei 38 Prozent sind es die Mütter, die ihren Kindern erklären, wie und wozu das Netz genutzt werden kann. Bei der Spielekonsole fallen die Unterschiede deutlicher aus: Wenn der Umgang erklärt wird, machen dies bei mehr als der Hälfte die Väter, nur bei einem Fünftel die Mütter. Die qualitativen Interviews haben gezeigt, dass die Väter häufiger selbst gerne – auch gemeinsam mit ihren Kindern – an den Geräten spielen, als dies die Mütter tun. Beim Erlernen des Umgangs mit dem Smartphone zeigt sich ein anderes Bild – hier sind die Mütter etwas aktivere Lehrer.

Autarkes Erlernen der Spielekonsole, kontrolliertes Herangeführt-Werden an das Internet

Mehr als die Hälfte der Kinder, die auf einer Konsole spielen, haben den Umgang mit dem Gerät durch selbstständiges Ausprobieren gelernt. Dieser Befund entspricht den Ergebnissen des qualitativen Teils der Studie. Hier wurde oft berichtet, dass die Spielekonsole explizit für das Kind angeschafft wird, ihm diese persönlich gehört und auch ohne die Eltern genutzt wird. Beim Erlernen des Umgangs mit der Spielekonsole spielen die Geschwister eine wichtige Rolle. So haben sich mit 18 Prozent so viele Kinder wie bei keinem anderen Gerät die Bedienungsfunktionen von ihren Geschwistern abgeschaut, oder diese haben ihren Schwestern oder Brüdern aktiv erklärt, wie Geräte wie PlayStation, Xbox oder Nintendo funktionieren. Bedenkt man, dass nur ca. 45 Prozent der befragten Kinder Geschwister haben und diese zum Teil auch jünger sind, ist diese Zahl umso höher zu bewerten.

Das Erlernen des Umgangs mit dem Internet läuft hingegen weitgehend kontrolliert und begleitet ab. 85 Prozent der 3- bis 8-jährigen Kinder, die das Internet nutzen (dies sind 28 Prozent der Gesamtheit der Kinder), haben den Umgang erklärt oder gezeigt bekommen. Die bei kleineren und Vorschulkindern noch nicht vorhandene Lese- und Schreibfähigkeit erfordert in den meisten Fällen ein Aufrufen der von den Kindern gewünschten Inhalte auf Spieleseiten oder Video-Portalen durch ein Elternteil. Auch das Wissen um möglicherweise auftauchende nicht kindgerechte Inhalte oder versehentlich durchgeführte Kaufabschlüsse durch Kinder führen bei der Mehrheit der Eltern dazu, dass sie den Einstieg ihrer Kinder ins Internet begleiten.1 Der Großteil der internetnutzenden Kinder geht dementsprechend nicht alleine, sondern zusammen mit jemand anderem online – nur 22 Prozent nutzen das Internet meistens alleine. Mit zunehmendem Alter werden die Kinder in ihrem Online-Verhalten unabhängiger: Sind es bei den 4-Jährigen 5 Prozent und bei den 6-Jährigen 20 Prozent, die meistens alleine online sind, so steigt dieser Anteil bei den 8-Jährigen auf 34 Prozent.

Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien

Der soziokulturelle Hintergrund entscheidet, inwiefern Eltern ihre Kinder auf dem Weg in die digitale Welt begleiten

Wie aktiv Eltern die ersten Schritte ihrer Kinder beim Erlernen des Umgangs mit den verschiedenen Geräten und dem Internet begleiten, unterscheidet sich stark zwischen den DIVSI Internet-Milieus: Die Effizienzorientierten Performer sind beim Erklären und Zeigen mit 97 Prozent Spitzenreiter. Bei den Unbekümmerten Hedonisten wird hingegen seltener aktiv angeleitet, sodass 35 Prozent ihrer Kinder den Umgang mit dem Internet eher durch selbstständiges Ausprobieren erlernt haben. Während es den Effizienzorientierten Performern wichtig ist, ihre Kinder gezielt auf die Anforderungen von Schule, Ausbildung und Beruf vorzubereiten und somit früh die Weichen für privaten und beruflichen Erfolg zu stellen, zeichnet sich der Erziehungsstil der Unbekümmerten Hedonisten hinsichtlich digitaler Medien durch eine gewisse „Laissez-faire“-Haltung aus, die sich auch darin äußert, dass sich die Kinder aus diesem Milieu im Kontext digitale Medien und Internet häufig selbst sozialisieren.

Internetverbote werden mit zunehmendem Alter der Kinder seltener

Der hauptsächliche Grund dafür, dass Kinder das Internet nicht nutzen, ist ein Verbot seitens der Eltern. 67 Prozent aller befragten Eltern verbieten ihren Kindern, ins Internet zu gehen.2 Internetverbote werden jüngeren Kindern gegenüber deutlich häufiger ausgesprochen als älteren. Während 83 Prozent der Eltern von 3-Jährigen gegen eine Internetnutzung sind, sinkt der Anteil mit steigendem Kindesalter stetig und beträgt bei 8-jährigen nur noch 43 Prozent.

Nutzungsverbot des Internets: Altersentwicklung

Kinder sehen ihre Eltern als erste Ansprechpartner in Sachen Internet

Die eigenen Eltern sind im Leben 3- bis 8-Jähriger die wichtigsten Vertrauenspersonen und zentrale Ansprechpartner bei „Fragen zum Internet“. 6- bis 8-jährige Kinder nennen zu 74 Prozent den Vater und zu 69 Prozent die Mutter, wenn sie Hilfe oder Unterstützung beim Aufrufen bestimmter Seiten oder Finden von Informationen benötigen.

Unterschiede zeigen sich mit Blick auf die DIVSI Internet-Milieus: Die Kinder der Digital Souveränen und der Effizienzorientierten Performer nehmen den Umgang ihrer Eltern mit dem Internet als so selbstverständlich und kompetent wahr, dass sie im Milieuvergleich überdurchschnittlich häufig Ansprechpartner bei Fragen zum Internet sind. Die Kinder der Internetfernen Verunsicherten spüren dagegen bei ihren Eltern eine gewisse Distanz zum Thema Internet und wenden sich bei Fragen entsprechend seltener an ihre Väter und Mütter, befragen aber deutlich häufiger als die Kinder anderer Internet-Milieus ihre Lehrer, wenn sie etwas über das Internet wissen möchten.3

Ansprechpartner von Kindern zum Internet nach Milieus

Freunde werden als Ansprechpartner in Sachen Internet ab dem siebten Lebensjahr zunehmend wichtiger

Die eigenen Eltern bleiben für Kinder über den Altersverlauf von 3 bis 8 Jahren die wichtigsten Ansprechpartner in Sachen Internet. Freunde spielen bei 3- bis 6-jährigen Kindern in dieser Hinsicht noch eine untergeordnete Rolle. Ab dem Schuleintritt kommt ihnen im Medienalltag von Kindern eine größere Bedeutung zu: 13 Prozent der 6-Jährigen, aber schon 23 Prozent der 7- bzw. 24 Prozent der 8-Jährigen tauschen sich mit Schulfreunden und innerhalb neu entstandener Peergroups über Spiele, Video-Clips, Musikvideos und Ähnliches aus. Erzieher und Lehrer spielen als Ansprechpartner im Kontext Internet für 3- bis 8-Jährige – abgesehen von den Kindern der Internetfernen Verunsicherten – eine untergeordnete Rolle.

Verknüpft man die Ergebnisse der vorliegenden Studie mit denen der DIVSI U25-Studie aus dem Jahr 20144 , zeigt sich die zunehmend wichtiger werdende Bedeutung der Freunde und Peergroups für Kinder. Bei den 11-Jährigen werden sie bereits von einem Drittel als wichtige Ansprechpartner genannt, und ab dem 15. Lebensjahr sind Freunde die Hauptakteure, wenn es Fragen zum Internet gibt. Eltern spielen als Ratgeber und Ideenlieferant bei Online-Themen hingegen ab dem 11. Lebensjahr der Kinder eine deutlich kleinere Rolle. Die Bedeutung von Peergroups für ältere Kinder und Jugendliche als eine wichtige Instanz für die Emanzipation sowie die Loslösung vom Elternhaus zeigt sich somit auch im Bereich der digitalen Sozialisation.

Ansprechpartner von Kindern zum Internet: Altersentwicklung

  1. Die von Eltern wahrgenommenen Risiken werden in Kapitel 8 „Chancen und Risiken digitaler Medien aus Elternsicht“ detaillierter behandelt. [↩︎]
  2. Dass Kinder das Internet nicht nutzen, weil im Haushalt kein Internetanschluss vorhanden ist, kommt nur bei 2 Prozent der Eltern 3- bis 8-jähriger Kinder vor. [↩︎]
  3. Detailinformationen zur Rolle von Lehrern als Ansprechpartner finden sich in Kapitel 6.3. [↩︎]
  4. DIVSI (2014): DIVSI U25-Studie – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt. Hamburg. [↩︎]