6.3 Lernen mit digitalen Medien und digitale Medien in der Schule

Kinder begeistern sich für den Umgang mit Lernspielen und Lernprogrammen. Fast zwei Drittel aller 6- bis 8-Jährigen sagen, dass ihnen das Lernen mit Lernprogrammen oder Lernspielen am Computer oder Tablet viel mehr Spaß macht als das Lernen mit Papier, Büchern oder Heften. Diese Vorliebe für digitales Lernen ist vom Bildungshintergrund der Eltern unabhängig, steigt aber mit dem Alter an: 6-Jährige, die des Lesens und Schreibens weniger mächtig sind und dementsprechend seltener in Kontakt mit Lernprogrammen wie Antolin1 kommen, bestätigen, dass ihnen das Lernen mit digitalen Medien mehr Spaß bereitet, zu 54 Prozent, bei den 8-Jährigen sind es schon 72 Prozent.

Auch im Zuge der qualitativen Gespräche betonten Eltern ein bereitwilligeres Lernen mithilfe von Lernspielen. Es sei einfacher, Vorschulkindern mithilfe von Lern-Apps Zahlen und Buchstaben beizubringen, und Schulkinder würden zum Beispiel freiwilliger Mathematikaufgaben lösen. Gut funktionieren würde auch die Kopplung von zuerst zu erledigenden Aufgaben an im Anschluss erlaubtes Spielen von Unterhaltungsspielen.

Begrenztes Spektrum an Computer- und Internetaktivitäten in der Schule

In Grundschulen findet die Begeisterung für das Lernen mit digitalen Medien eher wenig Raum. Nur 20 Prozent der 6- bis 8-jährigen Schulkinder haben regelmäßig Unterricht am Computer2 oder dürfen einen Computer bei anderen Gelegenheiten wie zum Beispiel in Pausen oder in der Nachmittagsbetreuung nutzen – bei den 8-Jährigen, die in der Mehrheit die dritte Schulklasse besuchen, sind es 33 Prozent.

Digitale Medien in der Schule: Altersverlauf

Das Spektrum an Tätigkeiten, die in der Schule mit digitalen Medien durchgeführt werden, ist eher eng gefasst. Am häufigsten findet das Suchen oder Recherchieren von Informationen im Internet statt. Lernprogramme kommen bei 45 Prozent derjenigen Schüler, die Unterricht am Computer haben, zum Einsatz. Etwas mehr als ein Drittel von ihnen schreibt oder rechnet am Computer. Eine kreative Nutzung wie das Malen am Computer, musikalische Aktivitäten, Fotobearbeitung oder das Erstellen von Videos und Filmen findet indes in der Schule kaum statt.

Digitale Medien in der Schule: Aktivitäten/Anwendungen

Lehrer spielen als Ansprechpartner in Sachen Internet für 6- bis 8-jährige Schulkinder eine sehr untergeordnete Rolle. Nur 11 Prozent der Kinder geben an, dass sie sich bei Fragen zum Netz an diese wenden. Das begrenzte schulische Angebot an Unterricht mit dem Computer und der nicht alltägliche Umgang mit dem Internet in der Schule bedeuten auch, dass sich für Schüler im Schulalltag selten der geeignete Rahmen bietet, um Fragen zum Thema Internet zu stellen.

Dies ist insbesondere mit Blick auf Kinder aus Elternhäusern relevant, in denen digitale Medien kaum eine Rolle spielen. Bei Kindern der Internetfernen Verunsicherten sind Lehrer beispielsweise bei ca. einem Viertel der Kinder und damit deutlich häufiger als im Durchschnitt Ansprechpartner zum Internet. Dieser Befund verweist auf die besondere Rolle, die Schulen zukommt, wenn die eigenen Eltern als Ansprechpartner in Sachen Internet nicht weiterhelfen können.

Erzieher und Lehrer befürworten einen umsichtigen Einsatz digitaler Medien bei der Arbeit mit Kindern

Erzieher und Grundschullehrer betonen in den mit ihnen geführten Gruppendiskussionen während der qualitativen Phase der Studie die Relevanz digitaler Medien für die Zukunft der Kinder. Die befragten Pädagogen sehen sowohl für die eigene Arbeit mit Kindern als auch für die Kinder selbst konkrete Vorteile digitaler Medien, plädieren aber auch für ein ausgewogenes Maß des Umgangs damit.

Erzieher berichten von den Vorteilen mobiler Endgeräte wie Tablets oder auch den privat genutzten Smartphones, wenn es darum geht, Kindern schnell und verständlich Zusammenhänge zu erklären, Bilder zu zeigen oder Fragen zu beantworten. Typische und häufig nicht ohne Weiteres zu klärende Kinderfragen wie „Was frisst eigentlich die Heuschrecke?“ ließen sich so schnell und zufriedenstellend beantworten. Auch Lehrer, die einen Computer mit Internetzugang im Klassenzimmer oder Computerraum verwenden, sehen es als sinnvoll an, gemeinsam mit den Kindern Rechercheaufgaben über das Internet zu erledigen und ihnen sowohl die „positiven Seiten“ wie auch die Herausforderungen einer „richtigen Recherche“ nahezubringen.

Problematisiert wird von Erziehern und Lehrern zum Teil das aus ihrer Sicht zu intensiv und häufig stattfindende Spielen der Kinder am Computer, Smartphone oder anderen Geräten im häuslichen und familiären Umfeld. Dementsprechend sehen die befragten Pädagogen es zum Teil auch als ihre Aufgabe, „gegenzusteuern“ und andere Dinge abseits digitaler Medien in den Fokus zu rücken. Ein Interesse an „normalen“ Tätigkeiten wie „ein Bild zu malen“, „etwas zu basteln“ oder Sport zu treiben und sich zu bewegen bleibe aus Erzieher- und Lehrersicht auf der Strecke bzw. erscheine Kindern schnell langweilig. Pädagogen fühlen sich hinsichtlich dieser Einschätzung durch ein über viele Jahre stattfindendes Beobachten und Vergleichen der Fähigkeiten der Kinder bestätigt.

Erzieherin: „Ich bin auch dafür, dass sie [Anm.: digitale Medien] teilweise eingesetzt werden, aber da der Konsum häufig zu Hause schon so groß ist, habe ich eher das Gefühl, dass wir das im Kindergarten nicht so sehr nutzen sollten.“

Lehrer: „Es ist ein sehr heikles Thema, und es ist einfach die Zukunft. In der Grundschule greift das um sich, und es gibt einfach Kinder, die kommen damit nicht in Berührung, auch nicht vom Elternhaus aus, und wenn sie dann in Berührung kommen, ist es nur Fernsehen und in der Regel negativ. Und die positiven Seiten der digitalen Medien werden gar nicht aufgezeigt.“

Lehrerin: „Das eine schließt das andere nicht aus. Ich arbeite trotzdem ganzheitlich und mit allen Sinnen, und nehme mir auch heraus, in den Zoo zu gehen, und kann trotzdem eine Internetrecherche durchführen.“

Erzieherin: „Bei den Kindern bleibt ganz viel auf der Strecke, die können ja gar keine Fähigkeiten und Fertigkeiten mehr ausbilden. Die können teilweise nicht mal mehr ein Bild ausmalen oder schneiden, solche Sachen bleiben auf der Strecke, das finde ich schade. Die wissen, welches Spiel von welcher Firma ist, aber erzählen mir dann, die Erbsen wachsen in der Büchse. Das ist eben die Aufgabe, dass wir gucken, wir sind ja für vor der Schule da. Und wenn die in der ersten Klasse keine Schere halten können, ist meine Arbeit nicht getan.“

Nicht nur in Deutschland wird das Für und Wider des Einsatzes digitaler Medien – auch schon an Grundschulen – diskutiert. Einigkeit unter Bildungswissenschaftlern herrscht grundsätzlich darüber, dass Kinder auf die digitalisierte Gesellschaft vorbereitet werden und einen kompetenten Umgang mit den Kulturtechniken, die ihr Leben prägen, erlernen müssen.3 Wie diese Vorbereitung konkret aussehen könnte, welche Kompetenzen Kinder tatsächlich erhalten sollten und welchen Herausforderungen sich Schulen stellen müssen, ist dabei ein noch relativ offenes Feld. Die grundsätzlich positive, aber auch vorsichtige Haltung von Grundschullehrern gegenüber dem Einsatz digitaler Medien im Unterricht – die sich auch im Zuge weiterer Studien bestätigt4 – verweist somit darauf, dass das Thema relevant ist und gleichzeitig viele Fragen hierzu noch ungeklärt sind. Offen ist beispielsweise, welche Ziele die Vermittlung von Medienkompetenz konkret verfolgen soll. Diskutiert wird dabei beispielweise, ob ein versierter Umgang mit bestehenden Online-Angeboten schon ausreiche oder es nicht auch um das Verständnis der Funktionsweise digitaler Medien gehe – sowohl hinsichtlich technischer wie auch organisatorisch-ökonomischer Aspekte.5 Zum anderen erfordert eine erfolgreiche Vermittlung von Medienkompetenz im Rahmen der Schule auch infrastrukturelle Gegebenheiten, die diese Vermittlung überhaupt ermöglichen. So berichteten die Lehrer in den mit ihnen geführten Gruppendiskussionen auch von eigenen Schwierigkeiten, mit den neuesten Geräten – wie beispielsweise Smartboards – sicher und versiert umzugehen. Auch technische (hardwareseitige) Probleme und das Auf-sich-allein-gestellt-Sein bei der Lösungssuche stellt Lehrer vor Herausforderungen, die einen selbstverständlichen Gebrauch digitaler Medien an Grundschulen zum Teil verhindern.6

  1. Antolin ist ein Online-Portal zur Leseförderung für die Klassen 1 bis 10 und bietet Quizfragen zu Kinder- und Jugendbüchern, die Schüler online beantworten können. Das Portal enthält keine Bücher zum Download.
    http://www.antolin.de (Zugriff: 21.11.2014). [↩︎]
  2. Bei den in der Schule am Computer durchgeführten Aktivitäten handelt es sich in erster Linie um die Anwendung von Programmen und nicht um eine Einführung in den technischen Aufbau und die Funktionsweisen von Computern bzw. das Programmieren. [↩︎]
  3. Siehe dazu die Studie der Initiative D21 (2014): Medienbildung an deutschen Schulen. Handlungsempfehlungen für die digitale Gesellschaft.“ http://www.initiatived21.de/portfolio/medienbildung_an_deutschen_schulen (Zugriff: am 19.12.2014).

    Siehe auch die Presseinformation zur BITKOM Studie „Digitale Schule“, in welcher BITKOM-Präsident Prof. Dieter Kempf auf die Notwendigkeit verweist, den Umgang mit den Kulturtechnologien frühzeitig an Kinder zu vermitteln: Eine digitale Agenda für die Schule. Berlin, 07. Mai 2014. http://www.bitkom.org/de/presse/8477_79291.aspx (Zugriff: 19.12.2014). [↩︎]

  4. Die Studie „Medienbildung an deutschen Schulen“ der Initiative D21 hat ergeben, dass 55 Prozent der Grundschullehrer sagen, dass aus ihrer Sicht „beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht die Vorteile insgesamt überwiegen“. Siehe Initiative D21 (2014): Medienbildung an deutschen Schulen. Handlungsempfehlungen für die digitale Gesellschaft.“, S. 25. http://www.initiatived21.de/portfolio/medienbildung_an_deutschen_schulen (Zugriff: 19.12.2014). [↩︎]
  5. Nicht nur der kompetente Umgang mit Medieninhalten beispielsweise im Internet, sondern auch das tiefere Verstehen technischer Zusammenhänge im IT-Bereich wird von Experten und Didaktikern gefordert. So ist seit 2014 beispielsweise in Großbritannien Informatik Pflichtfach ab der ersten Klasse. Siehe dazu den folgenden Artikel mit einem Interview mit Ira Dietheim, Professorin für Didaktik der Informatik: http://www.uni-oldenburg.de/news/art/informatikunterricht-wir-muessen-so-frueh-wie-moeglich-anfangen-1026 (Zugriff: am 19.12.2014). [↩︎]
  6. Die technische Ausstattung von Schulen ist laut der Initiative D21 eine der Grundvoraussetzungen für die Vermittlung von Medienkompetenz an Kinder: „Um einen selbstverständlichen, adäquaten Einsatz digitaler Medien im Unterrichtsalltag zu ermöglichen, sollen Grundschulen mit einer ausreichenden Zahl mobiler Klassensätze mit Notebooks oder Tablets ausgestattet werden.“ Siehe ebd. S. 9. [↩︎]