7. Eine digitale Kluft zwischen Jungen und Mädchen?

Jungen und Mädchen wird häufig ein unterschiedlich ausgeprägtes Technikinteresse – auch unabhängig vom Kontext digitaler Medien – zugesprochen. Im Umgang mit Computer/Laptop und Internet wird Jungen sowohl in der Fremd- als auch in der Eigenwahrnehmung zum Teil eine höhere Kompetenz zugeschrieben als Mädchen. So konnte im Zuge der DIVSI U25-Studie festgestellt werden, dass sich „Mädchen, weibliche Jugendliche und junge Frauen im Netz weniger zutrauen als ihre männlichen Altersgenossen“.1 Aber spielt diese mutmaßliche digitale Kluft auch bereits bei 3- bis 8-jährigen Kindern eine Rolle? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede hinsichtlich des Interesses an digitalen Medien und mit Blick auf die Kompetenz im Umgang mit dem Internet lassen sich bei Mädchen und Jungen dieser Altersgruppe finden?

Das Interesse an digitalen Medien und dem Internet ist keine Frage des Geschlechts

Das Geschlecht der Kinder hat keinen Einfluss darauf, ob sie ins Internet gehen oder nicht. 27 Prozent der 3- bis 8-jährigen Mädchen und 29 Prozent der Jungen desselben Alters gehen nach Angaben ihrer Eltern online. Auch die Antworten der befragten 6- bis 8-jährigen Kinder selbst zeigen keine deutlichen Unterschiede entlang der Geschlechter: 41 Prozent der Mädchen geben an, dass sie manchmal ins Internet gehen, bei den Jungen sind es 43 Prozent.

Auch beim Internet-„Einstiegsalter“ zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen: So gehen 12 Prozent der 3-jährigen Jungen und 9 Prozent der 3-jährigen Mädchen online; im Alter von 5 Jahren sind es bei den Jungen 22 Prozent und bei den Mädchen 21 Prozent, die zumindest manchmal das Internet nutzen. Jungen und Mädchen gehen auch vergleichbar häufig online: 13 bzw. 14 Prozent der Jungen und der Mädchen im Alter von 3 bis 8 Jahren gehen mehrmals die Woche ins Internet; 9 bzw. 7 Prozent machen dies mehrmals pro Monat.

Die Beliebtheit der verschiedenen Endgeräte ist – abgesehen von der Spielekonsole, welche bei Jungen deutlich beliebter ist als bei Mädchen – ebenso unabhängig vom Geschlecht der Kinder. Auch die Nutzungsintensität, das heißt die Dauer der an den Geräten verbrachten Zeit, unterscheidet sich – wiederum abgesehen von der Spielekonsole – nicht zwischen Jungen und Mädchen.

Digitale Medien: Geschlechterunterschiede

Was machen Mädchen und Jungen im Netz?

Deutliche Geschlechterunterschiede lassen sich allerdings bei der Art der Nutzung des Internets, das heißt bei den inhaltlichen Schwerpunkten, identifizieren: Jungen zeigen eine stärkere Spiele- und Actionorientierung als Mädchen. 60 Prozent der 6- bis 8-jährigen Jungen geben an, dass sie im Internet sehr gerne Spiele spielen, bei den Mädchen sind es dagegen 47 Prozent. Bei Mädchen ist hingegen das Suchen von Informationen im Internet (z.B. für die Schule) verhältnismäßig relevanter – 31 Prozent machen dies sehr gern, bei den Jungen sind es 23 Prozent. Für Mädchen sind entsprechend Suchmaschinen wie Frag-Finn oder Google beliebtere Internetseiten als für Jungen. Unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte und Präferenzen bei Jungen und Mädchen zeigen sich zudem bei anderen bevorzugten und am häufigsten besuchten Internetseiten. 6- bis 8-jährige Jungen haben eine eindeutige Vorliebe für das Spielerepertoire auf der Internetseite Toggo. Diese kann im Vergleich zu den bei Mädchen deutlich beliebteren Inhalten auf KiKA als „actionreicher“ beschrieben werden.2

Beliebte Internetseiten: Geschlechterunterschiede

Keine Unterschiede in der subjektiven Internetkompetenz bei Jungen und Mädchen

Jungen und Mädchen weisen, laut ihrer eigenen Einschätzung, aber auch der ihrer Eltern, eine gleichwertig ausgeprägte Internetkompetenz auf. Jungen und Mädchen sind außerdem gleichermaßen in der Lage, sich im Internet zu bewegen: Von den 3- bis 8-jährigen Kindern, die ins Internet gehen (dies sind 28 Prozent), sind 65 Prozent der Mädchen und 62 Prozent der Jungen in der Lage, selbstständig eine Internetseite aufzurufen.

Internetkenntnisse: Einschätzung durch Eltern und Kinder – Geschlechterunterschiede

Wenn Kinder beginnen, sich mit digitalen Medien zu beschäftigen, gibt es hinsichtlich ihres grundsätzlichen Interesses, insbesondere aber bei der sich selbst und der von ihren Eltern zugeschriebenen Kompetenz im Umgang mit dem Internet keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Auf Basis der durchgeführten Studie kann also – jenseits der präferierten Inhalte im Netz3 – nicht von einer digitalen Kluft zwischen Jungen und Mädchen gesprochen werden. Im Gegenteil, die bei älteren Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen festgestellte weniger ausgeprägte subjektive Internetkompetenz bei weiblichen Internetnutzern bildet sich entweder im Laufe des Heranwachsens heraus oder hängt davon ab, welcher „Internetgeneration“ die Befragten angehören. Was die dahinterstehenden Mechanismen sind, kann hier nicht beantwortet werden. Zu fragen wäre aber, mithilfe welcher Maßnahmen und im Rahmen welcher Institutionen – auch außerhalb der Familie – frühzeitig Weichen gestellt werden könnten und sollten, sodass die bei Mädchen und Jungen zunächst gleichwertig ausgeprägte (subjektive) Internetkompetenz bestehen bleiben und sich auch bis ins Erwachsenenalter fortsetzen kann.

  1. DIVSI (2014): DIVSI U25-Studie – Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt. Hamburg. S. 105.

    Siehe auch: Luca, Renate (2010): Gender. In: Wegener/Vollbrecht 2010: Handbuch Mediensozialisation. Wiesbaden. „Mädchen wird in Selbst- und Fremdeinschätzung eine geringere Kompetenz im Umgang mit dem Computer zugeschrieben als Jungen. Jungen und junge Männer treten nach eigener Einschätzung aufgeschlossener und offener an Aktivitäten mit Computer und Internet heran.“ S. 361. [↩︎]

  2. Mädchen und Jungen zeichnen sich bei der Mediennutzung durch unterschiedliche „Kommunikationsstile“ aus; so bevorzugen Mädchen tendenziell eher „gefühlsbetonte“ und „beziehungsorientierte“ Inhalte und Jungen eher „actionreiche“ Formate, Genres und Spiele. Siehe Luca, Renate (2010): Gender. In: Wegener/Vollbrecht 2010: Handbuch Mediensozialisation. Wiesbaden, S. 360. [↩︎]
  3. Anbieter von Spieleseiten im Internet berücksichtigen die unterschiedlichen Interessenschwerpunkte und die oben genannten unterschiedlichen Kommunikationsstile bei Mädchen und Jungen. Die Internetseite SpielAffe beispielsweise bietet explizit für Mädchen zusammengestellte Spiele, unter denen sich vor allem Schmink- und Styling-Spiele, Friseursalon-Spiele, Spiele aus dem Bereich Kochen und Restaurant, Putz-Spiele, Tier-Spiele und Ähnliches finden. Zu fragen wäre hier, ob diese Vorstrukturierung bestehende Interessenschwerpunkte von Mädchen lediglich aufgreift oder aber sie verstärkt. [↩︎]