9.1 Der Einfluss der digitalen Lebenswelt der Eltern auf die Selbsteinschätzung der Internetkompetenz von Kindern

Je älter Kinder sind, desto kompetenter schätzen sie sich hinsichtlich ihrer Internetkenntnisse ein

Kinder sind selbstbewusst, wenn es um die Einschätzung geht, wie gut sie sich im Internet auskennen. Vergleichsmaßstab sind dabei allerdings die Fähigkeiten anderer Kinder, was auch erklärt, weshalb sie sich in der Regel kompetenter einschätzen, als sie von ihren Eltern bewertet werden. Mit steigendem Alter stufen Kinder ihre Internetkenntnisse höher ein, diese Tendenz ist auch in der elterlichen Kompetenzeinstufung ihrer Kinder festzustellen. Knapp die Hälfte der 8-Jährigen gibt an, sich bereits gut oder sehr gut mit dem Internet auszukennen. Bei den 6-Jährigen sind dies nur 18 Prozent. Hintergrund dieses erlebten Entwicklungsschubs ist vor allem der Erwerb der Lese- und Schreibfähigkeit, eine zentrale Voraussetzung eines breit gefächerten Umgangs mit dem Internet.

Einschätzung von Kindern zu ihren Internetkenntnissen

Deutliche Bildungsunterschiede bei der selbst zugeschriebenen Internetkompetenz der Eltern

52 Prozent der Eltern geben an, sich gut mit dem Internet auszukennen. Gut ein Drittel bewertet die eigenen Internetkenntnisse sogar als sehr gut. Hierbei zeigen sich ausgeprägte Bildungsunterschiede: So schreiben sich die Befragten mit einfacher formaler Bildung zu 27 Prozent sehr gute Internetkompetenzen zu, bei den Eltern mit mittlerer formaler Bildung sind es 32 Prozent und 41 Prozent bei den Eltern mit hoher formaler Bildung. Die Bewertung der Internetkenntnisse des eigenen Kindes ist hingegen weitestgehend unabhängig vom elterlichen Bildungsniveau. Über alle Bildungsgrade hinweg stufen ca. vier von fünf der befragten Elternteile die Internetkenntnisse ihres Kindes als weniger gut oder schlecht ein.

Die Ergebnisse der qualitativen Interviews zeigen, dass Eltern die Kompetenz in Sachen Internet weniger als statisches Merkmal, sondern als eine kontinuierliche Herausforderung sehen, die auch von ihnen selbst ein stetiges Lernen verlangt.

„Na ja, ich denke, wir haben schon viel mitgekriegt, wir beide speziell. Eigentlich sind wir schon kompetent genug, um die Kinder in die digitale Welt zu begleiten.“ (Vater, Effizienzorientierte Performer, Tochter 8 Jahre)

„Ich denke, ich bin so weit überfordert damit, dass es immer wieder etwas Neues gibt und immer die Frage, was ist richtig und was ist falsch; und wir haben schon den Anspruch, unsere Kinder richtig zu erziehen, aber was ist richtig? […] Manche sagen, es ist richtig, sein Kind eine Stunde vor den Rechner zu setzen, und manche sagen halt, es ist o.k., wenn es gar nicht vorm Rechner sitzt.“ (Mutter, Postmaterielle Skeptiker, Söhne 3 und 7 Jahre)

„Also, so richtig Ahnung habe ich, glaube ich, nicht. Aber für mich reicht es, um auf die Seiten zu gehen, wo ich hinwill. Hoffe, dass ich mein Schutzprogramm drauf habe, so wie ich mir das gewünscht habe von meinen Leuten, die mir das installiert haben. Ja. Also, ich mein’, man hört ja immer so viel, auch über Online-Banking, und trotzdem mache ich das.“ (Mutter, Unbekümmerte Hedonisten, Sohn 3 Jahre und Tochter 5 Jahre)

Einschätzung von Eltern zu ihren Internetkenntnissen

Die subjektive Internetkompetenz von Kindern ist abhängig von der digitalen Lebenswelt der Eltern

Noch weitreichender als die Bildungsunterschiede wirkt sich die Zugehörigkeit zu den unterschiedlichen Internet-Milieus bei der Kompetenzwahrnehmung aus: Sie betrifft nämlich nicht nur die Einschätzung der eigenen Kompetenzen seitens der Eltern, sondern spiegelt sich auch in der subjektiven Kompetenzzuschreibung der Kinder in den jeweiligen Internet-Milieus wider.

Die Eltern aus dem Internet-Milieu der Digital Souveränen sind sich ihrer Vorreiterrolle als digitale Avantgarde bewusst und bewerten ihre eigenen Internetkenntnisse zu fast 50 Prozent als sehr gut. Beinahe genauso selbstsicher sind die Effizienzorientierten Performer. Fast alle dieser leistungsorientierten Internet-Profis stufen die eigenen Internetkompetenzen als gut oder besser ein. Am schlechtesten bewerten sich die Eltern aus dem Milieu der Internetfernen Verunsicherten, von denen nur 17 Prozent die eigenen Internetkenntnisse als gut oder sehr gut bezeichnen. Bei den zugehörigen Kindern zeigt sich ein ähnliches Bild: So bewerten 43 Prozent der 6- bis 8-jährigen Kinder von Eltern aus dem Milieu der Digital Souveränen ihre Internetkenntnisse als gut oder sehr gut und zeigen sich damit im Milieuvergleich – ebenso wie ihre Eltern – an der Spitze der subjektiven Internetkompetenz. Nur 12 Prozent der Kinder aus dem Milieu der Internetfernen Verunsicherten bewerten ihre Internetkenntnisse mit sehr gut oder gut und befinden sich damit – wie die Eltern aus diesem Milieu – auf dem niedrigsten subjektiven Kompetenzniveau. Ebenso unterdurchschnittlich versiert, wie sich die eigenen Eltern sehen, sehen sich auch die Kinder der Ordnungsfordernden Internet-Laien. Das Korrespondieren elterlicher und kindlicher Selbsteinschätzung bei der Internetkompetenz ist eine wichtige Erkenntnis, wenn es um die Klärung der Frage geht, inwiefern in Deutschland eine digitale Chancengleichheit existiert. Eine Voraussetzung dafür wäre, dass Kinder – unabhängig von sozialer Lage und digitaler Lebenswelt der Eltern – mit den gleichen Startvoraussetzungen für die Teilhabe an der digitalisierten Gesellschaft ausgestattet sind.

Internetkenntnisse Selbsteinschätzung von Kindern und Eltern