3.1 Die gesellschaftliche Funktion von Vertrauen

Der Begriff „Vertrauen“ entzieht sich einer einfachen, für alle denkbaren Situationen angemessenen Definition. In seiner grundlegendsten Form bezeichnet „Vertrauen“ einen psychischen Zustand, der sich auf ein Gegenüber bezieht und Erwartungen an dessen (künftiges) Verhalten formuliert. Wer einer anderen Person vertraut, der verlässt sich darauf, dass sich diese entweder so verhalten wird, wie es vereinbart worden ist, oder wie es den (berechtigten) Erwartungen der vertrauenden Person entspricht. Dies impliziert zugleich ein Moment der Unsicherheit. Wäre es gesichert, wie sich die andere Person verhält, so wäre Vertrauen weniger wichtig oder gar unnötig. Deshalb ist es auch immer mit einem gewissen Risiko verbunden, der anderen Person Vertrauen zu schenken: Die Erwartung an deren Verhalten kann trotz Vertrauens stets enttäuscht werden. Auf der anderen Seite setzt Vertrauen ein Mindestmaß an Wissen über die andere Person voraus. Bei völliger Unkenntnis über die Eigenschaften des Gegenübers kann nur auf ein erwünschtes künftiges Verhalten gehofft, jedoch nicht darauf vertraut werden.1

In der immer komplexer und unübersichtlicher werdenden modernen Gesellschaft, so der Soziologe Niklas Luhmann, reicht dieses interpersonale Vertrauen allein allerdings nicht mehr aus. Denn täglich kommt es zu Interaktionen mit Personen und anderen Akteuren wie Unternehmen oder Behörden, zu denen keine persönliche Beziehung besteht und über die der Kommunizierende so gut wie nichts wissen kann, denen er aber trotzdem ein gewisses Vertrauen entgegenbringen muss, damit die Interaktion in der jeweils angezeigten Weise erfolgreich sein kann. Interpersonales Vertrauen muss daher durch das sogenannte Systemvertrauen ersetzt bzw. ergänzt werden. Die Erwartungen an das Funktionieren des Systems, dessen Teil der Einzelne ist, wird dadurch stabilisiert, dass darauf vertraut werden kann, dass sich die Mitglieder des Systems den ihnen zugewiesenen Rollen entsprechend verhalten.2

Ist dieses Systemvertrauen gegeben, so Luhmann, dann kann Vertrauen seine zentrale gesellschaftliche Funktion erfüllen und als entscheidender Mechanismus dienen, die Komplexität unserer Interaktionen mit anderen innerhalb der modernen Gesellschaft zu reduzieren. Auf diese Weise macht es Vertrauen möglich, mit den Unsicherheiten und Unwägbarkeiten, die der heutigen Gesellschaft inhärent sind, zurechtzukommen. Systemvertrauen macht diese Unsicherheit tolerierbar und versetzt den Einzelnen somit in die Lage, trotz der undurchschaubaren Komplexität, die sichere Voraussagen über die Zukunft verhindert, Entscheidungen zu treffen und so überhaupt handlungsfähig zu bleiben.3

  1. Walter Bamberger, Interpersonal Trust – Attempt of a Definition, 2010, http://www.ldv.ei.tum.de/en/research/fidens/interpersonal-trust/. []
  2. Niklas Luhmann, Vertrauen: Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität, 3. Aufl. Stuttgart 1989, Kapitel 7. []
  3. Bamberger, ebd. []