3.3 Mangelndes Vertrauen in der digitalen Welt

Wie die vorstehenden Ausführungen gezeigt haben, kommt Vertrauen in Kommunikation in der digitalen Welt besondere Bedeutung zu. Zugleich ist aber festzustellen, dass es besonderen Herausforderungen ausgesetzt ist. So wies die damalige Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger bereits im Juli 2013 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung darauf hin, dass das Vertrauen in die digitale Kommunikation aufgrund der Datenschutz- und Überwachungsskandale der vergangenen Jahre beeinträchtigt ist.1 Auch die Bundestagsfraktion der Grünen konstatierte in einem Antrag an die Bundesregierung im Sommer 2016, mit dem sie etwas gegen den „Stillstand beim E-Government“2 in Deutschland unternehmen wollte, dass die geringe Akzeptanz vorhandener Angebote im Netz jedenfalls „auch auf ein mangelndes Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in Datensicherheit und Datenschutz“ zurückzuführen ist.3

„Die Datenschutzskandale der letzten Jahre haben das Vertrauen in die digitale Kommunikation stark beschädigt. Nutzerinnen und Nutzer agieren dadurch allerdings nicht unbedingt achtsamer, sondern haben vielmehr keine großen Erwartungen an die Vertraulichkeit.“
Frederick Richter, Vorstand der Stiftung Datenschutz, Konsultation

Neben der in der Einleitung zitierten jüngsten repräsentativen Studie, die dimap im Auftrag von DIVSI durchgeführt hat, stützen auch andere aktuelle Befragungen die These, dass Misstrauen gegenüber den Kommunikationswegen im digitalen Zeitalter in der Bevölkerung verbreitet ist. Dies gilt sowohl in Bezug auf das Verhältnis zu staatlichen Angeboten als auch gegenüber der Kommunikation mit privatwirtschaftlichen Unternehmen. So kam eine weitere dimap-Umfrage von Anfang März 2017 zu dem Ergebnis, dass es die Mehrheit der Bürger (55 Prozent) „eher schlecht“ oder „sehr schlecht“ findet, wenn Unternehmen oder Behörden wichtige Dokumente und Informationen ihren Kunden bzw. Bürgern per E-Mail zustellen oder in einem Online- Postfach zum Abruf hinterlegen.4 Es sind dabei deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen festzustellen. Befragte unter 35 haben deutlich weniger Berührungsängste in dieser Hinsicht: 58 Prozent der Befragten in dieser Altersgruppe finden die elektronische Zustellung von Dokumenten und Informationen gut. Die entgegengesetzte Einstellung ist bei den über 65-Jährigen zu beobachten, von ihnen sind zwei Drittel skeptisch.

Noch auffälliger als die Skepsis gegenüber der Übermittlung oder Bereitstellung von Informationen durch Unternehmen oder Behörden auf digitalem Wege ist die in der gleichen Befragung zum Ausdruck gekommene Sorge, dass die persönlichen Daten der Kunden bzw. Bürger auf digitalen Kommunikationskanälen nicht sicher sind. Ganze 64 Prozent, also beinahe zwei Drittel aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer, gaben an, in dieser Hinsicht „eher besorgt“ oder „sehr besorgt“ zu sein. Dieser Umstand impliziert einen Mangel an Vertrauen gegenüber digitalen Kommunikationsmitteln, wenn es darum geht, dass Unternehmen oder Behörden sensible Informationen an Kunden bzw. Bürger übermitteln. Nutzer sind sich unsicher, ob an diesem entscheidenden Punkt ein hinreichender Schutz gewährleistet werden kann.

Der eGovernment MONITOR, der jährlich vom Institute for Public Information Management gemeinsam mit der Initiative D21 durchgeführt wird, kommt für das Jahr 2016 zu dem Ergebnis, dass die Nutzung von E-Government-Angeboten in Deutschland leicht steigt, allerdings noch immer nicht einmal jeder zweite deutsche Onliner auf diese zurückgreift (45 Prozent).5 Dieser Studie zufolge gaben im Jahr 2014 noch zwei Drittel der Befragten in Deutschland an, dass Bedenken bezüglich Sicherheit und Schutz sensibler persönlicher Daten sie von der Nutzung der Angebote abhielten. Dieser Wert ist zwar für 2016 auf nur noch etwas mehr als ein Drittel (34 Prozent) gesunken6 , zeigt aber dennoch die Bedeutung dieser Themen für einen signifikanten Teil der Nutzer.

Von denjenigen Befragten, die Sorgen bezüglich Sicherheit und Schutz sensibler Daten äußerten, waren für jeweils die Hälfte Angst vor Datendiebstahl sowie ein Mangel an Information darüber, was mit den Daten passiert, die gewichtigsten Gründe für das fehlende Vertrauen. Als weitere Faktoren wurden die Sorge vor mangelnder Sicherheit bei der Datenübertragung (48 Prozent), vor dem möglichen Zusammenführen von Daten in einer zentralen Datenbank („gläserner Bürger“, 48 Prozent) und Bedenken hinsichtlich der Sorgfalt im Umgang mit den Daten von Seiten der Behörden (46 Prozent) genannt.7

Diese Befunde sind nicht auf Deutschland oder Europa beschränkt. Auch in anderen Ländern durchgeführte Befragungen kommen zu Ergebnissen, die ein verbreitetes Misstrauen gegenüber digitalen Kommunikationsangeboten zeigen. So zeigte eine umfangreiche Studie in den Vereinigten Staaten – deren Bürger gemeinhin den Ruf haben, weniger um ihre persönlichen Daten besorgt zu sein als Deutsche –, dass ein Zusammenhang zwischen fehlendem Vertrauen in die Sicherheit und Vertraulichkeit privater Informationen und größerer Zurückhaltung bei verschiedenen Online-Aktivitäten auch auf der anderen Seite des Atlantiks sehr naheliegt und eben kein rein deutsches Phänomen ist.8

Aus all diesen Zahlen wird trotz ihrer Unschärfe jedenfalls deutlich, dass die Mehrheit der Nutzerinnen und Nutzer eben nicht in einer Zeit leben will, die den Schutz der Privatsphäre als tragendes Prinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufgegeben hat. Im Gegenteil, Datenschutz und Vertrauen in sensible Kommunikation bleibt für sie von entscheidender Bedeutung. Wer digital kommuniziert, wird daher auch weiterhin zumindest darauf vertrauen wollen, dass sensible Daten ein Mindestmaß an Schutz vor dem Zugriff Dritter genießen.

„Unsere Erfahrung zeigt, dass immer weniger Nutzer bereit sind, nicht vertrauliche Dienste zu verwenden. Unsere Nutzerzahlen steigen konstant. Die breite Masse hat sich allerdings noch nicht von datenschutzrechtlich problematischen Diensten abgewendet. Bei vielen Menschen ist das Bewusstsein für Datenschutz und Privatsphäre noch wenig ausgeprägt. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass die Thematik nicht so leicht greifbar und verständlich ist wie andere gesellschaftsrelevante Themen. Bequemlichkeit spielt sicherlich auch eine Rolle. Trotzdem ist der Trend positiv.“
Roman Flepp, Pressesprecher, Threema GmbH, Konsultation

  1. Wolfgang Janisch und Heribert Prantl, Interview mit Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger, Vertrauen in digitale Kommunikation ist beeinträchtigt, Süddeutsche Zeitung, 6. Juli 2013, http://www.sueddeutsche.de/politik/justizministerin-leutheusser-schnarrenberger-vertrauen-in-digitale-kommunikationist-beeintraechtigt-1.1714126. []
  2. E-Government wird insoweit ganz allgemein als der digitale Austausch zwischen Bürgern und Unternehmen auf der einen und staatlichen Einrichtungen auf der anderen Seite verstanden. []
  3. Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Stillstand beim E-Government beheben – Für einen innovativen Staat und eine moderne Verwaltung, BTDrucksache 18/9056, 6. Juli 2016, S. 2, http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/090/1809056.pdf. []
  4. DIVSI, „Elektronische Dokumentenzustellung“, repräsentative dimap-Umfrage ab 18 Jahren, 1. und 2. März 2017, https://www.divsi.de/wp-content/uploads/2017/03/2017-03-08_Unterlage_DIVSI-dimap-Umfrage_Dokumentenzustellung.pdf. []
  5. IPIMA und Initiative D21, eGovernment MONITOR 2016 – Nutzung und Akzeptanz digitaler Verwaltungsangebote – Deutschland, Österreich und Schweiz im Vergleich, September 2016, S. 6, http://initiatived21.de/app/uploads/2016/12/egovmon2016_web.pdf. []
  6. Ebd., S. 7. []
  7. Ebd., S. 17. []
  8. Rafi Goldberg u. a., Trust in Internet Privacy and Security and Online Activity, NTIA Working Paper, 2016, https://ssrn.com/abstract=2757369; Rafi Goldberg, Lack of Trust in Internet Privacy and Security May Deter Economic and Other Online Activities, National Telecommunications & Information Administration, 13. Mai 2016, https://www.ntia.doc.gov/blog/2016/lack-trust-internet-privacy-and-security-may-deter-economic-and-other-online-activities. []