3.4.1 Ursachen für systemisches Misstrauen gegenüber Kommunikation in der digitalen Welt

In der digitalen Sphäre wird die Herausbildung von Vertrauen dadurch erschwert, dass an jedem Kommunikationsvorgang neben dem unmittelbaren Kommunikationspartner eine Vielzahl mittelbarer weiterer Teilnehmer beteiligt ist – so zum Beispiel die E-Mail-Dienstleister. Da die kommunizierenden Personen deshalb oft gar nicht wissen können, wer alles von den Inhalten des Vorgangs Kenntnis nehmen kann, ist das Vertrauen in den Kommunikationsweg von vornherein erheblich erschwert. Durch diese Komplexität kommt dem Systemvertrauen in der digitalen Welt eine noch einmal erhöhte Bedeutung zu. Es ist für die Kommunikationsteilnehmerinnen und -teilnehmer schwieriger, überhaupt Vertrauen aufzubauen. Zugleich ist es leichter zu enttäuschen und zu unterminieren. Kommt es dadurch abhanden, so kann es seine Funktion nicht mehr erfüllen. In dem Fall steigt das inhärente Risiko für die kommunizierende Person. Dies reduziert ihre Handlungsfähigkeit und führt im Extremfall dazu, dass die Kommunikation ganz abgebrochen oder von vornherein unterlassen wird. In den vergangenen Jahren hat eine Vielzahl unterschiedlicher Vorkommnisse dazu geführt, dass das Systemvertrauen in digitale Kommunikationsmittel erheblich Schaden genommen hat.1

So ist beispielsweise Internetkriminalität, die ihren Ausgangspunkt zumeist in der Manipulation oder Störung von Kommunikationsvorgängen nimmt, heute ein großes Problem. Sogenannte Phishing-Attacken, die den Zweck verfolgen, die Identität des Opfers zu stehlen oder sensible Daten wie Bank- oder Kreditkarteninformationen abzugreifen, gehören zu den häufigsten Formen der Kriminalität im Netz. Die Angriffe werden dabei immer raffinierter und bedienen sich immer häufiger des sogenannten Social Engineering, also der manipulierenden Beeinflussung von Zielpersonen, um sie zu bestimmten kompromittierenden Handlungen zu verleiten. Durchgeführt werden diese im Regelfall mittels einer E-Mail, die entweder von einer Person zu kommen scheint, der der Empfänger der Nachricht vertraut, oder die sonst einen auf ihn zugeschnittenen persönlichen und vertrauenerweckenden Inhalt aufweist.2 Ist man erst einmal Opfer einer solchen Straftat geworden, so wird man der Kommunikation über Online-Kanäle künftig nur noch wenig Vertrauen entgegenbringen. Doch schon die durchaus erschreckenden Statistiken und regelmäßigen Medienberichte über groß angelegte Phishing-Attacken allein können potenziell zu einem Vertrauensverlust in der Bevölkerung beitragen.3

Auch staatliche Stellen haben in den vergangenen Jahren ihren Anteil daran gehabt, dass Vertrauen in digitale Kommunikation verloren gegangen ist.4 Es ist zu einer ganzen Reihe von sich häufig sogar wiederholenden Ereignissen gekommen, die das Vertrauen in die Kommunikation der Bürgerinnen und Bürger mit Behörden und Unternehmen erschüttert haben. Um nur das prominenteste Beispiel zu nennen: Im Jahr 2013 enthüllte der NSA-Whistleblower Edward Snowden, dass die Geheimdienste vor allem der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs jahrelang massenhaft die digitale Kommunikation von Nutzerinnen und Nutzern weltweit überwacht hatten und bis heute überwachen.5 In Deutschland wiederum plant die Bundesregierung, eine „Zentralstelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich“ zu errichten, zu deren Aufgaben es unter anderem gehören soll, Methoden zu entwickeln, Verschlüsselungen von Kommunikationsdiensten zu brechen.6 Durch solche Maßnahmen wird die Vertraulichkeit des Inhalts von digitaler Kommunikation jedes Einzelnen potenziell kompromittiert.

„Das Vertrauen, dass die Politik digitale Kommunikationsstrukturen rechtlich und technisch schützt, ist durch die Geheimdienstskandale massiv erschüttert worden.“
Florian Rötzer, Chefredakteur Telepolis, Konsultation

 

„Durch die Snowden-Enthüllungen haben sowohl staatliche Stellen als auch Unternehmen an Vertrauen eingebüßt. Bei Letzteren hat dies zu einer Bewegung geführt, sich auf Seiten der Kunden zu stellen und deren Grundrechte gegenüber dem Staat zu verteidigen. Unternehmen achten seitdem deutlich mehr darauf, als vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden.“
Susanne Dehmel, Mitglied der Geschäftsleitung Recht & Sicherheit, Bitkom e.V., Konsultation

  1. Vodafone Institut, Auf dem Weg zum digitalen Staat: Erfolgsbedingungen von E-Government-Strategien am Beispiel Estlands, 2014, S. 5, http://www.vodafoneinstitut.de/wp-content/uploads/2015/09/VFI_eGovEra_DE.pdf. []
  2. Bundeskriminalamt, Internet-Kriminalität/Cybercrime, https://www.bka.de/DE/UnsereAufgaben/Deliktsbereiche/Internetkriminalitaet/internetkriminalitaet_node.html. []
  3. Vgl. Bitkom, Jeder zweite Internet-Nutzer Opfer von Cybercrime, 13. Oktober 2016, https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Jeder-zweite-Internetnutzer-Opfer-von-Cybercrime.html. []
  4. Vgl. Bitkom, Vertrauen in Datensicherheit im Internet schwindet weiter, 9. Dezember 2013, https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Vertrauen-in-Datensicherheit-im-Internet-schwindet-weiter.html. []
  5. Siehe z. B. Oslo University Library, Global Surveillance, An Annotated and Categorized Overview of the Revelations Following the Leaks by the Whistleblower Edward Snowden, http://www.ub.uio.no/fag/informatikk-matematikk/informatikk/faglig/bibliografier/no21984.html. []
  6. Georg Mascolo, Neue Behörde soll für Regierung verschlüsselte Kommunikation knacken, sueddeutsche.de, 23. Juni 2016, http://www.sueddeutsche.de/digital/sicherheitspolitik-neue-behoerde-soll-fuer-regierung-verschluesselte-kommunikation-knacken-1.3047884 []