Kommunikation – DIVSI https://www.divsi.de Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet Fri, 24 May 2019 13:57:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.14 Brief oder E-Mail? Mehr Klarheit in einem sensiblen Feld https://www.divsi.de/brief-oder-e-mail-mehr-klarheit-in-einem-sensiblen-feld/ https://www.divsi.de/brief-oder-e-mail-mehr-klarheit-in-einem-sensiblen-feld/#respond Wed, 24 Jan 2018 11:16:05 +0000 http://46.30.3.106/?p=17094 DIVSI Studie über Kommunikation im privat-geschäftlichen Bereich. Was die Menschen wollen, wovor sie Sorge haben. Von Silke Borgstedt Während es bereits zahlreiche Erkenntnisse darüber gibt, wie Menschen beruflich oder privat kommunizieren, wird der privat-geschäftliche Bereich, bei dem Privatpersonen (nicht als Arbeitnehmer) mit Unternehmen (z.B. Handel, Versorgungsunternehmen), Ämtern und Behörden oder etwa Ärzten in Kontakt treten, […]

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Brief oder E-Mail? Mehr Klarheit in einem sensiblen Feld

DIVSI Studie über Kommunikation im privat-geschäftlichen Bereich. Was die Menschen wollen, wovor sie Sorge haben.

Von Silke Borgstedt

Während es bereits zahlreiche Erkenntnisse darüber gibt, wie Menschen beruflich oder privat kommunizieren, wird der privat-geschäftliche Bereich, bei dem Privatpersonen (nicht als Arbeitnehmer) mit Unternehmen (z.B. Handel, Versorgungsunternehmen), Ämtern und Behörden oder etwa Ärzten in Kontakt treten, bislang ausgespart. Dabei bedarf gerade dieser Bereich eines vertieften Blicks – schließlich werden in der privat-geschäftlichen Kommunikation besonders sensible, personenbezogene Daten ausgetauscht.

Wen kontaktet der Nutzer warum?

Die Kommunikation des Individuums erstreckt sich über drei Felder. Der privatgeschäftliche Bereich war bislang eine Grauzone.

Den Fokus der Studie bildete daher die Frage, welchen Stellenwert verschiedene Kommunikationskanäle aus Sicht der Menschen in Deutschland in einer zunehmend digitalisierten Welt für diese Art Kommunikation haben. Die Untersuchung liefert damit einen Beitrag, den Status quo und die erlebten digitalen Veränderungsprozesse im privat-geschäftlichen Kommunikationsbereich nicht nur zu beschreiben, sondern Ansatzpunkte zu identifizieren, wie Chancen maximiert und Menschen befähigt werden können, möglichen Risiken souverän zu begegnen.

Austausch

Eine Erkenntnis ist: Während die Mehrheit im privaten Austausch mit Familie und Bekannten ein breites Spektrum an Online-Kanälen ganz selbstverständlich nutzt, spielen viele von ihnen bei der privat-geschäftlichen Kommunikation kaum eine Rolle:

  • Für den privaten Austausch nutzen bereits knapp drei Viertel der Bevölkerung Instant-Messaging (74 Prozent), gegenüber fünf Prozent, die diesen Kanal privat-geschäftlich nutzen.
  • Über Soziale Netzwerke kommunizieren privat 58 Prozent, nur vier Prozent tun dies im privat-geschäftlichen Bereich.

Dennoch ist die Verständigung online auch für den privat-geschäftlichen Bereich bedeutend. Die E-Mail ist hier zu einem zentralen Kommunikationsmittel geworden. Zwar ist das persönliche Gespräch am Telefon immer noch am wichtigsten, die E-Mail steht jedoch an zweiter Stelle und ist die meist-genutzte Form der Online-Kommunikation.

  • 60 Prozent korrespondieren mit Banken und Versicherungen per E-Mail. Auch hier nimmt sie Platz zwei ein, nach dem Telefonat (71 Prozent).
  • Im Austausch mit Unternehmen ist sie das am zweithäufigsten genutzte Medium nach dem Telefon (71 Prozent E-Mail, 76 Prozent Telefon). Der Brief steht mit 38 Prozent auf Platz drei.
  • Mit Ämtern und Behörden wird bereits gleich häufig per E-Mail und Brief kommuniziert (jeweils 59 Prozent).
Kanäle der privaten, beruflichen und privatgeschäftlichen Kommunikation

Kanäle der privaten, beruflichen und privatgeschäftlichen Kommunikation: „Welche der folgenden Kommunikationsmittel bzw. -möglichkeiten nutzen Sie zumindest gelegentlich?“. Alle Kommunikationsmittel im Vergleich – außer Intranet, Kundenportal und Kunden-App, da diese nur einen Bereich betreffen; in Prozent.

Grundsätzlich gilt: Die Wahl des Kanals hängt im privat-geschäftlichen Bereich wesentlich vom Kommunikationsanlass ab. Je vertraulicher der Anlass, desto relevanter werden Briefe: 71 Prozent empfangen wichtige Dokumente (für die eigene Ablage) lieber auf Papier als via E-Mail, und 70 Prozent wählen bei offiziellen Angelegenheiten einen Brief statt einer E-Mail.

Vertraulichkeit, Verlässlichkeit und persönliche Beratung sind die zentralen Anforderungen an privat-geschäftliche Kommunikationskanäle. Dass die Vertraulichkeit der Kommunikation grundgesetzlich geschützt ist, hat für die Menschen auch in der digitalen Welt große Bedeutung. 90 Prozent sehen als erforderlich an, dass das Briefgeheimnis auch in der digitalen Welt gilt. Jedoch halten es 69 Prozent für bedroht durch die Digitalisierung.

Entsprechend ausgeprägt sind die Bedenken der Befragten hinsichtlich der Sicherheit von E-Mails:

  • 71 Prozent sind fest oder eher davon überzeugt, dass E-Mails ebenso leicht ausgespäht werden können wie eine Postkarte. Für 65 Prozent besteht die große Gefahr, dass E-Mails mitgelesen werden. 62 Prozent befürchten die Manipulation von E-Mails.
  • Die E-Mail erfüllt die zentralen Anforderungen der Menschen an privat-geschäftliche Kommunikation somit nicht. Aber sie steht für alltagsrelevante Convenience-Merkmale: zeit und ortsunabhängige Kommunikation bei geringeren Kosten im Vergleich zum Brief.

Für die Mehrheit der Befragten schließen sich Sicherheit und Convenience als Anforderung nicht aus. 62 Prozent erwarten sowohl Sicherheit als auch eine einfache und bequeme Handhabung.

In der Abwägung konkreter Sicherheits- und Convenience-Aspekte zeigen die Befragten einen Widerspruch zwischen Einstellung und Verhalten. Auch wenn Sicherheitsaspekte im direkten Vergleich zu Convenience als wichtiger bewertet werden, sind im Alltag allerdings Annehmlichkeiten wie Orts- und Zeitunabhängigkeit handlungsleitende Kriterien. Im direkten Vergleich erfüllt der Brief aus Sicht der Befragten Sicherheitsanforderungen (vertraulich, rechtsverbindlich) besser als die E-Mail.

  • Den Brief hält knapp die Hälfte der Befragten für rechtsverbindlicher als die E-Mail (49 Prozent), und 46 Prozent finden, dass er vertraulicher ist.
  • Aber von 65 Prozent der Personen, die davon ausgehen, dass E-Mails (sehr) unsicher vor dem Zugriff Unbefugter sind, versenden bis zu 45 Prozent auf diesem Wege sogar Informationen und Dokumente, die sie für besonders schützenswert halten (private Telefonnummer 45 Prozent, IBAN 21 Prozent, Dokumente, die einen Rechtsstreit betreffen, 17 Prozent, Finanzdaten 15 Prozent).

Die Verantwortung, für eine sichere Online- Kommunikation Sorge zu tragen, sehen die Nutzer gleichermaßen bei Staat, Wirtschaft und sich selbst. Nahezu niemand sieht einen Akteur als hauptverantwortlich an.

Kommunikation-Verantwortung

Sicherheitsbedürfnis und Verantwortungszuschreibung: „Im Folgenden sehen Sie eine Liste mit Aussagen zum Thema Online-Kommunikation. Bitte geben Sie anhand dieser Skala an, inwieweit die jeweiligen Meinungen und Ansichten für Sie persönlich zutreffen.“ in Prozent.

Die Ergebnisse zeigen insgesamt, dass trotz der Sensibilität der verhandelten Vorgänge bei den Menschen Unsicherheiten existieren, was jeweils der sicherste und/oder einfachste Weg ist – oder welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Zum einen sehen sie sich als Getriebene in einem Prozess, der ohnehin von den Institutionen vorgegeben wird. Zum anderen können sie nur vermuten, wie es um die Sicherheit neuer Online-Optionen in diesem Feld tatsächlich bestellt ist.

Aufklärungsmanko

Hilfreich wäre es, für jeden Kanal oder Kommunikationsanlass in einem „Fakten-Check“ prüfen zu können, inwiefern diese wirklich vertrauenswürdig sind bzw. welche Fallen oder gängigen Missverständnisse es gibt. Das würde zu einer nachhaltigen Sensibilisierung für Kriterien für eine sichere und verlässliche Kommunikation im Internet beitragen. Aus Perspektive der Befragten scheinen in diesem Bereich aktuell sowohl Aufklärung über mögliche Risiken als auch klare Standards im Umgang mit diesen Kanälen zu fehlen. Bei der Umsetzung im Alltag zeigen die Menschen daher bislang entsprechend unterschiedliche Strategien, mit diesen Unklarheiten umzugehen:

  • Wer verunsichert oder weniger informiert ist, versucht, bei etablierten Angeboten zu bleiben und so lange wie möglich die Online-Optionen zu umgehen. Insbesondere jüngere Menschen zeigen einen großen Pragmatismus. Sie haben generell weniger (Sicherheits-)Bedenken, aber dafür höhere Convenience-Ansprüche: Es soll möglichst schnell und einfach gehen. Sicherheit ist nicht unwichtig, vielmehr ist das Vertrauen grundsätzlich vorhanden, dass Unternehmen oder Behörden verlässlich mit den Daten umgehen. In den jüngeren Alterskohorten gelten etablierte Mittel der Online-Kommunikation, wie z.B. die E-Mail, bereits als Kommunikations-„Dinosaurier“, die einem Brief in puncto Seriosität in nichts nachstehen.
  • Knapp die Hälfte der Bevölkerung macht sich wenig Sorgen bei der Online- Kommunikation, weil sie nicht davon ausgeht, dass die eigenen Daten für andere interessant sein könnten. Diese Gruppe ist für den Wert der eigenen Daten in einer zusehends digitalisierten Ökonomie zu sensibilisieren. Zudem finden sich bei diesen Menschen auch viele, für die das Thema Sicherheit insgesamt schlicht irrelevant ist. Aufgrund selten bewusst erlebter Konsequenzen oder ihrer geringen Bedeutsamkeit werden Risiken kaum thematisiert.

Die ungebrochen hohe Bedeutung des direkten sprachlichen Austauschs ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die zunehmende Bedeutung von Online-Kanälen für die Menschen nicht zu einer umfassenden „Verschriftlichung“ von Angelegenheiten führen darf. Sowohl die öffentlichen wie die kommerziellen Akteure in der privat-geschäftlichen Kommunikationskonstellation sollten berücksichtigen, dass es den Menschen wichtig ist, persönlichen Kontakt aufnehmen zu können, bzw. sie sich zum Teil gar nicht in der Lage sehen, entsprechende Vorgänge schriftlich zu bearbeiten.

Sicherheit ist im Bereich privat-geschäftlicher Kommunikation als Kriterium zwar ein allgegenwärtiges Bedürfnis, es wird jedoch seitens der Nutzer nicht konsequent in entsprechend souveräne Maßnahmen übersetzt. Zum einen, weil Maßnahmen nicht als wirksam betrachtet werden, zum anderen, weil sie zu viel Aufwand bedeuten.

Vermittlung

Es ist plausibel, dass sich aus den vorgenannten Gründen ein Graben zwischen Einstellung und Verhalten befindet: Sicherheit ist das Ideal, Convenience aber der konkrete Bedarf im eng getakteten Alltag. Gerade wenn sich der Alltag – vor allem auch im Bereich privat-geschäftlicher Angelegenheiten – immer mehr digitalisiert, braucht es klare Grundregeln, damit die Menschen Vertrauen in neue, digitale Möglichkeiten entwickeln können. Sie brauchen Sicherheit, um Neues überhaupt ausprobieren zu wollen. Es bedeutet auch, sie über mögliche Risiken, deren Konsequenzen ihnen aktuell noch kaum bewusst sind, in Kenntnis zu setzen, bevor diese eintreten.

Wer diese Vermittlungsaufgabe übernehmen will und kann, ist noch fraglich. Die Menschen sehen hier den Staat in hohem Maße in der Verantwortung. Dabei geht es ihnen weniger darum, sich selbst nicht zuständig zu sehen, denn die Ergebnisse zeigen, dass sich die Befragten auch selbst als mitverantwortlich betrachten. Sie brauchen jedoch Unterstützung bei der Einschätzung von Risiken und entsprechenden Möglichkeiten, diesen sicher begegnen zu können. Aktuell wird die Erfüllung dieser Aufgabe vom Staat zwar gefordert, aber sie wird ihm nicht zugetraut. Dieses auch in anderen DIVSI Studien festgestellte Grunddilemma erfordert unbedingt eine souveräne Auflösung, um das grundsätzliche Vertrauen darin zu stärken, dass der Staat nachhaltige Lösungen für die künftige digitalisierte Gesellschaft entwickelt, umsetzt und kompetent begleitet.

Download der Studie: https://www.divsi.de/publikationen/studien/brief-oder-e-mail-divsi-studie-ueber-die-kommunikation-im-privat-geschaeftlichen-bereich/

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Vertrauen: Wertvollste, aber fragilste Ressource des digitalen Zeitalters? https://www.divsi.de/vertrauen-wertvollste-fragilste-ressource-des-digitalen-zeitalters/ https://www.divsi.de/vertrauen-wertvollste-fragilste-ressource-des-digitalen-zeitalters/#respond Tue, 02 Jan 2018 12:48:16 +0000 http://46.30.3.106/?p=16909 Fünf Grundsätze sollen dafür sorgen, dass sich die Nutzer künftig sicherer fühlen. Von Philipp Otto und Henning Lahmann Eine alte Weisheit besagt: Vertrauen zu gewinnen, dauert Jahre, es zu verlieren nur Sekunden.“ Mit diesen Worten eröffnete Jutta Gurkmann, Geschäftsbereichsleiterin Verbraucherpolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband, ihre Keynote mit dem Thema „Komfort vs. Sicherheit – (K)ein Nullsummenspiel?“. Ein […]

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Vertrauen: Wertvollste, aber fragilste Ressource des digitalen Zeitalters?

Foto: Rawpixel.com | Shutterstock

Fünf Grundsätze sollen dafür sorgen, dass sich die Nutzer künftig sicherer fühlen.

Von Philipp Otto und Henning Lahmann

Eine alte Weisheit besagt: Vertrauen zu gewinnen, dauert Jahre, es zu verlieren nur Sekunden.“ Mit diesen Worten eröffnete Jutta Gurkmann, Geschäftsbereichsleiterin Verbraucherpolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband, ihre Keynote mit dem Thema „Komfort vs. Sicherheit – (K)ein Nullsummenspiel?“. Ein Appell für einen größeren Fokus auf Datensicherheit beim Umgang mit digitalen Kommunikationsmitteln bei der von DIVSI mit dem Think Tank iRights.Lab durchgeführten Diskussionsveranstaltung „Digitale Kommunikation – auf der Suche nach Vertrauen und Sicherheit“ (s. auch Bericht S. 4). Um Vertrauen also ging es – eine „immer wichtiger werdende Ressource“ im digitalen Zeitalter, so Gurkmann, die allerdings gerade aufgrund „der Schnelllebigkeit der Digitalisierung immer fragiler wird“.

Schwerpunktthema

Warum ist das so? Und was ist zu tun, um das Vertrauen in digitale Kommunikation zu stabilisieren oder es überhaupt erst einmal herzustellen? Um diese Fragen ging es vorrangig bei der hochkarätig besetzten Diskussionsveranstaltung, die den Abschluss des von DIVSI und iRights.Lab gemeinsam durchgeführten Projekts „Vertrauen in Kommunikation im digitalen Zeitalter“ bildete. Es ist Teil des Schwerpunktthemas „Kommunikation“, mit dem sich DIVSI in diesem Jahr vertieft auseinandersetzt.

Das Projekt ging dabei von der Grundannahme aus, dass es in der Bevölkerung ein Bedürfnis nach geschützter und damit vertrauenswürdiger Kommunikation gibt, und zwar insbesondere dann, wenn persönliche, sensible oder intime Informationen ausgetauscht werden – sei es mit der eigenen Bank, einer Versicherung, einer Ärztin oder einer staatlichen Behörde. Und genau hier gibt es ein Problem: Obwohl wir alle immer selbstverständlicher digital kommunizieren, haben viele Ereignisse in den vergangenen Jahren gezeigt, dass es in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit im Netz große Defizite gibt. Und dies führt zu einem Verlust an Vertrauen.

Die Befragungen, die DIVSI im Rahmen des Projektes durchführen ließ, zeigen dies deutlich. So äußerten in einer im August veröffentlichten Studie mehr als zwei Drittel der deutschen Internetnutzer Zweifel daran, dass Online-Postfächer auf Kundenportalen vertrauenswürdig sind und Dritte keinen Zugriff auf ihre Daten bekommen könnten. Die meisten Nutzer glauben auch nicht daran, dass die Unternehmen, mit denen sie vertragliche Beziehungen im Netz eingehen, sich ausreichend um die Sicherheit ihrer Kunden kümmern. Darüber hinaus wird auch dem Staat nur äußerst wenig Vertrauen entgegengebracht. Ganze 84 Prozent der Befragten waren der Ansicht, dass der Staat nicht in der Lage ist, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen, obwohl es ihnen zufolge sehr wohl seine Aufgabe wäre, sich um das Thema Sicherheit im Internet zu kümmern.

Besserung

Diese und andere ernüchternde Zahlen nahm das Projekt zum Anlass, eingehend darüber nachzudenken, wie dieser Zustand zum Besseren gewendet werden könnte. Wie sollten Kommunikationsverhältnisse ausgestaltet werden, damit das beschriebene Bedürfnis nach geschützter und damit eben auch vertrauenswürdiger Kommunikation erfüllt werden kann?

Ein erstes von iRights.Lab erarbeitetes Themenpapier steckte den Rahmen ab und untersuchte nicht nur, wie es um das Vertrauen in digitale Kommunikation zurzeit bestellt ist, sondern beschäftigte sich insbesondere mit der Frage nach den Gründen für das verbreitete Misstrauen und erörterte, an was für Voraussetzungen das Vertrauen im Internet hängt. So erwarten Internetnutzer unter anderem nicht nur, dass ihre persönlichen Daten nicht in die Hände Krimineller geraten. Gerade auch diejenigen Unternehmen oder Behörden, die berechtigterweise mit diesen Daten umgehen, sollen sie nicht zum Nachteil der Nutzer einsetzen dürfen. Erst wenn diese anderen Erwartungen erfüllt werden, kann von vertrauenswürdiger Kommunikation gesprochen werden.

Grundsätze

Das zweite Themenpapier schloss an die Bestandsaufnahme an und formulierte und erläuterte auf dieser Grundlage „Fünf Grundsätze für sichere digitale Kommunikation“, deren Umsetzung das verlorene Vertrauen der Nutzer wiederherstellen könnte:

  • Digitale Kommunikation mit sensiblen Inhalten sollte sicher und verlässlich sein.
  • Die eingesetzte Technologie sollte nutzerfreundlich sein.
  • Dem Nutzer gegenüber sollte der gewährleistete Sicherheitsstandard transparent gemacht werden.
  • Dem Nutzer sollten alternative – auch analoge – Kommunikationsmittel angeboten werden.
  • Die Wahl des Kommunikationsmittels sollte keine Diskriminierung hinsichtlich der Kosten zur Folge haben.

Die Erkenntnisse der beiden Papiere gingen schließlich zusammen mit ausführlichen Interviews und Konsultationen, die über den Verlauf der vergangenen sechs Monate mit Stakeholdern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft vom iRights.Lab geführt worden waren, in den Abschlussbericht ein, der auf der Veranstaltung in Berlin vorgestellt wurde.

Die fünf Grundsätze griff DIVSI-Direktor Matthias Kammer als Begrüßung zur Berliner Diskussionsveranstaltung auf, um das Thema des Abends einzuleiten. Eine altbekannte Herausforderung, das alt-neue Problem „Sicherheit versus Nutzerfreundlichkeit oder gar Bequemlichkeit“ blieb dann letztlich der Fixpunkt im weiteren Verlauf des Abends. Jutta Gurkmann jedoch legte in ihrer Keynote Wert darauf, dieses Begriffspaar eben nicht als unüberwindbaren Gegensatz hinzunehmen. Sicherheit und Bequemlichkeit müssten vielmehr als Einheit gedacht werden. Sollten Unternehmen deshalb endlich beginnen, Datenschutz und Datensicherheit gerade nicht als Hindernis, sondern als Chance zu begreifen, so könnte es gelingen, dass Nutzer digitaler Kommunikation vertrauten. In diesem Sinne seien auch die neue Europäische Datenschutzgrundverordnung und die E-Privacy-Verordnung keine bloßen Bremsklötze für die Wirtschaft, sondern wichtige Schritte in Richtung größerer Sicherheit.

Die Frage nach der angemessenen Rolle der Privatwirtschaft dominierte auch die abschließende, sehr lebendige und durchaus kontrovers geführte Podiumsdiskussion. Unter der Moderation von Geraldine de Bastion erörterten Ulf Buermeyer, Vorsitzender der Gesellschaft für Freiheitsrechte, Luc Mériochaud, Head of Deutsche Bank Labs Continental and Eastern Europe, Norbert Pohlmann, Professor für Informationssicherheit an der Westfälischen Hochschule, Mario Rehse, Head of Public Affairs bei der United Internet AG und Matthias Kammer die vom Projekt aufgeworfenen Probleme. Während sich alle Teilnehmer darauf einigen konnten, dass Vertrauen in der Tat ein hohes Gut im Internet darstelle, da die Verbraucher selbst gar nicht in der Lage seien zu prüfen, was mit ihren persönlichen Daten passiert, wies insbesondere Mario Rehse darauf hin, dass eben auch die Unternehmen selbst auf Vertrauen angewiesen seien.

Buermeyer hingegen kritisierte, dass in der Praxis das Vertrauen immer wieder unterlaufen werde. Um das Sicherheitsniveau zu erhöhen und damit Vertrauen zu erreichen, müssten Wege gefunden werden, damit sich dies auch für die Unternehmen lohne. Er plädierte daher für mehr Nudging, also das Schaffen von Anreizen durch den Staat, die Sicherheit der IT-Systeme zu verbessern, ohne auf Verbote oder Gebote zurückzugreifen.

Regelung

Matthias Kammer hingegen sah den Staat durchaus noch stärker in der Pflicht. Um in der Angelegenheit handlungsfähig zu bleiben, sollte er eben doch auch klare Grenzen ziehen. Dies habe in der Verkehrspolitik ja auch funktioniert. Vieles, was hier an Regelungen früher undenkbar schien, sei heute allgemein akzeptiert. Auch Professor Pohlmann sprach sich dafür aus, den Staat mehr regeln zu lassen. Zugleich aber seien sowohl Unternehmen als auch die Verbraucher selbst in der Pflicht, mehr Verantwortung zu übernehmen.

Dementsprechend stimmten in der Schlussrunde die Podiumsteilnehmer darin überein, dass alle Beteiligten nur gemeinsam nach Lösungen für das Problem mangelnden Vertrauens suchen könnten. Es müsse daher ein neuer Anlauf für eine konzertierte Aktion aller Stakeholder auf den Weg gebracht werden. Dass dies zum Vorteil aller wäre, hatte zuvor schon Jutta Gurkmann deutlich hervorgehoben: „Vertrauen ist unerlässlich, wenn wir die Chancen der Digitalisierung vollständig nutzen wollen.“

Bis dies erreicht ist – das hat die Veranstaltung deutlich gezeigt –, ist es noch ein weiter Weg. Höchste Zeit, ihn zu beschreiten. Immerhin: Die „Fünf Grundsätze für sichere digitale Kommunikation“ sind ein guter Anfang.

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„Wir brauchen Mut, um die Herausforderungen anzunehmen!“ https://www.divsi.de/wir-brauchen-mut-um-die-herausforderungen-anzunehmen/ https://www.divsi.de/wir-brauchen-mut-um-die-herausforderungen-anzunehmen/#respond Wed, 27 Dec 2017 12:29:26 +0000 http://46.30.3.106/?p=16888 DIVSI-Schirmherr Joachim Gauck über digitale Kommunikation, Vertrauen, Sicherheit und den Schutz des Persönlichkeitsrechts. Um „Digitale Kommunikation – auf der Suche nach Vertrauen und Sicherheit“ ging es bei einer hochrangig besetzten Info-Veranstaltung, zu der DIVSI nach Berlin eingeladen hatte. Basis war die Präsentation des Projektberichts über Vertrauen im digitalen Zeitalter, erstellt vom iRightsLab im Auftrag vom […]

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„Wir brauchen Mut, um die Herausforderungen anzunehmen!“

Foto: Kerstin Lakeberg

DIVSI-Schirmherr Joachim Gauck über digitale Kommunikation, Vertrauen, Sicherheit und den Schutz des Persönlichkeitsrechts.

Um „Digitale Kommunikation – auf der Suche nach Vertrauen und Sicherheit“ ging es bei einer hochrangig besetzten Info-Veranstaltung, zu der DIVSI nach Berlin eingeladen hatte. Basis war die Präsentation des Projektberichts über Vertrauen im digitalen Zeitalter, erstellt vom iRightsLab im Auftrag vom DIVSI (s. auch Bericht ab S. 6). Unstrittig wird digitale Kommunikation dabei als zentrales Element unserer Gesellschaft angesehen. Es sei daher wichtig, das Vertrauen in diesem Bereich zu stärken. Doch welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Vertrauen gerechtfertigt ist? Welche Rolle spielt der Staat, welche Verantwortung tragen Anbieter digitaler Kommunikation, aber auch die Nutzer?

Rätselhaft

Bundespräsident a.D. Joachim Gauck, Schirmherr des DIVSI, machte in seinem Grußwort auf einen Widerspruch aufmerksam: „Der Mensch ist ein rätselhaftes Wesen, zumindest, wenn er sich im Internet bewegt. Stundenlang telefoniert, spielt, recherchiert, fotografiert er mit seinem Smartphone, obwohl es nicht sonderlich sicher ist. Aber mit Behörden oder Unternehmern will er digital lieber nicht verkehren, weil es nicht sonderlich sicher ist. Ja, was denn nun?“

Man stoße immer wieder auf das alte/neue Problem: Sicherheit versus Nutzerfreundlichkeit oder gar Bequemlichkeit. Gauck: „Gemessen an dem, was in der digitalen Kommunikation ständig aus- und nachbesserungsbedürftig ist, nutzen die meisten Menschen ihre Laptops, Smartphones oder Tablets erstaunlich unbefangen.“ Die Angst vor Angriffen, Erpressungen, Ausspähungen schieße nur in seltenen Momenten hoch: „Entweder wenn jemand tatsächlich betroffen ist. Oder wenn er sich – mehr aus Pflicht denn aus Neigung – bewusst mit den Risiken auseinandersetzt.“

Die neue Projektstudie von DIVSI habe ihm vor Augen geführt: „Bei der Verbreitung digitaler Kommunikation ist in den letzten Jahren eine starke Dynamik zu verzeichnen, aber die Entwicklung entsprechender Sicherheitsstrukturen hinkt teilweise deutlich hinterher. Viele Mobilgeräte befinden sich – wie es so schön in der Fachsprache heißt – auf einem sicherheitskritischen Softwarestand.“ Nachdrücklich warnte der Alt-Bundespräsident: „Wenn es nicht gelingt, die Lücken in der digitalen Kommunikation schneller und umfassender zu schließen und neue, sicherere Barrieren gegen Schadsoftware aufzubauen, wird das Vertrauen der Bürger in die Technik (weiter) abnehmen.“

Der Conclusio der Studie könne er nur zustimmen: „Vertrauen in die digitale Kommunikation wird sich nur in dem Maße festigen bzw. erhöhen, wie die Wirtschaft bequeme Nutzung mit substantielleren Sicherheitsmaßnahmen verbindet, und wie es der Regierung gelingt, größere Transparenz zu gewährleisten.“

Standpunkte

Mit Blick auf die Regelungen der Europäischen Datenschutzgrundverordnung, die ab Mitte nächsten Jahres greifen, stellte der DIVSISchirmherr fest: „Damit werden die Diskussionen über den Schutz des Persönlichkeitsrechts, über Sicherheit und Vertrauen im Internet nicht beendet sein. Im Gegenteil. Ich denke, diese Debatten stehen erst am Anfang, und die Standpunkte dürften erheblich voneinander abweichen.“

Der Bundespräsident a.D. betonte in seiner Rede weiter: „Deutsche, so sagt man, seien Philosophen. Während die adrenalingesteuerten Macher in Silicon Valley oder Tel Aviv jeden Tag neue Ideen gebären und die Welt mit digitalen Entdeckungen überfluten, lehnt sich der deutsche Philosoph erst einmal zurück und gibt zu bedenken: ‚Bevor wir uns überhaupt einer Technik widmen, sollten wir überlegen, wie wir überhaupt leben wollen. Und wenn wir an die Realisierung einer Technik gehen, sollten wir jedes Sicherheitsrisiko mitbedenken.’ Alles so, wie es sich bis jetzt tradiert hat: Risikovermeidung als Bestandteil deutscher Angestelltenkultur.“

Anwendung

Man könne stets zuerst über Lebenskonzepte philosophieren. Man könne versuchen, in Tests Risiken auszuschließen, und nur auf den Markt gehen, wenn das Produkt (hoffentlich) perfekt ist. Man könne sogar so weit gehen wie Philosoph Hans Jonas, der forderte, wann immer eine bestimmte Technologie auch nur in den Verdacht gerät, dass sie die Existenz der Menschheit gefährden könnte, sei es moralisch nicht mehr vertretbar, diese Technologie zu verwenden.

Gauck: „Ich sage nicht, dass die Bedenken des deutschen Philosophen unberechtigt wären. Er hat recht, wenn er kritisiert, dass beispielsweise große Plattformen seine Daten abgreifen und zu kommerziellen Zwecken verwenden. Oder wenn er davor warnt, dass in einer Welt, in der Menschen, selbstfahrende Autos, Kühlschränke und Müllabfuhr miteinander vernetzt sind, von Privatsphäre des Menschen nicht mehr die Rede sein kann.“

Nur solle man das eine nicht gegen das andere ausspielen: „In der Praxis laufen technische Erneuerungen und die Erörterungen ihrer ethischen Folgen meist gleichzeitig ab. Je größer das Gewicht sein wird, das Deutschland und Europa gegenüber den großen Playern in Asien und Amerika in die Waagschale werfen können, umso stärker werden ihre Vorstellungen von Persönlichkeitsund Datenschutz Berücksichtigung finden. Machtlos sind sie schon heute nicht – wie der Beschluss der Kommission über die Besteuerung von digitalen Unternehmen zeigt.“

Der Schirmherr von DIVSI beendete seine Überlegungen so: „Wir denken, dass wir uns bereits in Turbulenzen befinden. Dabei spricht alles dafür, dass noch weit größere Turbulenzen auf uns zukommen. Uns bleibt keine andere Wahl: Wir brauchen Mut, um die Herausforderungen anzunehmen!“

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