Schirmherr

zurück zur Übersicht

Neuer DIVSI-Schirrmherr Joachim Gauck

DIVSI-Direktor Matthias Kammer, Bundespräsident a. D. Joachim Gauck, Jürgen Gerdes, Vorstand Deutsche Post DHL Group (v.l.n.r.) Foto: Marius Schwarz

DIVSI begrüßt Bundespräsident a. D. Joachim Gauck als Schirmherrn

Berlin, 12.10.2017
Joachim Gauck ist (wieder) Schirmherr des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Er hatte dieses Amt bereits unmittelbar nach Gründung des Instituts 2011 inne und legte es nach seiner Wahl zum elften Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland nieder. Er folgt jetzt dem im Januar verstorbenen Alt-Bundespräsidenten Prof. Dr. Roman Herzog. Im Rahmen der Übernahme der Schirmherrschaft hatte DIVSI zu einer Festveranstaltung in die französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt in Berlin eingeladen.

 

Begrüßungsrede von DIVSI-Direktor Matthias Kammer

Matthias Kammer

Foto: Kerstin Lakeberg

Verehrter Herr Bundespräsident!

Sehr geehrter Herr Gerdes!

Meine Damen und Herren, liebe Gäste!

Wir sind stolz darauf, dass wir ab heute mit unserem neuen Schirmherrn zusammen­arbeiten dürfen.
Wir freuen uns auf die Mitwirkung von Bundespräsident Joachim Gauck. Dies ist ein wunderbarer Tag für uns, ein Tag der Freude. Herzlich willkommen !

Wer ist das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet? Das DIVSI ist kein technisches Institut. Seit Gründung 2011 steht im Mittelpunkt unserer Arbeit die Suche nach Wegen und Möglichkeiten, die letztlich zu mehr Vertrauen und Sicherheit im Internet beitragen können. Unsere Kernfrage lautet: Wie geht es den Menschen in unserem Land im Übergang zum digitalen Zeitalter?

Wenn wir den Beginn der eigentlichen Digitalisierung einmal auf das Jahr 2000 festschreiben wollen, dann ist seither nur ein ganz kurzes Zeitfenster in der Geschichte vergangen. Was sind schon 17 Jahre in der Geschichte der Menscheit. Gleichwohl hat sich in dieser kurzen Spanne unendlich viel bewegt. Die Ergebnisse unserer Untersuchungen, die immer in enger Zusammenarbeit mit Experten der verschiedensten Fachrichtungen entstehen, haben dazu beigetragen, grundlegende Themen zu hinterfragen, Anregungen zu geben und neue Ideen beizusteuern.

So haben wir gemeinsam mit einem renomierten Sozialforschungsinstitut auf der Basis von empirischen Studien die DIVSI-Internet-Milieus entwickelt. Diese zeigen sehr differenziert auf, welche deutlichen Unterschiede es in den gesellschaftlichen Lebenswirklichkeiten gibt. Keineswegs habe die neuen Freiräume, die das Internet eröffnet, den Menschen Gleichheit miteinander gebracht, als fiele sie gleichsam wie das Manna vom Internethimmel.

An dieser Stelle will ich das besondere Privileg nennen, das DIVSI genießt. Wir durften und wir dürfen auch künftig mit herausragenden, einzigartigen Persönlichkeiten der deutschen Zeitgeschichte zusammen arbeiten und so ab jetzt die Schirmherrschaft von Joachim Gauck ja auch genießen.

Der im Januar verstorbene Alt-Bundespräsident Professor Dr. Roman Herzog war von 2012-2017 unser Schirmherr. Er hat uns immer wieder dazu ermuntert, den technischen Fortschritt mitnichten als Fluch zu begreifen sondern ihn als selbstverständlich anzunehmen und mit ihm lebendig umzugehen. Dabei könne auch Etabliertes auf den Prüfstein. Wir haben mit ihm analysiert, ob und in welcher Hinsicht Leben und Wirtschaften im digitalen Zeitalter unsere Wertorientierung herausfordert, unsere Werteordnung tangiert.

So entstand eine unserer Leitfragen, an der wir mit einem Berliner Expertennetzwerk gemeinsam arbeiten: Braucht Deutschland einen digitalen Kodex? Damit meinen wir erst mal kein statisches Endprodukt, sondern einen Aushandlungsprozess im Sinne der Frage: Brauchen wir einen neuen Gesellschaftsvertrag? Professor Herzog hat uns ermuntert, auch unsere Verfassung, das Grundgesetz, in den Blick zu nehmen. Dabei hat er sich nicht gescheut, auch das Ewigkeitsprinzip in der Verfassung zu hinterfragen. So haben wir die Frage gestellt: Ist das Grundgesetz tauglich für die digitale Zeit?

In drei Büchern haben Kieler Rechtswissenschaftler zunächst die Architektur des Grundrechtschutzes vor dem Hintergrund der Internationalität der Digitalisierung untersucht, dann alle Grundrechte detailliert auf ihre Anwendbarkeit und schließlich das Demokratie-Prinzip. Wir sind Professor Herzog unendlich dankbar für seine Inspirationen. Seine Werbung für Mündigkeit und verantwortungsvolles Handeln, zu dem er die Menschen ermunterte, nehme ich zum Anlass, den Aspekt der digitalen Kompetenz und der digitalen Souveränität kurz zu streifen.

Wir stellen auf Grund unserer Befragungen einen deutlichen Internetoptimismus in der Bevölkerung fest. Viel hat das meines Erachtens damit zu tun, dass digitale Angebote das Leben im Alltag erheblich erleichtern. Wenn es gleichzeitig Sorgen und Ängste gibt, dann ist der Grund nicht Technikfeindlichkeit, sondern Angst vor Überforderung und vor Veränderungen dessen, was wir Privatsphäre nennen.

Menschen sind soziale Wesen, auf Gemeinschaft angewiesen. Deshalb vertreten wir die These: Keine soziale Teilhabe ohne digitale Teilhabe. Das gilt für viele Alltagswirklich­keiten: Gehöre ich noch dazu, wenn ich nicht dabei bin? Früher gab es in der Schule die Telefonkette, heute ist es die WhatsApp-Gruppe. Wer dort nicht Mitglied ist, bekommt wichtige Nachrichten nicht mit. Im größeren Kontext: Wir werden in den nächsten Jahren klären müssen, wie wir zum bisherigen Solidarprinzip der Gesellschaft stehen. Wie und ob wir jene vor Diskriminierung schützen wollen, die nicht mitmachen wollen oder das hohe Tempo des digitalen Zeitalters nicht schaffen.

An diesen und vielen weiteren Fragen wollen wir auch zukünftig auf der Suche nach Antworten arbeiten. Und wir freuen uns ungemein, dass künftig Sie, Herr Bundespräsident Gauck das DIVSI beschirmen und begleiten werden. Sie haben auf die entsprechende Anfrage schnell reagiert, hatten Sie das DIVSI ja sehr wohl in Erinnerung. Denn in unserer Anfangszeit war der damalige Bürger Joachim Gauck bereits Schirmherr des Instituts. Mit Ihnen haben wir damals unsere fünf Leitthesen oder modern ausgedrückt unsere „Mission Statements“ entwickelt. Eine dieser Thesen war am Ende des Einführung-Trailers zu lesen: „Das Internet ist eine Kulturleistung der Menschheit von historischer Bedeutung.“

Wir freuen uns sehr auf Ihre erneute Mitwirkung als Schirmherr. Aus unseren Vorge­sprächen habe ich bereits jetzt mitgenommen, wie bedeutsam ihre internationalen Erfahrungen, die sie im Amt des Bundespräsidenten hinzugewonnen haben, für unsere Themen sein können.

Nochmals vielen Dank, dass Sie gekommen sind. Herzlich willkommen. Danke für’s Zuhören.

Meine Damen und Herren !

Das DIVSI ist ein gemeinnütziges Institut, dass die Deutsche Post 2011 gegründet hat und seither trägt. Heute freue ich mich, die Bühne jetzt freigeben zu könne für Herrn Jürgen Gerdes. Er ist Mitglied des Konzernvorstandes der Deutschen Post DHL Group. Ohne ihn gäbe es das DIVSI nicht. Er hat es seinerzeit gegründet und seither gefördert.

Begrüßen Sie mit mir Herrn Jürgen Gerdes.

 

Laudatio von Jürgen Gerdes,
Vorstand Deutsche Post DHL Group

Jürgen Gerdes

Foto: Marius Schwarz

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

hochverehrte Gäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und aus den Medien,

sehr geehrter Herr Bundespräsident,

das Kürzel a. D., das besagen soll, Sie, lieber Herr Gauck, seien jetzt angeblich „außer Dienst“, lasse ich hier ganz bewusst weg. Denn es ist ja gerade Ihr Entschluss, künftig das DIVSI aktiv zu unterstützen, der uns heute an diesem schönen Ort zusammengebracht hat.

So darf ich Sie alle zu dieser Abendveranstaltung herzlich willkommen heißen. Eine Veranstaltung, auf die ich mich sehr gefreut habe, denn heute dürfen wir verkünden: Joachim Gauck ist neuer Schirmherr des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet. Um genau zu sein: Er ist wieder Schirmherr dieses Instituts. Denn er hatte diese Funktion bereits kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten inne, konnte sie ab dann aber natürlich nicht weiter wahrnehmen.

Joachim Gauck ist der überzeugendste Botschafter für unser Anliegen, den man sich nur denken kann. Und seine Entscheidung, uns erneut zu unterstützen, werten wir als Auszeichnung für unsere Arbeit und macht uns stolz. Ich persönlich wüsste niemand anderen zu benennen, lieber Herr Gauck, der ein solch breites Vertrauen wie Sie in der Öffentlichkeit genießen darf. Ein Ergebnis nicht nur Ihrer segensreichen Tätigkeit als Bundespräsident, sondern auch Ihres gesellschaftspolitischen Engagements in den Jahren und Jahrzehnten zuvor. Wir alle erinnern uns, dass er einer Behörde den Namen gab, welche die Stasi-Vergangenheit der DDR aufzuarbeiten hatte – eine der wohl schwierigsten Aufgaben im Prozess der deutschen Wiedervereinigung.

Nun ist die Aufgabe des DIVSI-Schirmherrn nicht von vergleichbarer politischer Brisanz wie seinerzeit die Gründung und Leitung der Gauck-Behörde. Aber sie hat eine hohe und allumfassende Relevanz, da sie die Gesellschaft als Ganzes und wirklich alle Menschen in unserem Land betrifft. Es geht im Kern um die Frage, die jeden von uns berührt und zu der jeder hier im Saal aus eigener Erfahrung viel erzählen könnte, nämlich: Wie beeinflusst der Digitale Wandel unsere Lebenswirklichkeit?

Die Medien liefern uns zu diesem Thema reichlich Fallbeispiele, vielfältige Szenarien, auch Spekulationen aller Art. Dem noch mehr Gleichartiges hinzuzufügen, ist es aber nicht, worum es uns geht. Ziel und Aufgabe des DIVSI ist es vielmehr, durch fundierte Studien exklusive Erkenntnisse über die Wirkweisen des Internets und seiner Angebote auf unsere Verhaltensweisen zu gewinnen. Und sie der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Wenn ich mich in kleinerer Runde über diesen Anspruch des DIVSI unterhalte, dann kommt gelegentlich die Frage: Warum engagiert sich die Deutsche Post, auf die die DIVSI-Gründung zurückgeht, gerade in diesem Bereich so sehr? Und Sie, meine Damen und Herren, stellen sich diese Frage womöglich auch.

Um Ihnen die Antwort zu liefern, müsste ich jetzt eigentlich eine Gegenfrage stellen: Welches Bild haben Sie von unserem Unternehmen? Richtig, wir liefern bundesweit Briefe, Postkarten und Pakete an über 40 Millionen Haushalte. Wir verbinden Menschen, sind ein Treibriemen der Wirtschaft, sind der weltweit größte Logistik-Konzern und einer der weltweit größten Arbeitgeber. Über all dies aber sind wir insbesondere eines geworden: ein IT-Unternehmen. Als solches haben wir nicht nur die eigenen Prozesse umfangreich digitalisiert, sondern machen für gewerbliche wie private Kunden die umfassende Digitalisierung aller dafür nur irgendwie geeigneten Geschäfts- und Kommunikationsvorgänge möglich. Das wäre ohne ureigene Nähe zum und ohne einschlägige Expertise im Internet sicher nicht umsetzbar. So erleben wir den Digitalen Wandel nicht als Zuschauer und Betroffene, wir sehen uns selbst als Gestalter und treibende Kraft bei der fortschreitenden Digitalisierung in Wirtschaft und Privatleben.

Zugleich aber haben wir als bedeutender „Player“ in Wirtschaft und Gesellschaft natürlich auch eine Verantwortung. Mit jedem Recht kann man von uns erwarten, dass wir uns einbringen, dass wir konkrete Beiträge liefern, wenn es um gesellschaftlich relevante Fragen geht. Etwa um ökologisch verantwortbare Transporte, um nachhaltig gute und zukunftssichere Arbeitsplätze, und ja: auch um die weitere Entwicklung des Internets, das inzwischen alle Lebensbereiche durchdringt.

Dabei war uns mit Blick auf das DIVSI von vornherein klar: Dies wird nicht ohne erhebliche Investitionen möglich sein. Und das Institut kann nur dann erfolgreich sein und wird nur dann auf breite Akzeptanz stoßen, wenn es völlig unabhängig arbeiten kann, ohne Mitspracherecht oder gar Interventionsmöglichkeiten von außen.

Genau das waren die entscheidenden Rahmenbedingungen, auf die wir uns bei der Gründung des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet vor sechs Jahren verpflichtet haben. Und die Gemeinnützigkeit und die vollständige Unabhängigkeit des Instituts sind aus meiner Sicht rückblickend das Fundament für seine bisherige erfolgreiche Arbeit. Wer das Themenfeld „Digitaler Wandel“ in den Medien einigermaßen aufmerksam und regelmäßig verfolgt, der kommt an diesem Institut nicht vorbei. Wie gerade in dieser Woche wieder, da seine aktuelle Studie zu „Vor- und Nachteilen der Digitalisierung“ umfassende und sehr motivierende Presseresonanz nach sich gezogen hat. Im öffentlichen Raum, aber auch und vor allem unter ausgewiesenen Fachleuten hat sich das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet einen hervorragenden Ruf erarbeitet. Was noch einmal umso mehr ins Gewicht fällt, wenn man um die äußerst überschaubare Kopfzahl des Teams weiß, welches sich aber mit kaum zu bremsender Leidenschaft für die Sache engagiert.

Die im DIVSI geleistete Arbeit ist den Mitarbeitern, ist uns, ist mir persönlich so wichtig und sollte uns allen so wichtig sein, dass ich mit einem bisweilen zu hörenden Einwand gut leben kann, nämlich: Hätte die Deutsche Post die in das Institut investierten Mittel nicht doch auch anderweitig einsetzen, womöglich an die Anteilseigner ausschütten können? Ja, hätte sie. Aber wir haben es nicht getan. Stattdessen haben wir diesen Betrag zur Gründung der gemeinnützigen GmbH DIVSI verwendet.

Und zwar zu einer Zeit, als die Dynamik in der ansonsten sehr lebendigen deutschen Stifterszene doch etwas nachgelassen hatte, insbesondere mit Blick auf die Neugründung von Stiftungen. So gesehen haben wir mit der DIVSI-Gründung gegen den Trend gearbeitet. Und damit, wie manche sagen, ein Zeichen gesetzt. Ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft insgesamt nicht nachlassen sollte in ihren Anstrengungen für das Gemeinwohl. Es ist wichtig, im Prozess des Digitalen Wandels, dessen Fortgang auch die klügsten Experten nicht wirklich voraussagen können, die Menschen mit ihren Fragen und Hoffnungen nicht alleine zu lassen. Und vielleicht so zu verhindern, dass anfängliche Begeisterung sich womöglich ins Gegenteil verkehrt. Das ist eine Verantwortung, der sich auch die deutsche Wirtschaft stellen muss, und der ich mich persönlich als Wirtschaftsführer gern stelle.

Dass mich und uns auf diesem Wege – und damit komme ich zurück auf den Beginn meiner Ausführungen – künftig ein wirkmächtiger Mentor wie Joachim Gauck wieder begleiten wird, das ist uns eine große Freude, aber auch eine riesengroße Verpflichtung. Ich denke, ich konnte Ihnen noch einmal verdeutlichen, meine Damen und Herren: Das Umfeld, das ihm das DIVSI für sein Engagement bieten wird, ist ein gutes. Und wir und ich ganz persönlich werden unser Möglichstes tun, um gemeinsam mit ihm auch weiterhin die Fragen der Menschen ernst zu nehmen und konstruktive, belastbare Antworten zu liefern. Weil wir selbst ein wesentlicher Teil des Digitalen Wandels sind. Weil die Menschen von uns Lösungen erwarten, die ihr Leben vereinfachen, die ihnen neue Möglichkeiten erschließen, die sie reicher an Erfahrungen und uns alle als Gesellschaft ein bisschen besser machen.

Lieber Herr Gauck, ich danke Ihnen von Herzen, wünsche Ihnen gemeinsam mit dem Team des DIVSI eine allzeit glückliche Hand und freue mich auf Ihre wegweisenden Beiträge zum großen, wichtigen Themenfeld des Vertrauens und der Sicherheit im Internet.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Rede von Bundespräsident a. D. Joachim Gauck

Bundespräsident a. D. Joachim Gauck

Foto: Marius Schwarz

Sehr geehrte Damen und Herren,

manchmal ist es das Unterbewusstsein, das uns auf die Sprünge hilft. So jedenfalls ging es mir kürzlich, als ich mich auf diese Rede vorbereitete. Ich hatte nämlich einen Traum, und der ging so:

Ein Freund fragt mich:

Hast du schon die neue App?

Welche App?

Na, die mit den Biografien.

Eine mit Biografien? Wozu ist die gut?

Du kannst mit ihr die Biografien aller Menschen auf der Welt abrufen, zumindest aller wichtigen. Und du kannst dich mit ihnen unterhalten.

Ungläubig fragte ich zurück:
Ich könnte also mit allen großen Geistern kommunizieren?

Ja, du könntest reden, mit wem du willst.

Und in diesem Augenblick, in dem ich beginne, mir vorzustellen, wie ich die Größen der Welt um mich versammele und ihr Wissen in mich aufnehme, – ja, wer würde ich dann sein? – in diesem Augenblick verlässt mich der Traum. Denn zu der Freude über derartige Begegnungen gesellt sich der Schrecken. Mir würden ja nicht nur die Guten begegnen – Philosophen, Schriftsteller, Forscher – , sondern auch die Bösen – Verbrecher, Mörder und Völkermörder. Und vor Schreck wachte ich auf.

Danach, wach geworden, wurde mir plötzlich bewusst, warum ich dem Thema des digitalen Wandels über all die Jahre mit einer gewissen Distanz begegnet war. Theoretisch war mir Vieles klar. Schon vor mehreren Jahren habe ich öffentlich darüber gesprochen, dass die digitale Revolution unsere gesamte Lebens- und Arbeitswelt unwiderruflich verändern wird, auch das Verhältnis der Bürger zum Staat und selbst unser Bild vom Menschen – und dass uns eine menschenwürdige Gestaltung gelingen muss und wird. Aber wenn ich die Vor- und Nachteile der Entwicklung ganz tief in meinem Innern abwog, konnte ich ein gewisses Unbehagen nie ganz abschütteln: Wohin wird uns die Entwicklung führen?

Ich glaube nicht, dass dieses Gefühl nur altersbedingt war. Es war gleichzeitig ein Gefühl kulturellen Unbehagens.

Mein Verstand sagt mir: Wir dürften uns mit der Digitalisierung in einer Entwicklung befinden, die für den Menschen ähnlich weitreichende politische, wirtschaftliche und kulturelle Konsequenzen haben wird wie etwa die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg oder die Wandlungsprozesse in der industriellen Revolution. In beiden Fällen wurden die Lebensumstände der Menschen tiefgreifend und dauerhaft umgestaltet. Neue soziale Klassen bildeten sich heraus, verkrustete Herrschaftsgefüge kamen ins Wanken. Und letztlich nützte es keinem Herrscher, wenn er sich dem Zug der Zeit entgegenstellte und versuchte, ihn anzuhalten.

Berühmt ist das Fehlurteil des deutschen Kaisers Wilhelm II., der vor einhundert Jahren erklärte: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung.“ Wie wir alle wissen: Es hat ihm nichts genützt, dass er den Kopf in den Sand steckte. Die Entwicklung ist einfach über ihn hinweggegangen. Denn kein Wunschdenken vermag zu bannen, was der menschliche Geist einmal angestoßen hat und umzusetzen bestrebt ist.

Lange schien das Thema Digitalisierung in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit eher ein Schattendasein zu führen. Doch inzwischen trauen sich Menschen kaum noch, mit ihrer Unwissenheit über das Netz öffentlich zu kokettieren. Die Kanzlerin, die das Internet noch vor vier Jahren als „Neuland“ bezeichnete“, folgte in diesem Jahr zum ersten Mal der Einladung zur Eröffnung der gamescom, der weltgrößten Messe für Computerspiele in Köln. Und sie glänzte mit einem Vortrag, in dem ein Wort nicht mehr zu finden war – terra incognita. Gastgeber Estland setzte die Digitalisierung Ende September 2017 sogar auf die Tagesordnung des Treffens der EU- Staatschefs. Denn der estnische Premierminister Juri Ratas ist gemeinsam mit seinen Landsleuten überzeugt: „Von der digitalen Lebensweise ist sehr viel zu erwarten, wenn wir sie auf die richtige Weise anschieben.“

Meine Damen und Herren,

lassen Sie mich einen Moment lang beim Beispiel Estland verharren. Als ich das Land vor vier Jahren als Bundespräsident besuchte, beeindruckte mich der damalige Staatspräsident Toomas Hendrik Ilves mit seinem Wissen in Technologiefragen und mit seiner Entschiedenheit, das Land durch einen digitalen Schub zukunftssicher und zu einem Vorreiter zu machen. Und tatsächlich zeigt Estland auf wunderbare Weise, dass in der digitalen Welt auch die Kleinen ganz groß und ein Vorbild sein können.

Damals begriff ich, dass Geschichte selten Zeiten kennt, in denen man sich einfach zurücklehnen und verweilen kann. Auch mir war ja, wie gesagt, eine gewisse Verdrängung der digitalen Entwicklung zunächst nicht fremd. Hatte ich – hatten wir – mit der friedlichen Revolution nicht etwas viel Einschneidenderes, etwas singulär Spektakuläres erlebt? Doch während viele Europäer in Ost und West so noch das Ende des Kommunismus feierten und an den Sieg der Demokratie in weiteren Teilen der Erde glaubten, hatten sich mit der Globalisierung und der damit verbundenen Digitalisierung längst neue Konfliktlagen angebahnt.

Toomas Hendrik Ilves, der in den USA aufwuchs, hat die Zeichen der neuen Zeit schneller verstanden als viele andere in Europa. Er hat wesentlich und gegen Widerstände dazu beigetragen, in seinem Land eine Demokratie aufzubauen, die auf dem höchsten Level der Technologie beruht. Jeder Bürger verfügt über eine elektronische Identitätskarte, mit der er große Teile seines sozialen Lebens mit kleinstmöglichem Aufwand regeln kann – von der Firmengründung bis zur Stimmabgabe bei Wahlen. Erhöhte Steuereinkünfte steckt der Staat in die Bildung, damit Kinder das Programmieren von der ersten Klasse an lernen und somit über Fähigkeiten verfügen, die in einer zunehmend roboter- und computerlastigen Zeit tatsächlich von Nutzen sind.

Das habe ich am Beispiel Estland gelernt: Wir dürfen uns von den Entwicklungen nicht überrollen lassen. Sie sind Menschenwerk und müssen von Menschen gestaltet werden. Ich möchte also über Haltungen sprechen. Über Haltungen im Umgang mit einer Entwicklung, die große Chancen verspricht, aber auch mit großen Risiken behaftet ist.

Die Esten wissen und – mehr noch – sie akzeptieren: Die Zukunft wird digital. Sie schafft im Leben eines jeden Einzelnen viele Erleichterungen und Verbesserungen, ist aber auch nicht unbedenklich und ungefährlich. Aber nur wer imstande ist, die neue Technik zu beherrschen und zu entwickeln, wird ihre Unzulänglichkeiten – weitgehend – beseitigen, Gefahren – weitgehend – erkennen und Risiken mindern können. Derjenige hingegen, der aus Ängstlichkeit vor ihren Schwachstellen die Finger von ihr lässt, wird zwangsläufig zum Getriebenen, zum Abgehängten und zum Opfer ihrer dunklen Seiten.

Ich empfehle den politisch Verantwortlichen nun nicht, sofort nach Estland zu reisen und alle estnischen Lösungen für Deutschland zu kopieren – sicher sind nicht alle Regelungen in einem Land von 1,3 Millionen Einwohnern für größere Länder geeignet. Aber ich wünschte, politisch Verantwortliche und alle Bürger, die sich – ähnlich wie ich – lange abwartend verhalten haben, möchten sich noch aufgeschlossener dem stellen, was auf uns zukommt und aktiv mit nach Lösungen suchen, wie die digitale Welt nach unseren Bedürfnissen gestaltet werden soll.

Tatsächlich haben Facebook, Google, E-Mails, Online-Games, Routenplanern, WhatsApp etc. ja schon längst Eingang in unseren Alltag gefunden. Und wie die neueste Studie von DIVSI zeigt, wissen inzwischen erstaunlich viele Menschen die Erleichterungen und Vorteile für sich persönlich und für unser Land zu schätzen. Aus dieser positiven Grundhaltung heraus wünscht sich eine übergroße Mehrheit auch eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, die Deutschland auf dem Gebiet der Digitalisierung von den mittleren Rängen auf eine Spitzenposition bringen möge.

Gleichzeitig, und das zeigen heftige, in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Debatten, stehen Datenschutz- und Sicherheitsbedenken einer breiteren Akzeptanz der digitalen Technologie oft noch im Wege. Und es stimmt ja auch: Täglich berichten die Medien von Hacks, Social Bots, von Datendiebstahl und Eingriffen in die Privatsphäre. Nicht nur, dass Big-Data- Unternehmer immer differenziertere Profile zu Einzelpersonen erstellen. Es wurden beispielsweise auch die Server des Bundestags, der Demokratischen Partei in den USA und des Wahlkampfteams von Emmanuel Macron gehackt. Werbeanzeigen auf Facebook und Twitter, die sich auf russische Agenten zurückführen lassen, sollten die öffentliche Meinung im amerikanischen Wahlkampf beeinflussen. Generell ist deutlich geworden, dass technologische Innovationen verbunden mit wirtschaftlicher Macht massiv für politische Interessen instrumentalisiert werden können.

Es gab und gibt nun Intellektuelle, die empfehlen, sich in völliger Askese zu üben und gänzlich auf Smartphone, soziale Netzwerke, online-Käufe, online-Portale etc. zu verzichten. Der Durchschnittsbürger ist zwar nicht so radikal, aber immerhin ergaben eine Untersuchung von DIVSI und dimap, dass 64 Prozent der Deutschen beispielsweise bei einer digitalen Zustellung staatlicher Dienstleistungen um die Sicherheit ihrer persönlichen Daten besorgt wären.

Einerseits verstehe ich die Angst vor Verletzung der Privatheit gerade in einer Nation, in der Überwachung zwei Mal als Werkzeug illegitimer Herrschaft über das Volk genutzt wurde. Fünf Jahrzehnte habe im Überwachungsstaat DDR gelebt, zehn Jahre lang war ich als Leiter der Stasi- Unterlagenbehörde täglich mit den Spätfolgen derartiger Willkür gegenüber den Bürgern konfrontiert. Aber der Verweis auf Stasi und Gestapo bzw. die Assoziation mit dem Roman „1984“ ist in der Regel falsch. Ja, es gibt Fälle, in denen der Staat jemanden überwacht und ausspäht. Die Internetkonzerne hingegen hacken sich nicht ein und hören uns nicht gezielt ab. Sie sammeln einfach ein, was ihnen freiwillig angeboten wird.

Deshalb erscheint mir der Umgang mit Datenschutz und Internet-Sicherheit in Deutschland nicht frei von Heuchelei. Teile von Medien und Politik protestieren zwar regelmäßig, wenn die Privatheit verletzt wird oder verletzt zu werden droht. Doch wie authentisch ist diese Empörung, wenn sich bei DIVSI-Studien herausstellt, dass sehr vielen Nutzern eine leichte Bedienung der Netzanwendungen im Zweifel wichtiger ist als die Garantie geschützter Daten? Dass Bürger also freiwillig verraten, was eigentlich niemand wissen soll? Oder ist es so, dass die Bürger den privaten Giganten weniger misstrauen als dem Staat – unserem demokratischen Staat? Sollte uns nicht zu denken geben, dass eine DIVSI-Studie festhielt, dass 85 Prozent der Deutschen sich zwar wünschen, dass der Staat sich stärker um die Sicherheit im Netz kümmern möge, 84 Prozent ihm das aber gar nicht zutrauen?

Die Wahrheit über unseren Umgang mit dem Internet dürfte in der Regel ganz banal lauten: Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit sind einer Mehrheit wichtiger als Sicherheit. Mit dem Navi im Auto, dem Fitness-Band am Arm oder mit den Zahlungen per Payback-Karte ist es der einzelne Mensch selbst, der eine Erfassung seines Profils ermöglicht. Der israelische Historiker Yuval Noah Harari stellt daher fest: „Die Machtverschiebung von den Menschen auf die Algorithmen findet ringsherum statt, und zwar nicht als Folge irgendeines folgenschweren Regierungsbeschlusses, sondern dank einer Flut ganz profaner Entscheidungen.“ Die Verantwortung für die Sicherheit tragen insofern wir alle: der Staat, Computerfachleute, Unternehmer, aber eben auch die Nutzer selbst.

Ich denke, es gilt eine Balance zu finden. Ich misstraue sowohl denen, die Sicherheitsbedenken davon abhalten, sich der digitalen Entwicklung wirklich zu öffnen. Ich misstraue aber auch jenen, die allein die Technologie im Auge haben, sich um ihre gesellschaftlichen Auswirkungen aber nicht kümmern. Die Erstellung von Nutzerprofile dürfte in Zukunft ebenso weiter zunehmen wie Cyberangriffe – auf individuelle Nutzer, auf Regierungen, Unternehmen, Parteien oder die sogenannte kritische Infrastruktur, also Energienetze oder Krankenhäuser.

Aber wir sind nicht hilflos. Sicherheit in der digitalen Welt kostet Geld und Zeit, aber sie lohnt sich, ja: sie muss sich lohnen. Ich denke, dies zu vermitteln, ist eine wichtige Aufgabe der nächsten Zeit. Alle, die im Internet agieren, haben zur Sicherheit des Netzes beizutragen. Individuelle Nutzer und Firmen kommen nicht umhin, ihre Systeme gegen Auslesung und Hacker-Angriffe zu rüsten. Internetkonzerne können sich Fake News, Terror- oder Hassbotschaften gegenüber nicht neutral verhalten. Und Regierungen sind angehalten, Schwachstellen und Sicherheitslücken etwa in der kritischen Infrastruktur zu schließen und die Sicherheit der Gesellschaft gegen Desinformation oder digitale Sabotage zu garantieren.

Sehr geehrte Damen und Herren,

was den Umgang mit der digitalen Technologie meines Erachtens generell schwierig macht, ist ihre Ambivalenz – ihre Janusköpfigkeit, wie der Hamburger Ökonom Thomas Straubhaar formulierte. Denn Umgang mit Ambivalenzen fällt dem Menschen schwer. 31 Prozent der Internetnutzer und sogar 46 Prozent der Nicht-Internetnutzer haben bei DIVSI-Umfragen vom Sommer dieses Jahres angegeben, sich durch die Digitalisierung verunsichert zu fühlen. Und Unsicherheit oder sogar Angst lähmen, sie fördern Fluchttendenzen und hindern oder verzögern Aktivitäten zur Problemlösung.

Das betrifft insbesondere das Nachdenken über die mittel- und längerfristigen Folgen der rasanten Entwicklung. Haben wir uns beispielsweise schon ausreichend damit auseinander gesetzt, wie der Einzelne es lernen kann, in den zahlenmäßig unübersehbaren Möglichkeiten der digitalen Sphäre nicht zu ertrinken? Google etwa verfünffachte sein App-Angebot in den letzten Jahren auf derzeit fast dreieinhalb Millionen einzelner Produkte, die allein im Jahr 2016 insgesamt 20 Milliarden Mal heruntergeladen wurden. Eine derartige Überfülle von Daten und Informationen erlaubt dem Einzelnen kaum mehr, das jeweils Wichtige herauszufiltern. Kann es gelingen, im Laufe kollektiver Lernprozesse sich neue Nutzungskompetenzen anzueignen?

Und muss sich nicht jeder Einzelne beispielsweise auch damit auseinandersetzen, ob er sich im Alter, falls erforderlich, von einem Roboter betreuen lassen würde? Schon heute wissen Algorithmen oftmals besser als ein Arzt, welche Medikation am besten zu einer Diagnose passt und in welcher Höhe sie beim betreffenden Individuum am ehesten Erfolge verspricht.

Und sollten wir alle nicht viel stärker darüber nachdenken, was mit jener zunehmenden Zahl von Ärzten, Juristen, Bankangestellten, LKW-Fahrern und vielen anderen Menschen geschieht, deren Arbeit im Zuge der Digitalisierung überflüssig wird?

Sollten wir nicht auch viel stärker darüber nachdenken, wie das Leben aussehen wird, wenn Roboter und künstliche Intelligenz feste Bestandteile unserer Welt geworden sein werden? Fürchten wir nicht alle, dass sich die Rolle des Menschen dann grundlegend verändern könnte?

An all diese Fragen – und viele andere mehr – denke ich, wenn ich davon spreche, dass das, was in der digitalen Welt geschieht, wesentlich von unserer Haltung abhängt. Von unserem Mut, wissen zu wollen. Von unseren Mut, uns kompetent zu machen. Von unserem Mut, uns einer Entwicklung zu stellen, selbst wenn wir (noch) nicht wissen, wohin sie uns letztlich führt und ob sie uns nicht tief in unseren Grundüberzeugungen verunsichern kann.

Meine Damen und Herren,

Intellektuelle Einsicht hat mich vor sechs Jahren dazu bewogen, beim Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit (DIVSI) die Schirmherrschaft zu übernehmen. Wenn ich heute, nach fünf Jahren im Amt des Bundespräsidenten, in diese Funktion zurückkehre, dann nicht, weil ich der Illusion anhinge, aus mir würde irgendwann noch ein Spezialist für die digitale Technologie. Das mögen Jüngere und Berufenere werden. Aber mir liegt daran, die Anliegen von DIVSI zu unterstützen: Zu ermitteln, wie weit die digitale Technologie bereits Einzug gehalten hat in unsere Welt und wie sie aufgenommen wird; einen interdisziplinären Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern; über Chancen und Risiken des Internets zu forschen und einen offenen und transparenten Dialog über Vertrauen und Sicherheit im Netz organisieren und mit neuen Aspekten beleben.

Wichtig erscheint mir auch das Nachdenken über einen digitalen Kodex, über Leitplanken im Internet, wie es der ehemalige Bundespräsident und ehemalige DIVSI-Schirmherr Roman Herzog formulierte: Reichen unsere Werte aus der analogen Welt oder wo ist Nachholbedarf?

Dank der Deutschen Post, Dank Ihnen, Herr Gerdes, der Sie diese Aktivitäten nun schon seit 2011 möglich machen und vorantreiben!

Durch seine Studien hat DIVSI in den vergangenen sechs Jahren bereits fortlaufend dazu beigetragen, den Ist- Zustand auf verschiedenen digitalen Feldern zu ermitteln und dadurch den Handlungsbedarf für die Politik aufzuzeigen. So hat es mit seinen Zahlen beispielsweise Klarheit darüber geschaffen, dass 16 Prozent der deutschen Bürger noch immer offline sind, allerdings mit abnehmender Tendenz aus prinzipiell ablehnenden Gründen. Es hat mit seinen Studien auch die gängige These widerlegt, dass im Internet alle gleich seien und Bits und Bytes keinen Unterschied machten zwischen arm und reich, Akademikern und Bildungsfernen. Vielmehr stellte sich heraus, dass Bildungsgrad, Höhe des Einkommens, Wohnlage und andere soziale Faktoren Verhalten im und Umgang mit dem Netz determinieren. Und dass, wer aus bildungsfernen Haushalten kommt, Chancen auch im Internet weniger zu nutzen versteht. Damit stehen wir im Umgang mit dem Internet vor demselben Problem wie in der Bildung insgesamt. Formale Gleichheit schafft noch keine gleiche Nutzung der Chancen. Um Lösungen muss hier wie da noch gerungen werden.

Vor wenigen Wochen hat DIVSI einen großen Bruder erhalten: Mit dem „Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft“, dem Deutschen Internet Institut (DII), existiert nun auch ein staatliches Institut, das sich ebenfalls mit den Wechselwirkungen von fortschreitender Technisierung und Gesellschaft beschäftigen wird. Umfangreiche interdisziplinäre Forschungen sollen gesellschaftliche, wirtschaftliche, rechtliche, politische und ethische Aspekte beleuchten und dabei die Arbeit verschiedener Einrichtungen in Berlin und Brandenburg koordinieren.

Wir blicken jetzt schon gespannt darauf und freuen uns auf erste Forschungs- und Studienergebnisse und die Impulse, die das Deutsche Internet Institut der Gesellschaft, aber auch dem DIVSI geben kann. Ich werde mich bemühen, dass gelegentlich auch umgekehrt das DIVSI die Arbeit des DII befruchten kann.

Anders geht es gar nicht angesichts der Mammutaufgabe – gerade in Zeiten wie diesen, die geprägt sind von Unsicherheiten und Vertrauensverlusten im politischen wie ökonomischen Bereich. Wir brauchen ein Zusammenwirken aller Kräfte, die fähig und willens sind zur digitalen Aufrüstung vom Breitband bis zur elektronischen Verwaltung, zur Sicherung rechtlicher Standards bei gleichzeitiger Förderung wissenschaftlicher und technischer Innovationen und zum Schutz der Infrastruktur unserer Länder – denn wenn sich nichts ändert, werden schon in einigen Jahren Zehntausende von Sicherheitsexperten fehlen.

Insbesondere in der Pflicht sehe ich allerdings zwei Gruppen: die Politiker und die Spezialisten. Bei den Spezialisten wünsche ich mir, dass sie sich nicht nur als Techniker begreifen, sondern die Folgen ihrer Arbeit für das Zusammenleben bedenken. Und bei den Politikern wünsche ich mir, dass sie sich der neuen Technik offensiver stellen und mit Diskussionen und Gesetzen der aktuellen Entwicklung ausreichend Rechnung tragen. Ich wünsche mir, dass sie generell, aber gerade auf diesem Gebiet eine Kommunikation erhellender Vereinfachung mit den Bürgern entwickeln und so das Unwissen mindern und Ängsten konstruktiv begegnen. Nur so kann der Unkultur von Ängstlichkeit und von Gleichgültigkeit und Fatalismus gewehrt werden. Nur so wird Deutschland im digitalen Bereich einen Platz einnehmen, der seinem politischen und wirtschaftlichen Rang entspricht.

Ich danke Ihnen.

 

Hier finden Sie Rückblicke auf den ehemaligen DIVSI-Schirmherrn Bundespräsident a. D. Roman Herzog

nach Oben