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Umparken im Kopf?

3. Juli 2015

Umparken im Kopf

Bild: cifotart – Shutterstock

Vom blinden Vertrauen zu etwas, dem man eigentlich nicht traut.

Von Dr. Göttrik Wewer

Vertrauen, so heißt es allenthalben, ist der Schlüssel für die digitale Wirtschaft. Wenn die Menschen sich im Internet nicht sicher fühlen und den Angeboten nicht trauen, die ihnen dort gemacht werden, dann werden sie diese nicht nutzen, so schön das technisch auch alles funktionieren mag. Und dann werden weder die Potenziale von E-Commerce noch die von E-Government richtig ausgeschöpft.

Inzwischen lässt sich bezweifeln, ob diese These stimmt. Seit den Enthüllungen von Edward Snowden ahnen wir, in welchem Ausmaß Geheimdienste die elektronische Kommunikation rund um den Globus ausspähen. 2014 gab es zudem wiederum etliche Beispiele, dass selbst große Unternehmen ihre Daten nicht vor Hackern schützen konnten.Wenn Unbekannte Nacktbilder von Prominenten veröffentlichen, die sie sich aus der Cloud besorgt haben, mag man darüber vielleicht noch lächeln, aber bei Wirtschaftsspionage und Massenüberwachung hört der Spaß schnell auf.

Milliardenschaden

Bei der Organisierten Kriminalität wirke das Internet wie ein „Brandbeschleuniger“, sagte Innenminister Thomas de Maizière bei der Herbsttagung des Bundeskriminalamtes. Mussten Kriminelle früher Menschen, Häuser oder Banken überfallen, um sich deren Eigentum anzueignen – mit allen Risiken, gestört oder erkannt zu werden – , so lassen sich Diebstahl, Bedrohung und Erpressung heute auch vom heimischen Computer aus bewerkstelligen. Schätzungen zufolge beläuft sich der Schaden, den Hacker in der Wirtschaft anrichten, weltweit auf 300 Milliarden Euro.

Sicher ist nichts

Ob die Datenbestände von Sony Pictures, das den Film „The Interview“ produziert hatte, von Nordkorea aus angegriffen, geknackt und teilweise ins Netz gestellt worden sind oder ob sich Mitarbeiter, die entlassen worden waren, an ihrem alten Arbeitgeber gerächt haben, ist unklar, kann dem gewöhnlichen Nutzer aber auch egal sein. Die Botschaft, die von allen diesen Vorfällen ausgeht, lautet: Nichts ist im Internet wirklich sicher. Wenn selbst Unternehmen wie Sony oder Microsoft ihre Daten letztlich nicht schützen können, wie soll das dem Einzelnen an seinem Laptop gelingen? Wenn selbst Mitglieder von Anonymus, die ihre Identität sorgfältig abzuschirmen versuchen, von Sicherheitsdiensten aufgespürt werden konnten, wie kann da der normale User glauben, er könne sich ernsthaft verbergen? Gängige Verschlüsselungen sollen längst geknackt worden sein.

Führt das alles dazu, dass die Menschen vorsichtiger werden? Dass sie das Internet weniger nutzen und genau überlegen, wozu sie es wirklich brauchen? Dass sie ihre Daten, wenn sie denn ins Netz gehen, regelmäßig verschlüsseln, um wenigstens einen gewissen Schutz zu haben, auch wenn es keine absolute Sicherheit gibt? Ändern also derartige Vorfälle irgendetwas am Verhalten der Menschen? Mitnichten!

Always on

Die Deutschen gehen nicht weniger ins Internet als vor den Enthüllungen von Snowden, sondern immer mehr sind „always on“. Und obwohl das besonders unsicher ist, gehen immer mehr heute mobil ins Internet, also von ihrem Smartphone, Tablet oder Laptop aus. Nach Erhebungen der Initiative D 21 haben 2014 über die Hälfte der Deutschen (54 Prozent) das Internet unterwegs genutzt, ein Anstieg von 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Zugleich waren aber 70 Prozent der Nutzer der Ansicht, dass das mobile Internet das Risiko birgt, dass sich jemand illegal Zugriff auf persönliche Daten verschafft.

Weder die Risiken, die sie sehen, noch das, was wir von Edward Snowden wissen, noch die Datenverluste bekannter Unternehmen haben dazu geführt, dass die Menschen das Internet weniger nutzen oder ihr Verhalten ändern. All das hat sie auch nicht dazu bewogen, ihre Daten wenigstens ein bisschen besser zu schützen, auch wenn klar ist, dass es keinen absoluten Schutz geben kann. Aber man könnte es Angreifern immerhin etwass chwerer machen.Technische Lösungen gibt es durchaus, aber nur wenige sind bereit, für eine höhere Sicherheit ein paar Euro monatlich auszugeben. Dann lieber für eine schöne neue App, mit der man Musik hören kann.

Misstrauen

Das wirft die Frage auf, ob Vertrauen wirklich der entscheidende Schlüssel für die digitale Wirtschaft ist. Schon vor einigen Jahren hat eine BITKOM-Studie gezeigt, dass es um das Vertrauen in die Sicherheit sozialer Netzwerke insgesamt eher schlecht bestellt ist: Bei allen abgefragten Netzwerken gab jeweils mindestens die Hälfte der Nutzer an, der Plattform eher nicht oder gar nicht zu vertrauen. Dem Marktführer Facebook misstrauten 62 Prozent, Google plus 64 Prozent und Twitter sogar 70 Prozent. Noch weniger vertrauten der Online-Community Netlog (85 Prozent).

Facebook macht täglich rund 1.000 Tests, ohne dass die Nutzer wissen, was da getestet wird, wozu es getestet wird und welche Ergebnisse dabei herauskommen. Dabei nutzt die Firma nicht nur die Datenbestände, die ihre Nutzer aufgebaut haben, sondern sie manipuliert auch Daten, um herauszufinden, wie die Nutzer darauf reagieren. Wir seien längst, ohne das zu wollen und ohne dem zugestimmt zu haben, zu „Laborratten von Facebook“ geworden, schreibt Harald Staun.

Sättigung

Früher hätte man vermutet, dass solche Versuche, unser Verhalten zu beeinflussen, zu Misstrauen und womöglich dazu führen würden, das Labor schleunigst zu verlassen. Das ist nicht der Fall: Obwohl viele der Plattform misstrauen, nutzen sie Facebook. Das Netzwerk wächst zwar nicht mehr so schnell wie in den ersten zehn Jahren, aber das scheint eher auf Sättigungseffekte zurückzuführen zu sein. Es wächst zwar nicht mehr rasant, aber es schrumpft auch nicht. Und der Grund für das verlangsamte Wachstum ist auch nicht mangelndes Vertrauen. Das fehlte – wie gesagt – schon immer.

Wer Vertrauen als den Schlüssel für die digitale Wirtschaft ansieht, der muss darüber nachdenken, wie er Vertrauen stärken kann. Strategisch geht es um eine entsprechende Reputation, die sich Firmen erarbeiten und täglich verteidigen und erneuern müssen. Zu den Werkzeugen, die man dafür einsetzen kann, zählen nicht nur IT-Sicherheit und Transparenz, Sicherheitsplanung und Reaktionsfähigkeit, sondern auch Penetrationstests, Hack Days, Zertifikate durch unabhängige Dritte und Ähnliches mehr. Vertrauen stellt sich nicht von allein ein, Vertrauen will gemanagt werden.

Wenn aber die meisten das Internet nutzen, obwohl sie nicht glauben, dass ihre Daten dort sicher sind, sie den Angeboten häufig misstrauen, müssen wir womöglich umdenken. Dann ist es vielleicht aufschlussreicher, besser zu verstehen, warum das so ist, als nach Strategien und Instrumenten zu suchen, das Vertrauen zu steigern. Das eine schließt das andere im Übrigen nicht aus.

In den USA oder in Großbritannien ist die Aufregung darüber, dass die kommerziellen Datensammler Profile anlegen, um uns maßgeschneiderte Werbung zukommen zu lassen, und dass die Geheimdienste alles sammeln, was sie im Netz kriegen können, weitaus geringer als in Deutschland. Dass Daten im Internet nicht wirklich geschützt werden können, sieht man dort (und anderswo) viel gelassener. 51 Prozent der Amerikaner finden auch die „verschärften Methoden“ gerechtfertigt, mit denen die CIA Gefangene traktiert hat, um an Informationen zu kommen, und nur 29 Prozent sehen das anders, wie eine Umfrage des Pew Research Center kürzlich erbracht hat. 20 Prozent hatten dazu keine Meinung. Zweifel daran, dass das die richtige Entscheidung war, hatten 43 Prozent der Amerikaner nicht etwa daran, solche Methoden einzusetzen, sondern daran, den Bericht des Senats darüber zu veröffentlichen. 42 Prozent fanden das allerdings richtig.

Zielrichtung

Die diversen DIVSI Studien haben gezeigt, dass es den einen Nutzer, der für alle anderen steht, nicht gibt. Das mahnt zur Vorsicht, wenn man Antworten auf die Frage sucht, warum viele das Internet und bestimmte Angebote darin nutzen, obwohl sie ihnen nicht vertrauen. Stichworte dazu lauten:

  • Abstraktheit der Gefährdungslage: Was technisch alles möglich ist, durchschauen nur die wenigsten.
  • Geringschätzung des Risikos: Was soll mir schon passieren?
  • Bequemlichkeit der Nutzung: Auf die einfachen, mobilen Möglichkeiten der Kommunikation möchte kaum noch jemand verzichten.
  • Kostenloskultur des Internets: Wenn man etwas unentgeltlich nutzen kann, dann muss man manches halt in Kauf nehmen.
  • Gruppendruck in Beruf und Freizeit: Wer nicht online ist, ist außen vor!
  • Betroffenheit als Ausnahmefall: Echte Schäden an Leib, Leben oder Portemonnaie haben bisher nur wenige erlitten.
  • Fatalismus als Ausrede: Wirklich schützen kann man sich sowieso nicht!

Diese Liste ist sicherlich nicht vollständig. Aber sie deutet doch die Richtung an, in der man suchen muss, um Antworten auf die Frage zu finden, warum Vertrauen in der virtuellen Welt vielen offenbar weniger wichtig erscheint als in der realen Welt. Dass Daten, die auf Plattformen im Internet mit anderen geteilt werden, Rückwirkungen haben auf das richtige Leben, scheint nicht allen bewusst zu sein. Wenn wir besser verstehen, warum viele dem Internet nahezu blind vertrauen, obwohl sie ihm doch eigentlich nicht vertrauen, finden wir vielleicht auch den geeigneten Schlüssel, um Wirtschaft, Staat und Demokratie im 21. Jahrhundert zu stärken.

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Der Autor

Dr. Göttrik Wewer

Dr. Göttrik Wewer

Seit 2010 ist Wewer Vice President E-Government bei der Deutsche Post Consult GmbH.

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