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Wie gut schafft man es, aus vorhandenen Daten den besten Nutzen für den Kunden zu stiften?

15. Dezember 2016

Visionäre dringend gesucht

Foto: IBM

Gesucht sind Visionäre, die sich vorstellen können, was wir aus der Digitalisierung generieren können, um die nächste Welle der Wertschöpfung und des Wohlstandes für unsere Gesellschaft zu entwickeln.

Von Martina Koederitz

Mit Bedauern beobachte ich, dass wir momentan eine positive Diskussion dazu verpassen, wo Nutzen und Mehrwerte für die Gesellschaft, für die Bürger und damit auch für jeden Arbeitnehmer in seinem Umfeld liegen, die durch die digitalen Veränderungen möglich werden. Wir führen eine Diskussion, die sich sehr stark mit den Risiken und weniger mit den Chancen der Zukunft beschäftigt. So sollten wir uns zum Beispiel damit auseinandersetzen, wo Deutschland in zehn Jahren steht oder was die Wachstumsbranchen in Deutschland sind.

Es gibt keine Diskussion darüber, wo die Chancen für die jüngere Generation liegen. Angesichts der Ausgangsbasis in Deutschland muss es darum gehen, wie wir unsere Kompetenzen weiter vertiefen, neue Segmente besetzen und wie wir unseren Wohlstand auch für die nächsten Dekaden absichern können. Der Zusammenhalt zwischen prosperierender Wirtschaft und Wohlstand eines Landes ist verloren gegangen. Nach aktuellen Studien wollen die meisten jungen Menschen in den öffentlichen Dienst, weil dort Sicherheit und Planbarkeit überwiegt. Aber das widerspricht dem, wie sich derzeit die Ökonomie und eine vernetzte Weltwirtschaft widerspiegeln.

Grundsätzlich ist nach meiner Überzeugung politische Leadership gefragt. Wir haben 30 Jahre Internet und immer noch keinen deutschlandweit verabschiedeten Ausbildungsplan. Die Bildung ist abhängig von den Schulen, von den Kindergärten, vom Elternhaus. Es gibt keine grundsätzliche Planung, wie man junge Menschen an digitale Kompetenzen heranführt. Ich wünsche mir ein gesundes Verständnis für den Umgang mit den neuen Medien und dem Thema Informationsvielfalt. Tatsache ist, dass uns der Föderalismus bei diesen Themen daran hindert, bei der Zielsetzung schnell und agil zu sein. Irgendwann werden wir an den Punkt kommen, wo die althergebrachten Strukturen nicht mehr tragbar sind.

Wertschöpfung

Wir leben „on the edge“ der existierenden physikalischen Welt mit den neuen digitalen Technologietreibern. Wir brauchen Visionäre, die sich vorstellen können, was wir aus der Digitalisierung generieren können, um die nächste Welle der Wertschöpfung und des Wohlstandes für unsere Gesellschaft zu entwickeln.

Ich bin überzeugt, dass sich die Digitalisierung vom Produkt und der Lösung wegentwickeln wird zu einem Service, der manchmal auch noch ein Produkt enthalten wird. Wir verpassen es im Moment, eine positive Diskussion über Nutzen und Mehrwerte zu führen, die diese digitale Veränderung für die Gesellschaft, für die Bürger und damit auch für jeden Arbeitnehmer mit sich bringt.

Unsere Branche war von Anfang an eine digitale Branche. Wir haben die letzten 40 Jahre nichts anderes gemacht, als die Prozesse unternehmensweit zu digitalisieren, im Sinne von Automation, Produktivität und Effizienz. Wir unterlagen immer einer anderen Art von Wettbewerb bezüglich der Geschwindigkeit, in der man neue Produkte, Technologien und Leistungen an den Markt bringen muss.

Wovor schützen

Wir diskutieren jetzt bereits die nächste Stufe der Digitalisierung im Sinne eines datengetriebenen Geschäftsmodells. In der Digitalisierung entscheidet nicht der Prozess darüber, ob ein Geschäftsmodell gut ist. Es geht vielmehr darum, wie gut man es schafft, aus vorhandenen Daten den besten Nutzen für den Kunden zu stiften. Diesen Sprung haben noch nicht viele gemacht. Denn wir diskutieren zurzeit in die Richtung, dass wir diese Modelle nicht wollen, weil wir mehr Datenschutz wollen, um unsere Bürger zu schützen. Da frage ich: Wovor denn genau?

Damals haben wir einen der größten öffentlichen Jams innerhalb der Geschichte der IBM gemacht, den Innovation Jam. Wir haben mit Hundertausenden von Menschen darüber diskutiert, wo die Zukunftstrends liegen. IBM Research war dabei, IBM Development, aber auch viele Nicht-IBM-Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen. Daraus haben sich 20 Top-Megatrends entwickelt. Diese mündeten 2008 in unserer ,Smarter Planet Vision‘. Damals haben wir beschrieben, wie die Welt heute aussieht – vernetzt, vollständig interconnected und instrumentalisiert, Internet of Things, totale Veränderung von Geschäftsmodellen und in der Art, wie die Welt arbeitet, und natürlich ein unglaublicher Innovationsschub. Denn über das Internet kann man mit einer heute entwickelten App morgen bereits ein neues Geschäftsmodell im Markt haben.

Wir fragen uns auch, wie wir eine Kultur erschaffen können, in der es selbstverständlich ist, dass Männer Erziehungszeit nehmen. Es ist also ein Strauß unterschiedlicher Maßnahmen. Ich bin der Auffassung, dass dies wichtig ist, denn nicht jede Berufs- und Lebensplanung ist gleich.

Mischung entscheidet

Wenn sich die Welt weiterhin so schnell verändert, müssen wir ein Leben lang lernen. Das ist eine neue Facette im Berufsleben: Früher hat man sich ausgebildet, dann war man der Experte und ist es geblieben. Das hat sich geändert. Heute lernt man ein Leben lang, denn alles entwickelt sich ständig weiter. Wir haben heute ein Rentenalter von 67. Selbst wenn manche Firmen früher verrenten, arbeiten die Menschen heute länger. Wir brauchen wahrscheinlich auch einige talentierte Menschen länger im Arbeitsleben, weil wir nicht mehr genügend qualifizierte Kräfte haben. Aber man hat keinen festen Status mehr. Die IT-Architekten der letzten zehn Jahre sind nicht automatisch auch gute IT-Architekten für die Cloud von morgen. Meine Security-Architekten der Vergangenheit, die sich in der Firewall und im Data-Center bewegt haben, sind nicht automatisch die richtigen Architekten, um morgen mit Kunden, mit Partnern über Cyber Security zu reden.

Wir brauchen die gesunde Mischung zwischen Eigenentwicklung, Talentaustausch im eigenen Unternehmen, aber auch Inspiration durch die kontinuierliche Versorgung mit frischen und neuen Leuten von außen. Da die richtige Balance zu finden, ist wichtig. Und dann gilt es, das gemeinsame Big Picture bei den IBMlern im Kopf und im Herzen zu verankern, damit aus einem Puzzle dieser Geist entsteht, um zum richtigen Zeitpunkt den richtigen Menschen, die richtige Expertise, die richtigen Lösungen und die richtigen Produkte zusammenzubringen und darauf ein sehr attraktives Bild für den potenziellen Kunden zu entwickeln.

Verknüpfung

Zur Vollendung des Puzzles benötigt man den Spezialisten für die Cloud, den Spezialisten für Security, den Spezialisten für Mobility-Anwendungen, aber auch den Generalisten. Dadurch, dass wir heute Geschäftsmodelle und nicht mehr Prozesse definieren, braucht man auch Mitarbeiter, die im Business-Kontext, und das zunehmend aus der Industrieperspektive gesehen, die End-to-End-Verbindung erkennen. Wie verknüpft man bestimmte Dinge, wie baut man ein horizontales Wertschöpfungsnetz auf? Wo definiert man, welche Fertigungstiefe und welche Kernkompetenzen man im eigenen Unternehmen haben möchte und welche Kompetenzen man im Netzwerk dazu ansammelt? Deshalb braucht man mehr Generalisten.

Ich sehe den klassischen Unternehmenswettstreit der letzten 30 Jahre als beendet an und dafür aktuell einen Wettstreit über Geschäftsmodelle. Wir beobachten es an der Diskussion zu Uber. Wir versuchen, bestehende Geschäftsmodelle vermeintlich zu schützen. Doch wir erkennen an dem, was beispielsweise Daimler mit moovel und Car2Go macht, dass Unternehmen auch neue Geschäftsmodelle im Markt verankern können, die dann die Akzeptanz der Nutzer und der Gesellschaft erlangen.

Nach meiner Ansicht befindet sich derzeit jedes deutsche Unternehmen in diesem Disput, in diesem Kreislauf. Es gibt Geschäftsführungen, die es realisieren. Es gibt Vorstände, die es negieren, und wir haben die erste negative Welle im Handel gesehen, der die Digitalisierungswelle und die damit einhergehende Veränderung der Kunden komplett falsch eingeschätzt hat.

Exportschlager

Das aktuelle Problem besteht jetzt darin, in starken Bereichen wie dem Maschinen- und Anlagenbau die Digitalisierung mit den vorhandenen Kompetenzen zu einem Erfolg und damit zu einem Exportschlager der deutschen Industrie zu machen. Es geht nicht um den Kampf hier in Deutschland. Es geht darum, wie unsere global tätigen und starken Mittelständler ihre Wettbewerbsfähigkeit in den Wachstumsmärkten der Welt verteidigen. Diese Diskussion müssen wir so führen, dass die Menschen Chancen darin sehen und wissen, was das für ihre Arbeit bedeutet. Gleichzeitig muss man auch klar sagen: Deutschland ist kein Wachstumsland im Sinne von konsumgetrieben. Auch absatzgetrieben wird Deutschland nicht der entscheidende Faktor sein.

Mit besorgtem Respekt beobachte ich Start-ups. Wer mir schlaflose Nächte bereitet, weil es die Disruption meiner Industrie bedeuten könnte? Ich mache mir Sorgen darüber, weil ich eben nicht weiß, wer es ist. Es gibt Hunderte und Tausende von Start-ups, die ich gar nicht sehen kann und die auch meine Mitarbeiter im täglichen Kundenkontakt nicht sehen. Es ist die Vielfalt von neuen Anbietern, die gestern noch nicht da waren, heute da sind und morgen das erste Geschäft machen. Das macht mich unruhig. Es gibt in der Start-up-Szene und unter den Newcomern viele Unternehmen, die bei großen Organisationen in der Marktbeobachtung unterhalb des Radars fliegen.

Martina Koederitz

Foto: IBM

Martina Koederitz
ist seit Mai 2011 Vorsitzende der Geschäftsführung der IBM Deutschland.

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