Sicherheit – DIVSI https://www.divsi.de Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet Fri, 24 May 2019 13:57:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.14 Blockchain-Communitys: Eine neue Ära des Vertrauens https://www.divsi.de/blockchain-communitys-eine-neue-aera-des-vertrauens/ https://www.divsi.de/blockchain-communitys-eine-neue-aera-des-vertrauens/#respond Fri, 05 Jan 2018 10:02:33 +0000 http://46.30.3.106/?p=16966 Wie eine virtuelle Währung für Transparenz und Sicherheit sorgt. Von Lena Papasabbas Der Bitcoin ist ein moderner Mythos. Niemand weiß genau, wie er funktioniert, wer ihn erschaffen hat und wie er unsere Welt verändern wird. Dennoch hat er aktuell ein Marktkapital von mehr als 58 Milliarden Euro (Stand Oktober 2017) – und eine stetig wachsende […]

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Bitcoin Communitys

Foto: Parilov | Shutterstock

Wie eine virtuelle Währung für Transparenz und Sicherheit sorgt.

Von Lena Papasabbas

Der Bitcoin ist ein moderner Mythos. Niemand weiß genau, wie er funktioniert, wer ihn erschaffen hat und wie er unsere Welt verändern wird. Dennoch hat er aktuell ein Marktkapital von mehr als 58 Milliarden Euro (Stand Oktober 2017) – und eine stetig wachsende Community, ohne die er nicht aufrechterhalten werden könnte. Ein Mythos also, an den eine rasant wachsende Anzahl von Menschen und Unternehmen glaubt.

„Wie kann man dieser virtuellen Währung vertrauen?“, fragen geschockte Banker, zweifelnde Online-Shop-Besitzer und neugierige Privatpersonen, während die Kryptowelt wächst und gedeiht. Längst gibt es vielversprechende Weiterentwicklungen – neue Coins und Projekte, die sich verselbstständigen und langsam aus der Nische bewegen. Dies ermöglicht die zugrunde liegende Technologie, von der immer wieder gesagt wird, sie sei so revolutionär wie die Erfindung des Internets: die Blockchain. Sie könnte ganze Branchen revolutionieren, die Wirtschaft langsam und schleichend grundlegend verändern. Getragen wird diese Entwicklung von Menschen, die an diese neuen Technologien glauben, ihnen vertrauen, in sie investieren. Wie sind diese Menschen organisiert? Was motiviert sie? Und: Woher kommt so viel Vertrauen in eine Innovation, die aus dem Nichts gewachsen zu sein scheint?

Transparenz

Wer in die Welt der Kryptowährungen eintauchen will, muss zuerst den Bitcoin, die Mutter aller Kryptowährungen, verstehen. Bitcoin ist zunächst einmal eine virtuelle Währung, mit der man online, aber auch in Geschäften bezahlen kann. Im Gegensatz zu konventionellen Währungen wird Bitcoin über die Blockchain dezentral verwaltet und durch ein großes Netzwerk von Usern kontrolliert, was für Transparenz und Sicherheit sorgt.

Die Zahl der Bitcoins ist endlich. Insgesamt wird es genau 21 Millionen Bitcoins geben. Diese Zahl ist von Anfang an festgelegt und unveränderbar. Man geht davon aus, dass sie ungefähr im Jahr 2140 erreicht wird. Im Oktober 2017 waren 16,6 Millionen Bitcoins im Umlauf. Alle Teilnehmer agieren anonym mit einem Public Key. Das heißt: Alle getätigten Transaktionen innerhalb der Währung sind für alle Teilnehmer im Netzwerk einsehbar und damit nur äußerst schwer manipulierbar.

Dieses Verhältnis von Transparenz und Anonymität ermöglicht den Aufbau völlig neuartig organisierter Communitys, die auf ganz anderen Regeln des Vertrauens beruhen. Zudem führt der Ausfall einzelner Rechner im Netz nicht zum Ausfall des gesamten Systems, was ihm einen großen Vorteil gegenüber zentral verwalteten Strukturen verschafft. Die innovative Kombination von Dezentralität, Transparenz und Anonymität schafft eine zukunftsweisende Organisationsform unserer digitalisierten Welt, die ganze Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft verändern könnte.

Imageveränderung

Seit dem Erscheinen des Whitepapers hat der Bitcoin einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. Das erste Mal mit Bitcoin bezahlt wurde bereits 2008. Damals wurden für zwei bestellte Pizzen 10.000 Bitcoins von einem frühen Kryptofan überwiesen. Anfang 2011 erreichte der Bitcoin erstmals den Wert eines US-Dollars. Heute ist ein einziger Bitcoin mehr als 8.000 Euro wert (Stand November 2017). Hätte der Käufer damals auf den Pizzakauf verzichtet und seine Bitcoins behalten, wäre er heute Millionär.

Bitcoin Kursentwicklung

Bitcoin Kursentwicklung

Mit einer ständig wachsenden Community im Rücken veränderte sich langsam, aber stetig auch das Image des Bitcoins und seiner Nachfolger. Zunächst bekannt als Währung, mit der man im Darknet illegal Dienstleistungen, Drogen, Waffen oder sogar Menschen kaufen kann, haftet dem Bitcoin noch immer ein zweifelhafter Ruf an. Die Tatsache, dass man mit Bitcoin Drogen im Darknet kaufen kann, bleibt natürlich bestehen, nicht umsonst hält das FBI mehr als 1 Prozent des weltweiten Bitcoin-Bestands. Doch der Bitcoin ist dem Darknet längst entwachsen. Ehemals verschrien als Währung virtueller Schwarzmärkte, ist er heute ein heißes Thema auf Business-Konferenzen, Strategie- Meetings und in den Medien.

Ein Löwenanteil der Kryptocommunity ist allerdings an den Börsen aktiv, um sein Geld zu vermehren. Das Geld wird in die verschiedensten Coins investiert, wobei der Bitcoin selbst häufig immer noch die Einstiegswährung für Kryptospekulanten ist. Die Chance, bei einem Initial Coin Offering (ICO) den eigenen Invest zu verzehnfachen oder sogar zu verhundertfachen, ist in der Kryptowelt eine reale Möglichkeit.

Rechtslage

So findet der Bitcoin nach und nach seinen Weg in den Alltag. Zumal auch immer mehr Shops die Kryptowährung akzeptieren: neben Expedia, Overstock, Microsoft, Dell und Shopify zählen dazu auch zunehmend kleine Läden, Restaurants, Bars und Hostels. Und auch große Konzerne und sogar Regierungen zeigen inzwischen deutliches Interesse am Thema Kryptowährungen.

Wie es mit den Kryptowährungen weitergeht, wird nicht zuletzt dadurch entschieden, wie die Regierungen dieser Welt mit der neuen Technologie umgehen. Die Rechtslage zu Kryptofragen hinkt derzeit noch drastisch hinterher. Die EU möchte anonymisierte Coins wie ZCash und Monero verbieten, um gegen Geldwäsche vorzugehen. Die russische Zentralbank beginnt dagegen schon, mit Ethereum zu kooperieren.

Aktuell ist das Verhältnis von Nationalstaaten und Kryptowährungen kompliziert, erheben sich die digitalen Währungen doch über nationalstaatliche Grenzen und Kontrollen. Für die Herausforderungen einer zunehmend globalisierten Welt und Wirtschaft jedoch bietet das Kryptoprinzip mit seiner ortsungebundenen digitalen Struktur enorme Potenziale.

Auch für Entwicklungsländer, in denen viele Menschen keine Bankkonten besitzen – aktuell mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung –, sind Kryptowährungen sehr interessant: Hier kann der Bitcoin eine echte und schnelle Alternative zum üblichen Finanzdienstleistungssektor bieten. Dies gilt vor allem für Länder mit guter Internetabdeckung und relativ hohem Bildungsniveau. So ist etwa in Kenia, Simbabwe oder Südafrika das Bezahlen per Handy längst gang und gäbe. Hier setzen Entwicklungen wie Humaniq (humaniq.com) an, eine mobile App, die für die Milliarden Menschen ohne Bankkonto Finanzservices anbietet, auf Basis der Blockchain und biometrischer Identifikation. Kryptowährungen könnten sich so fest in aufstrebenden Märkten etablieren – indem sie Entwicklungsschritte im Bereich des Finanzsektors, die vor der Erfindung der Blockchain unabdingbar waren, einfach überspringen.

Für Migranten, die Geld über Landesgrenzen hinweg überweisen müssen, sind Kryptowährungen eine deutlich schnellere und günstigere Option. Die Gebühren für herkömmliche Auslandsüberweisungen sind je nach Herkunftsund Empfängerland relativ hoch – die Transaktionsgebühren der meisten Kryptowährungen sind dagegen ortsunabhängig verschwindend gering. Und während Banküberweisungen ins Ausland mehrere Tage, manchmal sogar Wochen dauern können, brauchen Kryptowährungen nur ein paar Minuten oder höchstens einige Stunden. Ein riesiger Vorteil, dem Banken kaum etwas entgegensetzen können.

Verschleierung

Für alle möglichen Güter könnte die Blockchain-Technologie auf diese Weise das Ende von illegalem Handel, Betrug, Fälschungen und unkontrollierbaren Schwarzmärkten einläuten. Bisher lassen sich Geldströme noch recht einfach verschleiern. Mit der Blockchain gibt es plötzlich ein radikal neues Mittel der Transparenz und Nachvollziehbarkeit. In der Blockchain liegt die Lösung für die Kreation einer sicheren digitalen Identität. Die Kombination von Kryptografie und einem verteilten Netzwerk schafft eine völlig neue Infrastruktur für Identifikation, in der kein Vertrauen in eine bestimmte Instanz nötig ist. Das macht den Einsatz Blockchainbasierter Technologien für das Internet der Dinge so spannend. Am Thema „digitale Identität“, vor allem von Objekten innerhalb des Internets der Dinge, arbeiten daher gerade sowohl viele neue Start-ups wie Blockchain Helix als auch etablierte IT-Riesen wie Microsoft.

Wir stehen noch am Anfang der Kryptoevolution. Wie groß die Kryptocommunity wirklich ist, weiß niemand genau. Doch sicher ist: Es sind mehrere Millionen. Und es werden stetig mehr. Und die zahlreichen Communitys, die sich rund um neue Projekte, Coins, Start-ups und Initiativen formieren, zeigen deutlich, dass diese Technologie ein relevantes Zukunftsfeld ist – mehr als nur in technologischer Hinsicht. Denn die Blockchain kann immer nur Mittel sein. Und die Prinzipien der Dezentralität, wie sie die Blockchain und ihre Folgetechnologien strukturell verankern, bieten eine neue Dimension zwischenmenschlicher Kooperation, die unserem global vernetzten Zeitalter entsprechen: Verträge, Entgeltungssysteme und vieles mehr können auf ein neues Level von Fairness, Transparenz und kluger Distribution gehoben werden.

Im 21. Jahrhundert entsteht eine neue Art von Vertrauen, für das die Blockchain exemplarisch steht: distribuiertes Vertrauen, das auch auf Plattformen wie Airbnb, Uber, BlaBlaCar oder Tinder sichtbar wird. Man vertraut nicht mehr einer konkreten Person oder Institution, sondern einem Medium bzw. einer Technologie und einer Community, die sich um globale digitale Strukturen organisiert, mit einem ganz eigenen Verhältnis von Transparenz und Anonymität. So wird unser Verständnis von Vertrauen durch die Blockchain fundamental umdefiniert und erweitert. Ihre eigentliche Innovation ist deshalb keine technologische, sondern eine soziale: Wir befinden uns bereits auf dem Weg in eine neue Ära des Vertrauens.

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Im neuen Zeitalter der Nachrichtendienste https://www.divsi.de/im-neuen-zeitalter-der-nachrichtendienste/ https://www.divsi.de/im-neuen-zeitalter-der-nachrichtendienste/#respond Fri, 29 Apr 2016 08:24:01 +0000 http://46.30.3.106/?p=14587 Der NSA-Untersuchungsausschuss: Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Debatten rund um das Gleichgewicht von Sicherheit und Freiheit in der digitalen Welt. Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges schien es, als wäre die Hochzeit der Geheimdienste vorbei. Die Rüstungsprojekte der Staaten wurden immer teurer, und insbesondere die USA konnten es sich leisten, eine ganz ungewohnte Transparenz zu praktizieren.

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Im neuen Zeitalter der Nachrichtendienste

Bild: Michael Thaler – Shutterstock

Der NSA-Untersuchungsausschuss: Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Debatten rund um das Gleichgewicht von Sicherheit und Freiheit in der digitalen Welt.

 Von Prof. Dr. Patrick Sensburg

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Kalten Krieges schien es, als wäre die Hochzeit der Geheimdienste vorbei. Die Rüstungsprojekte der Staaten wurden immer teurer, und insbesondere die USA konnten es sich leisten, eine ganz ungewohnte Transparenz zu praktizieren. So ist z.B. der einfache Nachbau von Hightech-Waffensystemen kaum noch möglich. Die sich hieraus ergebende Asymmetrie wirkt sich immer stärker auf das Konfliktverhalten streitender Parteien aus.

Daten in einer digitalen Welt sind hierbei zum wichtigen Machtfaktor geworden. Nach dem Terroranschlag im tunesischen Badeort Sousse, dem Bombenanschlag auf den Airbus A321 der russischen Fluglinie Kogalymavia, den koordinierten Anschlägen in Paris und der Geiselnahme im Hotel Radisson-Blu in Bamako im Jahr 2015 oder den Bombenanschlägen in Istanbul und Ankara und den Anschlägen von Al-Shabaab in Somalia in diesem Jahr brauchen wir unsere Sicherheitsbehörden mehr denn je. Wir sehen uns neuen Gefährdungsszenarien ausgesetzt, die eine Vernetzung und Abstimmung national und international erfordern, um dem Kampf gegen asymmetrische und hybride Bedrohungen zu begegnen.

Macht

Die digitale Kommunikation, bis hin zur Einflussnahme in sozialen Netzwerken spielt eine immer größere Rolle. Die Macht über das Netz und unsere Daten ist sowohl für Unternehmen wie auch für Nachrichtendienste in Zukunft der entscheidende Faktor. Die Sicherheit unserer Daten, die Sicherheit der intimsten Informationen über jeden von uns bis hin zur Persönlichkeit des Einzelnen interessiert heute mehr als je zuvor.

Gleichzeitig wird die Herrschaft über Daten, z.B. in Form von Nachrichten aus der ganzen Welt, für viele Akteure ein Machtfaktor. Die Zahl der nachrichtenähnlichen Beiträge von Facebook-Profilen, Blogs und in abgestufter Weise auch bei Twitter und Instagram hat in den letzten Monaten massiv zugenommen. Gleiches gilt für Kommentare auf den Webseiten seriöser Presseorgane. Hier werden Artikel als Lügen verunglimpft und mit falschen Behauptungen diskreditiert. In vielen Fällen handelt es sich bei den Autoren der Kommentare um sogenannte Trolle, also Nutzer, die es gar nicht gibt und die nur zum Schein erstellt wurden. Über sie gelingt es im Internet Meinung zu machen, wie es auch gelingt, Shitstorms beispielsweise über Personen oder Firmen loszutreten. Nachrichtendienste mancher Staaten, aber auch Strukturen der organisierten Kriminalität spielen hier keine unerhebliche Rolle, was wir derzeit insbesondere beim Thema Flüchtlinge sehen.

Vertrauen und Sicherheit in der Gesellschaft zu garantieren, ohne dabei die Freiheit der Bürger zu gefährden, ist eine Aufgabe, die für die Politik, aber auch für alle gesellschaftlichen Akteure unter diesen Umständen nicht leichter geworden ist. Die Masse an Daten, die wir alle täglich produzieren, ist interessant. Sie ist interessant für Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook, die ihre Firmenphilosophie gerade auf die Herrschaft über Daten und Informationen gründen. Man denke nur an den fast explodierenden Markt der Gesundheitsdaten.

Darknet

Unsere Daten sind aber auch interessant für Nachrichtendienste und weite Teile der organisierten Kriminalität, die den stetig wachsenden Pool von Daten gerne als Steinbruch für ihre Zwecke nutzen möchten. Gleichzeitig nutzen Kriminelle immer mehr das sogenannte Darknet – eine Parallelwelt im Netz, die eine anonyme Möglichkeit bietet, Verbrechen im Internet zu planen, anzubahnen und zu begehen. Für Polizei und Nachrichtendienste wird es in diesen „Räumen“ immer schwerer, für Sicherheit zu sorgen. Bürgerinnen und Bürger müssen geschützt werden, indem Terroristen oder Gefährder rechtzeitig identifiziert werden, lautet daher auch die Argumentation, um die Datenerfassung der NSA und anderer Dienste zu rechtfertigen.

Die gleiche Argumentation finden wir in Großbritannien und nun auch in Frankreich nach den Anschlägen gegen die Redaktion der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7. Januar 2015 in Paris. Bei uns ist die jahrelange Diskussion um die Vorratsdatenspeicherung beispielhaft für diese Debatte. Unsere Gesellschaft befindet sich also in einem Spannungsfeld zwischen digitaler Freiheit und der Sensibilität, die eine vernetzte Welt einfordert.

In diesem Spannungsfeld befindet sich der sogenannte NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages, der aufgrund der Veröffentlichungen von Edward Snowden Anfang 2014 eingesetzt wurde. Seine Aufgabe ist es erstens, das Ausmaß und die Hintergründe der Ausspähungen durch die Dienste der sogenannten Five-Eyes-Staaten in Deutschland aufzuklären. Zweitens soll er ermitteln, inwieweit die deutschen Dienste hieran beteiligt waren und ob gesetzliche Regelungen durch sie verletzt wurden. In einem dritten Komplex soll der NSA-Untersuchungsausschuss Empfehlungen abgeben, wie die Telekommunikation der Bürger, von Unternehmen und von staatlichen Stellen besser geschützt werden kann. Ziel ist es also nicht, unsere Nachrichtendienste zu zerschlagen, sondern die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit zu finden.

Spagat: Sicherheit und Freiheit

Spagat: Angst vor dem Überwachungsstaat und Terrorabwehr – in diesem Spannungsfeld muss sich der NSA-Untersuchungsausschuss bewegen. (Bild: Sergey Kohl – Shutterstock | ver0nicka – Shutterstock)

Zeugenbefragung

Aktenordner BNDDie Arbeit konzentriert sich zum einen auf die Auswertung umfangreichen Aktenmaterials von derzeit über 2.325 Aktenordnern des BND und anderer Behörden, von denen rund 525 Aktenordner als vertraulich oder höher eingestuft sind. Zum anderen werden Zeugen, z.B. der Nachrichtendienste oder von Unternehmen der IT-Branche, geladen. Kürzlich sind Ladungen an Mark Zuckerberg von Facebook, Brad Smith (Microsoft), Eric Schmidt (Google) und Tim Cook (Apple) vom Ausschuss beschlossen worden. Bisher gab es 40 Zeugensitzungen mit 84 Zeugen. Rund 42 weitere Zeugen sind beschlossen, aber noch nicht zu einem konkreten Termin geladen worden.

Nur wenige Beobachter hatten sich vor dem Untersuchungsausschuss vorstellen können, wie intensiv der Ausschuss in öffentlichen Sitzungen in Projekte und Vorgehensweisen der Nachrichtendienste mit den geladenen Zeugen eindringt. Noch längst sind aber nicht alle Fragen beantwortet, was man an den noch zu befragenden Zeugen erkennen kann. Offen ist auch die Frage, ob die NSA über Jahre versucht hat, Ziele in Europa aufzuklären, und dafür auch den BND mit Suchbegriffen – den sogenannten Selektoren – versorgt hat. Zwar hat der BND über die ganze Zeit deutsche Selektoren herausgefiltert, soweit dies möglich war. Suchbegriffe in Europa wurden jedoch eingesetzt und Ergebnisse auch an die Amerikaner weitergeleitet.

Vertrauen unter Partnern schafft dies nicht, aber vielleicht wird dadurch auch nur offensichtlich, dass Nachrichtendienste sich nicht untereinander vertrauen, sondern nur mit allen Mitteln im Ausland Erkenntnisse gewinnen wollen. Eine unmittelbare Wirtschaftsspionage kann man hierin nicht erkennen, aber natürlich lassen sich Erkenntnisse aus Politik und Wirtschaft in Europa für politische Weichenstellungen in den USA nutzen. Aber nicht nur in den USA – es bestehen keine Zweifel, dass die Geheimdienste anderer Staaten wie China, Russland oder Frankreich genauso bei uns spionieren.

Kontrolle

Der NSA-Untersuchungsausschuss wird daher Empfehlungen geben, wie wir uns gegenüber ausländischen Nachrichtendiensten verhalten müssen und wie wir unsere Spionageabwehr aufzustellen haben. Der Blick auf das Thema der Selektoren zeigt aber, dass wir auch bei unseren Nachrichtendiensten sehr sorgsam Kompetenzen einräumen müssen. Wenn der Staat auf der einen Seite Eingriffe in Rechte der Bürger z.B. zum Schutz vor Terroristen für nötig erachtet, muss er auf der anderen Seite eine hinreichende exekutive und parlamentarische Kontrolle gewährleisten.

Wenn wir in Deutschland dieses Gleichgewicht erreichen, schaffen wir auch einen Vorteil für den Technologiestandort Deutschland. Während seit Jahren beinahe alle großen IT-Unternehmen in den USA sind, können Deutschland und Europa, durch ein klares Bekenntnis zum Datenschutz und verlässliche gesetzliche Rahmenbedingungen, international wieder interessanter werden.

Das politische Berlin ist wohl wie kaum ein anderer Ort der Welt interessant für Nachrichtendienste. Gleiches gilt für die Strukturen der organisierten Kriminalität. Bei ihnen geht es dann auch um Wirtschaftsspionage oder um die Schädigung der deutschen Wirtschaft im ganzen Land. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz geht davon aus, dass dort bereits jedes zweite Unternehmen Ziel von Ausspähattacken geworden ist. Der Bund schätzt den jährlichen Schaden für die deutsche Wirtschaft durch Spionage auf 50 Mrd. Euro. Die Wirtschaft hält diese Schätzung für untertrieben und geht von rund 100 Mrd. Euro Schaden jährlich aus. Seit den Veröffentlichungen von Edward Snowden und der damit zusammenhängenden Diskussion gibt es in der Wirtschaft eine intensive Diskussion um die Sicherheit der eigenen Daten. Wenn Forschung und Innovation die entscheidenden Erfolgsfaktoren unserer Wirtschaft sind, dann müssen wir die digitale Kommunikation sicherer machen. Dies gilt gerade für den Mittelstand, der die Basis unserer Wirtschaft ausmacht. Hier besteht noch viel Nachholbedarf.

Gleichgewicht

Der NSA-Untersuchungsausschuss wird vielleicht nicht jeden befriedigen, der sich erhofft hat, dass geheimste Sachverhalte an die Öffentlichkeit gelangen. Er ist aber ein Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Debatten rund um das Gleichgewicht von Sicherheit und Freiheit in der digitalen Welt. Von daher sollten wir ihn als Chance erkennen!

Neben weiteren gesetzlichen Regelungen im Bereich IT-Sicherheit, Datenschutz und den Umgang mit den großen IT-Unternehmen, wie Facebook und Google wird auch über die Überarbeitung der gesetzlichen Grundlagen für unsere Nachrichtendienste nachgedacht werden müssen. Vielleicht gelingt es ja sogar vor dem Hintergrund der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofes in Luxemburg zur Vorratsdatenspeicherung, das Thema Datenschutz und Privatheit mit Blick auf die Nachrichtendienste in ganz Europa auf die Agenda zu setzen.

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