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Blockchain-Communitys: Eine neue Ära des Vertrauens

5. Januar 2018

Bitcoin Communitys

Foto: Parilov | Shutterstock

Wie eine virtuelle Währung für Transparenz und Sicherheit sorgt.

Von Lena Papasabbas

Der Bitcoin ist ein moderner Mythos. Niemand weiß genau, wie er funktioniert, wer ihn erschaffen hat und wie er unsere Welt verändern wird. Dennoch hat er aktuell ein Marktkapital von mehr als 58 Milliarden Euro (Stand Oktober 2017) – und eine stetig wachsende Community, ohne die er nicht aufrechterhalten werden könnte. Ein Mythos also, an den eine rasant wachsende Anzahl von Menschen und Unternehmen glaubt.

„Wie kann man dieser virtuellen Währung vertrauen?“, fragen geschockte Banker, zweifelnde Online-Shop-Besitzer und neugierige Privatpersonen, während die Kryptowelt wächst und gedeiht. Längst gibt es vielversprechende Weiterentwicklungen – neue Coins und Projekte, die sich verselbstständigen und langsam aus der Nische bewegen. Dies ermöglicht die zugrunde liegende Technologie, von der immer wieder gesagt wird, sie sei so revolutionär wie die Erfindung des Internets: die Blockchain. Sie könnte ganze Branchen revolutionieren, die Wirtschaft langsam und schleichend grundlegend verändern. Getragen wird diese Entwicklung von Menschen, die an diese neuen Technologien glauben, ihnen vertrauen, in sie investieren. Wie sind diese Menschen organisiert? Was motiviert sie? Und: Woher kommt so viel Vertrauen in eine Innovation, die aus dem Nichts gewachsen zu sein scheint?

Transparenz

Wer in die Welt der Kryptowährungen eintauchen will, muss zuerst den Bitcoin, die Mutter aller Kryptowährungen, verstehen. Bitcoin ist zunächst einmal eine virtuelle Währung, mit der man online, aber auch in Geschäften bezahlen kann. Im Gegensatz zu konventionellen Währungen wird Bitcoin über die Blockchain dezentral verwaltet und durch ein großes Netzwerk von Usern kontrolliert, was für Transparenz und Sicherheit sorgt.

Die Zahl der Bitcoins ist endlich. Insgesamt wird es genau 21 Millionen Bitcoins geben. Diese Zahl ist von Anfang an festgelegt und unveränderbar. Man geht davon aus, dass sie ungefähr im Jahr 2140 erreicht wird. Im Oktober 2017 waren 16,6 Millionen Bitcoins im Umlauf. Alle Teilnehmer agieren anonym mit einem Public Key. Das heißt: Alle getätigten Transaktionen innerhalb der Währung sind für alle Teilnehmer im Netzwerk einsehbar und damit nur äußerst schwer manipulierbar.

Dieses Verhältnis von Transparenz und Anonymität ermöglicht den Aufbau völlig neuartig organisierter Communitys, die auf ganz anderen Regeln des Vertrauens beruhen. Zudem führt der Ausfall einzelner Rechner im Netz nicht zum Ausfall des gesamten Systems, was ihm einen großen Vorteil gegenüber zentral verwalteten Strukturen verschafft. Die innovative Kombination von Dezentralität, Transparenz und Anonymität schafft eine zukunftsweisende Organisationsform unserer digitalisierten Welt, die ganze Bereiche der Wirtschaft und Gesellschaft verändern könnte.

Imageveränderung

Seit dem Erscheinen des Whitepapers hat der Bitcoin einen beispiellosen Siegeszug hinter sich. Das erste Mal mit Bitcoin bezahlt wurde bereits 2008. Damals wurden für zwei bestellte Pizzen 10.000 Bitcoins von einem frühen Kryptofan überwiesen. Anfang 2011 erreichte der Bitcoin erstmals den Wert eines US-Dollars. Heute ist ein einziger Bitcoin mehr als 8.000 Euro wert (Stand November 2017). Hätte der Käufer damals auf den Pizzakauf verzichtet und seine Bitcoins behalten, wäre er heute Millionär.

Bitcoin Kursentwicklung

Bitcoin Kursentwicklung

Mit einer ständig wachsenden Community im Rücken veränderte sich langsam, aber stetig auch das Image des Bitcoins und seiner Nachfolger. Zunächst bekannt als Währung, mit der man im Darknet illegal Dienstleistungen, Drogen, Waffen oder sogar Menschen kaufen kann, haftet dem Bitcoin noch immer ein zweifelhafter Ruf an. Die Tatsache, dass man mit Bitcoin Drogen im Darknet kaufen kann, bleibt natürlich bestehen, nicht umsonst hält das FBI mehr als 1 Prozent des weltweiten Bitcoin-Bestands. Doch der Bitcoin ist dem Darknet längst entwachsen. Ehemals verschrien als Währung virtueller Schwarzmärkte, ist er heute ein heißes Thema auf Business-Konferenzen, Strategie- Meetings und in den Medien.

Ein Löwenanteil der Kryptocommunity ist allerdings an den Börsen aktiv, um sein Geld zu vermehren. Das Geld wird in die verschiedensten Coins investiert, wobei der Bitcoin selbst häufig immer noch die Einstiegswährung für Kryptospekulanten ist. Die Chance, bei einem Initial Coin Offering (ICO) den eigenen Invest zu verzehnfachen oder sogar zu verhundertfachen, ist in der Kryptowelt eine reale Möglichkeit.

Rechtslage

So findet der Bitcoin nach und nach seinen Weg in den Alltag. Zumal auch immer mehr Shops die Kryptowährung akzeptieren: neben Expedia, Overstock, Microsoft, Dell und Shopify zählen dazu auch zunehmend kleine Läden, Restaurants, Bars und Hostels. Und auch große Konzerne und sogar Regierungen zeigen inzwischen deutliches Interesse am Thema Kryptowährungen.

Wie es mit den Kryptowährungen weitergeht, wird nicht zuletzt dadurch entschieden, wie die Regierungen dieser Welt mit der neuen Technologie umgehen. Die Rechtslage zu Kryptofragen hinkt derzeit noch drastisch hinterher. Die EU möchte anonymisierte Coins wie ZCash und Monero verbieten, um gegen Geldwäsche vorzugehen. Die russische Zentralbank beginnt dagegen schon, mit Ethereum zu kooperieren.

Aktuell ist das Verhältnis von Nationalstaaten und Kryptowährungen kompliziert, erheben sich die digitalen Währungen doch über nationalstaatliche Grenzen und Kontrollen. Für die Herausforderungen einer zunehmend globalisierten Welt und Wirtschaft jedoch bietet das Kryptoprinzip mit seiner ortsungebundenen digitalen Struktur enorme Potenziale.

Auch für Entwicklungsländer, in denen viele Menschen keine Bankkonten besitzen – aktuell mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung –, sind Kryptowährungen sehr interessant: Hier kann der Bitcoin eine echte und schnelle Alternative zum üblichen Finanzdienstleistungssektor bieten. Dies gilt vor allem für Länder mit guter Internetabdeckung und relativ hohem Bildungsniveau. So ist etwa in Kenia, Simbabwe oder Südafrika das Bezahlen per Handy längst gang und gäbe. Hier setzen Entwicklungen wie Humaniq (humaniq.com) an, eine mobile App, die für die Milliarden Menschen ohne Bankkonto Finanzservices anbietet, auf Basis der Blockchain und biometrischer Identifikation. Kryptowährungen könnten sich so fest in aufstrebenden Märkten etablieren – indem sie Entwicklungsschritte im Bereich des Finanzsektors, die vor der Erfindung der Blockchain unabdingbar waren, einfach überspringen.

Für Migranten, die Geld über Landesgrenzen hinweg überweisen müssen, sind Kryptowährungen eine deutlich schnellere und günstigere Option. Die Gebühren für herkömmliche Auslandsüberweisungen sind je nach Herkunftsund Empfängerland relativ hoch – die Transaktionsgebühren der meisten Kryptowährungen sind dagegen ortsunabhängig verschwindend gering. Und während Banküberweisungen ins Ausland mehrere Tage, manchmal sogar Wochen dauern können, brauchen Kryptowährungen nur ein paar Minuten oder höchstens einige Stunden. Ein riesiger Vorteil, dem Banken kaum etwas entgegensetzen können.

Verschleierung

Für alle möglichen Güter könnte die Blockchain-Technologie auf diese Weise das Ende von illegalem Handel, Betrug, Fälschungen und unkontrollierbaren Schwarzmärkten einläuten. Bisher lassen sich Geldströme noch recht einfach verschleiern. Mit der Blockchain gibt es plötzlich ein radikal neues Mittel der Transparenz und Nachvollziehbarkeit. In der Blockchain liegt die Lösung für die Kreation einer sicheren digitalen Identität. Die Kombination von Kryptografie und einem verteilten Netzwerk schafft eine völlig neue Infrastruktur für Identifikation, in der kein Vertrauen in eine bestimmte Instanz nötig ist. Das macht den Einsatz Blockchainbasierter Technologien für das Internet der Dinge so spannend. Am Thema „digitale Identität“, vor allem von Objekten innerhalb des Internets der Dinge, arbeiten daher gerade sowohl viele neue Start-ups wie Blockchain Helix als auch etablierte IT-Riesen wie Microsoft.

Wir stehen noch am Anfang der Kryptoevolution. Wie groß die Kryptocommunity wirklich ist, weiß niemand genau. Doch sicher ist: Es sind mehrere Millionen. Und es werden stetig mehr. Und die zahlreichen Communitys, die sich rund um neue Projekte, Coins, Start-ups und Initiativen formieren, zeigen deutlich, dass diese Technologie ein relevantes Zukunftsfeld ist – mehr als nur in technologischer Hinsicht. Denn die Blockchain kann immer nur Mittel sein. Und die Prinzipien der Dezentralität, wie sie die Blockchain und ihre Folgetechnologien strukturell verankern, bieten eine neue Dimension zwischenmenschlicher Kooperation, die unserem global vernetzten Zeitalter entsprechen: Verträge, Entgeltungssysteme und vieles mehr können auf ein neues Level von Fairness, Transparenz und kluger Distribution gehoben werden.

Im 21. Jahrhundert entsteht eine neue Art von Vertrauen, für das die Blockchain exemplarisch steht: distribuiertes Vertrauen, das auch auf Plattformen wie Airbnb, Uber, BlaBlaCar oder Tinder sichtbar wird. Man vertraut nicht mehr einer konkreten Person oder Institution, sondern einem Medium bzw. einer Technologie und einer Community, die sich um globale digitale Strukturen organisiert, mit einem ganz eigenen Verhältnis von Transparenz und Anonymität. So wird unser Verständnis von Vertrauen durch die Blockchain fundamental umdefiniert und erweitert. Ihre eigentliche Innovation ist deshalb keine technologische, sondern eine soziale: Wir befinden uns bereits auf dem Weg in eine neue Ära des Vertrauens.

Lena Papasabbas

Foto: Zukunftsinstitut

Lena Papasabbas
arbeitet für das Zukunftsinstitut. Die Kulturanthropologin befasst sich mit dem Wandel der Wissensgesellschaft

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