Digitale Souveränität – DIVSI https://www.divsi.de Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet Fri, 24 May 2019 13:57:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.14 Die Stärkung der digitalen Souveränität – Wege der Annäherung an ein Ideal im Wandel https://www.divsi.de/die-staerkung-der-digitalen-souveraenitaet-wege-der-annaeherung-an-ein-ideal-im-wandel/ https://www.divsi.de/die-staerkung-der-digitalen-souveraenitaet-wege-der-annaeherung-an-ein-ideal-im-wandel/#respond Mon, 14 May 2018 07:02:00 +0000 https://www.divsi.de/?p=18167 Die Digitalisierung bereichert unseren Lebensalltag in vielfältiger Weise. Wer einmal den Komfort präziser Navigation oder die Möglichkeit, jederzeit und von überall auf Informationen zugreifen und mit anderen kommunizieren zu können, genossen hat, wird freiwillig kaum wieder darauf verzichten wollen. Hinzu kommt, dass die meisten Dienste kostenlos sind. Oder präziser ausgedrückt: Sie kosten kein Geld. Denn […]

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Die Stärkung der digitalen Souveränität – Wege der Annäherung an ein Ideal im Wandel

Die Digitalisierung bereichert unseren Lebensalltag in vielfältiger Weise. Wer einmal den Komfort präziser Navigation oder die Möglichkeit, jederzeit und von überall auf Informationen zugreifen und mit anderen kommunizieren zu können, genossen hat, wird freiwillig kaum wieder darauf verzichten wollen. Hinzu kommt, dass die meisten Dienste kostenlos sind. Oder präziser ausgedrückt: Sie kosten kein Geld. Denn im Grunde wissen wir natürlich schon, dass wir die vermeintlich kostenlosen Angebote, die wir so gern und so selbstverständlich nutzen, mit unseren persönlichen Daten bezahlen.

Aus der DIVSI-Studie „Daten – Ware und Währung“ wissen wir sogar ganz konkret, dass mehr als Dreiviertel der Menschen in Deutschland ausschließlich (62 Prozent) oder vornehmlich (14 Prozent) kostenlose Online-Angebote nutzen, obwohl ebenso viele (76 Prozent) davon ausgehen, dass sie für diese mit ihren Daten zahlen und 83 Prozent sogar glauben, dass Anbieter solcher Angebote mit den persönlichen Daten der Nutzer Geschäfte machen. Dass die Gesetze des Kapitalismus in dem Ausmaß in die persönliche Sphäre des Menschen hineingreifen, macht nicht wenigen Angst.

Die mal mehr, mal weniger empörte Masse empfindet das – vermeintliche oder tatsächliche – Gebaren überwachender Staaten und monopolistischer „Datenkraken“ als einen Angriff auf die Grundrechte und die persönliche Freiheit. Die meisten wollen weder gläserne Bürger noch gläserne Konsumenten werden, gehen aber gleichzeitig davon aus, dass dem längst so ist. Trotz des eigenen Haderns übt aber kaum jemand Verzicht. Warum?

Nun, viele der genutzten Dienste sind längst zum Rückgrat des Lebensalltags der Menschen geworden. Auf sie zu verzichten, bedeutet immer häufiger, sich von einem Teil des Soziallebens zu verabschieden und den Rest davon arg zu verkomplizieren. Gerade weil die digitalen Angebote zum integralen Bestandteil des Lebens geworden sind, gilt es zu fragen, wie sich diese Entwicklung auf die Souveränität des Einzelnen auswirkt, die nicht zuletzt zu den Grundwerten freiheitlich demokratischer Gesellschaften gehört.

Was bedeutet es z.B. für die freie Entfaltung der Persönlichkeit, wenn die Möglichkeit einer Entscheidung für oder gegen die Nutzung digitaler Angebote auf Sicht eine rein theoretische und das Akzeptieren zweifelhafter Nutzungsbedingungen alternativlos bleibt? Kann von informationeller Selbstbestimmung überhaupt noch die Rede sein, wenn der Einzelne nicht mehr überblicken kann, welche smarten Geräte und digitalen Anwendungen wann welche womöglich sehr persönlichen Daten sammeln? Ob und wohin sie sie senden? Wer Zugriff darauf erhält und zu welchem Zweck? Was bedeutet es für ihre eigene digitale Souveränität, wenn Menschen hierüber nicht mitbestimmen können und die Folgen der Sammlung und Weiterverwertung von Daten kaum abzuschätzen vermögen?

Digitale Souveränität geht über den Entscheidungs- und Gestaltungsspielraum des Einzelnen freilich hinaus. Sie umfasst auch die äußeren Rahmenbedingungen, die ihm zuweilen überhaupt erst ermöglichen, souverän zu sein. Um digitale Souveränität stärken zu können, muss sie zunächst in ihren unterschiedlichen Dimensionen erfasst werden. Wie wird sie in den verschiedenen Bedeutungskontexten verstanden? Wie ist der Stand des Diskurses darüber und wer sind die relevanten Akteure?

Das vorliegende Papier will eben dies tun – einen Überblick über den Ist-Stand der Debatte um „digitale Souveränität“ bieten und eine Grundlage dafür schaffen, auf der Wege aufgezeigt werden können, wie sich dem „Ideal im Wandel“ angenähert werden kann.

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Sicherheit immer in Relation zum Aufwand sehen https://www.divsi.de/sicherheit-immer-relation-zum-aufwand-sehen/ https://www.divsi.de/sicherheit-immer-relation-zum-aufwand-sehen/#respond Fri, 09 Jan 2015 08:52:49 +0000 http://46.30.3.106/?p=10908 Teil 2: Technische, rechtliche und kulturelle Fragestellungen müssen geklärt und optimiert werden. Digitale Realpolitik für die Cloud-Gesellschaft – Teil 1 des Beitrags veröffentlichten wir im letzten Magazin. Heute ergänzt der Autor seine Gedanken um drei Punkte. Von Dr. Philipp Müller.

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Sicherheit immer in Relation zum Aufwand sehen

Bild: m00osfoto – Shutterstock

Teil 2: Technische, rechtliche und kulturelle Fragestellungen müssen geklärt und optimiert werden.

Von Dr. Philipp Müller

Digitale Realpolitik für die Cloud-Gesellschaft – Teil 1 des Beitrags veröffentlichten wir im letzten Magazin. Heute ergänzt der Autor seine Gedanken um drei Punkte.

Digitale Souveränität

Souveränität ist immer „organisierte Heuchelei“ wie Stephen Krasner in „Sovereignty: Organized Hypocrisy“ (1996) wortgewaltig argumentiert, aber genau deshalb ist es eins der mächtigsten Konzepte, das unser Handeln informiert und leitet.

Abstrakt gesprochen versteht man unter Souveränität die Fähigkeit einer natürlichen oder juristischen Person zur Selbstbestimmung. Geprägt ist das Konzept vom Eigentumskonzept im römischen Privatrecht und von einer territorialen Linse, durch die wir es sehen. Als normatives Konzept gibt es uns einen Rahmen, gegen den wir die Realität prüfen können, nicht aber eine realistische Perspektive auf unsere Realität. Digitale Souveränität umfasst also unsere Fähigkeit, selbstbestimmt im Netz zu agieren, und das ist erst einmal nichtterritorial.

Trotzdem ist, wenn wir nach digitaler Souveränität fragen, unser Denken überlagert von Vorstellungen aus dem Mittelalter, von Burggräben und Einfallstoren. Diese Metaphern sind an sich nicht falsch, können aber nur bis zu einem gewissen Grad handlungsleitend sein. Intelligente IT-Sicherheitspolitik bleibt nicht bei diesen nationalistischen Bildern stehen, sondern fängt da erst an zu fragen. Ein hämischer Blick auf die NSA, wo ein Mitarbeiter Geheimes ohne Probleme aus dem Burgfried der NSA mitnehmen konnte, erhöht nur unseren globalen Zynismus, nicht unsere Sicherheit. Wenn wir allerdings akzeptieren, dass Sicherheit nicht durch das Bild mittelalterlicher Burggräben geleitet werden sollte, dann müssen wir fragen, wovon dann? Und was können wir tun?

Kompetenzaufbau

Es geht uns ja um die Sicherheit und das Vertrauen unserer Organisationen, ob privat- wirtschaftlich, öffentlich-rechtlich oder gesellschaftlich strukturiert. Und das kann nie absolut gesehen werden. Sicherheit ist immer in Relation zum Aufwand zu sehen: Wie viel Sicherheit brauche ich für welche Prozesse und Daten? Es bedarf also einer Kategorisierung und Festlegung von Schutzbedarfen. Ziel einer solchen Schutzbedarfsfeststellung ist es, zu ermitteln, welcher Schutz für die Informationen und die eingesetzte Informationstechnik ausreichend und angemessen ist. Organisationen bestehen aus technischen Architekturen (Gebäuden, Maschinen, IT-unterstützten Prozessen, Kommunikationstechnologien), Regeln und Normen (Gesetzen, Verordnungen, Vorschriften etc.) und Kulturen (implizite und explizite Verhaltenskodizes). Organisationen definieren sich durch Prozesse, die Wertschöpfung generieren. Organisationelle Sicherheit in der Cloud-Gesellschaft kann also nur im Zusammenspiel dieser harten und weichen Faktoren generiert werden, von materieller Sicherheit, IT-Sicherheit und personeller Sicherheit.

Es geht also um technische, rechtliche und kulturelle Fragestellungen. In den meisten Organisationen sind diese in einzelne Disziplinen ausdifferenziert (bspw. Gebäudeschutz, Prozess-Architektur, IT-Sicherheit, Geheimschutz, Datenschutz, Vertragsgestaltung, Risiko-Management etc.), und das Zusammenspiel zwischen diesen Bereichen ist oft noch nicht optimiert. Wir müssen in allen Organisationen Querschnittsfunktionen einführen, die das Zusammenspiel dieser unterschiedlichen Disziplinen orchestrieren und damit einen multidisziplinären Kompetenzaufbau vorantreiben. Sicherheit ist aber nicht allein eine Fragestellung einer Organisation, sondern wird über das Zusammenspiel zwischen Organisationen gewährleistet, denn unsere Welt ist vernetzt geworden.

Ein Kernprinzip des IT-Sicherheitsdenkens ist, dass sich Angreifer natürlich immer das schwächste Glied in der Kette suchen werden. Deshalb ist die Realisierung eines Gesamtüberblicks über die Sicherheit der vernetzten Wertschöpfungskette einer Organisation (oder eines Staates) in der Cloud-Gesellschaft von größter Bedeutung. Dabei geht es nicht (allein) um die Verschiebung von Verantwortlichkeiten (denn was nützt es, wenn ich im Falle eines Angriffs auf einen Subunternehmer zeigen kann?), sondern um die Gewährleistung der funktionalen Integrität der gesamten Wertschöpfungskette meiner Organisation, sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Grenzen.

Wir müssen weg vom Burggraben und hin zum Denken in vernetzten Wertschöpfungsketten bzw. in -flüssen. Diese können gesichert werden, indem wir multidisziplinäre Kompetenz aufbauen und mehrschichtig über Sicherheit nachdenken. Ein Schichtmodell hilft uns, dieses Zusammenspiel zwischen unterschiedlichen Abstraktionsniveaus und zwischen den unterschiedlichen Disziplinen zu visualisieren. Kurz angerissen geht es um Folgendes:

Wir brauchen (a) gehärtete Infrastrukturen und eine von uns kontrollierte Verschlüsselung aller relevanten Daten, (b) klassische Abwehrmechanismen wie Firewalls und Intrusion Detection. Darüber müssen wir (c) eine Auswertung aller Datenflüsse in Echtzeit legen, um Irregularitäten zu erkennen, und wir müssen (d) im Austausch mit anderen vertrauenswürdigen Partnern Sicherheit gewährleisten. Sicherheit kann nur im Zusammenspiel zwischen den Disziplinen und zwischen Organisationen, die sich mit technologischen Fragestellungen (Prozess-Architektur und Kommunikationssysteme), rechtlichen (Datenschutz, Geheimschutz und Vertragsgestaltung) und kulturellen (Kommunikation, Marketing) Fragestellungen beschäftigen, gewährleistet werden.

Transatlantischer Diskurs

Auf ein höheres Niveau heben. Nur wenn es uns gelingt, uns von dem territorialen Verständnis von Sicherheit und ihren nationalistischen Politiken zu lösen, wenn wir die multidisziplinäre Kompetenz für Sicherheitspolitik in unseren Organisationen entwickeln, wenn wir Sicherheit als eine Aufgabe betrachten, im Zuge derer wir klar definierte Schutzbedarfe mit mehrschichtigen Sicherheitsmaßnahmen angehen, können wir Sicherheit in der Cloud-Gesellschaft gewährleisten. Das Thema ist zu wichtig, als dass wir es kurzfristigen politischen Interessen unterordnen sollten. Sonst besteht die Gefahr von nichtintendierten Konsequenzen von großer Tragweite. Und wir brauchen nur einen Blick zurück auf 1914, um zu verstehen, wie brutal diese sein können. Wir sollten versuchen, diese einfachen, aber realistischen Gedanken in den Diskurs einzubringen, und auch wieder mehr Gespräch mit unseren transatlantischen Partnern suchen.

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