MCM Insitute St. Gallen – DIVSI https://www.divsi.de Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet Fri, 24 May 2019 13:57:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.14 Spaltet das Netz die Gesellschaft? https://www.divsi.de/spaltet-das-netz-die-gesellschaft/ https://www.divsi.de/spaltet-das-netz-die-gesellschaft/#respond Fri, 18 Sep 2015 14:31:18 +0000 http://46.30.3.106/?p=13735 Ein Kommentar von Prof. Dr. Christian Hoffmann Das Internet bietet zahllose Vorzüge und Bequemlichkeiten. Wir haben uns an sie gewöhnt, ja können uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. Doch möglicherweise ist das Internet zugleich eine Ursache für gesellschaftliche Spaltung. Seit den 90er Jahren geht in Wissenschaft und Politik die Angst um vor einer„digitalen […]

The post Spaltet das Netz die Gesellschaft? appeared first on DIVSI.

]]>
Spaltet das Netz die Gesellschaft?

Bild: Matej Kastelic – Shutterstock

Ein Kommentar von Prof. Dr. Christian Hoffmann

Das Internet bietet zahllose Vorzüge und Bequemlichkeiten. Wir haben uns an sie gewöhnt, ja können uns ein Leben ohne sie kaum noch vorstellen. Doch möglicherweise ist das Internet zugleich eine Ursache für gesellschaftliche Spaltung.

Seit den 90er Jahren geht in Wissenschaft und Politik die Angst um vor einer„digitalen Spaltung“. Demnach gibt es Menschen, die an den Vorzügen des Internets teilhaben, und solche, die aussen vor bleiben, weil sie keinen Zugang zu den neuen Medien finden. Das Internet schafft wertvolle Ressourcen, wie Wissen, Austausch, Zeit- und Geldersparnis. Diese bleiben aber jenen verwehrt, die das Internet nicht nutzen können.

Mit den Jahren entschärfte sich die digitale Spaltung angesichts rasant steigender Nutzerzahlen. Was bleibt von einer„Spaltung“, wenn 80 bis 90 Prozent der Bürger das Internet bevölkern? Doch prompt tat sich eine neue Sorge auf: Was, wenn es eine digitale Spaltung zweiter Ordnung gibt? Oder anders formuliert: Was, wenn wir zwar alle „drin“ sind, aber manche das Internet so nutzen, dass sie besonders viele Vorteile daraus ziehen, während andere ihre Zeit vergeuden oder sich sogar Chancen verbauen? Bezeichnet wird dies als die „Beteiligungsspaltung“ (participation divide).

Beteiligung im Internet

Die neue digitale Spaltung wirft viele Fragen auf: Was bedeutet „Beteiligung im Internet“ genau? Was machen also Menschen, die im Netz beteiligt sind? Warum beteiligen sich manche Menschen nicht, obwohl sie über einen Netzzugang verfügen? Gemeinsam mit dem Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet ist die Universität St.Gallen diesen Fragen nachgegangen, und hat deutsche Bürger in Fokusgruppen nach ihrem Nutzungsverhalten befragt.

Ein Ergebnis der Studie: Beteiligung im Internet ist allgegenwärtig. Gesundheitsforen, Lern- und Studienhilfen, kollaborative Kunstprojekte, Crowdfunding, der Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen, Petitionen – Formen der Beteiligung finden sich in allen Sphären der Gesellschaft, von der Wirtschaft, über Bildung, Gesundheit und Kultur bis hin zur Politik. In allen Bereichen erstellen und teilen Nutzer Inhalte, um andere zu erreichen, zu bewegen

Das Netz als Abbild der Gesellschaft

Eine heile Beteiligungswelt also? Keineswegs, die Nutzer unterscheiden etwa zwischen freiwilliger und unfreiwilliger, positiver oder negativer Beteiligung: Nicht immer sind Nutzer freiwillig bei Aktionen im Netz dabei – vielleicht wurden sie durch andere hineingezogen, vielleicht wurden ihre Daten ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung verwendet. Beteiligung löst daher auch Sorgen aus. Und: Manche Menschen engagieren sich im Netz für Anliegen, die andere als schädlich empfinden, wie etwa radikale Ideologien.

Warum also sind manche Nutzer im Netz beteiligt und andere nicht? Diese Frage erweist sich als komplex, weil unterschiedliche Nutzer auch Unterschiedliches unter „Beteiligung“ verstehen: Bequeme und spassorientierte Nutzer fühlen sich schon „beteiligt“, wenn sie mit dem Internet verbunden sind, denn dann sind sie irgendwie „dabei“. Souveräne, vielseitige Nutzer haben dagegen ein klares Verständnis von Beteiligung im Internet, sie leben in und mit dem Netz und ziehen zahlreiche Vorteile aus einer partizipativen Nutzung. Viele Nutzer mittleren Alters weisen ein sehr funktionales Verhältnis zum Netz auf, sie schätzen die Vorteile der neuen Medien und nehmen diese selektiv in Anspruch, kontrollieren und begrenzen ihre Nutzung aber strikt.

„Beteiligungsspaltung“ durch Alter, Bildung und Werte

Und dann sind da schliesslich noch die ängstlichen Nutzer, meist höheren Alters. Sie verstehen das Internet kaum, fühlen sich ihm ausgeliefert und vermeiden darum eine aktive Nutzung. Viele von ihnen haben keine Vorstellung, was eine «Beteiligung im Internet» überhaupt sein könnte. Dennoch ist die „Beteiligungsspaltung“ im Netz keine reine Altersfrage. Die Untersuchung zeigt, dass Sorgen und Unsicherheit in allen Altersklassen anzutreffen sind. Mindestens so wichtig wie Kenntnisse und Selbstvertrauen ist auch die Motivation zu einer Beteiligung.

Hier zeigt sich das Netz durchaus als Abbild der bekannten, physischen Welt. Kein Grund aber, die Hände in den Schoss zu legen, denn der Wille, das Vertrauen und die Fähigkeit zu einer Beteiligung im Internet kann soziale Unterschiede verstärken, die ohnehin mit Alter, Bildung, Einkommen und Werthaltungen verbunden sind. Die digitale Spaltung zweiter Ordnung ist also durchaus real. Leider ist sie auch weniger einfach zu überbrücken, als nur mit einem Internetzugang.

Der Artikel ist zuerst auf der Website der Universität St. Gallen erschienen.

Die Studie ist hier im Volltext einsehbar:
http://46.30.3.106/publikationen/studien/divsi-studie-beteiligung-im-internet-wer-beteiligt-sich-wie/

The post Spaltet das Netz die Gesellschaft? appeared first on DIVSI.

]]>
https://www.divsi.de/spaltet-das-netz-die-gesellschaft/feed/ 0
Internet, Demokratie und Partizipation https://www.divsi.de/internet-demokratie-und-partizipation/ https://www.divsi.de/internet-demokratie-und-partizipation/#respond Wed, 09 Jul 2014 09:28:50 +0000 http://46.30.3.106/?p=8049 Engagieren sich Menschen politisch, nachdem sie das Internet für sich entdeckt haben? Oder nutzen sie das Netz jetzt auch für politische Zwecke, weil es manches erleichtert? Dr. Göttrik Wewer Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat das Wissenschaftsjahr 2014 unter das Motto „Die digitale Gesellschaft“ gestellt. Dazu gibt es im Laufe des Jahres viele Projekte […]

The post Internet, Demokratie und Partizipation appeared first on DIVSI.

]]>
E-Partizipation

Anti-Corruption-Day, Bangkok (Bild: 1000 Words – Shutterstock)

Engagieren sich Menschen politisch, nachdem sie das Internet für sich entdeckt haben? Oder nutzen sie das Netz jetzt auch für politische Zwecke, weil es manches erleichtert?

Dr. Göttrik Wewer

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat das Wissenschaftsjahr 2014 unter das Motto „Die digitale Gesellschaft“ gestellt. Dazu gibt es im Laufe des Jahres viele Projekte und Veranstaltungen. Eines der Themen, die dabei behandelt werden sollen, ist politische Partizipation. Anders als Miriam Meckel, die mit ihrem Team bei ihrer Studie für das DIVSI einen weiter gehenden Beteiligungsbegriff zugrunde gelegt hat, will die Bundesregierung den Fokus also bewusst auf politische Beteiligung richten. Das ist durchaus verständlich, da sich nicht mehr so viele Menschen wie früher in Parteien engagieren und an Wahlen teilnehmen und da niemand bisher ein Mittel gefunden hat, diesen Trend zu stoppen.

Wissenschaft uneinig

An der Europawahl haben sich zuletzt wieder mehr Menschen beteiligt als vor fünf Jahren, aber dieser Zuwachs reichte nicht so weit, dass wenigstens die Hälfte der wahlberechtigten Deutschen ihre Stimme abgegeben hätte. Den SPD-Kandidaten für das Amt des Präsidenten der EU-Kommission kannte nur ein Viertel der Wähler, obwohl es sich um einen Deutschen und bekannten Europäer handelt, zudem Präsident des EU-Parlaments; den Kandidaten der Konservativen kannten sogar nur 13 Prozent, obwohl er uns über viele Jahre die Beschlüsse von EU-Gipfeln im Fernsehen erläutert hat, ausgezeichnet Deutsch spricht und hier viele Auftritte absolviert hat. Wenn drei Viertel der Wähler nicht einmal die Namen der Kandidaten wissen, die sich um die Präsidentschaft der EU-Kommission bewerben, dann fragt man sich, was eigentlich Informationsfreiheit und Transparenzgesetze bringen sollen.

Zur politischen Beteiligung gibt es, wie Miriam Meckel mit ihrem Team gezeigt hat, die mit Abstand meisten Studien. Das heißt aber noch lange nicht, dass sich die Wissenschaft schon einig wäre. Während manche meinen, das Internet fördere nahezu zwangsläufig Demokratie und Partizipation, können andere keine oder nur geringe Effekte erkennen. Einige behaupten sogar, das Internet schwäche die Demokratie, jedenfalls die, die wir bisher kannten, und die sogenannten sozialen Medien führten nicht zu mehr, sondern zu weniger politischer Beteiligung.

Widersprüchliche Erkenntnisse bedeuten nicht, dass die Forscher schlechte Arbeit abliefern, sondern erinnern daran, dass das digitale Zeitalter gerade erst richtig begonnen hat und noch nicht klar erkennbar ist, wohin die digitale Revolution uns führt. Sie resultieren außerdem aus unterschiedlichen Untersuchungsansätzen, unterschiedlichen theoretischen Erklärungsmodellen und unterschiedlicher methodischer Vorgehensweise. Zudem sind die Kausalitäten schwer zu benennen: Engagieren sich Menschen politisch, nachdem sie das Internet für sich entdeckt haben, oder waren sie schon politisch interessiert und nutzen jetzt nur das Netz auch für politische Zwecke, weil es manches leichter macht? Henne oder Ei? Und ist es allein das Internet, das Menschen veranlasst, sich politisch zu beteiligen, oder sind es eher andere Faktoren, die dazu führen, dass sie die Politik für sich entdecken?

„Technology is the car“, sagt David Gelernter, „not the driver.“ Nach diesem Modell würde das Internet als Treiber für Demokratie und Partizipation systematisch überschätzt und wären technische Möglichkeiten weit weniger bedeutsam für die Frage, ob sich jemand politisch beteiligt oder nicht, als andere Faktoren: politische, ökonomische, soziale oder kulturelle. Anders gesagt: Es sind immer noch die Menschen, die darüber entscheiden, sich politisch zu engagieren und dafür auch das Internet zu nutzen. Ein allgemein anerkanntes Gesamtmodell aller Faktoren, die politische Beteiligung hervorrufen oder erschweren, hat sich noch nicht herausgemendelt.

Macht und Wissen

Das Heilsversprechen des Internets beruht auf der Tatsache, dass Informationen heute im Prinzip weltweit verfügbar sind, und der Hoffnung, dass besser informierte Menschen aufgeklärte Menschen sind. Wenn Wissen Macht ist, dann löst sich die Macht auf, wenn alle dieses Wissen haben, dann gibt es keine Herrschaft mehr, keine Gewalt und auch keinen Krieg. Das ist die technokratische Utopie hinter dem Glauben, im digitalen Zeitalter ließen sich Demokratie und Partizipation nicht mehr aufhalten. Die Anzahl der Staaten, die man als gefestigte Demokratien bezeichnen kann, wächst aber schon lange nicht mehr. Bei vielen Ländern, die sich selbst formal so nennen, handelt es sich eher um „unechte“ oder „unwahre“ Demokratien, um „weak states“ oder „failed states“.

Elektronische Demokratie

Wenn man sich umsieht – Syrien, Ukraine, Türkei, Ungarn etc. pp. –, dann sind wenig Anzeichen zu erkennen, dass diese Utopie morgen Realität werden könnte. Von Nordkorea, Afghanistan, Pakistan, China oder Russland ganz zu schweigen. Quantitativ wächst die Anzahl der Demokratien, seit es das Internet gibt, offenkundig nicht. Aus dem „Arabischen Frühling“ ist auch längst Herbst geworden. Entscheidend ist nicht, was die Menschen wissen könn(t)en, sondern was sie glauben wollen. Sie nehmen die Informationen auf, die sie aufnehmen wollen. Alles andere blenden sie aus. Wer glaubt, die Proteste auf dem Taksim-Platz seien aus dem Ausland gesteuert, der lässt sich von gegenteiligen Auffassungen im Internet nicht beirren.

Qualitativ könnte das Internet immerhin gefestigte Demokratien noch besser, noch demokratischer machen. Das Mittel dazu wäre die „elektronische Demokratie“, also die Nutzung des Web 2.0 und der „sozialen Medien“ in politischen Prozessen. An Bürgerforen oder Bürgerhaushalten beteiligt sich bisher aber nur eine kleine Minderheit, die nicht repräsentativ ist für die Bevölkerung, was die soziale Spaltung eher noch verstärkt. Und was die Vorschläge, die mit solchen Instrumenten generiert werden, tatsächlich bewirken, ist noch kaum erforscht. Kommen Ideen auf den Tisch, die wirklich neu sind, oder ist das meiste den Fachleuten schon bekannt? Führen solche Verfahren dazu, dass die Kommune in absehbarer Zeit schuldenfrei ist, oder dürfen die Bürger nur sagen, wo sie am ehesten sparen würden? Was wird durch „elektronische Demokratie“ besser: die Beteiligung der Bürger? Ihre Identifikation mit der Gemeinde? Die politische Steuerung? Die faktische Haushaltslage? Die allgemeinen Handlungsspielräume? Und welche Bedeutung hat dabei das Netz?

Die konventionelle politische Beteiligung nehme zwar ab, aber dafür nehme eine unkonventionelle politische Beteiligung zu, ist eine der Thesen in der Diskussion. Die Menschen würden sich zwar weniger in Parteien engagieren, nicht mehr so häufig zur Wahl gehen und auch weniger Leserbriefe schreiben, sich dafür aber schneller an spontanen Protesten beteiligen, in Initiativen mitarbeiten und Petitionen online auf den Weg bringen.

Politik-Beteiligung

Auf der Systemebene lässt sich das hingegen nur bedingt erkennen: Politische Beteiligung ist zwar bunter und vielfältiger geworden, so scheint es, aber nicht „massenhafter“ und intensiver. Man denke nur an die Ostermärsche oder an die Demonstrationen gegen die Nachrüstung oder gegen die Atomenergie. Was die neuen Formen politischer Beteiligung tatsächlich bewirken, ob sie den Politikbetrieb beeindrucken oder sogar dauerhaft verändern, ist noch nicht hinreichend erforscht. Insofern ist es gut, dass sich nicht nur die Bundesregierung, sondern auch eine Institution wie das DIVSI dieses Themas annimmt. Dass sich im letzten Jahr ein Institut für Protest- und Bewegungsforschung in Berlin gegründet hat, unterstreicht, dass es auf diesem Feld noch genug zu tun gibt.

Hier geht es zur Studie: „Bereiche und Formen der Beteiligung im Internet: Ein Überblick über den Stand der Forschung“

The post Internet, Demokratie und Partizipation appeared first on DIVSI.

]]>
https://www.divsi.de/internet-demokratie-und-partizipation/feed/ 0
Fünf Mythen zur Netzbeteiligung https://www.divsi.de/fuenf-mythen-zur-netzbeteiligung/ https://www.divsi.de/fuenf-mythen-zur-netzbeteiligung/#respond Mon, 07 Jul 2014 09:44:22 +0000 http://46.30.3.106/?p=8055 Aktuelle Untersuchung der Uni St. Gallen räumt auf mit Allgemeinplätzen Von Christian Hoffmann, Christoph Lutz, Miriam Meckel Alle sind ständig im Internet, aus privaten, politischen und tausend anderen Gründen. Doch wie steht es tatsächlich um die Beteiligung am Netz? Durch den Vormarsch von Digitalisierung und Vernetzung ist dieser Begriff zu einem Schlagwort avanciert und hat […]

The post Fünf Mythen zur Netzbeteiligung appeared first on DIVSI.

]]>
Mythen zur Netzbeteiligung

Bild: nenetus – Shutterstock

Aktuelle Untersuchung der Uni St. Gallen räumt auf mit Allgemeinplätzen

Von Christian Hoffmann, Christoph Lutz, Miriam Meckel

Alle sind ständig im Internet, aus privaten, politischen und tausend anderen Gründen. Doch wie steht es tatsächlich um die Beteiligung am Netz? Durch den Vormarsch von Digitalisierung und Vernetzung ist dieser Begriff zu einem Schlagwort avanciert und hat auf dem Weg zu breiter Popularität seine exakten Koordinaten verloren.

Das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen hat sich der Kernfragen angenommen: Wie werden Menschen im Internet tatsächlich aktiv, welche Bereiche und Formen von Beteiligung im Netz gibt es, was sind ihre Voraussetzungen und was ihre Folgen? Die Ergebnisse der Untersuchung machen deutlich, dass sich im Hinblick auf die tatsächliche Netzbe teiligung längst Mythen etabliert haben. Schon deshalb lohnt ein genauerer Blick. Es wird Zeit, die Mythen durch Fakten zu ersetzen.

Erster Mythos: Wir alle wollen uns ständig beteiligen

Zwar steckt Beteiligung durchaus in der DNA des sozialen Internets, aber nutzen wir sie auch? Die DIVSI Milieu-Studie (2012) hat gezeigt: Es gibt in Deutschland noch immer einen „Beteiligungsgraben“. Vor allem die Gruppe der „Digital Outsiders“, die noch immer etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist im Netz wenig aktiv.

Auch für das Internet gilt die Pareto-Regel: Wenige machen viel, und viele machen wenig. Dieser Graben kann zum Teil auf die Fähigkeiten der Nutzer zurückgeführt werden, ist aber wesentlich durch unterschiedliche Motivations- und Interessenlagen verursacht.

Zweiter Mythos: Beteiligung ist immer politisches Handeln

Im Internet gibt es ganz verschiedene Arten des Engagements. Die Politik ist das wichtigste Beteiligungsfeld im Internet, zumindest gemessen am entsprechenden Umfang der wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung. Aber nicht dem Politischen zugeordnete Formen des Handelns können ebenso aktivierend und partizipativ veranlagt sein. Es gibt beeindruckende Formen der Peer Production im Netz, die für Beteiligung in der Wirtschaft stehen. Es gibt kreative Schaffenskraft, die im Bereich der Kunst im Netz freigesetzt wird. Neue Lehr- und Lernplattformen wie MOOCs sind nur ein Beispiel für Beteiligung im Bildungssektor. Und Menschen, die sich in einem Internetforum über ihre gemeinsame Krankheit austauschen, praktizieren auch so etwas wie Beteiligung.

Politik ist also nur ein Feld, in dem die Beteiligungspotenziale des sozialen Internets spielen, andere gehören ebenso beachtet.

Dritter Mythos: Wir alle nutzen dasselbe Internet

Technisch gesehen stimmt das. Es bedeutet jedoch nicht, dass sich alle Menschen in derselben digitalen Lebenswelt bewegen. Subjektiv gibt es im Netz wenige Standards, die individuelle Erfahrungswelt ist bunt und vielseitig – so wie die Interessen der Nutzer.

Das globale Netzwerk von Computern bietet heute vielseitige Plattformen und Nischen. Wir nutzen zum Beispiel das World Wide Web über HTTP und Browser, tauschen uns über soziale Medien wie Facebook oder Twitter aus, werden Kunden in den proprietären Systemen wie der Apple-Plattform iTunes und tummeln uns manchmal auch in Räumen, die sich dem breiten öffentlichen Zugang entziehen, wie dem Darknet.

Surfen und Posten, Mailen und Downloaden, Skypen und Chatten, Konsumieren und Kreieren – das alles ist möglich im Netz. Es stellt uns die Plattform und die Instrumente zur Verfügung. Was wir damit machen, ist unsere Entscheidung. Also engagieren wir uns für Umweltschutz oder Menschenrechte, Gesundheit oder Suchtkrankheiten, Kunst und Kultur, Stars, Produktinnovationen und Wettbewerbe.

Überall beteiligen sich Menschen – auf unterschiedliche Art, in unterschiedlicher Intensität und zu unterschiedlichen Dingen. Unsere subjektiven Internets müssen sich dabei nicht berühren.

Vierter Mythos: Beteiligung ist immer wünschenswert und gut

Das ist eine sehr normative Sicht und stimmt so auch nicht durchgängig. Zum einen nutzen in Deutschland vor allem die Menschen mit höherem sozioökonomischen Status das Internet, zum anderen muss Beteiligung eben nicht nur gute Seiten haben.

Auch beim Einkaufen im Netz, beim Spielen von Onlinegames, beim Arbeiten im Netz beteiligen wir uns. Das kann auch Folgen haben, die nicht zum traditionellen Begriff der Beteiligung passen: im politischen Umfeld, zum Beispiel dem „Clicktivism“ oder „Slacktivism“, bei dem sich Beteiligung auf ein „Like“ auf Facebook für eine Protestbewegung reduzieren kann. Im sozialen Miteinander kann übermäßige Beteiligung sogar zur Fragmentierung von Öffentlichkeiten führen, wenn die Hochengagierten nur noch das wahrnehmen, was ihre Interessen betrifft und dazu passt. Und manchmal führt zu viel Beteiligung schlicht zu Überlastung: „Informationsüberlastung“ und „Technostress“ sind die Folgen.

Fünfter Mythos: Das Internet ändert alles oder nichts

So ist das mit der Diskussion um neue Technologien: Es bilden sich schnell zwei extreme Sichtweisen heraus. Die Wahrheit liegt meist irgendwo in der Mitte. Durch das Internet werden nicht plötzlich alle Menschen aktiv, sozial oder gar politisch.

Aber mit der These, Beteiligung im Netz diene in erster Linie dazu, dass sich Schmalspuraktivisten nach dem Klick auf den Like-Button besser fühlen, machen wir es uns auch zu einfach. Zur Erinnerung: Das Netz als Massenmedium ist keine zehn Jahre alt. Wir haben erst wenige Schritte getan in eine neue Zeit, die ganz sicher wesentlich durch das neue Medium geprägt wird. Es ist ein Marathon, kein Sprint.

Drei Konzepte für mehr Verständnis

Unsere Übersicht über die Forschung zum Themenfeld Beteiligung im Netz zeigt: Es gibt grob drei Konzepte, die genauer angeschaut werden müssen. Sie helfen zu verstehen, dass Beteiligung im Internet ein variantenreiches Konzept ist.

  • Das Netz kann ermöglichen (also in erster Linie Zugang zu Informationen bieten)
  • Das Netz kann einbinden (also Interaktionsmöglichkeiten, Dialog und Austausch schaffen)
  • Das Netz kann ermächtigen (uns die Möglichkeit geben zu kooperativen Interaktionsformen bei Gestaltungs und Entscheidungsprozessen)

Die drei Beteiligungsformen unterscheiden sich mehr als graduell. Damit wir sie verstehen und interpretieren können, müssen wir ein paar alte Hüte der Deutung ablegen. Wir sehen auch: Das Internet ermöglicht uns sehr vielfältige Formen der Beteiligung.

Manche davon ähneln dem, was wir schon immer unter dem Begriff verstanden haben, anderes öffnet neue Türen und Perspektiven. Immer weniger lässt sich klar zwischen Beteiligung analog und digital, offline und online unterscheiden. Die Welten verschwimmen. Immer mehr Menschen beteiligen sich auf unkonventionelle Art im Netz, jenseits der bekannten institutionalisierten Formen. Vielleicht passt auch der Begriff „Beteiligung“ nicht mehr recht zu dem, was er in Zeiten des Internets beschreibt. Vielleicht müssen wir vielmehr von „vernetzter Aktivität“ sprechen?

Es lohnt sich, einige Mythen zurückzulassen, um besser zu verstehen, was Menschen treibt, sich unterschiedlich im und mit dem Netz zu engagieren. Beteiligung ist nicht immer gleichzusetzen mit höchster Aktivität und lebenswichtigen Entscheidungen. So wie politische Beteiligung nicht nur ein Wahlakt sein kann. Es kann auch Beteiligung sein, wenn ich im Netz einen Lippenstift zugunsten der AIDS-Hilfe ersteigere. Und Zahlen alleine sagen uns wenig. Sind eine Million „Likes“ so viel wert wie 100 Wählerstimmen? Und wer entscheidet das?

Die Begleitforschung zur Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ hat festgestellt, dass die Online-Beteiligung kaum positive Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Bürgern und der Politik, sondern einigen Frust bei den Nutzern ausgelöst hat. Frust entsteht vor allem dann, wenn Erwartung nicht zur Wirklichkeit passt. Wenn wir an Beteiligung im Netz denken, sollten wir darum unsere Erwartungen der Realität annähern – und dabei die ganze Vielfalt der Wirklichkeit(en) im Netz anerkennen.

Hier geht es zur Studie: „Bereiche und Formen der Beteiligung im Internet: Ein Überblick über den Stand der Forschung“

The post Fünf Mythen zur Netzbeteiligung appeared first on DIVSI.

]]>
https://www.divsi.de/fuenf-mythen-zur-netzbeteiligung/feed/ 0