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Fünf Mythen zur Netzbeteiligung

7. Juli 2014

Mythen zur Netzbeteiligung

Bild: nenetus – Shutterstock

Aktuelle Untersuchung der Uni St. Gallen räumt auf mit Allgemeinplätzen

Von Christian Hoffmann, Christoph Lutz, Miriam Meckel

Alle sind ständig im Internet, aus privaten, politischen und tausend anderen Gründen. Doch wie steht es tatsächlich um die Beteiligung am Netz? Durch den Vormarsch von Digitalisierung und Vernetzung ist dieser Begriff zu einem Schlagwort avanciert und hat auf dem Weg zu breiter Popularität seine exakten Koordinaten verloren.

Das Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen hat sich der Kernfragen angenommen: Wie werden Menschen im Internet tatsächlich aktiv, welche Bereiche und Formen von Beteiligung im Netz gibt es, was sind ihre Voraussetzungen und was ihre Folgen? Die Ergebnisse der Untersuchung machen deutlich, dass sich im Hinblick auf die tatsächliche Netzbe teiligung längst Mythen etabliert haben. Schon deshalb lohnt ein genauerer Blick. Es wird Zeit, die Mythen durch Fakten zu ersetzen.

Erster Mythos: Wir alle wollen uns ständig beteiligen

Zwar steckt Beteiligung durchaus in der DNA des sozialen Internets, aber nutzen wir sie auch? Die DIVSI Milieu-Studie (2012) hat gezeigt: Es gibt in Deutschland noch immer einen „Beteiligungsgraben“. Vor allem die Gruppe der „Digital Outsiders“, die noch immer etwa 40 Prozent der Bevölkerung ausmacht, ist im Netz wenig aktiv.

Auch für das Internet gilt die Pareto-Regel: Wenige machen viel, und viele machen wenig. Dieser Graben kann zum Teil auf die Fähigkeiten der Nutzer zurückgeführt werden, ist aber wesentlich durch unterschiedliche Motivations- und Interessenlagen verursacht.

Zweiter Mythos: Beteiligung ist immer politisches Handeln

Im Internet gibt es ganz verschiedene Arten des Engagements. Die Politik ist das wichtigste Beteiligungsfeld im Internet, zumindest gemessen am entsprechenden Umfang der wissenschaftlichen und öffentlichen Auseinandersetzung. Aber nicht dem Politischen zugeordnete Formen des Handelns können ebenso aktivierend und partizipativ veranlagt sein. Es gibt beeindruckende Formen der Peer Production im Netz, die für Beteiligung in der Wirtschaft stehen. Es gibt kreative Schaffenskraft, die im Bereich der Kunst im Netz freigesetzt wird. Neue Lehr- und Lernplattformen wie MOOCs sind nur ein Beispiel für Beteiligung im Bildungssektor. Und Menschen, die sich in einem Internetforum über ihre gemeinsame Krankheit austauschen, praktizieren auch so etwas wie Beteiligung.

Politik ist also nur ein Feld, in dem die Beteiligungspotenziale des sozialen Internets spielen, andere gehören ebenso beachtet.

Dritter Mythos: Wir alle nutzen dasselbe Internet

Technisch gesehen stimmt das. Es bedeutet jedoch nicht, dass sich alle Menschen in derselben digitalen Lebenswelt bewegen. Subjektiv gibt es im Netz wenige Standards, die individuelle Erfahrungswelt ist bunt und vielseitig – so wie die Interessen der Nutzer.

Das globale Netzwerk von Computern bietet heute vielseitige Plattformen und Nischen. Wir nutzen zum Beispiel das World Wide Web über HTTP und Browser, tauschen uns über soziale Medien wie Facebook oder Twitter aus, werden Kunden in den proprietären Systemen wie der Apple-Plattform iTunes und tummeln uns manchmal auch in Räumen, die sich dem breiten öffentlichen Zugang entziehen, wie dem Darknet.

Surfen und Posten, Mailen und Downloaden, Skypen und Chatten, Konsumieren und Kreieren – das alles ist möglich im Netz. Es stellt uns die Plattform und die Instrumente zur Verfügung. Was wir damit machen, ist unsere Entscheidung. Also engagieren wir uns für Umweltschutz oder Menschenrechte, Gesundheit oder Suchtkrankheiten, Kunst und Kultur, Stars, Produktinnovationen und Wettbewerbe.

Überall beteiligen sich Menschen – auf unterschiedliche Art, in unterschiedlicher Intensität und zu unterschiedlichen Dingen. Unsere subjektiven Internets müssen sich dabei nicht berühren.

Vierter Mythos: Beteiligung ist immer wünschenswert und gut

Das ist eine sehr normative Sicht und stimmt so auch nicht durchgängig. Zum einen nutzen in Deutschland vor allem die Menschen mit höherem sozioökonomischen Status das Internet, zum anderen muss Beteiligung eben nicht nur gute Seiten haben.

Auch beim Einkaufen im Netz, beim Spielen von Onlinegames, beim Arbeiten im Netz beteiligen wir uns. Das kann auch Folgen haben, die nicht zum traditionellen Begriff der Beteiligung passen: im politischen Umfeld, zum Beispiel dem „Clicktivism“ oder „Slacktivism“, bei dem sich Beteiligung auf ein „Like“ auf Facebook für eine Protestbewegung reduzieren kann. Im sozialen Miteinander kann übermäßige Beteiligung sogar zur Fragmentierung von Öffentlichkeiten führen, wenn die Hochengagierten nur noch das wahrnehmen, was ihre Interessen betrifft und dazu passt. Und manchmal führt zu viel Beteiligung schlicht zu Überlastung: „Informationsüberlastung“ und „Technostress“ sind die Folgen.

Fünfter Mythos: Das Internet ändert alles oder nichts

So ist das mit der Diskussion um neue Technologien: Es bilden sich schnell zwei extreme Sichtweisen heraus. Die Wahrheit liegt meist irgendwo in der Mitte. Durch das Internet werden nicht plötzlich alle Menschen aktiv, sozial oder gar politisch.

Aber mit der These, Beteiligung im Netz diene in erster Linie dazu, dass sich Schmalspuraktivisten nach dem Klick auf den Like-Button besser fühlen, machen wir es uns auch zu einfach. Zur Erinnerung: Das Netz als Massenmedium ist keine zehn Jahre alt. Wir haben erst wenige Schritte getan in eine neue Zeit, die ganz sicher wesentlich durch das neue Medium geprägt wird. Es ist ein Marathon, kein Sprint.

Drei Konzepte für mehr Verständnis

Unsere Übersicht über die Forschung zum Themenfeld Beteiligung im Netz zeigt: Es gibt grob drei Konzepte, die genauer angeschaut werden müssen. Sie helfen zu verstehen, dass Beteiligung im Internet ein variantenreiches Konzept ist.

  • Das Netz kann ermöglichen (also in erster Linie Zugang zu Informationen bieten)
  • Das Netz kann einbinden (also Interaktionsmöglichkeiten, Dialog und Austausch schaffen)
  • Das Netz kann ermächtigen (uns die Möglichkeit geben zu kooperativen Interaktionsformen bei Gestaltungs und Entscheidungsprozessen)

Die drei Beteiligungsformen unterscheiden sich mehr als graduell. Damit wir sie verstehen und interpretieren können, müssen wir ein paar alte Hüte der Deutung ablegen. Wir sehen auch: Das Internet ermöglicht uns sehr vielfältige Formen der Beteiligung.

Manche davon ähneln dem, was wir schon immer unter dem Begriff verstanden haben, anderes öffnet neue Türen und Perspektiven. Immer weniger lässt sich klar zwischen Beteiligung analog und digital, offline und online unterscheiden. Die Welten verschwimmen. Immer mehr Menschen beteiligen sich auf unkonventionelle Art im Netz, jenseits der bekannten institutionalisierten Formen. Vielleicht passt auch der Begriff „Beteiligung“ nicht mehr recht zu dem, was er in Zeiten des Internets beschreibt. Vielleicht müssen wir vielmehr von „vernetzter Aktivität“ sprechen?

Es lohnt sich, einige Mythen zurückzulassen, um besser zu verstehen, was Menschen treibt, sich unterschiedlich im und mit dem Netz zu engagieren. Beteiligung ist nicht immer gleichzusetzen mit höchster Aktivität und lebenswichtigen Entscheidungen. So wie politische Beteiligung nicht nur ein Wahlakt sein kann. Es kann auch Beteiligung sein, wenn ich im Netz einen Lippenstift zugunsten der AIDS-Hilfe ersteigere. Und Zahlen alleine sagen uns wenig. Sind eine Million „Likes“ so viel wert wie 100 Wählerstimmen? Und wer entscheidet das?

Die Begleitforschung zur Enquetekommission „Internet und digitale Gesellschaft“ hat festgestellt, dass die Online-Beteiligung kaum positive Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen den Bürgern und der Politik, sondern einigen Frust bei den Nutzern ausgelöst hat. Frust entsteht vor allem dann, wenn Erwartung nicht zur Wirklichkeit passt. Wenn wir an Beteiligung im Netz denken, sollten wir darum unsere Erwartungen der Realität annähern – und dabei die ganze Vielfalt der Wirklichkeit(en) im Netz anerkennen.

Hier geht es zur Studie: „Bereiche und Formen der Beteiligung im Internet: Ein Überblick über den Stand der Forschung“

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