Themen: Vermessung der Netzwelt 

Radikalisierung Jugendlicher über das Internet? Ein Literaturüberblick

4. November 2016

Vorwort

Für junge Menschen ist der Umgang mit dem Internet heute selbstverständlich und Teil ihres Alltags. Sie sind quasi immer online. Das Smartphone ist der Begleiter in allen Lebenslagen. So tauschen sie sich mit Freunden aus, so spielen sie, so informieren sie sich. Angesichts dieser umfänglichen und intensiven Präsenz junger Menschen in der digitalen Welt, stellt sich die Frage, ob hier auch Radikalisierungsgefahren bestehen.

Wir, das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet, befassen uns mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft. Wir untersuchen, wie sich die Lebenswirklichkeit der Menschen durch Digitalisierung verändert. Eine aktuelle Frage, die uns dabei umtreibt ist: Was bringt junge Menschen dazu, sich zu radikalisieren. Welche Rolle spielt das Internet dabei?

Zu diesen Fragen forscht Frau Professor Gertraud Koch am Institut für Volkskunde und Kulturantropologie der Universität Hamburg. Dort ist in einer Kooperation mit uns diese Literaturstudie entstanden. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Thematik rund um Radikalisierung Jugendlicher im Internet genauer zu beleuchten. Es wurde eine große Zahl an nationalen und Internationalen Forschungsarbeiten zusammengetragen. Deren Inhalte und Ergebnisse wurden mit Blick auf Radikalisierung junger Menschen über das Internet analysiert.

Wir wollten wissen:

  • Welche Rolle kommt dem Internet im Zuge des Radikalisierungsprozesses Jugendlicher zu?
  • Wie und womit agieren und rekrutieren radikale Organisationen im Internet, um junge Menschen für ihre Sache zu gewinnen?
  • Welche Prozesse und Entwicklungen laufen dabei bei den Jugendlichen selbst ab?
  • Welche gesicherten Erkenntnisse liegen vor und wo müssen wir uns auf den Weg machen, um Neues empirisch zu erforschen.

Die Studie zeigt auf, dass über die Angebotsstrukturen extremistischer Organisationen weit mehr bekannt ist, als über die Nutzerseite. Einigkeit besteht in der Forschung hinsichtlich zweier Punkte: Zum einen, dass das Internet bei der Radikalisierung heute eine besonders wichtige Rolle spielt und zum anderen, dass Jugendliche grundsätzlich anfälliger für Radikalisierung sind als Erwachsene. Die Studie macht aber auch deutlich, dass die Forschung gerade im Hinblick auf Jugendliche als Internetnutzer noch bruchstückhaft ist. Insbesondere junge Frauen und Mädchen standen bisher nicht im Fokus. Ein wichtiger Aspekt, der aber auch weitgehend unerforscht ist, scheint die Rolle der automatisierten, personalisierten Inhaltsselektionen, zu deutsch „Filter Blase“ von Suchmaschinen und sozialen Medien zu sein und die Frage, welche Auswirkung diese auf Radikalisierungsprozesse Jugendlicher hat.

Mit der Bündelung des bestehenden Wissens in der vorliegenden Arbeit ist ein gründlicher Überblick über den aktuellen Stand der Forschung auf diesem Gebiet geschaffen worden. Diese gründliche Literaturstudie ist eine wertvolle Grundlage für zukünftige Forschung auf diesem Gebiet. Ich wünsche eine gute Lektüre.

Matthias Kammer

Foto: Frederike Heim

Matthias Kammer
Direktor des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI)

 

 

 

 

Die Autoren

Prof. Dr. Gertraud KochProf. Dr. Gertraud Koch

Gertraud Koch ist Professorin für Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg. Sie forscht zu Digitalisierung seit den frühen 1990er Jahren.

 

 

Teresa StumpfTeresa Stumpf

Teresa Stumpf ist Doktorandin am Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie an der Universität Hamburg und arbeitet für ein Schulentwicklungsprojekt in Berlin. Sie befasst sich mit Bildungs- und Migrationsthemen, urbanen Veränderungsprozessen und sozialräumlicher Mobilität.

 

Roman Knipping-SorokinRoman Knipping-Sorokin

Roman Knipping-Sorokin promoviert zu Meinungsbildung im Internet am Institut für Volkskunde / Kulturanthropologie der Universität Hamburg. Er befasst sich mit Authentizität und Meinungsbildungsprozessen im Bereich Social Media und Online-Videos.

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Material aus der Studie

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