Wirtschaft – DIVSI https://www.divsi.de Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet Fri, 24 May 2019 13:57:00 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.14 Chinas Gesellschaft als Treiber der Digitalisierung https://www.divsi.de/chinas-gesellschaft-als-treiber-der-digitalisierung/ https://www.divsi.de/chinas-gesellschaft-als-treiber-der-digitalisierung/#respond Mon, 08 Oct 2018 09:21:38 +0000 https://www.divsi.de/?p=19202 Anspruchsvolle Konsumenten und selbstbewusste Start-up-Unternehmer. Von Kristin Shi-Kupfer Es war eine Nachricht, die scheinbar so gar nicht zu der hiesigen Aufregung über Chinas digitale Entwicklung passen wollte. Chinesische Konsumenten, hierzulande vor allem als enthusiastische Nutzer neuer Technologien bekannt, probten einen kleinen Aufstand. Anfang August machten sich Tausende wütender Kleinanleger aus dem ganzen Land auf in […]

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Chinas Gesellschaft als Treiber der Digitalisierung

Foto: sacilad | Shutterstock

Anspruchsvolle Konsumenten und selbstbewusste Start-up-Unternehmer.

Von Kristin Shi-Kupfer

Es war eine Nachricht, die scheinbar so gar nicht zu der hiesigen Aufregung über Chinas digitale Entwicklung passen wollte. Chinesische Konsumenten, hierzulande vor allem als enthusiastische Nutzer neuer Technologien bekannt, probten einen kleinen Aufstand.

Anfang August machten sich Tausende wütender Kleinanleger aus dem ganzen Land auf in Richtung Finanzdistrikt im Westen Beijings. Sie wollten ihrem Frust über das Geld, das sie an windige Betreiber von Online-Kreditplattformen (auch Peer-to-Peer oder P2P genannt) verloren hatten, Luft machen. Und sie wollten die chinesische Zentralregierung in die Pflicht nehmen, das verlorene Geld zurückzuerstatten. Größere Proteste konnten die chinesischen Behörden letztlich verhindern – durch einen koordinierten Polizeieinsatz vor Ort, vor allem aber auch mithilfe des zunehmend umfassenderen digitalen Überwachungsnetzes. Womit die Wahrnehmung des Westens wiederhergestellt war: China ist eine globale Cybermacht, die ihre Bürger mit digitalen Techniken kontrollieren will.

Chinas Bevölkerung

Angekommen: Chinas Bevölkerung ist auch Treiber der Digitalisierung. (Foto: atiger | Shutterstock)

Was bei dieser Wahrnehmung oft übersehen wird: Chinas Bevölkerung ist nicht nur ein williger Empfänger, sondern auch Mitgestalter und oftmals sogar Treiber der Digitalisierung in der Volksrepublik. Wie die chinesische Zentralregierung ihre digitalen Ambitionen in punkto innovationsgetriebenes Wachstum, effizientes Regieren und globale Technologieführerschaft vorantreiben kann, wird deshalb entscheidend vom Verhalten der chinesischen Bevölkerung abhängen. Jüngste Trends zeigen, dass Chinas Gesellschaft die digitale Politik der Zentralregierung durchaus herausfordert.

China Digitalisierung

Foto: sacilad | Shutterstock

Beispiel 1: Die eingangs erwähnten Kleininvestoren. Mit der Freigabe der Peer-to-Peer-Plattformen setzte die chinesische Regierung auf ein altbewährtes Mittel der Innovations- und Wachstumsförderung. 2015 riefen Ministerpräsident Li Keqiang und der damalige Zentralbankchef Zhou Xiaochuan die Plattformen ins Leben – ohne jedoch große, umfassende gesetzliche Rahmenbedingungen aufzusetzen. Die Dynamik des digitalen Marktes sollte eine vitale Finanzierungsquelle für kleine und mittelständische Unternehmen in China schaffen.

Das gelang auch zunächst teilweise: Die Zahl der Plattformen verzehnfachte sich innerhalb von nur drei Jahren. China ist heute der weltweit finanzkräftigste P2P-Markt. Auch aus Mangel an Alternativen für lukrative Geldanlagen entstanden durch die P2P-Plattformen eine Art Geldrausch. In der Hoffnung auf schnelles, großes Geld und im Vertrauen auf staatliche Rückendeckung ließen sich Anleger auf immer aberwitzigere Zinsraten ein, an welchen die Betreiber kräftig mitverdienten. Kreditnehmer konnten die entsprechenden Rückzahlungen bald nicht mehr leisten, gefährliche Verschuldungsketten entstanden, an deren anderem Ende die Kleinanleger festsaßen.

Schließlich musste die Zentralregierung aktiv werden: Sie schloss viele unseriöse und betrügerisch agierende Plattformen und unterstellte den gesamten Bereich einer zentralen Clearing-Stelle. Die zukünftige Herausforderung: Wie kann die Zentralregierung die Rahmenbedingungen für nachhaltige digitale Marktmechanismen schaffen und dabei Wildwest-Mechanismen verhindern – ohne ein unabhängiges Rechtssystem und aufklärende Medienberichterstattung?

Beispiel 2: Der Schutz privater Daten. Sowohl chinesische offizielle Medienberichte als auch Studien ausländischer Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass Chinesen entweder keine, oder wenn doch, eine durchaus positive Einstellung zum sogenannten sozialen Bonitätssystem haben. Bis 2020 will die chinesische Zentralregierung ein umfassendes nationales System zur Bewertung von Zahlungsmoral, Verkehrsverhalten oder Online-Gewohnheiten einführen. Lokale Pilotprojekte mit „Schwarzen Listen“ und kommerzielle Modelle für je nach Punktzahl erlaubte Zugänge, zum Beispiel zu Reisebuchungen, existieren bereits. Laut der Berichte und Studien zeigt sich eine Mehrheit überzeugt von dem Argument der Regierung, dass mithilfe von Gesichtserkennung und Datenanalyse Verbrecher und Unruhestifter gefasst und die Gesellschaft sicherer gemacht würde.

Social Scoring

Die lückenlose Erfassung des Lebens wird Einfluss auf den Alltag der Menschen haben. Doch viele Bürger finden das sogar gut. (Foto: yuyangc | Shutterstock)

Eine im März dieses Jahres durchgeführte Umfrage des staatlichen Fernsehsenders CCTV und des Unternehmens Tencent Research unter rund 8.000 Teilnehmern zeigt jedoch auch einen anderen Trend: 76,3 Prozent der Teilnehmer sehen im Vormarsch von Methoden der Künstlichen Intelligenz (KI) in der IT eine Gefahr für ihre Privatsphäre. Rund ein Drittel (31,7 Prozent) fühlt sich bereits in der ein oder anderen Form bedroht. Und das, obwohl Peking KI zum Allheilmittel für fast alle Probleme ausgerufen hat und die eigene Forschung und Entwicklung in diesem Bereich mit massiven Investitionen vorantreibt.

Entrüstung

Auch brach ein Sturm der Entrüstung unter Chinas Netizens los, als der Chef des chinesischen Suchmaschinenbetreibers Baidu, Robin Li, ebenfalls im März dieses Jahres erklärte: „wenn Nutzer Privatsphäre gegen Bequemlichkeit, gegen Sicherheit, gegen Effizienz tauschen können, dann tun sie das in vielen Fällen“. Zwei Monate zuvor hatte das halb staatliche Komitee für Konsumentenschutz in der östlichen Provinz Jiangsu die Firma Baidu wegen illegalen Sammelns von Daten angeklagt. Baidu entschuldigte sich, ohne aber rechtliche Konsequenzen zu tragen.

Die zunehmende Sensibilität vieler Chinesen für Belange des Datenschutzes ist begründet: Denn trotz einer Reihe von jüngst verabschiedeten gesetzlichen Regelungen, die hauptsächlich Firmen und weniger Regierungsstellen in die Verantwortung nehmen, hat die Zahl von Datenschutzverletzungen in der Volksrepublik zugenommen: 2017 waren nach Erhebungen der chinesischen Forschungseinrichtung Internet Society of China rund 80 Prozent der chinesischen Internet-Nutzer von Datenverlusten (data leaks) betroffen. Es bleibt zu beobachten, wie sich das Bewusstsein und die Möglichkeiten von chinesischen Nutzern in Bezug auf Datenschutz entwickelt, wenn das soziale Bonitätssystem weiter Gestalt annimmt.

Beispiel 3: Die zunehmend selbstbewussten Start-up-Unternehmer. Die chinesische Gesellschaft ist vom Gründungsfieber gepackt. Mit einem eigenen Produkt Erfolg zu haben, ist für viele junge Chinesen attraktiver, als für andere zu arbeiten oder gar ein Leben lang Beamter zu sein. Viele wagen den Schritt in die Selbstständigkeit und bringen dabei einige Jahre Erfahrung und Netzwerke aus der IT-Branche mit. Sie tummeln sich am liebsten im Bereich der sogenannten Online-to-Offline-Dienste (O2O), wie beispielsweise Service-Apps für Essenslieferungen, oder im E-Commerce.

In großen Städten können angehende Gründer dabei in Hightech- und Kreativ-Parks Fuß fassen, die von lokalen Regierungen initiiert und bezuschusst werden. In Metropolen wie der südchinesischen Stadt Shenzhen finden Start-ups mit Hardware-Ambitionen zudem eine hohe Fabrikdichte und gut ausgebaute Logistiknetzwerke. Prototypen können dort günstig produziert und an den Kunden oder den Investor gebracht werden. Nationale und internationale Wagniskapital- Investoren befeuern Chinas Startup- Boom weiter.

China Digitalisierung 3

Foto: sacilad | Shutterstock

Chinas Regierung hat seit Anfang 2015 eine Reihe von Maßnahmen zur Förderung der Start-up-Industrie auf den Weg gebracht. Im Mai 2017 richtete sie einen mit umgerechnet 2,6 Milliarden US-Dollar ausgestatteten Wagniskapital- Fonds ein. Damit sollen in erster Linie Start-ups im Hardware-Bereich unterstützt werden. Noch mehr Geld will die chinesische Führung in den Sektor locken, indem sie verstärkt Börsengänge von IT-Start-ups im Inland unterstützt und Restriktionen für ausländische Investitionen in den Bereich lockert. Insbesondere E-Commerce-Unternehmen sollen Pekings Ankündigungen zufolge von vereinfachten Registrierungsvorschriften und Steuererleichterungen profitieren können.

Talentmangel

Fragt man chinesische Start-up-Unternehmer nach der größten Herausforderung für Innovation, antworten sie mehrheitlich: der Mangel an gut qualifizierten Mitarbeitern. Im Bereich privater und staatlicher Finanzierung kann China durch die straffe politische Steuerung von oben schnell Fortschritte erzielen. Das Problem der mangelnden Talente wiegt schwerer: Es geht nicht – so jüngste Umfragen der chinesischen IT-Plattformen iResearch und Changyebang – um fehlendes Fachwissen, sondern vor allem um „Out of the box“-Denken und die Entwicklung kreativer Marketingstrategien. Dazu bräuchte China nicht nur mehr Start-up-bezogene Kurse, sondern ein offenes, pluralistisches Bildungssystem, das auch abweichende Meinungen fördert. Die Vorstöße der Regierung, westliche Lehrbücher an Universitäten zu verbieten und Forscher durch das Verbot ausländischer VPN-Verbindungen von wichtigem globalem Wissensaustausch abzuschneiden, sprechen derzeit jedoch eine andere Sprache.

Herausforderung

Chinas junge IT-Unternehmer stört dies alles wenig, solange sie zwischen Niederlassungen in Silicon Valley, Europa und China frei hin- und herreisen, ihre Mobiltelefone überall benutzen und Daten in den Clouds ausländischer Anbieter lagern können. Nur selten kritisieren sie die Abschottungspolitik Pekings. Sie arrangieren sich, wo es notwendig und gewinnfördernd ist. Ansonsten ziehen es viele von ihnen vor, die Politik einfach zu ignorieren und sich ihre eigene Welt aufzubauen. Das ist vielleicht die größte Herausforderung für die chinesische Regierung, was die angestrebte staatliche Lenkung der digitalen Innovation angeht. Sie erreicht die smarten Gründer mit ihren kollektivistischen Beschwörungen von nationaler Cybersicherheit und „westlicher Infiltration“ kaum. Was die Start-up-Unternehmer mit der Digitalisierung verbinden, ist vor allem, genauso reich zu werden wie der Alibaba-Gründer Jack Ma.

Abschied von Jack Ma

Abschied vom Vorbild. Jack Ma, Gründer von Alibaba, hat überraschend seinen Rücktritt angekündigt. Man darf gespannt sein, wie sich sein Imperium jetzt weiterentwickelt. (Foto: feelphoto | Shutterstock)

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Zwischen Anthropozän und Technozän https://www.divsi.de/zwischen-anthropozaen-und-technozaen/ https://www.divsi.de/zwischen-anthropozaen-und-technozaen/#respond Mon, 16 Jul 2018 07:00:43 +0000 https://www.divsi.de/?p=18273 Selbstbestimmtes Leben im Zeitalter von Algorithmen und KI? Grundsätzliche Gedanken zu aktuellen Problemen in unserer vernetzten Gesellschaft. Und Blicke auf das, worauf es künftig ankommt. Von Joanna Schmölz Die Digitalisierung ist nicht einfach nur technischer Fortschritt – sie nimmt enormen Einfluss auf das Hier und Jetzt sowie auf die Zukunft der zunehmend vernetzten Gesellschaft und […]

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Zwischen Anthropozän und Technozän

Selbstbestimmtes Leben im Zeitalter von Algorithmen und KI? Grundsätzliche Gedanken zu aktuellen Problemen in unserer vernetzten Gesellschaft. Und Blicke auf das, worauf es künftig ankommt.

Von Joanna Schmölz

Die Digitalisierung ist nicht einfach nur technischer Fortschritt – sie nimmt enormen Einfluss auf das Hier und Jetzt sowie auf die Zukunft der zunehmend vernetzten Gesellschaft und betrifft den Menschen dabei in all seinen sozialen und „sozietalen“ Bezügen. Ganze Bevölkerungsgruppen stehen vor großen Herausforderungen. Wer sich im digitalen Dickicht nicht zurechtfinden kann oder will, steht schnell im sozialen Abseits. Eine neue Plattformökonomie lässt nur die teilhaben, die ihre persönlichen Daten hergeben, und gefährdet mit ihren zentralisierenden Effekten die Demokratie. Überdeutlich klar wird zudem, dass die Gesetze des Kapitalismus weder vor der digitalen Welt noch vor der persönlichen Sphäre des Menschen haltmachen.

Superintelligenz

Die neuen Möglichkeiten der Datensammlung, -analyse und Profilbildung öffnen der Diskriminierung von Menschen Tür und Tor und können unser bisheriges Solidarsystem untergraben. Nicht wenige sehen Algorithmen und künstliche Intelligenz (KI) auf dem Weg zu einer Art Superintelligenz, die – einmal „angeknipst“ – unbeherrschbar und unbesiegbar die menschliche Spezies in Gänze infrage stellen könnte.

Dystopische Szenarien haben Hochkonjunktur. Dennoch: Neue technologische Errungenschaften wurden schon immer von Skepsis und Ablehnung begleitet. Im Zentrum stehen seit jeher Ängste vor den Zerstörungsmöglichkeiten moderner Technik, vor dem Neuen und Unbekannten. Die oft angeführte Technikskepsis allein reicht als Erklärungsmuster für die sich jeweils ausbreitenden Ängste jedoch nicht aus. Mit Blick auf die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung sind es vielmehr sozioökonomische Disruptionen, die gefürchtet werden.

Aktuell wird vermehrt über den Einsatz von Algorithmen und künstlichen Intelligenzen sowie die Auswirkungen der Verlagerung von Entscheidungen auf „lernende Maschinen“ und damit verbundene soziale (Folge-)Kosten debattiert.

Für die einen erweitert Technik – in welcher Form auch immer – die menschlichen Fähigkeiten. In diesem Verständnis dient sie allen voran der Entlastung des Menschen. Statt den Wegfall von Berufen und Arbeitsplätzen als Bedrohung zu empfinden, freuen sich die Vertreter dieser Sichtweise auf ein Zeitalter des geistigen Müßiggangs, in dem die Maschinen alle Arbeit verrichten, während sich der Mensch dem Intellektuellen, dem Sinnvolleren hingeben kann.

Diametral entgegengesetzt argumentieren diejenigen, die den Menschen vor ihrem geistigen Auge bereits wegrationalisiert sehen. Ihre Position basiert häufig auf der Annahme, dass der zu Fehlern neigende Mensch keine Chance habe gegen die aufwachsende Allmacht algorithmengesteuerter Entscheidungen.

Minisprung

Manch eine aktuelle Entwicklung spielt den Kritikern unmittelbar in die Hände. Amazons „Echo“ ist zu Weihnachten 2017 in mehr als eine Million Haushalte eingezogen. Die darin „wohnende“ Sprachassistentin Alexa wartet nun tagein, tagaus auf Fragen und Befehle. Und es ist nur ein kleiner Sprung von „Alexa, wie wird das Wetter heute?“ zu „Alexa, was soll ich anziehen? … was hören? … wen treffen?“. Es ist zwar noch nicht alles ausgereift, aber technisch allemal möglich – und Alexa und Co. lernen, auch dank unserer Hilfe, täglich dazu.

In einer solchen „World Without Mind“– so die Conclusio der Verfechter dieser Sichtweise – werde der Mensch von der Freiheit der freien Entscheidung „erlöst“, indem er seine Fragen einfach in den Raum stellen kann. Stattdessen werde sein Verhalten analysiert und konform mit dem durch Algorithmen determinierten Mainstream gesteuert. Am Ende dieser Überlegungen stehen die Herrschaft der Maschinen über die Menschheit und ein der Technik ausgelieferter Mensch, der nach ihren Weisungen agiert – degradiert zum Assistenten von Robotern.

Über derart düstere Zukunftsszenarien könnte hinweggeschaut werden, wenn sie vollkommen absurd wären. Tatsächlich aber sind die technischen Möglichkeiten einer solchen Entwicklung zum Teil heute schon Realität. „Predictive Policing“ z.B. sortiert Menschen in Schubladen. Jetzt schon entscheiden Algorithmen vielfach über die Vergabe von Krediten oder Einladungen zum Bewerbungsgespräch.

Teilhabe

Heißt es also „falscher“ Stadtteil = schlechtere Konditionen oder gleich gar kein Kredit? Und was ist, wenn in Zukunft alle Firmen dieselbe Bewerberauswahl-Software einsetzen? Ein umfänglicher „Social Score“ könnte in Zukunft über Zugang und Ablehnung und damit weitreichend über gesellschaftliche Teilhabe entscheiden.

Social Scoring in China

Alltag: In China wird Überwachung für Social Scoring bereits praktiziert. (Foto: Louis Constant – Shutterstock)

Wer ein solches Szenario für unrealistisch hält, braucht nur einen Blick nach China zu riskieren, wo ein solches Sozialkredit-System bereits eingeführt wird. Das aktuelle und vergangene Verhalten entscheidet über die Zukunft. An diese scheinbar simple Formel schließen sich viele unbeantwortete Fragen an.

Kann überhaupt von Objektivität die Rede sein, wenn nur bestimmte Daten zugrunde gelegt werden? Und selbst wenn quasi alles über eine Person bekannt wäre, ist der Mensch nicht mehr als die Gesamtheit der Daten, die er (freiwillig oder unfreiwillig) hinterlässt? Droht der Verlust des Sonderfalls? Wie lässt sich unter den genannten Umständen Angemessenheit und Richtigkeit algorithmischer Entscheidungen überprüfen?

Kontext

Die Analyse und möglichst effektive Unterscheidung ist das eine, die Frage nach dem Kontext und dem Zweck das andere. In welchem Verhältnis zueinander stehen Ziel und Maßnahme? Welche gesellschaftlichen Parameter heuund Grunderfordernisse müssen noch Berücksichtigung finden? Ist diskriminierungsfreie Teilhabe unter solchen Umständen überhaupt möglich? Ist sie (noch) erwünscht? Oder sollten sich solch grundlegenden Fragen zukünftig auch lernende und über moralische Zweifel erhabene Maschinen widmen?

Von der Bewertung und Klassifizierung ist der Weg zur Manipulation nicht sonderlich weit. Je mehr Einzelinformationen über eine Person zusammenfließen, desto besser kann über ihren Gesamtzustand spekuliert werden. Auf Basis derartiger Einschätzungen lassen sich Maßnahmen implementieren, die nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch konkret das Verhalten beeinflussen können.

Als eine der bereits etablierten Formen sei das „Nudging“ genannt, mit dem Menschen „sanft“ zu einem erwünschten Verhalten gebracht werden sollen („Personen, die das gekauft haben, kauften auch dies …“).

Urteilskraft

In vielfacher Hinsicht lassen diese Entwicklungen fundamentale Fragen aufkommen: Inwieweit steuern wir unseren Alltag – jetzt und in Zukunft, bewusst oder unbewusst – noch selbst, und welchen Anteil daran übernehmen Algorithmen und lernende Maschinen? Wollen wir zukünftig noch unsere eigene Urteilskraft bemühen?

Gegenwärtig fußt das Vertrauen westlicher Gesellschaften im Wesentlichen auf dem Dreiklang aus freier/sozialer Marktwirtschaft, Rechtsstaat und freiheitlicher Demokratie. In zum Teil jahrhundertelangen Prozessen haben wir bestimmten Dingen und Zuständen einen Wert beigemessen, haben um Grundwerte gerungen. Wir haben ein demokratisches Bewusstsein dafür entwickelt, was gut ist – für uns und für unsere Nachkommen.

Im Zentrum von alledem steht der aufgeklärte Mensch, der frei von Überwachung oder Beeinflussung entscheiden und so das eigene Leben gestalten kann – eingebettet in eine Gemeinschaft und ein System, dem er vertrauen kann, dass es im vorgenannten Sinne zum Wohle aller funktioniert.

Herausforderung

Die disruptiven Kräfte der Digitalisierung rütteln nun aber an diesen Grundpfeilern. Auf der einen Seite bergen die technischen Errungenschaften großes volkswirtschaftliches Potenzial und bereichern den Lebensalltag der Menschen.

Auf der anderen Seite bringt die „Datafizierung“ unseres Lebens neue Herausforderungen mit sich. Die Mehrheit der Menschen weiß, dass sie die von ihr rege genutzten vermeintlich kostenlosen Dienste mit den eigenen Daten bezahlt, und geht sogar davon aus, dass die Anbieter mit diesen Daten Geschäfte machen. Trotz Empörung über diese Praxis reagiert sie aber nicht mit Abstinenz. Diese Dienste sind zur unentbehrlichen Infrastruktur des persönlichen Alltags und damit unverzichtbar geworden. Dies erklärt auch, warum die meisten den Nutzungsbedingungen, die ihnen eigentlich nicht gefallen dürften, ohne Weiteres zustimmen. Für viele bleibt die Möglichkeit einer Entscheidung gegen die Nutzung solcher Angebote eine rein theoretische.

Genau hierin liegt ein zentrales Problem: Dann nämlich, wenn der Einzelne nicht mehr überblicken kann, was mit seinen Daten geschieht, und er auch kaum eine Chance hat, darüber mitzubestimmen oder gar die Folgen der Datenerfassung und -weiterverwertung abzuschätzen, kann von informationeller Selbstbestimmung keine Rede sein. Die aber ist für die freie Entfaltung der Persönlichkeit unabdingbar. An ihre Stelle tritt Fremdbestimmung – und sei es auch „nur“ im Foucault’schen Sinne in Form eines Panoptismus, der sich durch ein zunehmend konformes Verhalten des Individuums aus Vorsicht und Angst vor den Konsequenzen einer steten Überwachung und Kontrolle ausdrückt.

Menschsein

Wenn also – wie renommierte Wissenschaftler, Philosophen und andere Experten prognostizieren – der Entfaltungsraum des Einzelnen durch den Einsatz von Algorithmen und KI massiv eingeschränkt zu werden droht und wir auf Sicht gar unserer Autonomie beraubt werden könnten, dann geht es um nicht weniger als um das Menschsein in Gänze.

Während im Zeitalter der Industrialisierung vor allem die menschliche Muskelkraft durch Maschinen ersetzt wurde, übernahmen die ersten Computer unsere „Rechenleistung“. In Zeiten von Algorithmen und KI übertragen wir zusehends auch kognitive Fähigkeiten auf Maschinen. Die Folgen dieser Verlagerung höherer geistiger Leistungen können wir aus heutiger Sicht allenfalls in Ansätzen begreifen. Smarte Lösungen schicken die Menschheit auf eine Reise vom Anthropozän zum Technozän.

Technik behebt ohne Zweifel viele Probleme, ihr Einsatz aber bleibt selten folgenlos. Nicht alles technisch Mögliche ist auch im Sinne der Gesellschaft und des Einzelnen.

Spielraum

Durch Algorithmen und KI getroffene Entscheidungen können fairer ausfallen, weil sie immer zuverlässig nach der gleichen Logik und damit konsistent gefällt werden. Gleichzeitig verschwindet damit der Ermessensspielraum des Menschen, der in besonderen Fällen existenziell sein kann. Maschinen sind unbestechlich, aber sie drücken eben auch im Notfall kein Auge zu.

Feuer, Dampfmaschine, Handy, Herrschaft der Maschinen. Ist das eine logische oder gar natürliche Entwicklung? Die Technische Evolution? Zweifelsfrei werden Algorithmen, Künstliche Intelligenz und Automatisierung die Gesellschaft dramatischer verändern als viele andere technische Entwicklungen. Die Weichen dafür, in welche Richtung das Pendel auf Sicht ausschlägt, sollen wir aber lieber früher als später stellen, bevor die technischen Systeme eine solche Wirkmacht erlangt haben, dass man sie nur schlecht wird abschalten können.

Unsere Zukunft wird maßgeblich davon abhängen, welche Antworten die Politik weltweit auf die Herausforderungen der Digitalisierung findet, die ihr gesamtes Gesellschaftsmodell und die Demokratie langfristig infrage stellen könnten. Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Wie steht es um das Gemeinschaftsgefühl in einer zunehmend individualisierten Welt? Wohin wird sich unsere Gesellschaft entwickeln, und nach welchen Maßstäben wollen wir sie gestalten? Fest steht: Für die Gestaltung der Zukunft bedarf es eines besonnenen Blickes auf technische Errungenschaften.

Humanismus

Es ist unabdingbar, dass wir auch mit uns selbst ins Gericht gehen und uns fragen, wie bequem und wie käuflich wir womöglich (geworden) sind, welches Maß an Sicherheit wir fordern und was wir bereit sind, dafür zu tun. Vor allem aber dürfen Sicherheit und Komfort (bzw. noch konkreter „Convenience“) nicht als zwei sich gegenseitig ausschließende Antworten auf dieselbe Frage betrachtet werden.

Chancen und Risiken

Chancen und Risiken: Digitalisierung birgt, besonnen eingesetzt, großes Potenzial für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder. Ein Bewusstsein für den Umgang mit persönlichen Daten muss geschaffen werden. (Foto: Worawee Meepian/ESB Professional – Shutterstock)

All diese Fragen sollten wir voller Optimismus angehen und uns dafür einsetzen, dass Urteilskraft und Sittlichkeit, die Grundwerte der Aufklärungsgesellschaft und die demokratischen Prinzipien, nicht nur überleben, sondern gestärkt werden. Dazu braucht es einen Gestaltungswillen, der selbstbewusst positive Narrative schafft und ein hoffnungsvolles Bild der Zukunft zeichnet. Statt nur Geschäftsmodelle im Blick zu haben, sollte sozialer Fortschritt ein Motor für Innovationen sein – nicht nur ihr zufälliges Anhängsel. Die zentrale Frage könnte lauten: Wo kann Technik helfen, die Gesellschaft humaner zu machen, wo kann sie sinnstiftend sein und dem Menschen nützen? Welche Werte sind uns jetzt und in Zukunft wichtig? Welche sich in einer global vernetzten Welt neu formenden gesellschaftlichen Konventionen sind wir gewillt zu akzeptieren?

Unter der Voraussetzung, dass wir uns in dieser Hinsicht nicht „zurückentwickeln“, sondern am Humanismus und dem Menschenbild der Aufklärung festhalten wollen, muss es nicht zuletzt darum gehen, Bildung darauf zurückzuführen, was sie immer war: eine kritische Aneignung der Welt. Denn das humanistische Modell appelliert immer an den Einzelnen. An die Urteilskraft von Unmündigen ist schwer zu appellieren.

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Mit der Compunikation leben https://www.divsi.de/mit-der-compunikation-leben/ https://www.divsi.de/mit-der-compunikation-leben/#respond Thu, 11 Jan 2018 09:46:39 +0000 http://46.30.3.106/?p=16972 Eine Wirtschaft, die auf immerwährendes Wachstum ausgerichtet ist, braucht geradezu grenzenlose Projekte rund um künstliche Intelligenz. Von Horst W. Opaschowski Compunikation als erweiterte Kommunikation. In meiner beruflichen Rolle als Zukunftsforscher bot ich im Wintersemester 1980/81 an der Universität Hamburg folgende Lehrveranstaltung an: „Compunikation. Kommunikation aus der Steckdose: Traum oder Alptraum?“ – zu einer Zeit, als […]

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Mit der Compunikation leben

Foto: Africa Studio – iStockphoto.com

Eine Wirtschaft, die auf immerwährendes Wachstum ausgerichtet ist, braucht geradezu grenzenlose Projekte rund um künstliche Intelligenz.

Von Horst W. Opaschowski

Compunikation als erweiterte Kommunikation. In meiner beruflichen Rolle als Zukunftsforscher bot ich im Wintersemester 1980/81 an der Universität Hamburg folgende Lehrveranstaltung an: „Compunikation. Kommunikation aus der Steckdose: Traum oder Alptraum?“ – zu einer Zeit, als es noch kein Internet und keinen Computer für jedermann gab, wir noch 37 Jahre auf das iPhone warten mussten und der deutsche Blogger und Internet-Experte Sascha Lobo gerade einmal fünf Jahre alt war … „Compunikation“ beschrieb ich seinerzeit als eine „über Computer und Mikroprozessoren gesteuerte Kommunikation“, die neue „(steck)dosierte Erfahrungen“ ermöglichen würde. Im kommentierten Vorlesungsverzeichnis wurde die Lehrveranstaltung mit den Worten angekündigt: „Droht die Compunikation zum Ersatz für die unmittelbare persönliche Kommunikation zu werden?“

War die Fragestellung im Oktober 1980 utopisch, fantastisch oder sarkastisch? Nein, es war ein Szenario nur, das nicht einmal das Leben schrieb, das so oder ähnlich gar nicht Wirklichkeit werden musste. Jetzt aber, 37 Jahre später, kann ich nach den Ergebnissen einer aktuellen Repräsentativumfrage 2017 nachweisen: Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland (58 %) ist mittlerweile davon überzeugt, dass für die junge Generation „Soziale Netzwerke im Internet wichtiger als persönliche Kontakte mit Freunden sind“ (O.I.Z 2017).

Diese subjektive Einschätzung der Bevölkerung entspricht auch der Alltagswirklichkeit. In Deutschland gibt es mittlerweile mehr Handys als Menschen. Seit der Jahrtausendwende hat sich das Surfen im Internet fast verzehnfacht, während sich seither die Unternehmungen mit Freunden erdrutschartig halbiert haben. Dieser Wandel muss auf den ersten Blick wie eine Verarmung des Lebens erscheinen – für Jugendliche aber nicht: Freunde treffen und mit Freunden chatten ist für viele fast dasselbe. Freunde in der Nähe und Freunde im Netz bedeuten Kontaktvielfalt und Beziehungsreichtum – mit einem wesentlichen Unterschied: Mediennutzung kostet und frisst Zeit.

Die ARD-ZDF-Online-Studie 2017 ermittelte unlängst: 2,5 Stunden am Tag sind die Deutschen jeden Tag online – Tendenz steigend. Die persönliche Kommunikation muss deshalb im Alltag nicht verloren gehen. Die Compunikation erweist sich eher als eine zusätzliche und erweiterte Kommunikation, die das Leben in einer Mischung aus Chillen und Chatten bereichern kann.

Vertrauen als digitale Währung

Compunikation als digitale Kommunikation ist heute Normalität geworden – beruflich und privat. Jeder kann mit jedem zu jeder Zeit an jedem Ort kommunizieren. Compunikation gilt als bequem und bürgernah, aber auch als unsicher und missbrauchsgefährdet. Die Angst vor dem Verlust an drei grundlegenden Prinzipien der Kommunikation – Vertrauen, Verantwortung und Verlässlichkeit – lässt die Sehnsucht und Suche nach Sicherheit immer stärker werden.

Die Menschen drohen ihr Grundvertrauen in das Innovationsversprechen der digitalen Wirtschaft zu verlieren. Vertrauen als verlässliche Währung muss doch für die Digitalwirtschaft geradezu von fundamentalem Interesse sein: „Wenn wir das Vertrauen verlieren, verlieren wir alles“ – so die Quintessenz von Emanuel Mogenet, dem Leiter von Googles europäischem Forschungszentrum in Zürich. Das Vertrauen in die Datensicherheit ist weltweit erschüttert. Die Internet-Szenerie gleicht einer Bedrohungslandschaft. Nichts ist mehr sicher – das autonome Auto nicht, der hilfreiche Herzschrittmacher und auch das vielseitige Smartphone nicht. Alles ist manipulierbar. Wie können wir uns dagegen wehren?

Medienkompetenz durch digitale Diät

Am 29. September 1990 beendete ich einen Zukunftsvortrag auf einem internationalen Kongress in Amsterdam mit den Worten: „We have to slow down, slow down, slow down“ – wir müssen bremsen, bremsen, bremsen. Wir müssen die Entwicklung verlangsamen und auf die Bremse treten. Jetzt, im Jahr 2017, weist der israelische Historiker Yuval Noah Harari überzeugend nach, warum das Bremsen aus zwei Gründen fast aussichtslos erscheinen muss. Erstens weiß niemand, wo sich die Bremse befindet – bei den Big Data, der Nanotechnologie oder der Genetik?

Viel zu komplex erscheint das System der Künstlichen Intelligenz (KI), weshalb sich auch bisher selbst die Experten nicht einmal die Mühe machen, Antworten auf die Frage zu geben, „wohin“ wir uns bei diesem rasanten technologischen Tempo überhaupt bewegen wollen oder sollen. Und zweitens würde die Wirtschaft aus den Fugen geraten, wenn es doch jemandem gelingen sollte, auf die Bremse zu treten.

Eine Wirtschaft, die auf immerwährendes Wachstum ausgerichtet ist, braucht geradezu grenzenlose KI-Projekte und -Ziele wie z.B. das Streben nach Glück und langem Leben. Nur: Was passiert eigentlich, wenn diese KIvolution durch Gesichts- und Spracherkennung den Menschen identifiziert, kopiert oder ihm gar überlegen ist – aber am Ende außer Kontrolle gerät und nicht mehr steuerbar ist? Dann macht sich die menschheitsbedrohende Hybris breit: Wir sind besser als Gott! Spätestens dann wird jedem klar, warum schon heute Google-Ingenieure verzweifelt an einem Ausknopf tüfteln, der außer Kontrolle geratene KI-Systeme in letzter Sekunde wieder abschalten soll …

Andererseits: Die Digitalisierung als „Schöne Neue Medienwelt“ macht das Leben schneller, bequemer und abwechslungsreicher, kann helfen, Krankheiten zu heilen und den Welthunger zu reduzieren. Eine positive Entwicklung ist möglich, in der Achtsamkeit und Selbstverantwortung wieder mehr im Zentrum des Handelns stehen.

Bremse

Erste Anzeichen dafür sind erkennbar – ein neuer Trend der nächsten Generation: Digitale Diät nach dem Grundsatz „Bleib nicht dauernd dran, schalt doch mal ab!“. Das Interesse der Jugendlichen an Facebook sinkt, wie die JIM-Studie 2017 nachweist (2015: 51 % – 2016: 43 %). Eine Generation autarker User kommt auf uns zu, die im Netz selbstbestimmter agiert und davon überzeugt ist – frei nach dem Grundsatz: Wir können bremsen, wenn wir wollen. Wir können entschleunigen und das Tempo drosseln, weil wir nicht kollabieren oder im „digitalen Tsunami“ (Bill Gates) ertrinken wollen. Wir können uns durch digitale Diät jederzeit zurückziehen, vorübergehend aussteigen, also öfter den Stecker ziehen und einfach offline sein.

Oder kommen auf längere Sicht dänische Verhältnisse auf uns zu? Seit es Handys, Computer und Tablets gibt, geht die Jugendkriminalität in Dänemark zurück, so 2017 der Dänische Rat zur Kriminalitätsvorbeugung (DRK). Jahrzehntelang hatte man sich in Dänemark bemüht, Jugendliche von der Straße zu holen, damit sie nicht aus Frust oder Langeweile kriminell werden – vom Ladendiebstahl über den Drogenkonsum bis zu Vandalismus und Gewalttätigkeit. Jetzt deutet sich eine Trendwende bei der Jugend an: Cyberspace statt Straße. Jugendliche sitzen in ihrer Freizeit mehr zu Hause vor den Monitoren und Bildschirmen. Compunikation drinnen statt Kommunikation draußen.

Umdenken

Müssen im digitalen Zeitalter die Uhren wieder zurückgedreht werden? Die Gesellschaft wird zunehmend konservativer. Die Menschen sehnen sich wieder nach Bewährtem und Erhaltenswertem, nach ruhigeren Biedermeierzeiten inmitten von Samtsofas und Bücherwänden, Plattenspielern und Polaroidkameras. Erfährt der Fernseher als Lagerfeuer für die ganze Familie eine Renaissance?

Selbst eine Wiederkehr der Religion und des Religiösen ist vorstellbar, weil die Menschen wieder mehr nach der Ressource Sinn lechzen – als Antwort auf die Ort- und Wurzellosigkeit, Halt- und Heimatlosigkeit eines durchdigitalisierten Alltags. Das wäre dann eine echte Zeitenwende wie beim 11. September 2001, als das Ereignis nach einem Wort von Jürgen Habermas im Innersten der Gesellschaft „eine religiöse Saite in Schwingung versetzt“ hatte.

Der kanadische Kultschriftsteller Douglas Coupland hat die offene Frage nach der Ressource Sinn schon frühzeitig in den 90er-Jahren gestellt. In seinem Roman „Girlfriend in a coma“ lässt er am Ende seine Romanfiguren fragen: Wie können wir uns ändern, ja, wie müssen wir uns ändern? Statt wie im Koma untätig zu verharren, müssten wir – bevor die Welt sich ändert – erst einmal uns selbst verändern: „Schürft. Spürt. Grabt. Glaubt. Fragt!“ Hört nicht auf, Fragen zu stellen, zu suchen und zu forschen. Die Erde ist nicht der Himmel, aber „die Erde könnte unsere Arche sein“ (Coupland 1999). Um den nachfolgenden Generationen keinen Trümmerhaufen zu hinterlassen, endet der Roman sinngemäß mit der Aufforderung: Schafft eine humane und soziale Zivilisation: „Lasst uns eine neue Arche Noah bauen!“

Wir können an uns arbeiten und die Sinnfrage ernst nehmen. Dann werden wir vielleicht in 20 Jahren eines Morgens aus unserem Tiefschlaf aufwachen und feststellen, dass wir noch immer mit der Hand schreiben können, von unserem Schreibtisch Briefumschläge und Papier nicht verschwunden sind und selbst die Tinte im Füller nicht vertrocknet ist. Wir öffnen den Mund – und ein Laut kommt heraus. Wir haben es auch dann nicht verlernt, miteinander zu kommunizieren, laut zu lachen und einander die Hände zu schütteln.

Kontaktsuche

Sicher: Unsere Kinder werden in Zukunft lieber mit dem Homecomputer als mit dem Holzbaukasten spielen. Nur: Online- und Cybereuphorie werden bis dahin weder unser menschliches Kommunikationsbedürfnis beeinträchtigen noch unser Interesse am Lesen von Büchern, Zeitungen und Zeitschriften sterben lassen. Und je mehr sich Homebanking und Online-Shopping ausbreiten, desto größer wird unser Bedürfnis nach persönlichen Kontakten, nach sehen und gesehenwerden beim Ausgehen oder beim Einkaufsbummel sein. Denn: Die Sinne konsumieren weiter mit. Auch in 20 Jahren werden die meisten Beschäftigten keine digitalen Nomaden sein, sondern wie bisher eher müde von der Arbeit nach Hause kommen, sich vor den Laptop oder Fernseher setzen und mit nichts anderem als ihrem Partner oder ihrem Kühlschrank interagieren …

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DIVSI Magazin – Ausgabe 4/2017 https://www.divsi.de/publikationen/magazine/divsi-magazin-ausgabe-42017/ Fri, 22 Dec 2017 12:48:55 +0000 http://46.30.3.106/?post_type=magazine&p=16914 Zum Inhalt: Brief oder E-Mail? Klarheit in einem sensiblen Feld.  Und weitere Themen…

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Zum Inhalt: Brief oder E-Mail? Klarheit in einem sensiblen Feld.
 Und weitere Themen…

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„Digital Leadership“ revisited https://www.divsi.de/digital-leadership-revisited/ https://www.divsi.de/digital-leadership-revisited/#respond Tue, 14 Nov 2017 17:58:30 +0000 http://46.30.3.106/?p=16469 Digitalisierung in Unternehmen ist zur Chefsache geworden. Von Markus Klimmer Im November 2016 wurde das Buch „Digital Leadership – Wie Deutschlands Top-Manager den Wandel gestalten“ veröffentlicht. Grundlage waren Interviews mit 31 Vorstandsvorsitzenden aus Wirtschaft, öffentlichen Organisationen und Gewerkschaften. Seitdem hat sich in der Einstellung der CEOs und der Situation einiges geändert, wie aktuelle Interviews zeigen. […]

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„Digital Leadership“ revisited

3. Hamburger Wirtschaftsdialog des NIT (v. l.): Markus Klimmer, Svenja Teichmann (crowdmedia), Matthias Kammer (DIVSI), Doreen Nowotne (Aufsichtsrätin Jenoptik, Brenntag), Dr. Johann Bizer (CEO Dataport) (Foto: Jan Brandes)

Digitalisierung in Unternehmen ist zur Chefsache geworden.

Von Markus Klimmer

Im November 2016 wurde das Buch „Digital Leadership – Wie Deutschlands Top-Manager den Wandel gestalten“ veröffentlicht. Grundlage waren Interviews mit 31 Vorstandsvorsitzenden aus Wirtschaft, öffentlichen Organisationen und Gewerkschaften. Seitdem hat sich in der Einstellung der CEOs und der Situation einiges geändert, wie aktuelle Interviews zeigen. Was genau – daraus lassen sich zehn Kernaussagen ableiten:

1. Nicht zuständig ist nicht mehr denkbar

Vor zwei Jahren antworteten über 20 Prozent der CEOs mit dem Hinweis auf ihre Nichtzuständigkeit. Man solle dieses Thema mit dem CIO besprechen. Inzwischen wird die Digitale Transformation als Chefsache des CEO gesehen.

2. Führungstypologien 2017

Vor einem Jahr konnten wir erste Muster bei den Führungstypologien von CEOs beim Thema Digital erkennen: „Frühe Natives“, „Analytiker und Verstehenwoller“, „Schnelle Pragmatiker“, „Moderatoren des Prozesses“, die einen Ansatz „Leading from behind“ wählen, visionäre Führungskräfte, die ein „Leading from the front“ verfolgen, und die seltene Spezies der IT- und Technologiefachleute.

Heute werden Führungsfähigkeiten umschrieben mit hierarchiefrei, Mobilisierer und Integratoren, technologisch neugierig. Es gilt, das gesamte Wissen der Organisation zu mobilisieren.

3. Digitalkompetenz ist nicht Technologiekompetenz

Die Digitalkompetenz von Führungskräften genauso wie Organisationen leitet sich nicht aus ihrer Technologiekompetenz ab, sondern daraus, einen technologiegetriebenen Wandel zu gestalten.

4. In Umbruchsituationen haben „General Manager“ bessere Karten

Wir neigen dazu, die digitale Revolution als etwas nie da Gewesenes, Unvergleichbares zu sehen. Aber große Umbruchsituationen gab es schon zuhauf. Früher und jetzt scheint zu gelten: Im Umbruch brauchen wir Führungskräfte, die sich rasch auf Neues einstellen können, Menschen dabei mitnehmen, kommunikativ sind und Fehler eingestehen können.

5. HR und IT-Manager werden nicht als Top-Führungskräftepool gesehen

In deutschen Unternehmen agiert die HR-Funktion oft weit vom eigentlichen Geschäft. Kann dies ein entscheidenderer Engpass der Digitalisierung sein als fehlende IT-Manager? Letztere haben mit der HR-Funktion übrigens gemein, dass sie als Top-Führungskräftereservoir fast völlig ignoriert werden. Und das ist nicht gut so.

6. Aufsichtsräte mehrheitlich hilflos

Derzeit wird nicht mehr das Desinteresse der Aufsichtsräte beklagt, sondern ihre Hilflosigkeit. Wer nicht weiß, was Digitalisierung ist, der fällt bei der Auswahl von Führungskräften leicht auf den coolen digitalen Phänotyp rein, meist ohne Führungserfahrung. Keine gute Basis für den Digitalumbau von Unternehmen.

7. Von „E-Commerce“ zu „Digital at the Core“

„Digital“, das hieß vor Kurzem für viele Führungskräfte noch ein „aufgeklebtes“ digitales „Front-end“. Nun ist klar: Digitalisierung heute ist „The Core“, der Kern der Produktions- und Lieferketten.

8. Die schleichende Entzauberung des Digitalstandortes Berlin

Damit hängt die Relativierung des Standortes Berlin zusammen. Die zwei aus Sicht der CEOs wichtigsten Mitarbeiterdimensionen bekommt man dort nicht: (1) Ein tiefes Verständnis von Produktion und (2) die Integrationsfähigkeit und -willigkeit in ein Unternehmen. Digitalisierung heißt eben auch Digitalisierung von innen.

9. Die Digitalisierung des Unternehmens geht nur Hand in Hand mit der Digitalisierung des Ökosystems

Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, die verstehen, dass sie sich auch jenseits der Unternehmensgrenzen kümmern müssen: um Zulieferer, Vertriebspartner, Lehrstühle und Forschungsschwerpunkte in der Region, um Berufsschulen … Der Erfolg und die Schwungmasse ergeben sich aus der Digitalisierung des gesamten Ökosystems eines Unternehmens.

10. Dortmund, Stuttgart, München – aus Old Economy wird New Economy

Die gute Nachricht für die „Old Economy“: Die „New Economy“ wird genau dort entstehen MÜSSEN. Digitalisierung „at the core“ kann nicht verlagert werden an coole Standorte.

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Podiumsdiskussion im KörberForum: Digitale Chancen – für alle gleich? https://www.divsi.de/podiumsdiskussion-im-koerberforum-digitale-chancen-fuer-alle-gleich-2/ https://www.divsi.de/podiumsdiskussion-im-koerberforum-digitale-chancen-fuer-alle-gleich-2/#respond Wed, 25 Oct 2017 16:36:35 +0000 http://46.30.3.106/?p=16456 Digitale Chancen: Für alle gleich? Der digitale Wandel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist täglich im Netz und das auch immer länger. Es ist normal geworden, digitale Anwendungen mobil zu nutzen und sich mit anderen online zu vernetzen. Unser Alltag wird dadurch nicht nur bequemer, auch unser […]

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Podiumsdiskussion KörberForum

Digitale Chancen: Für alle gleich?

Der digitale Wandel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist täglich im Netz und das auch immer länger. Es ist normal geworden, digitale Anwendungen mobil zu nutzen und sich mit anderen online zu vernetzen. Unser Alltag wird dadurch nicht nur bequemer, auch unser Verhältnis zur Technik wandelt sich. Die Vorstellung, dass man in Zukunft vieles nur noch über das Internet erledigen kann, bereitet nur noch 38 Prozent der Deutschen Angst. 61 Prozent können sich ein Leben ohne Internet sogar persönlich nicht mehr vorstellen. Aber sind die Chancen gleich verteilt, wenn es darum geht, kompetent, kreativ und verantwortungsbewusst mit den neuen Technologien umzugehen? Hängt vieles nicht auch von der persönlichen Lebenswelt ab? Und wenn digitale Teilhabe auch zukünftig immer stärker soziale Teilhabe bedeutet: Wie stellen wir sicher, dass wirklich alle mit der Entwicklung Schritt halten und niemand abgehängt wird?

Hierzu veranstaltete das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet in Kooperation mit dem KörberForum und dem NIT Northern Institute of Technology Management gGmbH eine Podiumsdiskussion. Dr. Silke Borgstedt, Direktorin Research & Consulting des Sinus-Instituts, führte mit einem Impulsvortrag über die DIVSI Internet-Milieus in das Thema ein. Anschließend diskutierten gemeinsam mit ihr auf dem Podium Matthias Kammer, Direktor des DIVSI und Verena Fritzsche, CEO des NIT. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von Tobias Möller-Hahlbrock. Rund 258 Gäste nahmen an der Veranstaltung am 24. Oktober 2017 teil.

Die Veranstaltung wurde aufgezeichnet. Hier können Sie sich den Mitschnitt in der Mediathek der Körber-Stiftung oder auf Youtube ansehen.

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Podiumsdiskussion im KörberForum: Digitale Chancen – für alle gleich? https://www.divsi.de/podiumsdiskussion-im-koerberforum-digitale-chancen-fuer-alle-gleich/ https://www.divsi.de/podiumsdiskussion-im-koerberforum-digitale-chancen-fuer-alle-gleich/#respond Wed, 02 Aug 2017 12:05:50 +0000 http://46.30.3.106/?p=16130 Digitale Chancen: Für alle gleich? Der digitale Wandel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist täglich im Netz und das auch immer länger. Es ist normal geworden, digitale Anwendungen mobil zu nutzen und sich mit anderen online zu vernetzen. Unser Alltag wird dadurch nicht nur bequemer, auch unser […]

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Podiumsdiskussion KörberForum

Digitale Chancen: Für alle gleich?

Der digitale Wandel ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mehr als die Hälfte der Deutschen ist täglich im Netz und das auch immer länger. Es ist normal geworden, digitale Anwendungen mobil zu nutzen und sich mit anderen online zu vernetzen. Unser Alltag wird dadurch nicht nur bequemer, auch unser Verhältnis zur Technik wandelt sich. Die Vorstellung, dass man in Zukunft vieles nur noch über das Internet erledigen kann, bereitet nur noch 38 Prozent der Deutschen Angst. 61 Prozent können sich ein Leben ohne Internet sogar persönlich nicht mehr vorstellen. Aber sind die Chancen gleich verteilt, wenn es darum geht, kompetent, kreativ und verantwortungsbewusst mit den neuen Technologien umzugehen? Hängt vieles nicht auch von der persönlichen Lebenswelt ab? Und wenn digitale Teilhabe auch zukünftig immer stärker soziale Teilhabe bedeutet: Wie stellen wir sicher, dass wirklich alle mit der Entwicklung Schritt halten und niemand abgehängt wird?

Das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet veranstaltet in Kooperation mit dem KörberForum und dem  NIT Northern Institute of Technology Management gGmbH im Oktober hierzu eine Podiumsdiskussion.

Als Impulsgeberin wird Dr. Silke Borgstedt, Direktorin Research & Consulting des Sinus-Instituts, mit einem Kurzvortrag in das Thema einführen.

Teilnehmer der Podiumsdiskussion:

  • Dr. Silke Borgstedt, Direktorin Research & Consulting des Sinus-Instituts
  • Matthias Kammer, Direktor des DIVSI
  • Verena Fritzsche, CEO des NIT

Die Diskussion wird von Tobias Möller-Hahlbrock moderiert.

Wann?

Dienstag, 24. Oktober 2017
Einlass ist ab 18:45 Uhr
Start ist 19:00 Uhr bis 21:00 Uhr mit anschließendem Ausklang im Foyer 

Wo?
KörberForum
Kehrwieder 12
Hamburg 

Anmeldung sind ab sofort hier möglich.

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Telemedicus Sommerkonferenz 2017: Das Recht in der digitalen Welt – zwischen Algorithmen, autonomen Systemen und Disruption https://www.divsi.de/telemedicus-sommerkonferenz-2017-das-recht-in-der-digitalen-welt-zwischen-algorithmen-autonomen-systemen-und-disruption/ https://www.divsi.de/telemedicus-sommerkonferenz-2017-das-recht-in-der-digitalen-welt-zwischen-algorithmen-autonomen-systemen-und-disruption/#respond Mon, 03 Jul 2017 09:10:04 +0000 http://46.30.3.106/?p=16055 Am 1. und 2. Juli 2017 fand in Berlin die jährliche Telemedicus Sommerkonferenz statt, die auch in diesem Jahr unter anderem wieder vom vom DIVSI gesponsort wurde. Im Microsoft Atrium Unter den Linden in Berlin kamen 125 Interessierte zusammen, um sich mit dem diesjährigen Thema: „Das Recht (in) der digitalen Welt: Zwischen Algorithmen, autonomen Systemen und Disruption” […]

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Telemedicus #Soko17

Am 1. und 2. Juli 2017 fand in Berlin die jährliche Telemedicus Sommerkonferenz statt, die auch in diesem Jahr unter anderem wieder vom vom DIVSI gesponsort wurde. Im Microsoft Atrium Unter den Linden in Berlin kamen 125 Interessierte zusammen, um sich mit dem diesjährigen Thema: „Das Recht (in) der digitalen Welt: Zwischen Algorithmen, autonomen Systemen und Disruption” auseinanderzusetzen.

Der Mensch gibt immer mehr Kontrolle an technische Systeme ab: Fahrzeuge fahren autonom, Blockchain-Verträge kontrollieren sich selbst und Algorithmen entscheiden für uns, welche Nachrichten wir im Internet lesen. Gesellschaft, Wirtschaft und Technik verändern sich dadurch rasant, bestehende Technologien werden durch diese disruptiven Innovationen verdrängt. Hält auch das Recht Schritt mit diesem Tempo? Reicht der aktuelle Rahmen oder brauchen wir ganz neue Gesetze?

Wie bereits in den Vorjahren verknüpfte die #Soko17 gehaltvolle Vorträge mit offenen Publikums-Diskussionen. Wir wollen das Thema in seinen aktuellen gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Bezügen darstellen, behielten dabei aber einen klaren wissenschaftlichen Fokus. Hierzu haben wir Politiker, Wissenschaftler, Aktivisten und Wirtschaftsfachleute eingeladen. Newcomer sind dabei genauso willkommen wie etablierte Speaker.

Als Keynote Speaker führte Prof. Dr. Justus Haucap (Universität Düsseldorf) die Konferenz mit einem Vortrag zu disruptiven Innovationen in die Konferenz ein.

Zu Haftungsfragen autonomer Systeme referieren Fritz Pieper, LL.M. (Taylor Wessing) und Dr. Dimitrios Linardatos (Uni Mannheim). Dr. Vanessa Kluge und Anne-Kathrin Müller (beide TU Berlin) stellten das Modell einer „Roboterhaftung“ vor.

Prof. Dr. Dr. Volker Boehme-Neßler (Uni Oldenburg) trug über die Macht der Algorithmen und Demokratie im digitalen Zeitalter vortragen, während Algorithm Watch sich in einem eigenen Panel mit dem Rechtsschutz vor Algorithmen beschäftigte. In diesem Zusammenhang stand auch der Vortrag von Prof. Dr. Tobias Gostomzyk (TU Dortmund) zur Algorithmisierung der Öffentlichkeit. Jörn Erbguth (Legal Tech Berater) warf in einem Expertenvortrag gesellschaftliche und rechtliche Fragen von Blockchains auf.

Kartellrechtliche Problemstellungen, die sich im Zusammenhang mit Algorithmen und Innovationswettbewerb ergeben, behandelten Alexander Pustal (Rechtsanwalt) und Sebastian Telle (Uni Oldenburg) in ihren Vorträgen.

Prof. Dr. Hubertus Gersdorf (Uni Leipzig) gab Einblicke Fragen der Persönlichkeitsverletzungen und hate speech in sozialen Netzwerken geben und Jens Milker (Rechtsanwalt) warf einen Blick auf auf die gesetzgeberischen Maßnahmen für Social Bots.

Neben diesen Beiträgen zu sozialen Netzwerken widmete sich das @KIT-Panel dem Netzwerk-Durchsetzungsgesetz (NetzDG) widmen, das den sozialen Netzwerken zusätzliche Compliance-Regeln auferlegt. Hierfür begrüßten wir unter anderem Thorsten Feldmann, LL.M. (JBB Rechtsanwälte), Lukasz Batruch (Landesvertretung Niedersachsen) und Dr. Guido Brinkel (Microsoft), deren Diskussion von Prof. Niko Härting (HÄRTING Rechtsanwälte) moderiert wurde.

Im Panel „Legal Tech“ diskutierten Dr. Frederik Leenen, LL.M. (Uconn) (CMS Hasche Sigle), Markus Hartung (Rechtsanwalt), Nico Kuhlmann (Hogan Lovells) und Prof. Dr. Ruth Janal, LL.M. (FU Berlin) diskutieren, wie die Digitalisierung zunehmend die Arbeit der Juristen unterstützt, welche Technologien zum Einsatz kommen und was heute bereits automatisiert wird.

Detailliertere Informationen finden Sie unter www.telemedicus.info/soko17

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Internet of Things – Wir stecken mitten in der Zukunft https://www.divsi.de/internet-of-things-wir-stecken-mitten-in-der-zukunft/ https://www.divsi.de/internet-of-things-wir-stecken-mitten-in-der-zukunft/#respond Wed, 10 May 2017 08:10:09 +0000 http://46.30.3.106/?p=15968 Teil 2: Alle Industrien werden uns zu tief greifenden Veränderungen zwingen. Von Alexander Braun Die Entwicklungen rund um das IoT umspannen alle Industrien, wie im letzten DIVSI Magazin ausführlich umrissen wurde. Keine Branche ist von den tief greifenden Veränderungen und Änderungen ausgenommen. Vieles lässt sich heute erst in Grundzügen abschätzen. Entwicklungen, wie sie für einzelne […]

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Amazon Dash Button

Amazon Dash Button (Foto: Amazon)

Teil 2: Alle Industrien werden uns zu tief greifenden Veränderungen zwingen.

Von Alexander Braun

Die Entwicklungen rund um das IoT umspannen alle Industrien, wie im letzten DIVSI Magazin ausführlich umrissen wurde. Keine Branche ist von den tief greifenden Veränderungen und Änderungen ausgenommen. Vieles lässt sich heute erst in Grundzügen abschätzen.

Entwicklungen, wie sie für einzelne Branchen absehbar sind, sollen im Folgenden exemplarisch kurz beleuchtet werden.

Energieversorger/Smart Grid

  • Um Schwankungen im Stromverbrauch und schwer planbare Zuflüsse aus Solar- und Windenergie abzufedern, werden von den Anbietern zusätzliche Kapazitäten bereitgehalten. Dies gewährleistet die Stromversorgung, verschwendet jedoch fossile Energieträger.
  • Über die Integration von IoT-Sensoren im Netz und den Haushalten lässt sich der Verbrauch besser messen und planen, was zu einer Reduktion bereitgehaltener Kapazitäten führt. Haushalte können von Schwankungen des Strompreises im Tagesverlauf profitieren, indem beispielsweise Waschmaschinen dann laufen, wenn es gerade am günstigsten ist.

Landwirtschaft

  • Kühe werden mit Sensoren verbunden. Darüber lässt sich nicht nur ihre Position bestimmen, sondern auch ihr Gesundheitszustand überwachen. Dies reduziert die Kosten der Betreuung und ermöglicht die Eindämmung der Verbreitung von Krankheiten.
  • Spezielle Sensoren im Acker können Feuchtigkeit und den Nährstoffgehalt im Boden messen. Das kann zu einer Reduktion des Wasserverbrauchs, des Düngereinsatzes und zur Vermeidung möglicher Ernteausfälle führen.

Gesundheit

  • Über die Integration von Bewegungssensoren und Mikrofonen kann das selbstbestimmte Leben pflegebedürftiger Personen verbessert werden. Bei Unregelmäßigkeiten oder der Identifikation eines Sturzes wird automatisch ein Pfleger benachrichtigt.
  • Über die automatische Erhebung zentraler Gesundheitsdaten, die dem zuständigen Arzt via Internet zugänglich sind, können Patienten das Krankenhaus früher verlassen. Anzeichen von Krankheiten können frühzeitig erkannt werden und zu signifikanten Kostenreduktionen im Gesundheitssystem führen.
  • Die Fernwartung von Herzschrittmachern wird ebenso möglich wie die Analyse des Gesundheitszustandes mit sogenannten Ingestibles: mit Sensoren ausgestatteten Pillen, die relevante Daten im Körper des Patienten erheben und übermitteln können.

Mobilität/Smart Cities

  • Durch das Messen des Verkehrsaufkommens können Ampeln und Verkehrsleitsysteme automatisch zur Optimierung des Verkehrsflusses angepasst werden, statt nur einem starren zeitlichen Raster zu folgen.
  • Indem Autos inklusive ihres Verfügbarkeitsstatus via Internet zugänglich werden, sind Services, die effizientes Car-Sharing ermöglichen (Car2Go, DriveNow, Uber etc.), überhaupt erst denkbar. Dies ermöglicht die Nutzung bislang brachliegender Ressourcen.
  • Teslas Fahrzeuge fingen vor einigen Jahren regelmäßig Feuer. Der Grund: Das Fahrgestell war zu niedrig aufgehängt, sodass die im Fahrzeugboden befindlichen Akkus bei unebener Fahrbahn aufschlugen und in Flammen aufgingen. Die Konsequenz dank Internetanschluss: Anstatt eine umfangreiche und kostspielige Rückrufaktion zu starten, hob Tesla das Fahrgestell über ein via Internet übertragenes Software-Update einige Millimeter an – Problem gelöst.

Maintenance/Asset-Tracking

  • Getränkeautomaten können ihren Füllstand und Schadensmeldungen übermitteln. Mitarbeiter können somit den Servicebedarf sofort erkennen und müssen auf ihren Touren nur die Geräte mit genau den Ersatzteilen und den Nachfüllprodukten anfahren, die auch tatsächlich erforderlich sind.
  • Indem Mülleimer mit IoT-Sensoren ausgestattet werden, kann der Füllstand zu jedem Zeitpunkt überprüft und die Route der Entleerungsfahrzeuge entsprechend optimiert werden.
  • Auf Basis einer Vielzahl an Sensoren in seinen Flugzeugturbinen hat Rolls-Royce sein Geschäftsmodell grundlegend umgestellt: Statt „dumme“ Turbinen an Flugzeughersteller zu verkaufen, kann Rolls-Royce nun Wartungs- und Verbrauchsdaten an Flugzeughersteller an Fluggesellschaften liefern. Dies reduziert die Ausfälle und den Treibstoffverbrauch. Rolls-Royce ist damit zu einem Serviceanbieter für das Management der Flotte geworden und kann sich auf dieser Basis von Wettbewerbern differenzieren.

Versicherungen

  • Wasserschäden zählen zu den häufigsten und kostspieligsten Schäden für Versicherungen. Über Sensoren können Lecks rechtzeitig erkannt, Frostschäden an Leitungen mit via Internet steuerbaren Heizungssystemen vermieden werden. Versicherungen können die daraus resultierenden Einsparungen über günstigere Prämien an ihre Kunden weitergeben, die entsprechende Sensoren installieren.
  • Über ihr Fahrverhalten und die Häufigkeit der Nutzung des Autos haben Fahrer maßgeblichen Einfluss auf die Schadenswahrscheinlichkeit. Dies war Versicherungen jedoch bislang verborgen. Über das Erfassen dieser Daten gestalten Versicherungen wie Progressive in den USA ihre Prämien individuell und belohnen vorbildliches Verhalten.
  • Indem Wearables wie Fitnessarmbänder die Aktivität ihrer Träger messen, können Krankenversicherungen wie Oscar in den USA Rückerstattungen mit gesundheitsförderndem Verhalten verknüpfen.
Fitness Tracker

Foto: Vadim Martynenko | Shutterstock

Haus/Haushalt

  • Über die Integration von Sensoren können Brita-Wasserspender neue Filter automatisch nachbestellen, sobald sie erforderlich werden. Ähnlich ist das Vorgehen von Amazon mit seinen Dash-Buttons: Mit dem Klick auf einen physischen, im Haus an der Waschmaschine angebrachten Knopf kann etwa Waschmittel nachbestellt werden, wenn dieses zur Neige geht – oder eine Vielzahl anderer Konsumprodukte mit den jeweils
    spezialisierten Knöpfen für diesen Bedarf.
  • Was Amazon damit geschafft hat, ist, zum Zeitpunkt des entstehenden Bedürfnisses vor Ort zu sein und die Bestellung in die eigenen Bahnen zu leiten. Andere Händler sind damit außen vor.
  • Über die Verbindung der Heizung mit dem Internet ermöglicht etwa Google mit seinem Smart-Home-Unternehmen nest die bedarfsgerechte Steuerung und die Einsparung von Heizkosten: So kann die Heizung automatisch hochgedreht werden, wenn die Eigentümerin das Büro verlässt, abhängig von der Außentemperatur auf ein dynamisch
    angepasstes Level.

IoT – die neue Welt wird uns praktisch auf jedem Feld und in jeder Größenordnung beschäftigen. Es liegt an uns, wie weit wir sinnvollen Nutzen daraus ziehen. Denn unverändert steht fest: Das Internet, sinnvoll genutzt, ist eine der großen Erfindungen unserer Menschheit.

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Brauchen wir eine neue Digitale Agenda? https://www.divsi.de/brauchen-wir-eine-neue-digitale-agenda/ https://www.divsi.de/brauchen-wir-eine-neue-digitale-agenda/#respond Wed, 19 Apr 2017 11:38:11 +0000 http://46.30.3.106/?p=15945 Offene Fragen, auf die es noch keine überzeugenden Antworten gibt, sind geblieben. Sie zeigen, dass nicht alle Probleme gelöst sind. Von Göttrik Wewer Die Wahlperiode neigt sich dem Ende zu. Was der Gesetzgeber bis zur Sommerpause nicht unter Dach und Fach gebracht hat, das kommt nicht mehr, denn dann dominiert der Wahlkampf. Der wird nur […]

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Brauchen wir eine neue digitale Agenda?

Offene Fragen, auf die es noch keine überzeugenden Antworten gibt, sind geblieben. Sie zeigen, dass nicht alle Probleme gelöst sind.

Von Göttrik Wewer

Die Wahlperiode neigt sich dem Ende zu. Was der Gesetzgeber bis zur Sommerpause nicht unter Dach und Fach gebracht hat, das kommt nicht mehr, denn dann dominiert der Wahlkampf. Der wird nur in besonders wichtigen Ausnahmefällen unterbrochen. Digitale Themen zählen dazu nicht.

Das absehbare Ende der 18. Wahlperiode des Deutschen Bundestages bietet Anlass für einen Rückblick und für einen Ausblick. Zum Rückblick gehört die Frage, was von der „Digitalen Agenda 2014–2017“, um die sich gleich drei Minister federführend gekümmert haben, umgesetzt worden ist und was auf der Strecke geblieben ist. Manche meinen, zu vieles sei noch nicht erledigt – etwa die Versorgung mit Breitband, andere sagen, das meiste sei inzwischen geschafft oder zumindest auf gutem Wege.

Die Bundesregierung hat bis heute vier Zwischenberichte zur Umsetzung der Digitalen Agenda vorgelegt: den ersten am 5. Februar 2015, einen zweiten undatierten Fortschrittsbericht im Sommer 2015, einen dritten Bericht zum 1. Halbjahr 2016 und einen vierten Bericht mit über 100 Seiten für das 2. Halbjahr 2016. Ein fünfter Bericht, der das 1. Halbjahr 2017 abdecken könnte, fehlt noch. Zwischen Sommerpause und Bundestagswahl könnte das Kabinett einen Abschlussbericht für diese Wahlperiode beschließen, auch wenn allen klar ist, dass die Digitalisierung von Wirtschaft, Gesellschaft und Politik damit längst nicht abgeschlossen ist.

Die Regierung hat nicht nur das IT-Sicherheitsgesetz auf den Weg gebracht, sondern noch eine Reihe anderer Gesetze. Um nur einige zu nennen:

  • das Gesetz zur Erleichterung des Ausbaus digitaler Hochgeschwindigkeitsnetze (DigiNetzg),
  • das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen sowie zur Änderung weiterer Gesetze (sog. E-Health-Gesetz),
  • das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende,
  • die Änderung des Telemediengesetzes zur (beschränkten) Haftung von W-LAN-Betreibern,
  • das Gesetz zur Routerfreiheit,
  • das Gesetz, das es der Bundesverwaltung ermöglicht, elektronische Rechnungen zu verschicken,
  • das Gesetz zur Verzichtbarkeit der Schriftform und des persönlichen Erscheinens bei Behördengängen,
  • das Gesetz zur Einführung einer Speicherfrist und einer Höchstspeicherfrist für Verkehrsdaten, mit dem u.a. der Straftatbestand der Datenhehlerei (§ 202d StGB) eingeführt worden ist,
  • das Gesetz zur Verbesserung der zivilrechtlichen Durchsetzung von verbraucherschützenden Vorschriften des Datenschutzrechts.

Die Liste ist keineswegs vollständig, wie nicht bloß das Vertrauensdienstegesetz zeigt. Die EU-Datenschutz-Grundverordnung wird zwar ab dem 25. Mai 2018 unmittelbar geltendes Recht in allen Mitgliedstaaten sein, erfordert aber auch in Deutschland noch einige rechtliche Anpassungen.

EU Parlament

EU Parlament: Eine EU-Datenschutz-Grundverordnung ist für 2018 beschlossen. (Foto: Ikars | Shutterstock)

Fleißarbeit

Der Gesetzgeber ist also fleißig gewesen. Etwas rechtlich zu ermöglichen oder rechtlich zu untersagen, heißt noch nicht, dass das dann alle machen. Das Gesetz, dass der De-Mail zum Durchbruch verhelfen sollte, gibt es schon seit 2011, ohne dass in den letzten Jahren viele davon verschickt worden wären. Dass der Gesetzgeber in der laufenden Wahlperiode eine ganze Reihe rechtlicher Grundlagen für E-Government und E-Commerce geschaffen hat, steht dennoch außer Zweifel. Heißt das, für den nächsten Deutschen Bundestag gibt es auf diesem Feld nichts mehr zu tun? Zwei Beispiele für offene Fragen, auf die es noch keine überzeugenden Antworten gibt, mögen zeigen, dass diese Sorge ganz und gar unbegründet ist.

Ein Beispiel sind die Bürgerportale und Kundenpostfächer, die jetzt überall in Verwaltung und Wirtschaft entstehen. Unternehmen und Behörden schreiben ihre Kunden nicht mehr an, um sie über etwas zu informieren, sondern sie hinterlegen die Information in persönlichen Postfächern auf ihrer Website. Das klingt zunächst einmal gut und einfach. Wenn das aber alle machen, dann hat der Bürger nicht nur einen Briefkasten, in dem alle seine Post ankommt, sondern schnell fünf, zehn oder 20 elektronische Postfächer, bei denen wichtige Dokumente für ihn ankommen könnten. Um nichts zu verpassen, müsste er alle diese Postfächer ständig überwachen, da praktisch immer Lieferungen eingehen können, sich für alle ein Password (möglichst nicht ein und dasselbe!) merken, also diese Vielzahl von Postfächern irgendwie managen. Denkbar ist auch, dass er dieses Management einem professionellen Dienstleister überträgt. Da es sich um eine Dienstleistung handelt, die wir bisher so nicht kannten, gibt es dabei natürlich auch manche offene Frage.

Kriminalität

Damit die Kunden nicht das ungute Gefühl haben, sie könnten etwas Wichtiges verpassen, wenn sie ihre elektronischen Postfächer nicht dauernd im Auge behalten, schicken einige Firmen ihnen eine Mail, mit der sie darauf hinweisen, dass etwas eingegangen ist. Sie schicken also nicht das Dokument selbst, das sensible Informationen enthalten kann, sondern nur die Info, dass irgendetwas eingegangen ist. Auf den ersten Blick erscheint das unproblematisch. Bei genauerem Hinsehen stellen sich aber wieder einige Fragen: Was nützt eine möglichst gute Absicherung der elektronischen Postfächer, wenn die Hinweise auf Eingänge per einfacher Mail – der Postkarte des digitalen Zeitalters – verschickt werden?

Für Profis sind Mails nicht nur leicht fälschbar, sondern alle Mails enthalten immer auch wichtige Hinweise, die mit krimineller Energie genutzt werden könnten: Schon dass man überhaupt Kunde dieser Firma ist und dort ein Postfach unterhält, hätten andere sonst nicht so leicht erfahren. Insofern lässt sich konstatieren: Je sensibler die Informationen sind, die in den elektronischen Postfächern lagern, desto größer ist die rechtliche Grauzone, in der sich Firmen bewegen, die auf solche Informationen mit einfachen Mails aufmerksam machen.

Ein anderes Beispiel, das ebenfalls für E-Commerce und E-Government gilt, ist die Identifizierung im Internet. Wenn sie nicht sicher und doch einfach zu handhaben ist, dann werden die ökonomischen Potenziale, die elektronische Transaktionen versprechen, nicht annähernd genutzt. Diese Lehre vermitteln insbesondere die vielen Projekte der öffentlichen Verwaltung, die bei den Bürgern kaum Akzeptanz gefunden haben.

Strategie

Mit dem neuen Personalausweis hat die Bundesregierung ein Instrument geschaffen, das hilfreich sein könnte, das aber mangels attraktiver Angebote, die sich darüber erschließen lassen, und wegen des zusätzlichen Lesegeräts, das sich die Bürger hätten kaufen müssen, viele nicht überzeugt hat. Sie zwingen zu wollen, den Ausweis zu nutzen, ist keine Strategie, die Erfolg verspricht. Stattdessen könnte es klüger sein, im Sinne der eIDAS-Verordnung der Europäischen Kommission um den Ausweis herum ein leistungsfähiges und flexibles Ökosystem elektronischer Identifizierung wachsen zu lassen, das praxistauglich ist. Ob der Staat auf private Initiative setzt, ein solches System zu entwickeln, oder rein auf staatliche Lösungen wie den Personalausweis baut, ist auch eine ordnungspolitische Grundsatzfrage. Unabhängig davon lehren uns die vielen Projekte mit hohen Ambitionen, aber geringer Akzeptanz, dass es einfach nicht funktionieren wird, wenn für alle Transaktionen nur ein staatliches Instrument mit allerhöchstem Sicherheitsstandard angeboten wird. Dann ist das zwar so sicher wie nur irgend möglich, aber auch so umständlich, dass es kaum jemand nutzen mag.

Das sind nur zwei Beispiele für Themen, die in einer „Digitalen Agenda 2018 – 2021“ stehen könnten. Dem Gesetzgeber geht also auch in der nächsten Wahlperiode die Arbeit nicht aus.

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