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Vertrauen ist wie ein geldwerter Vorteil

11. Februar 2013

Der Glücksatlas für Deutschland zeigt: Der Nordwesten und Südosten liegen vorn

Von Dr. Göttrik Wewer

Warum beschäftigen sich Ökonomen mit Glück? Weil sie gemerkt haben, dass das Sozialprodukt eines Landes allein kein hinreichender Maßstab für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist. Es gibt Länder, wo die Menschen relativ zufrieden sind, obwohl sie ziemlich arm sind, und es gibt Länder, wo die Menschen wohlhabend, aber dennoch unzufrieden sind. „Das BIP misst alles, außer das, wofür sich das Leben lohnt“ (Robert Kennedy). Aber wie misst man Glück, wie Wohlbefinden, wie Zufriedenheit?

Die Deutsche Post hat 2012 zum zweiten Mal einen „Glücksatlas“ für Deutschland herausgegeben, der von renommierten Wissenschaftlern in Zusammenarbeit mit dem Bielefelder Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid erstellt worden ist. Dieser Atlas bietet nicht nur eine Fülle von Material zu der Frage, wie glücklich die Deutschen sind, sondern auch wichtige Erkenntnisse zu den Themen, mit denen sich das Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet beschäftigt. Sie machen deutlich: Geld ist längst nicht alles. Das haben auch Unternehmer verstanden: „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“ (Robert Bosch).

Der Atlas enthält ein eigenes Kapitel zum Thema Vertrauen. Das ist kein Zufall: Das Ausmaß an Vertrauen, das innerhalb einer Gesellschaft herrscht, ist nämlich einer der wichtigsten Indikatoren für die Zufriedenheit der Menschen, die darin leben. Anders gesagt: Wer Vertrauen zu seinen Mitmenschen hat, ist in der Regel auch deutlich zufriedener. Vertrauen ist so etwas wie ein geldwerter Vorteil: Vertrauensvoll auf seine Mitmenschen schauen zu können ist nämlich, das zeigen statistische Analysen, für den Durchschnittsbürger ähnlich kostbar wie eine Verdoppelung des Einkommens!

Vertrauen hat auch indirekte ökonomische Aspekte: Ohne Vertrauen kommt es weder zu Kreditvergaben noch zu Investitionen, und ohne Investitionen bleibt die wirtschaftliche Prosperität aus. Aber das gesellschaftliche Vertrauensniveau beeinflusst die Lebenszufriedenheit der Menschen auch direkt. Relativ hohe Werte weisen beispiels- weise die skandinavischen Länder auf. Und wo stehen wir Deutschen?

Immerhin rund sechzig Prozent der Bevölkerung blicken vertrauensvoll auf ihre Mitmenschen, fünf Prozent sind dagegen sehr misstrauisch eingestellt. Diese Werte haben sich in den letzten zwanzig Jahren nicht nennenswert verändert. Man kann also weder von einer deutlichen Zunahme noch von einer wirklichen Abnahme des Vertrauens in Deutschland ausgehen. International bewegen wir uns hin- sichtlich der Lebenszufriedenheit eher im Mittelfeld.

Wer seinen Mitmenschen vertraut, ist meist deutlich zufriedener. Ein vertrauensvolles Verhältnis zum sozialen Umfeld trägt dabei mehr zur individuellen Zufriedenheit bei als etwa eine eigene Immobilie. Kein Wunder, dass sich inzwischen auch Ökonomen mit der Frage beschäftigen, wie Vertrauen eigentlich entsteht und wie man es ausbauen und festigen kann.

In einer Umgebung zu leben, die als vertrauenswürdig angesehen wird, führt ebenfalls zu einer höheren Lebenszufriedenheit. In Deutschland schenken einander das größte Vertrauen die Menschen in Schleswig-Holstein und Hamburg sowie in Bayern, aber auch im nördlichen Niedersachsen und in Franken. Das geringste Vertrauen zueinander haben die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern und in Sachsen-Anhalt.

In Westdeutschland ist das Vertrauen untereinander höher als in Ostdeutschland. Allerdings betrifft das vorwiegend die ältere Generation, unter den Jüngeren sind die Niveaus weitgehend ähnlich. Es wächst also doch zusammen, was zusammen gehört.

Das Misstrauen gegenüber Regierung und Parlament ist in der gesamten Europäischen Union relativ stark ausgeprägt. Das hat nicht nur etwas mit der aktuellen Euro-Krise zu tun, die als Banken-Krise und als Schulden-Krise begonnen hat, sondern auch damit, dass politisch umkämpfte Institutionen immer schlechter abschneiden als solche, die als „unpolitisch“ oder „neutral“ gelten wie die Feuerwehr, die Polizei oder die Gerichte. Das Vertrauen der Deutschen in den Rechtsstaat ist sowohl absolut als auch relativ zu anderen Ländern besonders ausgeprägt.

Was hat das alles mit dem Internet zu tun? Eine ganze Menge. Zum einen dürften Menschen, die nicht misstrauisch gegenüber allem und jedem sind, eher bereit sein, auch im Internet gewisse Risiken einzugehen. Das gesellschaftliche Vertrauensniveau müsste eigentlich, was aber noch niemand untersucht hat, positiv korrelieren mit einer intensiven, bisweilen auch riskanten Nutzung des Internets.

Zum anderen macht die Erkenntnis der Glücksforschung, dass eine wesentliche Grundlage für das Entstehen gegenseitigen Vertrauens die Kenntnis des jeweils anderen ist, deutlich, dass Vertrauen in einer Sphäre, in der man nicht immer sicher sein kann, wer der andere wirklich ist, oder in der man sich nur virtuell kennt, weitaus schwerer aufzubauen ist als in sozialen Beziehungen – wo das auch schon nicht ganz einfach ist. Zwischenmenschliche Beziehungen, aber auch das Wissen, was vorgeht, können Misstrauen vorbeugen. Von diesem Punkt aus ist es nicht mehr weit zum Thema Bildung. Aber auch Transparenz, was mit den Daten geschieht oder wie Algorithmen funktionieren, spielt eine gewisse Rolle. Je mehr ich von etwas verstehe, desto weniger muss ich einfach darauf vertrauen, dass es irgendwie funktioniert.

Und drittens zeigt der Glücksatlas, dass die Medien sowohl beim Vertrauensniveau als auch hinsichtlich der Relevanz für die Lebenszufriedenheit bloß im Mittelfeld liegen: Schlechter als die Polizei, besser als die Parteien. Das Vertrauen zur Presse weist den stärksten Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit auf, dem Internet wird innerhalb der Medien am misstrauischsten begegnet. Das deutet die Größe der Aufgabe an, die vor denjenigen liegt, die für mehr Vertrauen und Sicherheit im Internet sorgen wollen.

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Der Autor

Dr. Göttrik Wewer

Dr. Göttrik Wewer

Seit 2010 ist Wewer Vice President E-Government bei der Deutsche Post Consult GmbH.

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