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Volles Haus bei BR backstage 2017

5. Dezember 2017

Mehr als 1.000 Jugendliche waren beim Jugendmedientag mit dabei

Von Dr. Angelika Mayer

7. Juli 2017 BR

BR-Backstage

Eintauchen in fremde Welten: Dank Greenscreen (Foto: BR Julian Schulz)

Im Sommer 2015 hat der Bayerische Rundfunk zum ersten Mal und mit großer Resonanz einen unternehmensweiten Jugendmedientag für Schülerinnen und Schüler aller Schularten veranstaltet. Einen ganzen Tag lang konnten die Jugendlichen in rund 300 Workshops nicht nur zuhören und zuschauen, sondern Inhalte auch selbst erarbeiten. Nun folgte die Fortsetzung, diesmal in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). 45 Klassen waren mit dabei.

Der Bayerische Rundfunk hat in München zwei große Standorte: Das Funkhaus in der Nähe des Hauptbahnhofes sowie das Fernsehgelände in Freimann und in Unterföhring. Die Serie „Dahoam is Dahoam“ wird im Filmdorf „Lansing“ in der Nähe von Dachau produziert. Und in Nürnberg befindet sich das Studio Franken. Bei BR backstage lernen Jugendliche abseits des Lehrplans was es braucht, um Medien professionell selber zu machen. Zu diesem Zweck ermöglicht der Jugendmedientag einen umfassenden Blick hinter die Kulissen, damit Gestaltungsmechanismen in den Medien hinterfragt werden können.

Ein crossmediales Bildungsprojekt, das alle Schularten anspricht

Wie Radio, Fernsehen und der BR im Netz funktionieren, das erlebten am 27. Juni 2017 rund 1.000 Jugendliche aus ganz Bayern hautnah. Das Angebot richtete sich an Schülerinnen und Schüler ab der achten Jahrgangsstufe. Fachleute erklärten hier, worauf es bei der Auswahl von Medienangeboten ankommt. Und wer anschließend selbst in die Rolle des Moderators, des Social Media-Redakteurs und des Sportreporters schlüpft, der erfährt, was alles stimmen muss, damit am Ende ein gutes Produkt herauskommt. Die Schülerinnen und Schüler konnten beispielsweise im “Rundschau”-Studio die Nachrichten sprechen. Sie erlebten, wie Filmmusik entsteht und drehten 360 Grad-Videos.

BACKSTAGE Rundschau

Hinter den Kulissen der Nachrichten (Foto: BR Julian Schulz)

Einige haben selbst ausprobiert, wie man sich vor dem Greenscreen bewegen muss, um in virtuellen Umgebungen eine gute Figur zu machen. Und wer die wichtigen Knöpfe im Regie- und Schneideraum tatsächlich selbst drückt, der schaut zukünftig anders auf Medien. Dessen Blick wird geschärft. Gezwungen zu sein, adhoc auf eine Frage vor laufender Kamera zu antworten, änderte beispielsweise für Luisa (15) die Perspektive auf den Beruf der Journalistin.

Wie sah er aus, der Jugendmedientag im BR?

BR backstage ist kein Kongress, sondern ein Angebot, um sich auszuprobieren und beispielsweise auch erste Film- und Formatideen oder Moderationen mit Leben zu füllen. Die Veranstaltung soll auf diese Weise zum selbstbewussten Umgang mit den Medien anregen und die Aufmerksamkeit für den vielzitierten Umgang mit „der Wahrheit“ und Desinformationsversuchen schulen. Die Medienmacher von morgen konnten nicht nur den Profis über die Schulter schauen, sondern selbst filmen, interviewen, posten und aufzeichnen. Im Schüler-Live-Blog berichteten die Jugendlichen direkt vom Großevent.

Der Bayerische Rundfunk öffnete seine Pforten an diesem Tag ab 08.30 Uhr für die Schülerinnen und Schüler. Das letzte Angebot endete um 16.00 Uhr. Die Organisatoren haben, auch mit Unterstützung des DIVSI auf dem Gebiet der Internetsicherheit, spannende Programme zusammengestellt. Die Lehrkräfte konnten aus verschiedenen Angeboten ein Tagespaket wählen, das dann im Klassenverbund durchlaufen wurde.

BR-Backstage Funkhaus

Kurze Verschnaufpause am zentralen Anlaufpunkt im Funkhaus( Foto: BR Steffi Rettinger)

Auch im Bayerischen Rundfunk bleibt derzeit kaum ein Stein auf dem anderen. Im wahrsten Sinne des Wortes, so befindet sich der Standort München-Freimann in einer großen Umbauphase. Die Umwälzungen, die die Medien allgemein erleben, betreffen genauso auch die Landesrundfunkanstalten der ARD. Damit wandelt sich auch die Arbeitsumgebung, der BR steckt mittendrin in einem großen Veränderungsprozess. Einheiten, die bisher getrennt nach Ausspielwegen (Hörfunk, Fernsehen, Online) organisiert waren, planen und produzieren nun medienübergreifend nach Inhalten.

Wie bestmögliche Wirkung erzielen?

Wie zeigt sich der Anspruch an freie und unabhängige Medien im Produktionsprozess? Was haben diejenigen im Blick, die Informationen anbieten? Und was ist mit der Unterhaltung, der Musik und dem Sport? Ein Ganztagesevent mit bunten Programmsträngen wie „Die Medienmacher“ oder „Großes Kino“ (inklusive Filmvorführung und Werkstattgespräch mit dem Regisseur) und entsprechend vielfältigen interaktiven Angeboten hilft, mitreden zu können. Und macht Spaß. Richtig „coole“ Angebote für die Digital Natives hatte der Kooperationspartner DIVSI bereitgestellt: Ein Live-Hacking in Freimann, „Sketch your Social Media Network“ im Münchner Funkhaus und die Auseinandersetzung mit Wahrheit und Lüge im Netz im Studio Franken. Der Workshop „In WWW Veritas“ unserer Partner vom DIVSI kam dort besonders gut an, denn die Referenten haben auf einer Wellenlänge mit den Mädchen und Jungs sehr praktisch und witzig am und im Netz gearbeitet.

BR-Backstage: Sketch your networks

Auf Augenhöhe und ganz analog: Sketch your Social Media Network (Foto: BR Philipp Kimmelzwinger)

Ein paar Klassen standen dann doch im Stau, weswegen Tobias Schrödel seine „Hacking-Show“ etwas später als geplant starten musste, dafür aber mit voller Power. Was alles möglich ist, wenn Unbefugte mit dem Smartphone Schindluder treiben, das demonstrierte er sehr eindrucksvoll. Dass das nicht nur Profis können, sondern auch technisch versierte vermeintliche Freunde, das wurde den Anwesenden schnell klar. Und auch diese Botschaft kam an: Viele der gezeigten Programmierungen sind strafbar. Obwohl es wie eine rechtliche Grauzone wirkt, ist diese Art von „technischer Spielerei“ eben kein Kavaliersdelikt. Staunen, lachen, nachdenken. Ein unschlagbarer Dreiklang, den dieser DIVSI-Workshop den Schülerinnen und Lehrkräften geboten hat.

BR-Backstage Live-Hacking

Live Daten manipulieren – das kann Tobias Schrödel (Foto: BR Julian Schulz)

Die DIVSI-Workshops punkteten aber nicht nur aufgrund der inhaltlichen Nähe zur Zielgruppe. Die empathische und humorvolle Art der Referenten, gepaart mit Mut zum Unkonventionellen und jeder Menge Sachverstand, das hat allen Teilnehmern sehr gut gefallen.

„Superspannend, mehr davon!“, wünschte sich eine 15-jährige Realschülerin gleich im Anschluss.

Viel (auf dem) Programm

Nahe Dachau schnupperten die Jugendlichen am Set von “Dahoam is Dahoam” Serienluft und hatten die Gelegenheit, die wichtigsten Handgriffe bei Dreh, Regie oder Postproduktion auszuprobieren. “Die Schüler waren begeistert, weil sie selbst so aktiv werden durften”, berichtete eine Lehrkraft. In München-Freimann fanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmern insbesondere das aufgebaute Kamerazelt sehr gut. Schließlich gab es dort alles rund um Equipment, filmende Drohnen oder Kamerafahrten zu lernen und zu entdecken.

BR Backstage

Die Atmosphäre am Set ist ansteckend… (Foto: BR Sarah Göltner)

Im Studio Franken haben mehr als 80 Jugendliche aus nord- und ostbayerischen Schulen der Region vorbeigeschaut. Dort meldete sich unter anderem Sportreporterin Julia Büchler per Skype-Schalte aus dem russischen Sotchi, vom Training der Deutschen Elf. Auch Korrespondent Torsten Teichmann ließ sich ins BR-Funkhaus zuschalten und berichtete live aus dem ARD-Studio Tel Aviv über seine Arbeit in einem Krisengebiet. “Den Schülerinnen und Schülern hat es sehr gefallen. Man hat immer gemerkt, wie viel Energie, wie viele Gedanken und wie viel Arbeit dahinter steckt”, sagte eine Lehrkraft.

Medien (be)greifbar machen

Bereits 2015 hat das Team der BR Medienkompetenzprojekte, das den Tag mit vielen engagierten Kolleginnen und Kollegen aus allen Fachabteilungen organisiert, die Programme und die Durchführung von BR backstage durch das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der LMU München evaluieren lassen.

Als Folge der Ergebnisse wurde daher Wert darauf gelegt, dass die Vermittlung auf Augenhöhe stattfindet: Die Schülerinnen und Schüler wollen auf Menschen treffen, die eben nicht „Schule“ mit ihnen machen und die ihnen mit Freude an ihrem Beruf begegnen. Sich von diesen Profis inspirieren zu lassen, Medien kreativ mitzugestalten, diesen Anspruch erhebt BR backstage. Die angebotenen Tagesprogramme sollten entsprechend auch die Pädagoginnen und Pädagogen, die ihre Klasse durch diesen Tag begleiteten, darin unterstützen, die Vermittlung von Medienkompetenz praxisnah zu ergänzen.

Welche Arbeitsbedingungen in einem Medienunternehmen vorherrschen, davon haben die meisten Schülerinnen und Schüler noch kein allzu klares Bild. BR backstage hat daher auch Berufsbilder in den Medien veranschaulicht: Über welche Ausbildung sollten die Medienmacher von morgen verfügen und welche Einstiegsmöglichkeiten gibt es, das war immer wieder Thema beim Jugendmedientag.

Jugendliche lassen sich für Medienwissen und Medienhandeln begeistern, wenn Inhalte, Form und Aufbereitung eine Art von Überraschung in sich tragen. Diese Neuartigkeit kann dann im wahrsten Sinne „Augen öffnen“ und Zugang schaffen zu Dingen, die man bislang nicht wusste oder bei denen man aus eigener Erfahrung lernen kann. Neben den jungen Programmen des Bayerischen Rundfunks, wie PULS und Bayern3, stehen auch „gestandene“ Programmmacher Rede und Antwort und lassen sich kritische Nachfragen gefallen. Und der BR „kann cool“, die Coaches in den Workshops nehmen Bezug auf die Lebenswelt der Jüngeren, denn nur so wird das Wissen auch handlungsrelevant. Vielen Journalisten liegt besonders am Herzen, die Schülerinnen und Schüler noch besser in die Lage zu versetzen, Medien und ihre Inhalte kritisch zu hinterfragen und einzuordnen und damit letztlich auch ihre Qualität zu beurteilen. Was journalistische Qualität angeht, sieht das Wissen bei den Jugendlichen durchaus nicht schlecht aus. Sie erkennen Ausgewogenheit, Relevanz und Aktualität als Qualitätskriterien für guten Journalismus und sehen Meinungsäußerungen und fehlende Seriosität eher kritisch (vgl. Pfaff-Rüdiger 2015: 2ff.)

BR-Backstage Hörfunk

Hörfunk machen im Studio Franken (IFoto: BR Henry Lai)

Der Workshop “Alle Nachrichten vom Staat gesteuert?” beschäftigte sich beispielsweise damit, wie Nachrichten entstehen und sollte mit Vorurteilen aufräumen. Timo Schwandner (15) von der Realschule Neumarkt erzählte, dass er tatsächlich gedacht hatte, der Staat würde aktiv in die Berichterstattung eingreifen – und dass er nun seine Meinung geändert hätte. “Der Kurs hat mir also schon etwas gebracht”, sagte er. 

Warum gibt es ein solches Angebot im Bayerischen Rundfunk?

Der BR will den Schülerinnen und Schülern in erster Linie die Chancen der Medien aufzeigen. Es geht darum, Teilhabe zu ermöglichen – in einer vielförmigen Gesellschaft, in der es wichtig ist, sich zu informieren und sich ausdrücken zu können.
Der Bayerische Rundfunk hat als öffentlich-rechtliche Unternehmung eine besondere Verantwortung für das Gemeinwohl. Medienbildung zielt entsprechend nicht allein auf den gern zitierten Bildungsauftrag ab. Aus diesem Grund stehen neben den Besuchen in Fernseh- und Radiostudios und den Redaktionen eine Vielzahl von Gesprächen mit Medienmachern auf dem Programm. Im Vordergrund dabei: die Öffnung des Hauses für ein zukünftiges Publikum sowie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Berufsethos und normativen Qualitätsansprüchen. Im Idealfall gilt es bei einer solchen Veranstaltung die Rollen zu tauschen: Wer lernt hier von wem? Und was ist für die jungen Menschen (in den Medien) von Belang? Mit den Jugendlichen also in den Dialog zu treten und eine Beziehung aufzubauen, ganz im Sinne des Public Value gemeinwohlorientierter Unternehmungen.
Die Schülerinnen und Schüler haben den Jugendmedientag als vielseitig und abwechslungsreich erlebt. Rund 800 Fragebögen von Teilnehmenden sowie eine Vorher-Nachher-Befragung der Lehrkräfte wird ausgewertet, um Handlungsfelder und Impulse für die Medienkompetenzarbeit abzuleiten und den nächsten Jugendmedientag, der 2018 am 17. Mai stattfindet, optimal vorzubereiten. Weitere Informationen hierzu gibt es unter www.br.de/backstage.

Quellen:
Pfaff-Rüdiger, Senta (2015): Evaluation von BR backstage. München, S. 1-11.

Dr. Angelika Mayer

Foto: privat

Dr. Angelika Mayer
ist als Projektleiterin für das Referat Medienkompetenzprojekte des Bayerischen Rundfunks tätig. Darüber hinaus lehrt sie als Dozentin für Unternehmensethik und Medienökonomie an Hochschulen in München und Karlsruhe.

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