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Digital Outsiders unter der Lupe

4. Juni 2012

Bild: Ollyy – Shutterstock

39 Prozent der Deutschen nutzen das Netz kaum oder gar nicht. Was sind das für Menschen?

Von Dr. Silke Borgstedt

Die DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet kennzeichnet insgesamt sieben Milieus. Mit der Verortung der Typen entstehen ganzheitliche, empirisch fundierte Zielgruppen. Sie können nicht nur hinsichtlich ihrer Einstellung zu Vertrauen und Sicherheit im Internet beschrieben werden, sondern auch entsprechend ihrem lebensweltlichen Hintergrund und ihrer Stellung in der Gesellschaft. Das ist Voraussetzung für eine milieu-sensible Zielgruppenansprache.

Zwei dieser Milieus werden als „Digital Outsiders“ eingestuft. Diese beiden Gruppen umfassen 39 Prozent der bei uns lebenden Bevölkerung. Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Netz kaum oder gar nicht nutzen.

Ordnungsfordernde Internet-Laien

Sie gehören zur konventionellen Mitte mit starkem Streben nach Harmonie und Geborgenheit in einfacher bis mittlerer sozialer Lage. Sie haben ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Medium Internet, insbesondere in puncto Datensicherheit und Datenschutz. Die Verantwortung hierfür delegieren sie an den Staat und Unternehmen.

Für sie ist das World Wide Web unbekanntes Terrain. Aus Furcht vor Fehlern besteht die Annäherung an dieses Medium vornehmlich in Form von Vermeidungsstrategien –„nur das machen, was gefahrlos ist“. Das Internet nutzen sie entsprechend defensiv und formulieren keine profilierten Ansprüche, da sie überwiegend Basisfunktionen nutzen (möchten). Aufgrund ihrer geringen Selbstsicherheit im Umgang mit dem Internet nehmen sie gern Hilfe in Anspruch.

Ordnungsfordernde Internet-Laien haben ein zwiespältiges Verhältnis zu moderner Informationstechnik. Einerseits zeigen sie sich aufgrund fehlender Kompetenz im Umgang verunsichert. Andererseits ist ihnen bewusst, dass sie sich dem fortschreitenden Digitalisierungsprozess nicht verschließen dürfen, wenn sie berufliche Chancen und sozialen Anschluss nicht aufs Spiel setzen möchten. Als preisbewusstes und serviceorientiertes Gesellschaftssegment erkennt diese Gruppe zunehmend die Convenience-Vorteile, die ihnen das Netz bieten kann.

Das „Mithalten-Wollen“ ist für sie zentraler Motivator, sich mit Computer und Internet auseinanderzusetzen. Dies ist jedoch beschwerlich und gilt weniger als Freizeitvergnügen. Kaum hat man eine Funktion verstanden und in das eigene Handeln integriert, wird man mit Zusatzfunktionen konfrontiert. Da bleibt kaum Raum, sich zu erfreuen, eine Herausforderung gemeistert zu haben.
Aufgrund ihrer geringen Internet- und IT-Kompetenz haben sie ein starkes Bedürfnis nach mehr Sicherheit im Internet. Dementsprechend wünschen sie sich ein „überschaubares Internet“, das verbindliche und verlässliche Rahmenbedingungen bietet und so eine gefahrlose Nutzung gewährleistet. Dabei bestehen keine profilierten Ansprüche an das Medium, vielmehr muss die Basis stimmen: Die „einfachen Seiten“, die fast alle verwenden, sollen funktionieren und besonders gut gegen Sicherheitsrisiken gewappnet sein. Sowohl Datenschutz (im Sinne des unberechtigten Zugriffs Dritter auf persönliche Daten) als auch Datensicherheit (im Sinne des Datenverlusts und/oder der Datenmanipulation) lösen bei ihnen ein latentes Gefühl des Unbehagens aus.

Größte Vorbehalte haben sie, wenn es um das eigene Geld geht, wie etwa bei Online- Bestellungen. Hier können sie die Risiken nur schwer abschätzen und sind sich unsicher, was sie in einem Betrugsfall unternehmen können. Um solche unan- genehmen Situationen zu vermeiden, bestellen sie – wenn überhaupt – vorzugs- weise nur bei Anbietern, die ihnen bereits persönlich empfohlen wurden. Vertrauenserweckend erscheint es ihnen, auf Rechnung oder Nachnahme zu bezahlen.
Privatsphäre ist den Ordnungsfordernden Internet-Laien sehr wichtig. Nur Verwandte und enge Freunde möchte man eingeweiht wissen bei dem, was man persönlich macht. Die Vorstellung, dass Details aus dem Privatleben an die Öffentlichkeit gelangen und für jedermann zugänglich sein könnten, ist ihnen unangenehm. Daher stellen sie nur sehr selten persönliche Daten wie Fotos, elektronische Dokumente oder persönliche Informationen ins Netz. Diese Abneigung zeigt sich auch in Vorbehalten gegenüber sozialen Netzwerken.

Internetferne Verunsicherte

Zwei Drittel von ihnen sind Offliner. Der Rest dieser Gruppe ist Gelegenheitsnutzer mit sehr geringem Internet-Wissen und nur geringen Berührungspunkten mit digitalen Medien im Alltag. Das Internet ist für sie eine fremde Welt, die verunsichernd und bedrohlich wirkt. Sie nutzen nur wenige Basisfunktionen und sind auf fremde Hilfe angewiesen.

Der Weg ins Netz wird als mühsam und weit empfunden. Konfrontiert mit internettypischen Abkürzungen und Zeichen fühlen sie sich einem Gerät ausgesetzt, das eine fremde Sprache spricht und ihr Anliegen nicht versteht. Das Internet erscheint ihnen als ein gänzlich fremder Kosmos.

Der persönliche Gewinn durch das Internet wird von ihnen kaum erkannt. Nach wie vor reichen ihnen Telefon, Brief und vor allem der persönliche Kontakt, um mit Mitmenschen zu kommunizieren. Auch Shopping-Angebote auf Ebay oder Amazon finden die Internetfernen Verunsicherten nicht attraktiv.

Nicht selten haben Internetferne Verunsicherte bereits schlechte Erfahrungen mit Computer oder Internet gemacht. Schrift und Symbole sind oft zu klein und es tauchen Wörter auf dem Bildschirm auf, von denen man gar nicht weiß, was sie bedeuten.

Da das Netz in ihrem Leben keinen großen Raum einnimmt, sind sie für die Themen Sicherheit und Datenschutz im Internet vergleichsweise wenig sensibilisiert. Hier dominieren andere Sorgen wie etwa soziale Gerechtigkeit und die Rentensicherheit. Wenn diese Gruppe jedoch an das Internet denkt, wird schnell die Scheu vor diesem Medium mit den Risiken des Datenmissbrauchs begründet. Der Argwohn gegenüber Sicherheit im Internet wird somit schnell zum zentralen Hemmfaktor, der ihre Ablehnung verstärkt.

Die primäre Perspektive ist Gefahr: Das Internet erscheint ihnen als Spielwiese für Verbrecher, Trickser und Betrüger. Entsprechend groß ist die Sorge, durch ei- genes Verschulden Opfer von Datenmissbrauch zu werden. Allerdings hat man nur eine vage Vorstellung, was Datenmissbrauch bedeutet.

Da die Sicherheit im Internet in ihren Augen bisher nicht gegeben ist, fühlen sie sich größtenteils den Gefahren hilflos ausgesetzt. Deswegen wenden sie eine klare Vermeidungstaktik an. Sie hegen eine große Scheu, Daten aller Art im Internet preis zu geben. Am ehesten kann dieser Typus noch Institutionen oder Personen vertrauen, die man bereits lange kennt oder denen ein ehrenhafter und vertrauenswürdiger Ruf vorauseilt.

Jedoch ist für die Internetfernen Verunsicherten wenig relevant, ob Mitteilungen im Internet einen rechts- verbindlichen Charakter haben. Rechts- verbindliche Handlungen – und prinzipiell alle Tätigkeiten im Bereich Kauf und Verkauf – möchte man sowieso nicht ohne direkten Kontakt durchführen. Die klare Vermeidungstaktik gilt als sicherer Garant, Problemen auf diesem Feld aus dem Weg zu gehen. Vor diesem Hintergrund überwiegt hier fast schon ein prinzipieller Argwohn bei Aktivitäten im Internet. 84 Prozent halten persönliche Daten im Internet nicht für sicher.

Die Internetfernen Verunsicherten begegnen Personen, die ihr Privatleben ins Netz stellen, mit großem Unverständnis. Heute sind sie jedoch damit konfroniert, dass ihre Enkel persönliche Angaben bei Facebook präsentieren. Zum Schutz der Jugend erwarten die Internetfernen Verunsicherten Altersgrenzen im Netz. Ferner sehen sie die Verantwortung bei den Eltern,
ihre Kinder nicht den Risiken im Internet auszusetzen und sie durch klare Regeln und Verbote zu schützen.

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Der Autor

Dr. Silke Borgstedt

Dr. Silke Borgstedt

Foto: SINUS-Institut

ist Direktorin der Abteilung Sozialforschung am SINUS-Institut in Berlin und Expertin für Mediensozialisation.

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