zurück zur Übersicht

Digitale Teilhabe bedeutet soziale Teilhabe

3. August 2015

Digitale Teilhabe bedeutet soziale Teilhabe

Bild: nenetus – Shutterstock

Warum wir wissen sollten, wie die 3- bis 8-Jährigen mit dem Thema Internet umgehen.

Von Joanna Schmölz

Das Thema „Kinder und Internet“ ist hochaktuell. Die einen meinen, Kinder müssten so lange wie möglich von der digitalen Welt ferngehalten werden. Die anderen verlangen Tablets in der Kita und Programmieren/Coding bereits in den ersten Schuljahren. Facettenreich wird darüber diskutiert und gestritten, wie, ab wann oder ob Kinder überhaupt mit digitalen Medien in Berührung kommen sollten. Dabei sind jedoch – und das wird häufig übersehen – manche der Problemstellungen längst von der Realität überholt worden.

Zwar ist das Internet selbst ja gerade mal ein Teenager, in mancher Hinsicht steckt es noch in den Kinderschuhen. Aber es entwickelt sich rasant; die Digitalisierung verändert vieles, das sich zuvor über Jahrzehnte etabliert und bewährt hatte. Diese Entwicklung wirkt sich auf nahezu alle Bereiche unseres Lebens aus.

Kein Luxusgut

Heute ist das „Internet to go“ für die meisten von uns ein ständiger Begleiter und damit auch in dem Lebensraum gegenwärtig, in dem Kinder und Jugendliche sozialisiert werden. Die jetzige junge Generation ist die erste, die in einer derart stark digitalisierten Welt aufwächst. Ich denke hier vor allem an das Zeitalter des mobilen Internets, in dem Smartphones & Co. kein Luxusgut für wenige sind, sondern zum Alltag vieler oder gar der meisten gehören. Diese Entwicklung hat erst mit der iPhone-Einführung 2007 begonnen. Was sich seitdem verändert hat, ist enorm.

Dieser kurze Blick auf die Situation beschreibt allerdings nur den verfügbaren Handlungsrahmen. Wie sich die grundsätzlichen Einstellungen und Handlungslogiken entwickeln, hängt von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab – ganz wesentlich vom lebensweltlichen Hintergrund, vor dem die Kinder aufwachsen.

Vor fast genau einem Jahr haben wir die Ergebnisse der DIVSI U25-Studie vorgestellt. Sie nahm Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 9 und 24 Jahren und ihr Leben in und mit der digitalen Welt in den Blick. Die Untersuchung zeigte, dass bei ihnen digitale Medien längst etabliert sind und dass es bereits in diesen Altersgruppen große Unterschiede in Hinblick auf Medienkompetenz, auf die subjektive Souveränität im Umgang mit dem Internet, aber auch hinsichtlich Sicherheitserwartungen gibt.

Doch längst nicht alle jungen Menschen, die in unserer digitalisierten Welt aufwachsen, sind automatisch „Digital Natives“. Einige sind stark verunsichert oder wissen schlichtweg nichts mit dem reichhaltigen Angebot anzufangen. Für die einen ist das Internet ein reiner Freizeitraum, andere nutzen es für Informations- und Bildungszwecke und begreifen es als Werkzeug für das persönliche und berufliche Weiterkommen.

Um zu verstehen, wann genau und unter welchen Umständen sich diese teils stark auseinanderklaffenden Entwicklungen vollziehen, haben wir mit der U9-Studie, realisiert durch das SINUS-Institut, noch etwas früher angesetzt. Wir wollten die ersten Phasen des eigenständigen Umgangs mit digitalen Medien und insbesondere mit dem Internet unter die Lupe nehmen.

Wen fragen?

Denn – so eine wichtige Erkenntnis der U9-Studie: Die Kinder SIND bereits online. Rund 1,2 Millionen 3- bis 8-Jährige gehen regelmäßig ins Internet. Tendenz vermutlich steigend. Die Frage nach dem „Ob“ stellt sich so also nicht mehr.

Hinsichtlich vieler anderer Fragen rund um „Kinder und Internet“ gibt es aber keine oder keine ausreichenden Erfahrungswerte. Eltern können auch ihre eigenen Eltern kaum fragen: „Wie habt ihr das denn damals gemacht mit dem Internet?“

Im Kern der Debatte stehen dabei Fragen wie:

  • Wie viel Internet ist gut für Kinder?
  • Was können oder sollten sie dort machen (dürfen)? Was nicht?
  • Welche Kompetenzen benötigen sie, um die vielfältigen Chancen des Internets für sich (und ihre Zukunft) nutzen zu können?
  • Welchen Gefahren/Risiken sind sie im Internet ausgesetzt, und wie können sie geschützt werden? Und zwar auch ohne dass sie bei jedem einzelnen Klick beaufsichtigt werden.
Minecraft

Gaming: Wer wie oft Spiele nutzt, hängt auch von der formalen elterlicher Bildung ab. (Bild: Bloomua – Shutterstock)

Digitale Teilhabe ist jetzt schon eine der zentralen Voraussetzungen sozialer Teilhabe. In Zukunft wird sich das eher noch verstärken. Da unsere Lebenswelt stark medialisiert ist, ist es nur logisch, dass auch die Sozialisierung der Kinder davon nicht frei bleibt. Ein Heranwachsen ohne Auseinandersetzung mit Medien ist – unabhängig von Sinn oder Unsinn – höchst unwahrscheinlich.

Weichenstellung

Die Ergebnisse der U9-Studie machen überdeutlich, wie weichenstellend bereits die ersten Jahre für die Entwicklung digitaler Kompetenz(en) sind. Welche Einstellungen junge Menschen zum Internet entwickeln, wie sie sich darin bewegen und welche Chancen und Risiken sie wahrnehmen, wird bereits in der Kindheit angelegt. Selbstsicherheit und Chancenorientierung stehen also gegen Ängste und Restriktionen.

Dabei kommt der technischen Ausstattung bei Weitem nicht die größte Bedeutung zu. Weder die Verteilung von Tablets an Schulen noch „Breitband für alle“ werden als Maßnahmen ausreichen, um die Chancengleichheit, die der Digitalisierung gern zugeschrieben wird, zu sichern. Es reicht nicht, dass alle dem Grunde nach Zugang zur großen bunten digitalen Welt bekommen.

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die Schere droht noch deutlich weiter auseinanderzuklaffen, wenn sich die sozialen Ungleichheiten im Netz reproduzieren. Die Erkenntnisse der U9-Studie können eine wissenschaftlich gesicherte Grundlage für sachlich fundierte Diskussionen darüber sein, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten, um Kindern einen guten Start in einer immer stärker digitalisierten Welt zu ermöglichen.

Diskurs-Anstöße

Es geht im Kern um die Frage: Wie ebnen wir Kindern den Weg in eine chancenreiche Zukunft, und wie bereiten wir sie qualifiziert auf eine Welt vor, in der kaum noch etwas ohne Internet gehen wird? Die aktuelle Untersuchung soll dazu beitragen, einen fundierten Diskurs hierüber zu organisieren.

vorheriger Beitrag nächster Beitrag

Der Autor

Joanna Schmölz

Joanna Schmölz

Foto: frederike heim photography

studierte Medienkultur und Politische Wissenschaft. Sie ist stellv. Direktorin und wissenschaftliche Leiterin des DIVSI.

nach Oben