zurück zur Übersicht

Digitalisierung und Sport: das neue Dream-Team?

4. Juli 2018

Digitalisierung und Sport

Foto: Halo Sports

Training allein reicht nicht mehr aus. Egal ob beim Profi oder Freizeit-Akteur. Der Einsatz moderner Technik steigert die Leistung und beugt auch der Gefahr von Verletzungen vor.

Von Agnieszka Walorska

Höher, weiter, schneller, besser – das gilt nicht nur für die laufende Fußball-Weltmeisterschaft. Schon immer haben Sportler sowohl mit erlaubten als auch unerlaubten Mitteln versucht, ihre Leistung zu steigern. Dank der allgegenwärtigen Sensoren und der nie da gewesenen Möglichkeiten der Datenerfassung und -analyse haben Profisportler und Trainer, aber auch Hobbysportler neue Lösungen an die Hand bekommen, um gezielt einzelne Aspekte zu trainieren und Fortschritte unmittelbar nachzuverfolgen.

Generell ist seit einigen Jahren ein großes Wachstum im Breitensport zu beobachten, das parallel zum Trend hin zu gesunder Ernährung und ausgewogener Work-Life-Balance verläuft. 10,1 Millionen Menschen besuchen in Deutschland regelmäßig ein Fitnessstudio, damit sind es drei Millionen mehr als noch vor sieben Jahren. Die Besinnung auf körperliche Aktivität schlägt sich auch in einem Umsatzwachstum von Fitness-Trackern um 46 Prozent seit 2013 nieder. 2,8 Milliarden US-Dollar an weltweitem Umsatz prognostiziert IHS Technology für 2019.

Profialltag

Digitale Technologien wie Fitness-Tracker von Polar oder Whoop sind bei Leistungssportlern schon zum Alltag geworden. Eine Befragung unter Fußballclubs in der 1. und 2. Bundesliga zeigt, dass über 85 Prozent GPS-Sportuhren einsetzen, um Daten über die zurückgelegte Strecke, die Geschwindigkeit und Herzfrequenz zu erfassen. Daneben kommen Lichtschranken zur Verbesserung der Koordination und Reaktion sowie intelligente Vereinssoftware zum Einsatz, um die Daten auszuwerten.

Immer mehr Sportclubs setzen zudem auf ein umfassendes Monitoring ihrer Sportler. Dazu gehören die Kontrolle von Blutwerten und Schlafverhalten oder die Analyse der Körperzusammensetzung (Bioimpedanz). Damit soll nicht nur ein Trainingsoptimum erreicht, sondern auch das Verletzungsrisiko minimiert werden. Mit Predictive Analytics warnen Algorithmen die Sportler oder Betreuer vor Ermüdungszuständen oder Konzentrationsschwächen, noch bevor es zu einer Verletzung kommt.

Technologie-Einsatz

Wearable-Tracker sind schon im Wettkampfgeschehen angekommen. Die US-amerikanische Baseball-Liga MLB lässt so ausgewählte Geräte bei Ligaspielen zu. Die Spieler dürfen ein Hemd mit Sensoren tragen, die Daten zur Atemfrequenz, Körperhaltung, Geschwindigkeit und zum Aktivitätslevel erfassen.

Daten-Tracking ist jedoch nur eine Form, wie Technologien im Sport zum Einsatz kommen. In den USA wird u.a. vom olympischen Skisprung-Team die neuronale Stimulation angewendet. Unter Einsatz des Halo Sport, eines intelligenten Kopfhörers, wird in der Aufwärmphase der Motorcortex mit elektrischen Impulsen angeregt. Anschließend soll das Gehirn eine Stunde lang über eine erhöhte neuronale Plastizität verfügen und empfänglicher für Trainingsimpulse sein. Damit sollen Muskelaufbau und Muskelgedächtnis effektiver trainiert werden.

Darüber hinaus ist der Einsatz von Virtual-Reality-Technologien in der NFL, NBA, NHL schon gängig, um Spielsituationen im Training zu simulieren. Im europäischen Raum gilt der DFB als VR-Pionier. Mit VR-Brillen simuliert die deutsche Nationalmannschaft gezielt Strafstoßsituationen für Feldspieler und Torwarte.

Trainingsmethode

Der DFB zeigt sich insgesamt als sehr technologieaffin. In einer Kooperation mit SAP werden Spielund Trainingsdaten gesammelt, ausgewertet und weiterverarbeitet. In Datenbanken sind wichtige Spielsituationen, gegnerische Teams mit ihren Stärken, Schwächen und Taktiken sowie einzelne Spieler mit ihrem Schussverhalten beim Elfmeter angelegt. Eine weitere innovative Trainingsmethode aus Deutschland ist der Einsatz des Footbonauten. In einem quadratischen Raum werden dem Fußballspieler Bälle aus verschiedenen Richtungen von Ballmaschinen zugespielt. Der Spieler muss in kurzer Zeit realisieren, aus welcher Richtung die Bälle kommen, und sie in wechselnde Zieltore schießen. Kameras erfassen dabei alle Bewegungen, sodass Trainer und Spieler am Ende eine detaillierte Statistik über Trefferquote oder Zeit zwischen Ballannahme und Schuss erhalten.

Besonders aktiv trägt das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften Leipzig zur Digitalisierung des Sports bei. Es hat eine multimediale Datenbank entwickelt, auf die Judo-Kämpfer zur Wettkampfvorbereitung via Smartphones zugreifen und sich über mögliche Gegner informieren können. Das Institut erstellt zudem 3-D-Scans von Skispringern, um die Körperhaltung bei der Anfahrt zu verbessern.

Auch im Breitensport haben sich digitale Hilfsmittel etabliert, um Trainingseinheiten, Erholungs- und Schlafphasen oder die Ernährungsweise zu messen und zu optimieren.

App-Zeit

Mit Runtastic kam 2009 eine der ersten Sport-Apps für Smartphones auf den Markt, die zunächst Läufer, Wanderer und Radfahrer ansprach. Inzwischen hat der Hersteller sein Angebot mit Sportuhren und Fitnesswaagen auch für andere Disziplinen erweitert. Auf einer Plattform können die Nutzer ihre Fortschritte und Erfolge mit anderen teilen und auf Übungsvideos oder Ernährungspläne zugreifen. Die App wird mittlerweile von über 130 Millionen Menschen genutzt und wurde 2015 von Adidas für 220 Millionen Euro übernommen.

Strava, MyfitnessPal oder Freeletics sind nur einige populäre Anwendungen auf dem neuen SportTech-Markt, der von Equipment über Communities hin zu Coaching ziemlich jeden Aspekt rund um den Sport abdeckt.

Neue Zeiten

Die Anwendungen sind in der Regel mit Schnittstellen ausgestattet, an die Wearables andocken, um Daten zum Bewegungs-, Schlaf- und Ernährungsverhalten zu liefern. Weltweit führen zurzeit Xiaomi, Apple, Garmin und Fitbit den Wearable-Markt an.

Fitness-Tracker

Foto: Dragon Images – Shutterstock

Seit Fitbit 2007 den Anfang machte, gefolgt von Jawbone, Garmin und der Apple Watch, ist der Wearable-Markt stetig gewachsen. Im Jahr 2017 wurden allein in Deutschland rund 1,55 Millionen Fitness-Tracker verkauft, und sie haben längst das Image von klobigen Geräten abgeschüttelt, die den Nutzer sofort als Tech-Nerd entlarven. Die Wearables kommen in unzähligen Farben und Varianten daher und fügen sich in Form von Ohrsteckern oder Halsketten als Lifestyle- Accessoire in die Modetrends ein. Als Lifestyle-Accessoire, das jedoch mit zahlreichen Sensoren bestückt ist.

Nicht nur Allrounder

Darüber hinaus gibt es ein breites Angebot an sportspezifischen Wearables und Apps, die sich auf einzelne Aspekte von Sportarten konzentrieren. Für den Basketball existieren beispielsweise zahlreiche Gadgets wie Smart-Ärmel oder -Bälle, um Wurfpräzision oder Dribbelbewegungen gezielt zu trainieren.

Das Funktionsspektrum erstreckt sich über den reinen Leistungsaspekt hinaus und wirkt auch in Bereiche wie die Sicherheit hinein. Der smarte Fahrradhelm von Livall umfasst neben integrierten Lichtern und einem Anrufsystem auch eine SOS-Funktion, die automatisch einen Notruf absetzt, sobald der Helm einen Unfall registriert. In der Strava App können Sportler außerdem ihre Trainingsstrecken oder Standortdaten via GPS teilen.

Performance-Steigerung

Die digitalen Möglichkeiten bringen jedoch nicht nur Vorteile mit sich. Je weiter die Digitalisierung des Sports voranschreitet, desto stärker wächst die Gefahr von gläsernen Sportlern. Athleten tracken ihre Körper- und Leistungsdaten, um konkurrenzfähig zu bleiben, und setzen sich gleichzeitig dem Risiko aus, durch ihre Sportvereine oder Trainer überwacht zu werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Fitness- Tracker und auf die Haut aufklebbare Sensoren passé sein werden und stattdessen dauerhafte Lösungen wie implantierbare Chips und Smart-Tattoos zum Einsatz kommen, um Leistungsfähigkeit, Herzschlagfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffgehalt im Blut, Hydrationslevel oder Glukosespiegel rund um die Uhr zu messen. Formen dieses Kontrollgedanken ließen sich im Vorfeld der Winterolympiade 2018 beobachten. Dort wurde die Forderung laut, Olympiateilnehmern zu Implantaten zu verpflichten, um ihre Blutwerte lückenlos auf mögliche Doping-Vergehen zu analysieren.

Mit der zunehmenden Kostensenkung durch Genomanalysen von 23andMe oder Ancestry hält auch die Genetik Einzug in den Sportbereich. Anbieter wie Athletigen erlauben Nutzern, ihre DNA-Analysen hochzuladen und sich maßgeschneiderte Trainings- und Ernährungspläne erstellen zu lassen, die die individuelle genetische Zusammensetzung berücksichtigen. Ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein solches Feature in Zwang umschlägt und in noch strengeren Zulassungsbeschränkungen für den Profisport mündet als ohnehin schon?

Datenschutz

Gegen 24/7-Kontrollmechanismen sprechen sich auch Datenschützer aus. Imke Sommer, Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit in Bremen, stellt heraus, dass Daten- Tracking Leistungskontrollen gleichkämen, die laut Rechtsprechung des Bundesarbeitsgerichts nicht lückenlos sein dürften: „Es muss klar sein, jetzt wird ein Test gemacht, und dann ist wieder keiner.“

Auch für den Hobbysportler entstehen neue Risiken, wenn sie ihre intimen Fitnessdaten Unternehmen und Servern in der Cloud anvertrauen. Laut einer BITKOM-Befragung aus dem Jahr 2016 sehen 39 Prozent von Verbrauchern bei der Nutzung von Wearables dahingehend Risiken, dass die Daten durch Dritte weiterverwendet werden könnten.

Dass den Daten eine Brisanz innewohnt, die auf den ersten Blick nicht sofort ersichtlich ist, unterstreicht ein Vorfall mit dem Sportnetzwerk Strava. Strava bietet Nutzern die Möglichkeit, Trainingsdaten (Trainingsleistung und Strecken) auf die Plattform hochzuladen und sie mit anderen Nutzern zu teilen. Im November 2017 veröffentlichte Strava eine Karte, auf der alle bisherigen Nutzeraktivitäten visualisiert waren. Anhand dieser Visualisierung konnten Militäranalysten beispielsweise versteckte Militärbasen u.a. in Syrien und Afghanistan ermitteln und Laufrouten sowie Lagerstrukturen ablesen.

Die Digitalisierung des Sports ist voll im Gange. Von innovativen Produkten und Trainingsmethoden profitieren aber nicht nur die wenigen Profisportler, auch jeder Hobbysportler erhält Zugang zu einer Vielzahl von neuen Möglichkeiten. Gleichsam bringt die Entwicklung neue Herausforderungen mit sich, die nicht außer Acht gelassen werden sollten.

vorheriger Beitrag nächster Beitrag

Der Autor

Agnieszka Walorska

Agnieszka Walorska

Foto: Creative Construction Heroes

ist Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Creative Construction Heroes GmbH und passionierte Triathletin.

nach Oben