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Generationenkonflikt bei der Sicherheit

6. Februar 2012

Generationen im Internet

Bild: Phovoir – Shutterstock

Der Vater: Clouds im Cyberspace – Fortschritt oder Konterrevolution?
Wolken ziehen im Internet auf, die Cloud kommt. Sie will meine Daten und verspricht mir dafür, dass ich immer und überall darauf zugreifen kann. Ich frage mich: Macht die Cloud uns freier oder fängt die Revolution jetzt an, ihre Kinder zu fressen?

Von Harald Lemke

Der Personal Computer löste in den 70ern des vorigen Jahrtausends eine globale Revolution aus. Die von der Herrschaft der Großrechner befreiten Benutzer vernetzten sich bald über Usenet, AOL und Compuserve zu einer digitalen Gemeinde, ohne die der weltweite Siegeszug des Internets nicht möglich gewesen wäre.

Dabei war „das Netz“ schon immer ein Widerspruch in sich. Es nimmt nicht gefangen, sondern macht frei. Die herausragende Rolle des Internets für mehr Demokratie und Befreiung von Terror-Herrschaft ist evident. Dabei war der eigene PC schon immer ein essenzieller Teil dieser Freiheit. Ein kleiner, aber souveräner Planet im Cyberspace, auf dem sein Besitzer unmittelbare Kontrolle über die eigenen Daten hat.

Geht diese Souveränität dem Ende zu?

Der aktuelle Anlass für meine Sorge ist schnell geschildert: Ich denke in Bildern. Bilder helfen mir, Komplexität zu be- herrschen und für andere begreifbar darzustellen. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte. Deshalb war mir das iPad als mobiler Skizzenblock hochwillkommen und Ideas von Adobe meine Lieblings-App. Viel flexibler als ein Block Papier und immer dabei.

Dann habe ich mein iPad durch ein Android-Tablet ersetzt. Freiheit war übrigens das Hauptmotiv für diesen Wechsel. Raus aus einem geschlossenen System unter der Diktatur von Apples iTunes. Ideas war die erste Android App, die ich mir kaufte. Und dann der Schock. Denn als ich meine Skizze wie gewohnt als PDF exportieren wollte, ging das nicht mehr. Nach dem Willen von Adobe läuft das nur noch über die Creative Cloud, natürlich von Adobe. Ich soll also meine eigenen Dokumente über die Adobe Cloud mit mir selbst „sharen“, so das neue Buzzwort zur Cloud.

Völlig sichere Sache, verspricht Adobe. Niemand könne auf meine persönlichen Dokumente zugreifen. Und was ist mit einer verschlüsselten Ablage? Fehlanzeige, natürlich. Schließlich muss Adobe meine Dokumente lesen können, damit sie für mich die PDF-Konvertierung durchführen kann. Dabei ist Adobe kein Einzelfall. Flickr, Evernote, Dropbox und GoogleDocs sind weitere Beispiele für Anwendungen, bei denen Nutzer die Kontrolle über persönliche Dokumente für immer aus der Hand geben.

Selbst Spracherkennung auf Tablet-PCs und Smartphones läuft nur noch über die Cloud. Ich rede in mein Gerät und irgendein hilfreicher Geist in den Weiten des Cyberspace überträgt die Worte in lesbaren Text. Das klingt kompliziert, funktioniert aber tatsächlich. Nur, wo bleiben meine persönlichen Aufzeichnungen? Wo werden sie gespeichert und wie lange? Was passiert mit meinen Daten, wenn das hoffnungsvolle Startup-Unternehmen in Palo Alto pleite geht oder von einem anderen Unternehmen geschluckt wird? Vielleicht liegen meine Dokumente auch gar nicht bei meinem Vertragspartner, sondern auf irgendeiner angemieteten Festplatte in China oder wer weiß wo in dieser Cloud?

Vielleicht bin ich paranoid. Doch der Gedanke will mir nicht behagen, dass ich im Laufe meines digitalen Lebens alle persönlichen Dokumente bei Hunderten von Providern irgendwo in der Cloud verteile. Ganz nebenbei gehen mir langsam die Passwörter aus. Denn bekanntlich sollte niemand jedem Provider sein Master-Passwort überlassen. Die Pannen der letzten Monate machen überdeutlich, wie es tatsächlich um die Sicherheit dieser Zugangsdaten bestellt ist. Immerhin werden die CEOs der Internetfirmen nicht müde, mir auf ihren Homepages hoch und heilig zu versprechen,dass sie Datenschutz und Sicherheit absolut ernst nehmen. Wer sich jedoch durch ihre AGBs kämpft, sucht meist vergeblich nach konkreten Hinweisen darauf, wie das vollmundige Versprechen in die Tat umgesetzt wird.

Um es deutlich zu machen, es geht hier nicht um Twitter oder Facebook. Das sind digitale Litfass-Säulen zur Selbstdarstellung. Jeder Nutzer weiß das oder sollte es zumindest wissen. Bei der Cloud geht es ans Eingemachte. Nämlich um meinen digitalen Hausrat, meine intimsten Privat- und Geschäftsgeheimnisse. Deshalb meine ich: Wenn der Trend zur Cloud sich durchsetzt, müssen wir den Persönlichen Computer neu definieren. Mein PC, meine Daten – das wird zukünftig keine sichere Bank mehr sein.

Was ich fürchte, ist eine Zwangsbeglückung. Habe ich es zukünftig mangels Alternativen überhaupt noch in der Hand, wo meine Daten und Dokumente bleiben? Wem soll ich in der Cloud eigentlich vertrauen? Bisher hatte ich das Selbst- vertrauen, meine persönliche Technik zu beherrschen. Ich fühle mich auch rechtlich gut geschützt. Selbst das Bundesverfassungsgericht hat festgestellt, dass der PC zum intimen Lebensbereich des Menschen gehört und besonderen Schutz genießt. Die Verfassungsrichter meinten damit bestimmt nicht Bildschirm und Tastatur, sondern unsere persönlichen Daten auf unseren persönlichen Computern.

Alles vorbei?  Werde ich jetzt praktisch gezwungen, mein Vertrauen in eigene Kompetenz, Vorsicht und den höchstrichterlichen Schutz zugunsten zweifelhafter Bequemlichkeit aufzugeben – nur weil Cloud modern ist?

Ich will die Vorteile dieser Technologie nicht kleinreden. Sicher bietet sie viele Chancen und neue Möglichkeiten. Wer zum Beispiel sein Smartphone oder seinen Tablet-Computer effizient nutzen will, kommt beispiels- weise um ein Netzwerk-Laufwerk in der Cloud kaum herum. Daher brauchen wir Vertrauen in die neuen Dienste. Was ich deshalb fordere, ist vollständige Transparenz über den Verbleib meiner persönlichen Daten. Wo werden sie gespeichert und wer hat wann darauf Zugriff. Ich will präzise wissen, mit welchen Schutzmaßnahmen meine Dokumente gesichert werden. Und ich will sicher sein, dass meine Daten auch wirklich weg sind, wenn ich sie gelöscht habe. All diese Fragen will ich beantwortet haben, nicht in Statements, sondern in glas- klaren, einklagbaren Geschäftsbedingungen. Ein Gütesiegel für Datensicherheit und Datenschutz würde ebenfalls helfen, Vertrauen in die neuen Dienste zu fassen.

Solche Vertrauensanker und Garantien suche ich heute meist vergeblich. Dort, wo ich das nicht finde, ist die Cloud für mich nur undurchsichtiger Nebel mit viel Potenzial zur hagelvollen Gewitterwolke.

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Der Autor

Harald Lemke

Harald Lemke

(*1956) ist seit Juli 2010 Sonderbeauftragter für E-Government und E-Justice bei der Deutschen Post. Von 2003 bis 2008 arbeitete er im Range eines Staatssekretärs als CIO für das Bundesland Hessen. Zwischenzeitlich war Lemke Berater für McKinsey&Company. 2002/ 2003 arbeitete er als IT-Direktor des BKA in Wiesbaden. Bei der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft war er Vorsitzender der Projektgruppe „Zugang, Struktur und Sicherheit im Netz“.

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