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Digitaler Ausstieg – neues Lebenskonzept für Jugendliche?

25. September 2014

Digitaler Ausstieg – neues Lebenskonzept für Jugendliche?

Bild: faithie – Shutterstock

Unter den Jugendlichen formiere sich eine „Avantgarde von digitalen Aussteigern“, sagte Jugendkulturforscher Philipp Ikrath kürzlich am Rande des Kinderschutzforums in Köln. Die Gegenbewegung löse sich von der „totalen Umarmung des Digitalen“, die der jungen Generation gemeinhin nachgesagt wird, und schaffe bewusst eine Parallelsphäre, in der das Analoge, wie persönliche Freundschaften, Naturerlebnisse, Handwerkerarbeiten und Kochen gefeiert werden würde.

Facebook-Defriending und digitaler Selbstmord als Indikatoren?

Ikrath führt als Beispiel die wachsenden Phänomene „Facebook-Defriending“ (Kündigung von Facebook-Freundschaften) und „digitaler Selbstmord“ (Löschung des eigenen Social-Network-Profils) auf. Tatsächlich verzeichnete Facebook laut Socialbakers 2013 einen merklichen Rückgang von jungen Usern in westlichen Ländern, u.a.:

  • kehrten in den USA 1,2 Millionen User zwischen 25 und 34 Jahren Facebook den Rücken
  • verlor Facebook in Deutschland innerhalb von drei Monaten 121.600 User in der Altersgruppe der 25-34-Jährigen und 90.000 User in der Altersgruppe der 18-24-Jährigen

Derartige Statistiken sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da die Facebook-Nutzerzahlen immer relativ starken Schwankungen unterliegen.

Warum User ihre Facebook-Konten löschen

Der Rückgang von Facebook-Usern muss indes nicht zwangsläufig Ausdruck der von Ikrath angesprochenen analogen Gegenbewegung sein, sondern kann auch mit der wachsenden Unzufriedenheit mit dem sozialen Netzwerk, etwa durch die Überflutung des Newsfeed mit Content Spam, oder der Abwanderung zu anderen sozialen Netzwerken wie Snapchat, Tumblr oder Instagram zusammenhängen.

Content Spam

Content Spam verdrängt Beiträge von Freunden aus dem Newsfeed (Grafik: The Daily Dot)

Forscher der Universität Wien befragten über 600 Nutzer und ermittelten die drei häufigsten Ursachen für die Löschung des eigenen Facebook-Kontos:

  • Datenschutzbedenken (48,3%)
  • Rückgang des Interesses/ Unzufriedenheit mit der Facebook-Seite (13,5%)
  • Angst vor Internetsucht (6%)

DIVSI U25-Studie zeigt: Offline für die meisten ein Ausnahmezustand

Statistisch lässt sich die analoge Gegenbewegung nur schwer ausmachen. Die DIVSI U25-Studie zeigt, dass nahezu alle Jugendlichen online sind. Nur 2 Prozent der Befragten in der Altersgruppe 14-24 Jahren sind offline. Online-Sein ist vollständig in den Alltag integriert und „offline“ stellt für den Großteil der Befragten einen Ausnahmezustand dar. 82 Prozent der 9-13-Jährigen und 71 Prozent der 14-24-Jährigen stimmen zu, dass ein komplettes Offline-Sein in der Zukunft nicht möglich sein wird.

Zukünftige Bedeutung des Internets

So beurteilt die U25-Generation die zukünftige Bedeutung des Internets – Aufschlüsselung nach Alter (Grafik: DIVSI U25-Studie)

Kurzbeschreibung Verantwortungsbedachte

U25-Milieu: Verantwortungsbedachte (Grafik: DIVSI U25-Studie)

Zwar ist der Anteil der Offliner in der U25-Generation verschwindend gering, doch finden sich im Spektrum der U25-Milieus Persönlichkeitsstrukturen, an die sich die von Ikrath beschriebene kritische Einstellung gegenüber dem Digitalen anknüpfen lassen. Ein genauerer Blick auf die Internet-Milieus der U25-Generation zeigt, dass die digitalen Aussteiger am ehesten in dem Milieu der Verantwortungsbedachten verortet werden können:

  • geringe Orientierung an neuen digitalen Lifestyle und selektives Surfverhalten
  • auch wenn der digitale Verzicht in erster Linie auf Datenschutzbedenken oder Skepsis gegenüber Neuem zurückzuführen ist, suchen die Verantwortungsbedachten zugleich auch nach authentischen und unmittelbaren Erfahrungen und Räumen der Selbstverwirklichung
  • in sozialen Netzwerken sind sie weniger auf das Sammeln von Online-Freundschaften bedacht, sondern auf die Abbildung ihres realen Freundeskreises

 

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