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Die Smarte Stadt

22. Dezember 2014

Die Smarte Stadt

Bild: Vmaster – Shutterstock

Auf der Suche nach einem ganzheitlichen multidimensionalen Konzept.

Von Willi Kaczorowski

Der Trend ist eindeutig: Immer mehr Städte wollen sich zu einer smarten Stadt entwickeln. Sie hoffen, durch vernetzte Informations- und Kommunikationstechnologie künftige Herausforderungen besser bewältigen zu können. Dazu gehören die Chancen und Probleme, die sich aus dem demografischen Wandel ergeben, ebenso wie die Erfüllung der Forderungen nach ökologischer und finanzieller Nachhaltigkeit. Darüber hinaus steht der Wandel des bürgerschaftlichen Partizipationsverhaltens genauso auf der Tagesordnung wie der Erhalt oder der Ausbau der Standortfähigkeit angesichts des schärfer werdenden internationalen Wettbewerbs.

Das politisch-strategische Innovationsprogramm für eine smarte Stadt sollte aus den – heute immer noch nicht vollständig beseitigten – Fehlentwicklungen der Frühgeschichte des E-Government lernen. In erster Linie gilt es, keinen digitalen Flickenteppich von Einzellösungen entstehen zu lassen. Erforderlich ist ein ganzheitliches multidimensionales Konzept, das alle oder wesentliche Handlungsfelder einbezieht und auf diese Weise Synergieeffekte beim Einsatz und der Vernetzung der einzelnen Bausteine produziert.

Diese Handlungsfelder und ihr Bezug zu den politischen Herausforderungen für Städte sowie die technologischen Megatrends sind:

  • Im Handlungsbereich „Smarte Verwaltung und Politik“ stehen zunächst das E-Government der nächsten Generation mit Multikanal-Zugängen zu E-Government Services und die Erweiterung dieser Angebote im Mittelpunkt. Außerdem soll für Bürger und Unternehmen mehr Transparenz, Offenheit und Beteiligung im Verwaltungshandeln und im politischen Prozess erzeugt werden.
  • Der Handlungsbereich „Smarte Bildung“ beschäftigt sich mit der Vernetzung aller Einrichtungen, die Bestandteil der offiziellen Bildungskette sind. Diese reicht von der frühkindlichen Erziehung bis hin zur beruflichen und freizeitlichen Erwachsenenbildung. Ebenso gehören die Maßnahmen zur Bekämpfung der digitalen Spaltung oder des Ausbaus des E-Learning-Angebotes dazu.
  • Der dritte Handlungsbereich wird mit „Smarte Wertschöpfung“ umschrieben. Hierfür müssen die infrastrukturellen technologischen Voraussetzungen geschaffen werden, damit in einer smarten Stadt Wohlstand und Wachstum für Bürger und Unternehmen gefördert werden. Schließlich sind Menschen vor allem dann smart, wenn sie kreativ sind. Deshalb müssen smarte Städte die Kreativität der Stadtbewohner fördern.
  • „Smarte Mobilität“ stellt den vierten Handlungsbereich dar. In diese Kategorie gehören die Integration der Verkehrsträger, die Zukunft des automobilen Fahrens sowie der Ausbau des Rad- und Fußgängerverkehrs ebenso wie die Kapazitätserweiterung bestehender Infrastrukturen durch bessere Nutzung von Technologie.
  • Im fünften Handlungsbereich steht „Smarte Gesundheit/Pflege“ im Fokus. Bausteine dafür sind eine bessere Vernetzung der Akteure im Gesundheitswesen,die Sicherung eines eigenständigen Lebens zu Hause, die Zukunft des Gesundheitswesens im ländlichen Raum sowie Krankenhäuser- und Pflegeheime der nächsten Generation.
  • Schließlich gehören zum sechsten Handlungsbereich „Smarte Energie und Umwelt“ vor allem die künftige Energieerzeugung und -verteilung sowie das Energiemanagement in klimaneutralen Städten. Ebenso umfasst er die Chance einer umweltbezogenen Verhaltensänderung auf der Grundlage einer wesentlichen größeren Transparenz über Umweltauswirkungen.

Sieben technologische Großtrends der nächsten Jahre werden die smarte Stadt prägen: die umfassende Verfügbarkeit von freiem schnellen WLAN, die systematische Nutzung sozialer Netzwerke und des Cloud Computing, Mobile Government, Big Data und der Einsatz von Sensoren und anderen intelligenten Messgeräten im Rahmen des Internets der Dinge sowie eine umfassende IT-Sicherheit bei der Nutzung intelligenter Netzwerke und Anwendungen.

Wichtigste technologische Vorbedingung ist jedoch ein superschnelles Breitband, das möglichst auf Glasfaserkabel beruht. Neben der Breitbandinfrastruktur sind auch Initiativen erforderlich, die die Nutzung dieser Angebote für alle möglich machen und so die digitale Spaltung der Gesellschaft verhindern. Besonders im ländlichen Raum sind deswegen Unterstützungsangebote aufzubauen.

In der smarten Stadt soll die Lebens-, Aufenthalts- und Arbeitsqualität erheblich verbessert werden. Das Konzept, das in seinem technologischen Ansatz auf integrierten vernetzten Plattformen und Echtzeitdatenanalysen und sich darauf beziehenden Vorhersagen beruht, hat jedoch auch ein janusköpfiges Gesicht. Es ruft eine Reihe von Fragen hinsichtlich der Datenscherheit, des Datenschutzes sowie der Angreifbarkeit der Systeme hervor. Beispiele dafür sind:

  • Beim Smart Metering werden meistens in 15-Minuten-Abständen Elektro-Verbrauchsdaten erfasst, analysiert und weitergegeben. Kritiker befürchten, dass so wesentliche Stationen des Tagesablaufs gespeichert und ausgewertet werden.
  • Beim Smart Parking muss in Echtzeit der aktuelle Standort des Autos erfasst werden, so dass der Pkw auf den nächsten freien Parkplatz gelotst werden kann. Da das Management von Angebot und Nachfrage weitgehend über mobile Endgeräte erfolgen wird, entstehen Verlaufs- und Verortungsdaten. Das Bezahlen des Tickets über das Smartphone oder an Terminals hinterlässt weitere Transaktionsspuren.
  • Auch bei einer tiefer gehenden Integration der Verkehrsträger des Individualverkehrs bzw. des ÖPNV können detaillierte Nutzungsdaten erfasst werden, sodass ein Bewegungsprofil des Bürgers erstellt werden kann.
  • Spätestens beim selbst fahrenden Fahrzeug wird die Angreifbarkeit der Systeme ein zentrales Problem, falls Hacker die Algorithmen der Software manipulieren.
  • Städtische Infrastrukturen sind kritische Infrastrukturen. Bisher werden Energie-, Wasser- oder Verkehrsinfrastrukturen voneinander isoliert gemanagt. Wenn diese nun alle von einer gemeinsamen internetgestützten Plattform gesteuert werden und darüber hinaus die einzelnen Elemente noch interdependent sind, lassen sich leicht Bedrohungsszenarien entwickeln, die eine Stadt lahmlegen können.

Die smarte Stadt ist kein technologisches Elitenkonzept. Sie wird nur zusammen mit den Akteuren der Bürgergesellschaft verwirklicht. Ängste und Bedenken der Kritiker sollten ernst genommen und in den Entwicklungsprozess eingespielt werden. Innovative Bürgermeister, die in einem transparenten Prozess die smarte Stadt entwickeln wollen, spielen im politisch-strategischen Innovationsprozess eine tragende Rolle.

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Der Autor

Willi Kaczorowski

Willi Kaczorowski

ist Strategieberater für digitale Verwaltung und Politik.

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