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Digitaler Wandel ist nicht nur technisch …

19. Oktober 2016

Digitaler Wandel ist nicht nur technisch

Foto: Sunny studio | Shutterstock

… auch Einstellungen und Verhalten sind in Bewegung. Unternehmen haben den Weckruf gehört und verstehen, dass sich Grundlagen von Geschäftsmodellen massiv verändern.

Frank Riemensperger im DIVSI-Gespäch

DIVSI Internet-Milieus 2016. Wir sprachen mit Frank Riemensperger über die neuen Herausforderungen für Unternehmen.

Der digitale Wandel vollzieht sich nicht nur technisch, sondern verändert auch Einstellungen und Verhalten der Menschen. In unserer aktuellen Studie haben wir nach 2012 zum zweiten Mal die digitalisierte Gesellschaft in Deutschland erneut gleichsam vermessen. Welches Ergebnis der neuen DIVSI Milieu-Studie hat Sie am meisten überrascht?

Frank Riemensperger: Überrascht ist das falsche Wort. Ich fühle mich eher bestätigt von den Ergebnissen, wenn nach den Chancen der Digitalisierung gefragt wird. Hier überwiegt ja ganz eindeutig der Optimismus. Wenn fast drei Viertel der Befragten sagen, dass sie mehr Chancen als Risiken sehen, dann ist das sehr positiv.

Nehmen Sie diese positive Grundeinstellung auch in den Unternehmen und den Mitarbeitern wahr? Bildet sich in Deutschland vielleicht sogar eine neue gestaltende, produktive Mentalität heraus?

Wir haben schon vor einem Jahr in einer umfangreichen Untersuchung festgestellt, dass die meisten Mitarbeiter der Digitalisierung ihres Unternehmens und ihres Arbeitsplatzes positiv gegenüberstehen. Eine Mehrheit erhofft sich von digitalen Technologien wie Robotern, Apps, Analytics oder künstlicher Intelligenz eine Erleichterung ihres Arbeitsalltags. Auch hier werden eher die möglichen Verbesserungen gesehen, die digitale Technologien bringen können, als potenzielle Gefahren.

Die Horrorszenarien, dass Millionen Arbeitsplätze wegfallen werden, sind ohnehin übertrieben. Es werden auch ganz viele neue Jobs entstehen. Für die werden allerdings neue, digitale Fähigkeiten gebraucht. Diese zu vermitteln – in Schulen, Hochschulen und den Unternehmen –, wird eine der wichtigsten Aufgaben in den nächsten Jahren.

Haben Sie denn den Eindruck, dass der Mentalitätswandel in den Unternehmen bereits stattfindet? Die immer präsenter werdende Start-up-Kultur wäre ja ein weiteres Indiz dafür.

Ja und nein. Den Weckruf haben die meisten Unternehmen gehört. Sie haben verstanden, dass die Digitalisierung die Grundlagen ihres Geschäftsmodells massiv verändert. Es wird auch viel ausprobiert und pilotiert. In Zeiten, in denen mit Daten Geld verdient wird und nicht mehr mit Produkten, stehen wir uns manchmal aber selbst im Weg. Wir sind zu oft noch einem ingenieurgetriebenen Sicherheitsdenken verhaftet.

Um neue, digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln und zu etablieren, ist mehr Mut zum Risiko gefragt. Dass sich in Deutschland eine so vielfältige Start-up-Szene etabliert hat, ist ein Zeichen dafür, dass viele junge Gründer diesen Mut haben. Insofern ist der erforderliche Mentalitätswandel vielleicht auch eine Generationenfrage.

Wenn über die „Digitale Gesellschaft“ diskutiert wird, dann gibt es ja nicht nur diejenigen, die digital affin sind, sondern auch solche, die es nicht sind – und dazwischen existieren jede Menge unterschiedlicher Einstellungen und Verhalten. Für welche Branchen bzw. Industrien können die Erkenntnisse zu den unterschiedlichen Internet-Milieus von Bedeutung sein, und welchen konkreten Nutzen können Entscheider und Firmenchefs daraus ziehen?

Im Zentrum der digitalen Transformation muss das Kundenerlebnis stehen. Das ist das Entscheidende. Die Digitalisierung ermöglicht ganz neue, personalisierte Dienstleistungen. Auf dieser Erkenntnis beruht ja gerade der Erfolg von Unternehmen wie Apple, Google oder Facebook. Je besser also ein Unternehmen seine Kunden versteht, desto genauer kann es deren spezifische Bedürfnisse bedienen. Das gilt für alle Branchen und nicht nur im B2C-, sondern zunehmend auch im B2B-Bereich.

Zu wissen, welche Internet-Milieus sich herausbilden, sprich, wie Menschen digitale Angebote nutzen, ist deshalb von zentraler Bedeutung.

Digitales wächst immer mehr in den Alltag der Menschen, die Onliner können sich ein Leben ohne Internet kaum mehr vorstellen. Wird technisches Know-how angesichts der sich stets verbessernden intuitiven Bedienung und der hohen Convenience vieler Anwendungen bald überflüssig?

Als Konsument wird Nutzung digitaler Angebote sicher immer einfacher. Die intuitive Bedienung ist ja eines der Geheimnisse des Erfolges digitaler Services. Und diese werden in Zukunft noch personalisierter und sich an veränderte Lebensumstände anpassen. Wir nennen das Living Services. In gewisser Weise trifft das auch auf die Arbeitswelt zu.

Die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine beispielsweise wird eine neue Qualität erreichen, vor allem, weil die Maschinen intelligenter und damit leichter bedienbar werden oder sogar komplett autonom arbeiten. Gleichzeitig werden die digitalen Fähigkeiten der Arbeitnehmer immer wichtiger.

Um neue digitale Geschäftsmodelle, neue digitale Kundenerlebnisse oder eine neue digitale Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine zu entwickeln, müssen Mitarbeiter die entsprechenden Kenntnisse und Fähigkeiten haben.

Können die Menschen sich mehr und mehr an den schönen Dingen des Lebens erfreuen, oder wächst vielmehr die Notwendigkeit technischer Aus- & Weiterbildung?

Die wächst eindeutig, und zwar schneller, als unser Bildungs- und Ausbildungssystem darauf reagieren kann. Hier sind deshalb die Unternehmen gefragt, Antworten zu finden.

Eine könnte das Konzept einer digitalen Lernfabrik sein, das wir gerade entwickeln. Dabei geht es darum, die Mitarbeiter zu befähigen, sich in der digitalen Arbeitswelt zurechtzufinden, etwa stärker vernetzt zu arbeiten, und zwar mit Kollegen und Maschinen, oder den Wert von Daten zu erkennen.

Eins ist aber auch klar: Bei aller Technologisierung und Automatisierung muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. Nur dann wird die digitale Transformation gelingen.

Frank Riemensperger

Foto: Accenture

Frank Riemensperger
ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und Schweiz.

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