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„Ich will handeln – und ich will etwas ändern.“

21. Dezember 2018

„Ich will handeln – und ich will etwas ändern.“

Foto: Stefan Zeitz

Familienministerin Franziska Giffey bei der Vorstellung der DIVSI U25-Studie. Ein Jugendmedienschutz dringend notwendig. Anbieter stärker in die Verantwortung nehmen.

Von Jürgen Selonke

Gemeinsam mit Familienministerin Franziska Giffey haben Joanna Schmölz (DIVSI) und Dr. Silke Borgstedt (SINUS) die neue U25-Studie im Deutschen Technikmuseum in Berlin vorgestellt. Die Untersuchung macht deutlich, dass sich die 14- bis 24-Jährigen, die „Generation Internet“, zwischen Glück und Abhängigkeit bewegen. Es lässt sich bei ihnen ein grundlegender Wandel in der Nutzung und Wahrnehmung Sozialer Medien erkennen. Der Hype ist vorbei, die Skepsis steigt. Details zu den Ergebnissen der Studie finden Sie hier.

Joanna Schmölz, stellv. Direktorin des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet, betonte in ihrer Begrüßung: „Wir reden hier von der ersten Generation, in der es keine Offliner mehr gibt. Die meisten jungen Menschen können sich ein Leben ohne Internet kaum vorstellen – nicht auszudenken die Konsequenzen eines Rückzugs, sofern überhaupt realistisch.“ Vielmehr sei das Internet die Basis-Infrastruktur des vernetzten Alltags der 14- bis 24-Jährigen. Schmölz: „Es hilft, inspiriert und assistiert und ist vor allem eins: praktisch. Manche macht es regelrecht glücklich.“

Unbehagen

Insgesamt würden die Befragten in der Internetnutzung überwiegend Chancen sehen, für sich selbst und für die Zukunft der Gesellschaft. Gleichzeitig warnte Joanna Schmölz: „Die jungen Menschen sehen aber auch die Schattenseiten, viele Risiken und Restriktionen. Die Omnipräsenz der digitalen Welt, der empfundene Gruppendruck und Überforderung im Umgang mit den vielen technischen wie rechtlichen Fragen erzeugen Unbehagen und ein latentes Unsicherheitsgefühl. Die meisten sind zwar ganz selbstverständlich online, aber anders als noch vor vier Jahren bei der ersten U25-Studie immer häufiger zurückhaltend, misstrauisch und besorgt.“

Familienministerin Giffey unterstrich nachdrücklich wesentliche Aussagen der Studie. Sie betonte, dass junge Menschen die Gefahr des Angriffs auf ihre persönliche Unversehrtheit durch Beleidigung, Mobbing oder das Veröffentlichen intimer Informationen sehen: „Sie haben Angst vor dem Missbrauch ihrer persönlichen Daten und fürchten um ihre Reputation und damit um ihre künftigen beruflichen und sozialen Chancen.“

Ein souveräner und kompetenter Umgang mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung sei Kindern nicht in die Wiege gelegt. Er erfordert Unterstützung und Begleitung: „Deshalb überrascht es mich nicht, dass auch unter den Befragten der Wunsch nach besserer Vorbereitung auf die digitale Zukunft besteht.“

In diesem Zusammenhang und vor dem Hintergrund von Erkenntnissen der Studie plädierte sie nachdrücklich für einen modernen Jugendmedienschutz. Die Familienministerin: „Wenn junge Menschen sich von Schule und ihren Eltern nicht ausreichend auf die digitale Zukunft vorbereitet sehen, zwingt uns das zum Handeln. Wenn junge Menschen sich mehr und mehr aus dem Online-Rampenlicht zurückziehen und sie ihr Recht auf Teilhabe nicht wirklich wahrnehmen, zwingt uns das zum Handeln. Wenn junge Menschen sich wegen der Intransparenz von Online-Angeboten Gefahren für ihre Identität oder ihren Geldbeutel ausgeliefert sehen und sich mehr Verantwortung und unabhängige Kontrolle wünschen, zwingt uns das zum Handeln. Wenn junge Menschen in dem für sie zentralen Medium des Meinungsaustausches sich nicht mehr trauen, ihre Meinung zu äußern, stellt das eine zentrale Grundlage unserer demokratischen Gesellschaft infrage und zwingt uns zum Handeln. Wenn 89 Prozent der Befragten der Meinung sind, dass wir den Risiken bei der Nutzung von Sozialen Medien stärker begegnen müssen, zwingt uns das zum Handeln.“

Dabei sei die Gesellschaft aufgerufen, nicht nur auf die jungen Menschen zu hören. Vielmehr müsse man den Kinder- und Jugendmedienschutz von ihnen aus denken. Giffey: „Das klingt banal, ist aber der größte Missstand: Bislang wird der Kinder- und Jugendschutz von den Medien aus gedacht. Deren Interessen werden oft wichtiger genommen als der Schutz und die Interessen von Kindern und Jugendlichen.“

Die Familienministerin machte unmissverständlich deutlich: „Ich will handeln – und ich will etwas ändern.“ Man dürfe Kinder, Eltern und Fachkräfte nicht alleine lassen mit dem digitalen Wandel, sondern müsse sie unterstützen und befähigen. Es sei erforderlich, Transparenz bei den Angeboten zu schaffen und Eltern Orientierung in Hinblick auf mögliche Gefahren für Körper und Seele, Gesundheit, Geldbeutel und Zukunft ihrer Kinder zu geben.

Dabei machte Franziska Giffey auch auf ein spezielles Problem aufmerksam: „Vom Kind und von den Eltern aus denken heißt, gleiche Inhalte gleich zu behandeln, zum Beispiel bei der Alterskennzeichnung. Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht: Derzeit greifen verschiedene, teilweise widersprüchliche Gesetze von Bund und Ländern mit unterschiedlichen Zuständigkeiten je nach Medium und Verbreitungsweg, sodass selbst Experten die Orientierung verlieren.“

Präsentation der U25-Studie

Studien-Präsentation: Franziska Giffey, eingerahmt von Silke Borgstedt (SINUS, l.) und Joanna Schmölz (DIVSI) (Foto: Stefan Zeitz)

Wirksam schützen

Wichtige Aufgabe sei es auch, Kinder und Jugendliche wirksam vor Hass und Mobbing, vor Radikalisierung und Selbstentblößung, vor Abzocke und Missbrauch zu schützen. Man müsse die Angebote in den Blick nehmen, die Kinder und Jugendliche tatsächlich nutzen – Social-Media-Plattformen, Streaming-Kanäle, Online-Games und Messenger. Die Ministerin: „Wir müssen die Anbieter in die Verantwortung nehmen, Kinder- und Jugendmedienschutz konsequent und von Anfang an schon bei der Produktentwicklung zu berücksichtigen. Unsere Kinder dürfen nicht rein wirtschaftlichen Interessen und Werten überlassen bleiben!“

Staat und Gesellschaft hätten darauf zu achten, Vorschriften auch durchzusetzen. Dabei seien Sanktionen nicht auszuschließen. Die Familienministerin: „Egal, ob der Anbieter in Berlin oder in Kalifornien sitzt: Entscheidend ist der Ort, wo das Kind sitzt, das das Angebot in Anspruch nimmt und das es zu schützen gilt.“

Zielsetzung

Dieses weite Themenspektrum würde bei der anstehenden Modernisierung des Jugendschutzgesetzes in Angriff genommen werden. Ministerin Giffey: „Übrigens trägt uns das nicht nur die DIVSI-Studie auf, sondern das ist auch im Koalitionsvertrag vereinbart. Und das packen wir jetzt an.“

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Der Autor

Jürgen Selonke

Jürgen Selonke

Chefredakteur, DIVSI magazin

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