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Informationslücke geschlossen: So denken Entscheider über Vertrauen und Sicherheit im Internet

28. Januar 2013

Bild: Mikael Damkier – Shutterstock

Von Dr. Silke Borgstedt

Hamburg – Wie sich die deutsche Bevölkerung im Internet bewegt und wie sie über Sicherheit im Internet denkt, ist mittlerweile grundlegend bekannt. Wer aber prägt die unterschiedlichen Einstellungen zum Internet? Wer sind die Menschen, die das öffentliche Klima in punkto Internet beeinflussen – sei es durch mediale Meinungsbildung oder durch die Formulierung von Regeln für die Internet-Nutzung am Arbeitsplatz? Und wie denken Entscheider über Chancen und Risiken im Internet und setzen dies in ihrem Einflussbereich entsprechend um?

Zu diesen Fragen fehlten bislang die Antworten. Als Fortsetzung und komplementär zur Bevölkerungsbefragung konzipiert, lässt die DIVSI Entscheider-Studie daher erstmalig Entscheider aus Wirtschaft, Politik, öffentlichem Dienst, Zivilgesellschaft, Medien sowie Wissenschaft und Forschung zu diesen Fragen zu Wort kommen.

Denn um Vertrauen im Umgang mit dem Internet zu schaffen, genügt es schließlich nicht, dass Entscheider wissen, was die Nutzer im Netz machen; die Nutzer sollten auch wissen, wie sich die Entscheider im Netz bewegen, welche Haltung sie gegenüber Chancen und Risiken einnehmen und nicht zuletzt, wie sie über die Nutzer und andere Entscheider denken und was sie von ihnen erwarten.

Im Rahmen der Untersuchung ließen sich fünf Kernthesen identifizieren, hinsichtlich derer sich die Entscheider weitgehend einig sind:

  • Sicherheit im Internet ist ein Top-Thema – aber eine Illusion 
    • Acht von zehn Entscheidern sehen Datensicherheit gleichermaßen für sich persönlich (80 Prozent) als auch für die Gesellschaft (78 Prozent) als zentrales Themenfeld. Themengebieten wie wirtschaftliche Entwicklung, Bildung, Arbeitslosigkeit, Energieversorgung und soziale Gerechtigkeit wird zwar noch etwas mehr Bedeutung zugesprochen; jedoch ist Online-Sicherheit wichtiger als Klimaveränderung oder Migration.
    • Das Netz ist schwer zu kontrollieren: Datensicherheit im Internet kann es nicht geben – 68 Prozent sind davon überzeugt. Ihnen ist bewusst, dass (technische) Systeme immer nur eine Teil-Sicherung gewährleisten können und ein Restrisiko bleibt. Folglich sind Entscheider überwiegend der Ansicht, dass wir uns an einen freieren Umgang mit Daten im Internet gewöhnen müssen (60 Prozent).
  •  Es gibt kein Offline-Leben mehr
    •  Die Entscheider sind mehrheitlich überzeugt, dass die Unterscheidung von online und offline bald obsolet sein wird: 64 Prozent sind der Meinung, dass es in der Zukunft nicht mehr möglich sein wird, komplett offline zu sein. Die Technologien werden sich aus ihrer Sicht so weit vereinfachen und ausdifferenzieren, dass die Nutzung verschiedener Geräte und ihrer Funktionen immer weniger digitales Grundlagenwissen, generelles Technikverständnis oder Feinmotorik voraussetzen.
    •  Das Phänomen des real existierenden Offliners wird sich von allein „auswachsen“, denn Menschen werden in Kürze nicht mehr „ins Internet gehen“, weil ohnehin online immer mehr Prozesse des Alltags gesteuert werden (z. B. die Navigationstechnik im Auto, die Bestückung des Supermarktregals, das Monitoring im Krankenhaus).
    •  Aus Sicht der Entscheider befinden wir uns mitten in einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, denn es geht längst nicht mehr um technologische Veränderungen, die sich allein auf die Effizienz von Arbeitsabläufen auswirken. Es entstehen neue erforderliche Kompetenzen zur Erfüllung eines Berufs (z. B. die schnelle Verzahnung von Wissenseinheiten, die Gestaltung bzw. Bewertung der persönlichen oder institutionellen Internet-Präsenz, das flexible Agieren in globalen Kontexten); „klassische“ Kompetenzen hingegen werden immer weniger gebraucht oder haben sich wesentlich verändert (Ablage, Terminkoordination per Telefon). Zudem sind Arbeits- und Berufsleben in vielen Bereichen immer schwerer voneinander zu trennen, denn die digitalen Anwendungen ermöglichen die Abwicklung von Projekten jenseits des Bürotisches. Daraus erwachsen neue Chancen (Home-Office, „Workation“), aber auch Herausforderungen (Abgrenzung des Privatlebens, Fehler durch Informationsüberlastung).
  •  Die Privatwirtschaft macht das Netz
    •  Nach Ansicht der Entscheider wird das Internet vor allem durch die Privatwirtschaft dominiert. Insbesondere die großen, global agierenden Internet-Dienste-Anbieter wie Google, Apple, Facebook, eBay und Amazon gelten als Hauptakteure, die Basis-Anwendungen in erheblichem Maße bestimmen.
    •  70 Prozent der Entscheider sehen Machtkonzentrationen der globalen Player überdies als Risiken im Netz. Viele Entscheider bekunden, dass ihnen die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen Sorge bereitet, da es kaum alternative Angebote gibt, im Internet zu suchen, zu kaufen oder sich zu vernetzen. Mit der zunehmenden Verbreitung und Vernetzung einzelner Dienste haben sich Monopole ausgebildet, die marktbestimmend sind – auch für das eigene Arbeitsfeld.
    •  Der Staat wird kaum als dominanter Akteur im Internet wahrgenommen. Nur 15 Prozent sprechen der Politik und nur elf Prozent der öffentlichen Verwaltung einen großen Einfluss im Internet zu.
  •  Risikoverursacher im Netz sind Hacker, globale Internet-Dienstleister und unbedachte Nutzer
    •  Die Entscheider sind sich einig, dass Hackerangriffe das größte Risiko im Internet darstellen. Eine Garantie, vor Hackerangriffen geschützt zu sein, wird als vollkommen unmöglich betrachtet. Strategien, die einen (maximal temporären) Schutz gewährleisten, müssen regelmäßig überprüft und ständig aktualisiert werden.
    •  Auch großen globalen Internet-Dienstleistern wird von 73 Prozent der Entscheider ein großes Risikopotenzial zugesprochen. Ein gleich hohes Risiko wird bei unbedachten Usern gesehen, welche Datensicherheit und Datenschutz gefährden bzw. auf Angebote hereinfallen, weil sie (noch) nicht gelernt haben, diese zu durchschauen.
    •  Vom Staat geht im Internet kein Risiko aus. Lediglich neun Prozent der Entscheider sehen ein großes Risiko- potenzial bei der Bundesregierung, 18 Prozent bei staatlichen Verwaltungsorganen und 21 Prozent bei politischen Akteuren. 20 Prozent konstatieren ein Risiko im Internet durch staatliche Sicherheitsbehörden.
  •  Die Hauptverantwortung liegt beim Nutzer, doch der kennt sich nicht aus
    • Nutzer tragen die größte Verantwortung, sind jedoch überfordert. Im Vergleich der verschiedenen Netz-Akteure sehen 82 Prozent der Entscheider vor allem die Bevölkerung in der Verantwortung, nur 27 Prozent vertrauen jedoch deren Kompetenzen.
    • Entscheider empfehlen dem Nutzer, sich vor allem auf Bildung und die eigene Erfahrung zu verlassen, denn die Verantwortung kann ihm niemand abnehmen. Auch Rat von unabhängigen Institutionen und Experten gilt den Entscheidern als relevant; weniger verlassen sollten sich die Menschen jedoch auf das deutsche Rechtssystem und die Internet-Gemeinde.

 Dr. Silke Borgstedt (*1975) ist am Sinus-Institut Direktorin für die Sozialforschung.

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