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Pressekonferenz in Berlin: Große Resonanz auf die DIVSI Entscheider-Studie

7. Januar 2013

Berlin – Im Tagungszentrum der Bundespressekonferenz am Schiffbauerdamm in Berlin hat Direktor Matthias Kammer zusammen mit Dr. Silke Borgstedt (SINUS) die neue, bundesweit repräsentative „DIVSI Entscheider-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet“ vorgestellt. Er erinnerte eingangs an ein wesentliches Ergebnis aus der DIVSI Milieu-Studie von Anfang 2012: Demnach erwarten fast 75 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung, dass Staat und Wirtschaft aktiv für Sicherheit im Internet sorgen.

Bislang war jedoch ungeklärt geblieben, wie Entscheider aus den angesprochenen Bereichen zu dieser Erwartung der Bevölkerung stehen. Die entsprechenden Antworten liegen jetzt vor. Die mit großem Interesse aufgenommenen Fakten der neuen Untersuchung belegen nämlich, dass die Entscheider mehrheitlich die Hauptverantwortung bei den Nutzern sehen. Dabei räumen die Befragten gleichzeitig ein, dass diese sich keineswegs auskennen. Matthias Kammer: „Der Nutzer hat den Schwarzen Peter.“

Dennoch empfehlen die Entscheider den Nutzern, sich vor allem auf eigene Erfahrung und Bildung zu verlassen. Niemand könne ihnen die Verantwortung abnehmen. Am wenigsten sollte man sich auf das deutsche Rechtssystem und die Internet-Gemeinde verlassen.

Was ist angesichts dieser deutlich auseinander klaffenden Schere jetzt zu tun?

Matthias Kammer beantwortete diese Frage so: „Es gibt keine Spontan-Lösung. Gleichwohl scheint es mir wichtig, dass dieses Dilemma offen und durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt unübersehbar auf dem Tisch liegt. Die eine Seite wünscht sich Schutz. Die andere Seite macht dagegen kein Hehl daraus, dass sie diesem Wunsch nach Schutz wenig Interesse schenkt. Eine für alle Beteiligten gerechte Lösung im Sinne eines sichereren Umgangs mit dem Internet wird sich nur finden lassen, wenn vorurteilsfreie Gespräche in Gang kommen.“

Bereits unmittelbar nach der Pressekonferenz war die bundesweite Resonanz auf die vorgelegten Fakten erheblich. Quer durch alle unterschiedlichen Medien konzentrierte sich die Presse-Reaktion auf die DIVSI Entscheider-Studie vor allem auf drei Ergebnisse der Untersuchung. Nachdrücklich wurden dabei diese Punkte herausgestellt:

  • Führungskräfte haben nur geringes Vertrauen in die Sicherheit von Daten im Netz. 68 Prozent der Entscheider meinen, dass es vollständige Sicherheit im Internet nicht geben kann.
  •  70 Prozent sehen die Dominanz globaler Internet-Riesen skeptisch. Dagegen spielt die Politik nach Ansicht der Entscheider nur eine untergeordnete Rolle.
  • Die größte Gefahr droht den Unternehmen und Organisationen nach Ansicht ihrer Chefetagen von Hackern im Netz. Für 92 Prozent der Befragten liegen hier die größten Risiken.

Eine ausführliche Vorstellung der „DIVSI Entscheider-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet“ finden Sie auf den folgenden Seiten.

Die Studie kann kostenfrei im Internet (www.divsi.de) heruntergeladen oder in gedruckter Form bei DIVSI (Mittelweg 142, 20148 Hamburg) sowie unter info@divsi.de bestellt werden.

DIVSI-Schirmherr Prof. Dr. Roman Herzog zur Entscheider-Studie

Die jetzt in Berlin vorgelegte Entscheider-Studie gibt fraglos Denk-Anstöße in verschiedene Richtungen. Sie ermuntert auch, über soziale und ethische Fragen aus gänzlich neuen Blickwinkeln nachzudenken. Erstmals und in bislang nicht gekannter Klarheit lässt sich aus den Ergebnissen ein möglicher gesellschaftspolitischer Umbruch ablesen. Für mich eine der wesentlichen Erkenntnisse dieser Entscheider-Studie.

Mich hat dieses Ergebnis der sorgfältigen Untersuchung äußerst nachdenklich gestimmt: Die Digital Souveränen unter den Entscheidern, also die nachwachsende Elite unseres Landes, hat im Vergleich zu anderen Teilnehmern der Studie das geringste Vertrauen in das politische System, ja sogar in unseren Rechtsstaat selbst. Hier könnten Entwicklungen zu einem Abrücken vom Rechtsstaat und vom Staat gegebenen Garantien im Gange sein.

Was bedeutet das für unser Land und für unser aller Zukunft? Die Gruppe der Digital Souveränen immerhin ist die Avantgarde unter den Führungskräften. Steuern wir durch diesen natürlichen Prozess womöglich einer allgemeinen Vertrauenskrise entgegen?

Ich will über diese offengelegte Tendenz nicht weiter philosophieren, sondern einfach davor warnen, sie leichtfertig zu ignorieren. Eine mögliche Entwicklung zu erkennen und zu benennen, ist immer nur der erste Schritt. Wir brauchen Vertrauen in unser politisches System, unseren Staat. Ich empfehle den Verantwortlichen, die Erkenntnisse der Studie ernst zu nehmen.

Noch etwas anderes glaube ich aus der Studie zu erkennen: Die Tonalität, der wechselseitige Umgang, das Vertrauen zueinander scheint mir zunehmend belastet. Da werden Verantwortlichkeiten und Schwarze Peter hin- und hergeschoben, da traut man – besonders den Politikern – wenig zu. Da werden Internet-Unkundige mit Neandertalern verglichen.

Ich würde mir wünschen, statt dessen das Miteinander, das Menschliche mehr in den Fokus zu rücken. Auch und gerade im Zeitalter des Internets. Um das Vertrauen ins Internet, in die mit ihm eröffneten Chancen und Möglichkeiten nicht zu verspielen, brauchen wir eine breite Diskussion darüber, welche verbindlichen Spielregeln hier gelten sollen. Wir brauchen Leitplanken, die uns auf dem richtigen Weg halten. Ein digitaler Kodex, von allen Verantwortlichen getragen, könnte ein Weg dahin sein.

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