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Teilhabe aller hilft gegen Ängste vor Ausgrenzung und sozialem Abstieg

28. Juli 2017

Teilhabe aller hilft gegen Ängste vor Ausgrenzung und sozialem Abstieg

Wie sich unserer digitalen Gesellschaft neue Chancen eröffnen und wir der Marginalisierung von Menschen entgehen.

Von Thomas Krüger

Wenn wir uns um soziale Teilhabe bemühen, – dann stellt sich erst mal die Frage, an welchem Punkt wir sagen können, dass wir mit unseren Bemühungen Erfolg hatten. Wann haben wir einen Zustand erreicht, in dem jedes Mitglied unserer Gesellschaft aktiv in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse eingebunden ist? Seien wir realistisch: Diesen Zustand wird es in seiner Vollendung nie geben. Soziale Teilhabe im Sinne einer Einbeziehung von Individuen und Organisationen in gesellschaftliche Prozesse ist ein vielschichtiger Prozess, der in unterschiedliche Bereiche hineinwirkt und dort immer wieder auf veränderte Rahmenbedingungen stößt. Wenn wir auf eine Teilhabe aller hinarbeiten, setzen wir der populistischen Abwertung von Minderheitengruppen das Gegenmodell einer kohäsiven, solidarischen Gesellschaft entgegen. Damit kann Ängsten vor Zerfaserung, Ausgrenzung und sozialem Abstieg begegnet werden. Neue Erfindungen, Trends oder Gesetze können den Zugang von Einzelnen zum Gemeinschaftsleben erleichtern. Sie können ihn aber auch erschweren. Jede neue Technologie, jedes Gesetz muss darauf geprüft werden, wo Barrieren aufgebaut werden, statt sie zu überwinden. Für mich ist soziale Teilhabe heute Voraussetzung für digitale Teilhabe – und umgekehrt. Daraus geht unmittelbar die Verantwortung hervor, uns mit Digitalisierungsfragen im Hinblick auf gesellschaftliche Inklusion zu beschäftigen.

Marktmechanismus

Die Digitalisierung als zunehmende Übertragung analoger Konzepte in Daten und die damit verbundene Verknüpfung und Ausschöpfung dieser Daten ändern grundlegend die Art, wie wir als Gesellschaft Wert schöpfen. Daraus leiten sich völlig neue Marktmechanismen für immaterielle Güter ab. Dezentrale Kommunikation in Echtzeit über riesige Distanzen hinweg eröffnet neue Möglichkeiten der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kooperation. Die digitale Gesellschaft ist geprägt von einer stärkeren Individualisierung mit fluiden Gemeinschaften. Das eröffnet neue Möglichkeiten des sozialen Miteinanders und neue Verbindungen zwischen Menschen, aber auch Formen der Ausgrenzung und Gefahren für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Denn viele Menschen haben große Angst vor den technischen Veränderungen. Zwei Bereiche, die Arbeitswelt und die Politik, verdeutlichen dies beispielhaft. Warum gerade dieser Fokus? Weil in einer Arbeitsgesellschaft wie der unsrigen soziale Teilhabe in erster Linie durch Teilhabe in und an der Arbeitswelt organisiert wird. Und weil Politik der Ort ist, an dem die Rahmenbedingungen des Zusammenlebens verhandelt und kodifiziert werden. Industrie und Politik sind in ihrer Selbstreflexion bereits so weit gegangen, der Umwälzung der Arbeitswelt einen eigenen Begriff zu geben: Industrie 4.0. Es geht im Kern um die Frage: Wie wird die Arbeitswelt von morgen aussehen, welchen Platz wird der Mensch darin ausfüllen? Die Arbeit der Zukunft wird sich mehr mit dem Design von Prozessen befassen als mit ihrer Umsetzung. Wir werden nicht nur die digitale Transformation bestehender Berufsbilder erleben, sondern auch die Marginalisierung von heute etablierten Berufen und Tätigkeiten. Wir müssen daher auch darüber reden, wie und wofür Datenverarbeitung und -sammlung genutzt werden kann und sollte, um die Teilhabe aller zu gewährleisten.

Trend

Die Frage, wie wir der Marginalisierung von Menschen entgegentreten, ist eine der zentralen Fragen unserer Zeit – und sie ist eilig: Denn wir richten uns zunehmend damit ein, dass Datenmonopolisten unsere Alltags- und Arbeitswelt gestalten. Dieser Trend wird sich verschärfen, wenn es nicht gelingen sollte, Strukturen der Mitbestimmung aus der analogen in die digitale Welt zu übersetzen. Damit möglichst viele von den Potenzialen der Flexibilisierung, Selbstbestimmung, Individualisierung sowie räumlichen und zeitlichen Entgrenzung von Arbeitswelten profitieren, brauchen wir ein Regelwerk. Wohin die Digitalisierung führen kann, lässt sich exemplarisch an etwas belegen, das der Soziologe Christoph Kucklick als „Granulare Politik“ bezeichnet hat. Granulare Politik beschreibt einen diagnostizierten Ist-Zustand, in dem der Politik – insbesondere dem einzelnen Wahlkämpfer – eine Unmenge an Daten über potenzielle Wähler vorliegen.

Maßgeschneidert

Mithilfe dieser Daten kann eine individuelle Werbestrategie für zuvor identifizierte Gruppen vorgenommen werden. Die Granulare Politik hat es aus diesem Grund nicht nötig, ihre Programmatik unter Slogans zu stellen, die möglichst breite Bevölkerungsteile zugleich ansprechen. Vielmehr kann man sich darauf konzentrieren, maßgeschneiderte Botschaften selektiv an einzelne potenzielle Wählergruppen zu senden. Die Gesellschaft wird also partikular als Ansammlung von Einzelinteressen begriffen. Weitergedacht bedeutet dies auch, dass die digitale Datenerhebung und -auswertung die Grundlage für politische Entscheidungen bildet, die dann allerdings weiterhin in einem klassischen parlamentarischen Rahmen ablaufen. Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft lässt sich eine beständige Erosion gemeinschaftsstiftender Institutionen und Erfahrungen beobachten. Durch die Möglichkeiten der Digitalisierung ist die Bandbreite an möglichen Informationsquellen ebenso gewachsen wie die sichtbare Vielfalt an Erfahrungen. Ebenso wird es einfacher, sich mit Menschen zu vernetzen, die einen ähnlichen Hintergrund, Erfahrungs- und Erlebnishorizont haben. Was auf den ersten Blick nach einer rein positiven Entwicklung aussieht, hat einen lange unterschätzten Effekt: Während zum einen die Bestätigung der eigenen Erfahrungswelt zunimmt, nehmen gleichzeitig der Austausch und die Überschneidung mit anderen Erfahrungswelten ab. Es kommt leicht zur Bildung einer gesellschaftlichen Echokammer, in der sich das spezifische Set an Erfahrungen, Meinungen und Einstellungen der jeweiligen Gruppe so stark gegenseitig bestärkt und spiegelt, dass der Bezug zu anderen gesellschaftlichen Gruppen aus dem Blick gerät. Im schlimmsten Fall führt das in eine Spirale der Bestätigung zur Radikalisierung.

Schwächung

In der jüngsten Zeit beobachten wir, wie durch diese Prozesse sogar die Wahrheit fragmentiert wird. Annahmen über Fakten und Hintergründe variieren mit der Gruppenzugehörigkeit. Die Unmöglichkeit einer gesamtgesellschaftlichen Kommunikation schwächt jedoch die Zivilgesellschaft in ihrer Handlungsfähigkeit. Wer sich nicht über Geschehnisse verständigen kann, kann sich zum Beispiel auch nicht gegen den Missbrauch von Macht wehren. Das Potenzial deliberativer Demokratieinstrumente kann also umschlagen in die Beförderung einer „Meinungsoligarchie“. Um aus einzelnen Gruppen aber ein solidarisches Gemeinwesen zu bilden, bedarf es der Kommunikation über bestehende Grenzen hinaus. Die digitale Gesellschaft braucht Teilnehmende, welche die Regeln des Systems verstehen und zu gestalten wissen. Andernfalls droht eine Verengung auf eine schmale Elite, die auf Dauer keinen glaubhaften Anspruch auf gesamtgesellschaftliche Vertretung stellen kann. In den 2000er-Jahren gab es großen Optimismus in Bezug auf das Internet und seine Chancen für die Demokratisierung. Die Erfahrung lehrt uns aber anderes. Es gibt heute neue Phänomene, die gegen demokratische Prinzipien gerichtet sind. Shitstorms und Hate Speech machen Einzelnen die gleichberechtigte Teilnahme am sozialen Raum unmöglich. Professionell koordinierte Netzwerke von Social Bots und Trollen können den Eindruck einer Mehrheit erwecken, wo keine ist.

Vernetzung

Die Transformation der Arbeitswelten, die drohende Marginalisierung ganzer Berufsgruppen, die Erosion traditioneller Teilhabe- und Mitbestimmungsstrukturen, die Konzentration ökonomischer Möglichkeiten auf wenige Akteure, die Fragmentierung des gesellschaftlichen Diskurses, die Drohung einer allumfassenden Überwachung durch große Mengen anfallender Daten – diese Probleme benötigen zu ihrer Lösung genau die Kreativität, die nur alle Mitglieder einer Gesellschaft gemeinsam in ihrer Interaktion aufbringen. Je komplexer Problemstellungen werden, desto komplexer muss der Apparat sein, der sie löst. Digitalisierung schafft nicht nur Fragmentierung, sondern auch Vernetzung. Diese Vernetzung kann genutzt werden, um alte, durch räumliche und praktische Beschränkungen bedingte Hindernisse für Beteiligung zu überwinden. Es ist durchaus möglich, die vernetzenden Aspekte der Digitalisierung zu stärken und die ausgrenzenden Aspekte zu reduzieren. Was bedeutet das für den Einzelnen? Erstens muss jeder Einzelne in die Lage versetzt werden, die Auswirkungen seines Handelns im digitalen Raum begreifen zu können. Zweitens müssen Strukturen geschaffen werden, die es ermöglichen, Impulse zu setzen, die in die Gesamtgesellschaft und die Politik zurückwirken können, um das Gemeinwesen mitzugestalten. Drittens muss der Einzelne befähigt werden, diese Möglichkeiten in einem emanzipatorischen Sinne zu begreifen und seine Gestaltungschancen auch als solche zu nutzen. Es ist allerdings ein gängiges Missverständnis, dass Zugang und Teilhabe dasselbe seien. Zugang ist die notwendige Bedingung für digitale Teilhabe. Aber nicht die hinreichende. Unter Medienkompetenz verstehen wir die Fähigkeit, Geräte und Dienste grundlegend bedienen zu können, sowie das Wissen um ihren Aufbau.

Quellenvielfalt

Zur Medienkritik gehört die zentrale Fähigkeit, in der immer größer werdenden Vielfalt an Quellen diese zu bewerten und auf Vertrauenswürdigkeit zu prüfen. In der ethischen Unterdimension von Medienkritik steckt ein tieferes Verständnis dafür, dass auch hinter der scheinbar isolierten Beschäftigung vor einem Bildschirm echte soziale Interaktion steckt. Erst dieses Verständnis ermöglicht die Empathie, die es braucht, um mit Menschen kommunizieren zu können, deren nonverbale Reaktion man nicht sieht. Es reicht aber nicht, Menschen fit zu machen im Umgang mit digitalen Werkzeugen. Besonders für jüngere Menschen ist die vernetzte Kommunikation intuitiv und natürlich. Das impliziert aber noch nicht, dass sie diese auch entsprechend zur Artikulation und Durchsetzung ihrer Interessen einzusetzen wissen. Die erhoffte Vitalisierung demokratischer Teilhabe ist so de facto nur selektiv und bisweilen temporär spürbar. Es bestehen bereits viele Projekte zur Förderung des Online-Engagements, doch die Teilnahme ist überall gleich gering.

Ideenwerkstatt

Der – vielleicht zu Unrecht – erwartete Frust, dass die von der Mehrheit getragenen Vorschläge doch nicht umgesetzt werden, könnte ein Grund dafür sein, dass man sich gar nicht erst beteiligt. Die Bundeszentrale für politische Bildung setzt an diesem Punkt mit ihren medienpädagogischen Programmen und Informationsangeboten an – aber auch mit Projekten wie werkstatt.bpb.de, einer Ideenwerkstatt mit Redaktions- und Diskussionsportal zum Thema „Digitale Bildung in der Praxis“. Wie Beteiligung gelingen kann, versuchen wir bei der Unterstützung von Projekten wie „aula“ von politik-digital e.V. herauszufinden. Man muss allerdings beachten, dass solche Projekte meist räumlich und zeitlich begrenzt bleiben. Neben Pilotprojekten braucht es auch von den etablierten Institutionen echte Partizipationsmöglichkeiten mit verbindlichem Charakter. Erst mit der Verbindlichkeit und mit der Übertragung von Verantwortung können Menschen diese Prozesse erlernen und ein Bewusstsein für die eigene Rolle in einer Gesamtgesellschaft entwickeln. Hinter diesen Projekten, nicht zuletzt aber auch hinter dem Einsatz von offenen Lizenzmodellen wie den Creative Commons steht ein Leitgedanke, der von anderen Akteuren bereits als „Digitale Souveränität“ bezeichnet wurde. Digitale Souveränität zieht gleichzeitig auch die Frage nach sich, wie souverän wir sein können, wenn wir nicht die Eigentümer unserer Daten sind und somit keine vollständige Kontrolle über sie haben können. Angesichts der Datenmengen, die von wenigen Unternehmen gesammelt, kontrolliert und kommerziell verwertet werden, kann digitale Teilhabe nicht losgelöst von der Teilhabe an den digitalen Infrastrukturen gedacht werden. Leitmotiv ist es, aus Gesellschaften und den Menschen echte Teilhaber zu machen statt nur Anwender, Kunden und Nutzer. Dahinter steckt die Frage, wie eine öffentliche Infrastruktur gestaltet und in Einklang mit privaten Anbieterinteressen gebracht werden kann. Unausweichlich stellen sich dabei sowohl Eigentumsfragen – wie etwa an der Infrastruktur sowie den Daten – als auch Fragen der juristischen und politischen Regulierung. Denn völlig ohne Mit-Eigentum und ohne Mit-Bestimmung bleibt eine Teilhabe an den digitalen Gütern und Diensten letztlich eine leere medienpädagogisch angehauchte „Beschwörung“.

Gestalter

Es braucht daher auch die Energie und Anstrengung von uns allen, echte Teilhabe umzusetzen. Und hier kommt der Paradigmenwechsel durch die Digitalisierung wirklich zum Tragen. Das Individuum im Informationszeitalter muss sich nicht nur als Konsument, sondern auch als Gestalter der eigenen Gesellschaft begreifen. Erst dies gibt die Motivation, die erworbenen Kompetenzen auch zu nutzen – also die eigene Mündigkeit konkret zu praktizieren.

Thomas Krüger

Foto: Martin Scherag/bpb


Thomas Krüger
ist seit Juli 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung. Schon seit 1995 ist er Präsident des Deutschen Kinderhilfswerkes.

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